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StartseiteHintergrundHoffen auf bessere Zeiten14.12.2013

Frauen im IranHoffen auf bessere Zeiten

Mann und Frau genießen die gleichen Bürgerrechte im Iran, sagt Präsident Hassan Rohani. Doch die Realität sieht anders aus: Söhne erben doppelt so viel wie Töchter. Männer be­kom­men Gehaltszuschläge, von denen Frauen nur träumen können.

Von Reinhard Baumgarten

(dpa/picture-alliance/epa Taherkenareh)
Im Iran geht die Zahl der Tschador-Trägerinnen zurück. (dpa/picture-alliance/epa Taherkenareh)
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Seit Jahren verkaufen sie uns Demokratie. Sie schmeckt nach Heuchelei. Wenn die Zeit reif ist, dann gibt es sie en masse.

Ist die Zeit reif im Iran? Kommt mit Hassan Rohani mehr Demokratie in der Islami­schen Republik? Knapp 51 Prozent der Wähler haben dem Geistlichen im Frühsom­mer ihre Stimme gegeben. Bei Frauen fand er deutlich mehr Zuspruch als bei Män­nern.

"Ich weiß, dass die Umsetzung der Verfassung die Rettung ist. Ich werde Artikel 3 der Ver­fassung über die Rechte der Bürger als Grundlage (eines neuen Gesetzes) dem Parlament vorlegen. Mann und Frau genießen die gleichen Bürgerrechte."

Männer, Frauen, Gleichheit – auf allen Ebenen. Das ist es, was unzählige Frauen vom neuen iranischen Präsidenten erwarten.

In großer Zahl haben sie seine Wahlveranstaltungen besucht. Sie haben den als mo­de­rat geltenden Geistlichen sagen hören:

"Unsere Regierung der Besinnung und Hoffnung hat sich eine wichtige Aufgabe ge­setzt. Sie will die Leiden und Sorgen der iranischen Nation lindern, sie will Freude in das Leben der Iraner zurückzubringen."

Irans Frauen hören die Worte wohl – allein, vielen fehlt daran der Glaube. Hassan Ro­hanis sanfte Töne nach acht Jahren der gesell­schaft­lichen Polarisa­tion unter Präsident Mahmoud Ahmedi­nejad mögen gut klingen. Doch viele Iraner und vor allem Iranerin­nen bleiben skeptisch, wenn der neue Präsident sagt:

"Die Menschen verlangen die Einhaltung der Bürgerrechte, sowie die Wahrung der Rechte aller Minderheiten und aller Kleinkulturen, Ruhe und Rationalität bei den po­li­tischen Entscheidungen, Wahrung der gesetzmäßigen Freiheiten der Gruppen, Par­teien und Personen und die Wahrung der Privatsphäre aller Bürger."

"Gesetze über Frauen sollten von Frauen gemacht werden"

Er werde sich für die Belange der Frauen einsetzen hat Hassan Rohani im Wahlkampf versprochen. Was das konkret bedeutet, hat er bislang noch nicht ausgeführt. Fereshteh ist 24. Sie studiert in Teheran Videodesign. Ich treffe sie gemeinsam mit drei ihrer Freun­din­nen zufällig im Park Khan-e Honar-Mandān. Vor dem Haus der Künstler drehen sie mit einer digitalen Handkamera einen Kurzfilm.

"Am Anfang wird viel versprochen. Sie sa­gen zum Beispiel, sie würden die Jugend in Ruhe lassen, aber dann halten sie uns an wegen unseren Mäntel; er ist zu kurz oder zu lang, oder sie sagen: Warum sieht ihre Hose so und so aus?"

Schirin, schmales Gesicht, kräftige Augenbrauen, hohe Wangenknochen. Sie nickt zu­stimmend zu dem, was ihre Freundin sagt. Dann kommt sie unerwartet deutlich auf den Punkt. Sie habe keine Erwartungen an den neuen Präsidenten, sagt die 23-jährige Kunststu­dentin.

