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StartseiteSport am WochenendeDer Trend geht nach unten01.06.2019

Frauen im Fußball (3)Der Trend geht nach unten

In der Frauenfußball-Bundesliga ist der Zuschauerschnitt gesunken, in der Jugend sind weniger Teams angemeldet. Eine der Ursachen: Es fehlen sichtbare Vorbilder, denn Frauenfußball spielt im Fernsehen und im Sponsoring kaum eine Rolle. Kann die Weltmeisterschaft in Frankreich daran etwas ändern?

Von Ronny Blaschke

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Frauen-Fußball-Bundesliga: Turbine Potsdam spielt gegen den MSV Duisburg - Blick aus der Froschperspektive vom Tor aufs Spielfeld mit den Spielerinnen. (imago images / Jan Huebner)
Frauen-Fußball-Bundesliga: Turbine Potsdam gegen den MSV Duisburg (imago images / Jan Huebner)
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Turbine Potsdam hat einen großen Anteil an der Etablierung des deutschen Frauenfußballs. Seit 2004 haben die Brandenburgerinnen sechs Mal die Meisterschaft gewonnen, drei Mal den Pokal, zwei Mal die Champions League. Doch diese Titel haben nicht zu einer deutlichen Entwicklung der Strukturen geführt.

Turbine hat einen Jahresetat von einer Million Euro, die Geschäftsstelle nur drei Angestellte. Der Klub ist auf dutzende ehrenamtliche Mitarbeiter angewiesen - und auf rund 100 kleine und mittelgroße Sponsoren. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete Rolf Kutzmutz ist seit 2015 Präsident von Turbine. Er verbringt viel Zeit mit der Sponsorensuche:

"Im Moment jemanden zu finden, der nur aus Interesse am Frauenfußball sagt ,ich finde die Sportart so toll‘, liegt die Chance vielleicht bei fünf oder sieben Prozent. Jetzt ist unser Bestreben, die, die wir haben, zu halten. Und man darf nicht davon ausgehen, wenn der Vertrag nach ein oder zwei Jahren ausgelaufen ist, dass es einen Automatismus gibt, dass es weiter geht. Wir suchen solche Partner auch, wo der Effekt für beide Seiten kommt."

Konkurrenz um Rasenplätze und Trainingszeiten

Seit 2013 haben die Großvereine VfL Wolfsburg und Bayern München die Meisterschaft unter sich ausgemacht. Reine Frauenfußballklubs wie Turbine Potsdam oder der 1. FFC Frankfurt müssen ihre finanziellen Nachteile mit einer geschickten Vermarktung ausgleichen.

Turbine kooperiert mit zentralen Förderern der Potsdamer Stadtgesellschaft: Sparkasse, Energieerzeuger, Immobilienwirtschaft. Einige Spielerinnen absolvieren eine Ausbildung bei der Polizei oder in einer Krankenkasse. Doch die Konkurrenz der Sportvereine in der Region ist groß. Auch am Luftschiffhafen in Potsdam, wo etliche Sportler um dieselben Trainingsplätze buhlen.

Rolf Kutzmutz, Präsident von Turbine Potsdam (Blaschke, Dlf)Rolf Kutzmutz, Präsident von Turbine Potsdam (Blaschke, Dlf)

"Das muss man einfach sagen, weil es ein ständiger Kampf ist um die Trainingszeiten, um die Qualität der Plätze", weiß Rolf Kutzmutz aus Erfahrung, denn neben Turbine nutzt beispielsweise auch das American-Football-Team der Potsdam Royals die Anlage.

"Wenn dann zum Beispiel am Sonntag ein Spiel der Royals ist, dürfen wir freitags schon nicht mehr auf die Fläche, können kein Abschlusstraining machen. Oder es kommt so weit, dass man sagt: ,wir müssen sowieso für eine Mannschaft neu kreiden‘. Das sind dann die Royals, die Linien sehen ja etwas anders als beim Fußball. Wir sollen fünf Tage vorher per Mail, also nicht mündlich, ankündigen, ob der Rasen gewässert werden soll, wann gekreidet wird, man bekommt auf solche Ankündigungen nicht mal eine Antwort."

Nur in 15 Prozent der Sportberichte kommen Frauen vor

Der Frauenfußball erlebte seinen Marketinghöhepunkt vor und während der Weltmeisterschaft 2011, bei der Deutschland Gastgeber war. Umfangreiche Werbemaßnahmen, beachtliche TV-Quoten, steigende Zuschauerzahlen in der Bundesliga. Doch seit fünf, sechs Jahren geht der Trend nach unten. Selten erreicht eine PR-Kampagne bundesweite Aufmerksamkeit.

