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StartseiteSport am Wochenende"Wir brauchen mehr Vorbilder auf Funktionärsebene"28.03.2021

Frauen im Fußball"Wir brauchen mehr Vorbilder auf Funktionärsebene"

Der erhoffte Schub für den Frauenfußball in Deutschland blieb nach der Weltmeisterschaft 2011 im eigenen Land aus. Der Fußball in Deutschland ist nach wie vor männerdominiert, vor allem in den Gremien. "Es ist noch einiges zu tun", sagte DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg im Dlf.

Hannelore Ratzeburg im Gespräch mit Raphael Späth

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28.02.2019, Hessen, Frankfurt/Main: Hannelore Ratzeburg, Vizepräsidentin des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) für Frauen- und Mädchenfußball im DFB-Präsidium seit 26. Oktober 2007, fotografiert am Rande eines Interviews in einem Hotel neben der DB-Zentrale.  (dpa / Frank Rumpenhorst)
DFB-Vizepräsidentin Hannelore Ratzeburg (dpa / Frank Rumpenhorst)
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"Frauen gehören nicht auf den Fußballplatz". Eine Aussage die vor 50 Jahren noch gängig war – und eine Denkweise, die auch heute noch in manchen Köpfen festgesetzt hat.  Das zeigt das Beispiel von Mönchengladbach-Trainer Heiko Vogel, der vergangene Woche zwei Schiedsrichter-Assistentinnen mit diesen Worten beleidigt hatte.

Als "Strafe" muss er jetzt bis zum Sommer sechs Trainingseinheiten von Frauen- oder Mädchenmannschaften leiten. Die Kritik daran war groß. Der Fall zeigt aber auch, wie tief Sexismus noch im Fußball verankert ist. Und das alles zehn Jahre nach der Weltmeisterschaft in Deutschland, die vom DFB damals als Initialzündung für den Frauenfußball in Deutschland angepriesen wurde. "Die WM ist von der Bevölkerung hervorragend aufgenommen worden", erinnert sich Hannelore Ratzeburg, DFB-Vizepräsidentin und verantwortlich für den Frauenfußball, im Dlf. "Die Aufmerksamkeit, die wir bekommen haben, hat auch dazu geführt, dass viele Menschen erstmals Spiele auf so hohem Niveau gesehen haben."

Bundesliga-Zuschauerschnitt kaum gestiegen

Nachhaltig gehalten hat sich diese Begeisterung jedoch nicht, zumindest im Profibereich. So ist der Zuschauerschnitt in der Bundesliga zwischen 2009 und 2019 zwar gestiegen, allerdings nur um 22 Fans pro Partie. "Das liegt vielleicht auch daran, dass die Sichtbarkeit der Spiele nicht so groß ist. Wir haben zwar Fernsehübertragungen, aber weil wir verschiedene Partner haben ist das auch nicht immer zur gleichen Zeit. Das Interesse der Vereine ist natürlich vorrangig, auch in der ARD und im ZDF zu erscheinen."

Stephanie Frappart bei einem französischen Zweitligaspiel (imago sportfotodienst/FEP/Panoramic) (imago sportfotodienst/FEP/Panoramic)"Frauen und Fußball hat lange nicht ins patriarchale Bild gepasst"
Stephanie Frappart und Katerina Monsul werden als erste Frauen Spiele der WM-Qualifikation der Männer pfeifen. Dabei sei es generell nicht einfach, für die Schiedsrichterinnen voranzukommen, sagte die Historikerin Petra Tabarelli.

Mit Stephanie Frappart wird möglicherweise bald erstmals eine Schiedsrichterin bei einer Männer-Europameisterschaft pfeifen. Medial großes Thema, wofür Ratzeburg aber wenig Verstädnis hat. "Warum soll es so etwas Besonderes sein, dass eine Frau, die diese Qualifikationen hat, wirklich auch die Möglichkeit hat, ganz weit oben Spiele zu pfeifen. Ob das nun bei den Frauen ist oder bei den Männern. Nur wenn eine Frau diese Position erreicht ist das immer wie der größte Glockenschlag der Welt."