"Wenn ich Erwartungen hätte, dann würde ich mein eigenes Denkvermögen beleidi­gen. Der Präsident hat hier im Iran nicht genügend Befugnisse. Ich möchte lieber sa­­gen, welche Erwartungen ich an die Gesellschaft habe, in der ich lebe. Gesetze über Frauen sollten auch von Frauen gemacht werden. Die Gesetze über Frauen wer­den von Männern gemacht, sodass die Frauen nicht mehr wissen, welche Er­wartungen sie haben sollten. Sie haben sie einfach vergessen."

Die jungen Frauen sitzen mir, dem ausländischen Reporter, im Schneidersitz auf dem Rasen im Park Khane Honar-Mandan gegenüber. Sie wissen, dass ich eine offizielle Presse­karte und eine zusätzliche Erlaubnis für derlei Umfragen habe. Was soll’s, sagt dazu Elham, wir würden auch ohne diese Papiere mit ihnen reden. Offen gestanden, sagt die 23-jährige Elham, eigentlich haben wir gar nicht gelernt, Er­wartungen zu haben.

"Jetzt wo sie uns danach fragen, stellen wir uns auch die Frage, was können wir ei­gentlich von ihm erwarten? Meine wichtigste Erwartung ist, wie schön wäre es, wenn wir ein wenig Freude und Hoff­nung in unserer Gesellschaft hätten. Die Men­schen stehen unter großem Druck. Ich glaube, wir haben unsere Identität ver­loren. Wir haben nichts mehr, worauf wir stolz sein können."

Mit der Unterstützung des Volkes habe er sich für das Präsidentenamt beworben, er­klärt Hassan Rohani. Diese Feststellung ist dem 65-jährigen Geistlichen ungemein wichtig – sowohl gegenüber ausländischen Skeptikern als auch gegenüber inländi­schen Widersachern.

"Die Menschen wollen einen Wechsel und sie wünschen sich einen bes­seren Le­bens­standard und mehr Menschenwürde. Diese Bürger wollen besser leben und von Ar­mut, Korruption und Diskriminierung befreit werden."

Mina ist 34 Jahre alt, verheiratet und kinderlos. Auch sie treffe ich zufällig in der In­nen­stadt von Teheran. Mina arbeitet als Ingenieurin in der Öl­bran­che. Die Machtverhältnisse im Iran seien extrem kompliziert, sagt die zier­liche junge Frau im dunkelblauen Mantel. Der Präsident könne gegen den Widerstand an­derer Machzirkel nur wenig ausrichten. Minas Lippen sind rot geschminkt, ihr Kopftuch sitzt locker auf dem vollen schwarzen Haar. Viele Iraner sehnen sich nach Verände­rung, sagt sie. Dass Präsident Rohani deren Wünsche erfüllen kann, hält sie für eher unwahrscheinlich.

"Für jemanden mit viel Kraft und Willen würde es wahrscheinlich mehr als 30 Jahre dauern, hier etwas zu ändern. Wenn ich 80 bin, werde ich vielleicht, vielleicht eine Veränderung erleben. Aber selbst daran glaube ich nicht."

Die Sittenwacht obliegt dem Innenministerium

Erste Anzeichen für leichte Veränderungen gibt es. Die Zahl der Sittenwächterinnen beispielsweise ist seit Hassan Rohanis Amtsantritt spürbar zurückgegangen. Die Sit­tenwacht obliegt jetzt nur noch dem Innenministerium. Seit sie denken und fühlen könne, klagt Mina mussten in der Islami­schen Republik mit Kon­trollen und Zurechtweisungen rechnen.

"Abends habe ich einen Sportklub besucht. Es war sehr umständlich, dahin zu gehen und mich ständig entsprechend anzuziehen. Ich hab’s aufgegeben.

Ich gehe sehr gern spazieren. Wenn ich aber spazieren gehen möchte, muss ich stän­dig damit rechnen, von der Polizei angehalten zu werden. Ich ziehe es als Frau des­halb vor, zuhause zu bleiben. Allmählich überkommt mich ei­ne Depression und ich fühle mich nicht mehr jung. So werde ich Schritt ich für Schritt alles verlieren. Das ist das Problem".