Der Zuschauerschnitt in der Bundesliga ist auf 833 gefallen, weniger waren es zuletzt vor neun Jahren. Bei Werder Bremen und Borussia Mönchengladbach sind die Heimspiele der Männer oft ausverkauft – ihre Frauen locken im Schnitt weniger als 350 Zuschauer an. Die Medienforscherin Daniela Schaaf begründet diese Entwicklung auch mit dem halbherzigen Engagement des Deutschen Fußball-Bundes:

"Das Problem beim Frauenfußball und bei allen anderen weiblichen Sportarten liegt vor allem daran, dass diese Medien-, Sport- und Wirtschaftsallianz komplett männlich konnotiert ist. Das heißt, in den Entscheidungspositionen, in den Führungspositionen sitzen ausschließlich Männer. Zum Beispiel in der gesamten Sportberichterstattung in Deutschland – TV, Print, Radio – kommen nur in 15 Prozent aller Berichte Sportlerinnen vor. Und wenn sie abgebildet werden in Fotos, dann viel, viel seltener in Siegerpose oder im Rahmen der sportlichen Aktion. Sondern sie werden tatsächlich eher als, in Anführungszeichen, ,Frauen‘ positioniert."

Nationalspielerinnen haben selten Einzelsponsoren

In etlichen Kampagnen wurden Fußballerinnen als betont weiblich präsentiert. Erst in jüngerer Vergangenheit begegneten einige Sponsoren diesen Klischees mit Ironie. Noch lässt die Wirtschaft Potenzial ungenutzt. Laut dem Forschungsunternehmen Nielsen Sports interessieren sich in Deutschland zehn Millionen Frauen im Fernsehen für Sport.

Reihe: Frauen im Fußball (EyeEm / Flusi Man)Reihe: Frauen im Fußball (EyeEm / Flusi Man)

Beim Männerfußball sind fast vierzig Prozent des TV-Publikums weiblich. Trotzdem gibt es wenig Werbung, die sich an Frauen richtet. Und auch Nationalspielerinnen haben selten Einzelsponsoren. In anderen Sportarten ist das mitunter anders, sagt die Publizistin und Podcasterin Felicia Mutterer:

"Mein Lieblingsbeispiel ist ja da immer die WTA, also Tennis. Und da ist es ja so, dass es den Frauen seit den Siebziger Jahren relativ gut geht, weil sie nicht mehr benachteiligt werden. Die haben ja ihren eigenen Verband, weil es da auch mal Billie Jean King gab und noch ein paar andere ambitionierte Spielerinnen, die eben gesagt haben: ,So lassen wir uns das nicht gefallen und wir machen unser eigenes Ding, Tschüss ATP‘. ATP ist der Verband für die Männer. Und sie sind damit sehr, sehr erfolgreich." 

"Lizenzvereine sollten Frauenabteilung haben"

Ohne Fernsehpräsenz sind Klubs wie Turbine Potsdam auf die regionale Wirtschaft angewiesen. Um nicht übermäßig viele Freikarten verteilen zu müssen, setzt der Verein mit Partnerunternehmen auf Rabatt- oder Lotterieaktionen. Präsident Rolf Kutzmutz plädiert in Marketingfragen auch für einen engeren Austausch zwischen den zwölf Bundesligavereinen. Und er wünscht sich, dass die Fußballindustrie einen ganzheitlicheren Blick entwickelt. 

 "Zur Solidarität insgesamt würde schon gehören, dass man sagt: ,Ok, die Lizenzvereine sollten eine Frauen- und Mädchenabteilung haben‘. Ob die nun erste Bundesliga spielen: dahingestellt. Und dann sollten sie auch schauen, dass die nicht immer das fünfte Rad am Wagen sind, die abgetragenen Trikots bekommen oder die aussortierten Bälle."

Noch ist in der Vermarktung von Gleichberechtigung keine Spur. Doch es gibt Bemühungen, die aus dem Rahmen fallen. So möchte Adidas seinen Frauenfußball-Teams nach einem möglichen WM-Sieg die gleiche Prämie zahlen wie den Männern. Allerdings wurde im vergangenen Jahr keine Zahlung fällig. Weltmeister Frankreich wird nämlich von Nike ausgestattet.

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