Ratzeburg stört generell, dass im Fußball immer zwischen den Geschlechtern unterschieden wird. "Wir sollten gar nicht mehr unterscheiden zwischen Männer- und Frauenfußball. Unser Sport heißt Fußball. Wir sind noch weit davon entfernt, dass alles, was mit Fußball zu tun hat, als normal angesehen wird."

"Zeichen dafür, dass Sport allgemein von Männern dominiert ist"

Das könnte auch daran liegen, dass selbst im Frauenfußball die Strukturen meist männlich geprägt sind. So ist selbst im achtköpfigen Vorstand von Turbine Potsdam nur eine Frau. "Das ist ein Zeichen dafür, dass Sport allgemein von Männern dominiert ist", sagt Ratzeburg. "Das betrifft Frauen in anderen Sportarten auch. Und Fußball als sogenannte beliebteste Sportart ist eindeutig männerdominiert. Das ist die Realität. Die Männer haben schon 70 Jahre vor den Frauen angefangen, Fußball zu spielen und die Strukturen aufzubauen. Es ist in der Tat noch einiges zu tun."

Schon seit einigen Jahren arbeite Ratzeburg daran, mehr Frauen in die Gremien zu bekommen. Sie selbst ist im DFB-Präsidium die einzige Frau. "Der DFB hat ein Problem damit, Positionen mit Frauen zu besetzen. Wir brauchen Vorbilder, auch auf der Funktionärsebene", sagte sie. Allerdings gebe es auch wenige Möglichkeiten für Frauen, überhaupt ins Präsidium zu kommen. Deswegen müssten auch die Strukturen überdacht werden. "Und das ist ein dickes, dickes, dickes Brett", sagt sie. "Dann müssten wir Satzungsänderungen vornehmen, weil wir auch die Strukturen für die Regional- und Landesverbände verändern müssten. Und ich glaube, das erlebe ich nicht mehr."

Bertojo (Frankreich) wirft den Speer. Das wurfgerät ist deutlich länger als heute, die Sportlerin greift es ganz hinten. (imago / UnitedArchives) (imago / UnitedArchives)Das alternative Olympia der Frauen
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Zwar gebe es in vielen Präsidien bereits Frauen, "aber die sind in einer vergleichbaren Situation wie ich. Sie sind dann in der Regel als einzige Frau im Präsidium. Aber immerhin, sie können schon Einfluss auf die Entscheidungen nehmen. Aber sie brauchen dann auch Verbündete in dem Präsidium. Wenn es zur Abstimmung kommt, hat eine Frau dann eben nur eine Stimme und im Grunde muss man dann hin und wieder die Männer bei der Ehre packen und sagen: Überleg doch mal, was ihr für den Männerbereich schafft. Es ist nicht so, dass wir das Eins zu Eins wollen, aber wir wollen eine Gleichstellung."

"Bringt dem DFB mehr, mehr Frauen in Entscheidungen einzubeziehen"

Ratzeburg selbst habe nach 44 Jahren im DFB das Wissen, die Kontakte und die Erfahrung, damit die Interessen der Frauen bei Anträgen im Vordergrund stehen. "Von daher ist den ganzen Jahren nichts abgelehnt worden, was wir umsetzen wollten."

Sorge, dass sich das ändert, sollte sie mal nicht mehr im DFB-Präsidium sitzen, habe sie nicht. "Das Grundsätzliche ist abgesichert, weil sich auch in der Gesellschaft in den letzten Jahren so viel getan hat, dass es sich der DFB überhaupt nicht mehr leisten kann, nicht die Interessen aller fußballspielenden Personen in alle Überlegungen einzubinden. Und es bringt dem DFB eine ganze Menge mehr, wenn mehr Frauen in die Entscheidungen miteinbezogen werden. Das sehen wir auch in der Wirtschaft, dass die Unternehmen, die in der Führungsspitze gemischt aufgestellt sind, erfolgreicher sind. Gemeinsam die Sache Fußball voranzubringen, das ist unser Ziel."

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