Mann und Frau genießen die gleichen Bürgerrechte in der Islamischen Republik, sagt deren Präsident Hassan Rohani. Männer und Frauen erfahren im Iran eine sehr unterschiedliche Behandlung, hält dem die Ingenieurin Mina entgegen. Söhne erben doppelt so viel wie Töchter. Männer be­kom­men als staatlich anerkannte Ernährer und Familienhäupter oft Zuschläge, von denen Frauen nur träumen können. 60 Prozent der Studierenden und fast zwei Drittel der Hochschulabsolventen sind Frauen. Doch an manchen Unis werden Frauen für Stu­dien­­fä­cher, die Männer für Männer-spezifisch halten, nicht mehr zugelassen. Geht eine Ehe in die Brüche, kann das für Frau­en sehr pro­ble­ma­tisch werden, erklärt Mina.

"Das Problem ist nicht zwischen mir und meinem Mann. Das Problem sind die Ge­setze, und dass alles zu seinem Vorteil ist. Vielleicht ist er der beste Ehemann der Welt. Aber wenn es ein Problem gibt, dann steht das Gesetz auf seiner Seite. Ich bin zwar keine Mutter, aber meine Freundinnen sind Mütter. Sie müssen sogar ihre ei­genen Kinder ver­lassen, wenn es zur Scheidung kommt. Eine finanzielle Sicherheit fehlt komplett."

Mann, Frau, Gleichheit – Hassan Rohani hat Hoffnungen geweckt. Doch in der Isla­mi­schen Republik ist der Präsident nur ein Rad im großen Herrschaftsgetriebe. Und das Thema Frauen und ihre Rechte durchzieht die Ge­schichte der Islamischen Republik wie ein roter Faden. Eine Million Frauen sollen es damals gewesen sein als die Islamische Republik noch sehr jung war. Anfang März 1979 schiebt sich ein ge­wal­ti­ger Demonstrationszug durch Teheran. Unabhängigkeit, Tod oder Freiheit, für eine wahre Republik! Das ist die unverhüllte Losung der damals noch unverschleierten Frauen. Berichten zufolge will die Führung der damals neu ausgerufenen Re­publik ein Kopftuch- und Verhüllungsgebot für Frauen einführen. Revolutions­füh­rer Ayatol­lah Khomeini begründet, warum.

"Das während des Pahlewi-Regimes den Männern angetane Unrecht ist nichts im Vergleich zu dem, was Frauen angetan wurde."

Die Zahl der Tscha­dor-Trägerinnen schwindet

1937 hatte der einstige Herrscher Irans, Reza Shah Pahlewi, die Tschador genannte Ver­­hül­lung ver­boten. Die Geistlichkeit schäumte. Schah Rezas Sohn, Mohammed Re­za Pahlewi, machte das Tscha­dor-Verbot Jahrzehnte später zwar rückgängig, aber die west­liche Ausrichtung vieler Frauen im Iran wollte er nicht umkehren. Die neue Führung Irans sah das nach der Revolution ganz anders. Frauen ohne Schlei­er galten als verwestlicht und unislamisch. Seit knapp 35 Jahren müssen alle weib­li­chen Wesen im Iran, die älter als neun Jahre sind, in der Öffentlichkeit ihre Haare be­decken. Für die Einhaltung der Kleiderordnung sorgen Ghasht-e Ershad genannte Sittenwächterinnen.

"Ihr Mantel ist eng und hat einen langen Schlitz. Glauben Sie nicht, dass das gegen uns­re gesellschaftliche Normen verstößt? Sie leben in einem islamischen Land, rich­tig? Ihr Kopf ist völlig unbedeckt und sie haben zu viel Make-Up auf­ge­tragen."

Seit gut 35 Jahren werden Frauen im Iran in der Öffentlichkeit zurechtgewiesen.

"Sie tragen einen ärmellosen Mantel. In der islamischen Kleiderordnung ist das keine or­dentliche Bekleidung. Von hinten sieht man Ihr Haar. Ihr Mantel und ihre Hose sind zu kurz. Kommen Sie bitte mit zu dem Bus dort. Wir müssen ein paar Sachen mit Ihnen besprechen."

Nicht immer folgen die Frauen, sondern leisten Widerstand. Die Zahl der Tscha­dor-Trägerinnen schwindet. Vor allem in den großen Städten be­vorzugen Frauen mo­dische Kopftücher und leichte Mäntel. Viele Frauen im Iran stehen zur Verhüllung, sie sei die Zierde der Frau, betonen sie.

"Das Problem der Unbedecktheit muss gelöst werden. Oh, ihr Frauen von Fatima, der Tochter des Propheten, kommt diese Botschaft: Der beste Schmuck der Frau ist ihre Bedeckung."

Wie viele letztlich dafür und wie viele dagegen sind, weiß niemand, denn dazu gibt es keine re­präsentati­ven Umfragen oder Untersuchungen. Actiondreh in Teheran…

"Wenn wir so was machen, fühle ich mich perfekt. Adrenalin ist auf 100."

Das sagt der 39-jährige Ali Reza Gharekhani aus Köln. Der gebürtige Iraner ist Chef der Stunt­men-Truppe "Action Crew" in Te­he­ran. Etwa zwei Dutzend Männer und Frau­en bilden den harten Kern des Teams. Nasrin Iranmanesh ist seit sechs Jahren dabei.

"Wenn ich springe, wenn ich zwischen Himmel und Erde bin, dann fühle ich mich frei. Das ist einfach ein tolles Gefühl. Es ist ein Gefühl von Freiheit."

28 Jahre ist die IT-Spezialistin alt. Ihren Lebensunterhalt ver­dient sie nicht als Action-Frau, sondern in einer Bank. Getroffen habe ich sie vor dem Wahllokal  Hos­sei­ni-ye Ershad im Norden Teherans. Nasrin war dabei, ihre Stimme für Hassan Rohani ab­zugeben. Damals hat sie mir von ihrem seltsamen Hobby erzählt: Sie springe von Brücken, Häusern und Balkonen, sagte sie lachend. Sie klettere gerne, lasse sich über­fa­h­ren und trainiere Kampfsport.

"Es ist der Traum von iranischen Frauen, sich selbst zu zeigen. In den meisten Fil­men ist kein Platz für muslimische Frauen und schon gar nicht für Frauen aus dem Iran. Es war immer mein Traum, eine Action-Darstellerin zu werden. Etwas, was wir im Iran nicht haben."

Letzte Absprachen vor dem Dreh. Nasrin spielt eine Polizistin. Sie muss ein Mädchen aus der Gewalt von Gei­selnehmern befreien. Eine ihrer Gegenspielerinnen ist die 29-jä­hrige Angestellte Samaneh.

"Ich mache das seit knapp einem Jahr. Alles kann gefährlich sein. Deshalb kriege ich ja auch das Training, um Gefahren zu vermeiden. Ich möchte erfolgreich sein und ich möchte zei­gen, dass iranische Frauen den Kopf hoch tragen."

Samaneh ist eine energische junge Frau mit viel Selbstvertrauen. Sie trägt den Kopf hoch. Angefangen hat die Truppe vor rund neun Jahren. Damals ging der auch in Deutsch­land bekannte Stuntmen Payman Abādi aus Köln zurück in seine Heimat. Er sah das Po­tential im Iran und er gründete das erste Action Team. Payman Abādi setzte von Be­ginn an auch auf Frauen und vor allem auf Nasrin Iranmanesh.

"Meine erste Szene bestand darin, dass ich von einem Minibus angefahren wurde. Als der Regisseur begriffen hatte, dass ich dafür vorgesehen war, sagte er, nein, Payman, mach das nicht. Bitte, bring mich nicht in Schwierigkeiten, keine Frau. Lass das bloß einen Mann machen."

Nasrin blieb Paymans Wahl. Es war der erste Stunt einer iranischen Frau in einem iranischen Film.

"Ich hatte dieses Verlangen. Ich hatte dieses Gefühl. Wir haben keine Ac­tion-Frauen hier. Vielleicht klingt das lustig, aber ich liebe Jacky Chan. Und deshalb habe ich im­mer davon geträumt, dass ich das mal selbst machen kann."

Die Frauen im Team tragen Kopftuch – beim Training ebenso wie bei den Dreharbei­ten. Für Samaneh und die zierliche Studentin Nazanin ist das kein Hinderungsgrund. 

"Ich möchte immer wie­der was Neues lernen. Es ist gut für unsere Filmindustrie, und es ist auch gut für die Frauen. Es heißt, die Frauen hier im Iran seien sehr ein­ge­schränkt. Ich kann zeigen, dass Frauen trotz der Kleiderordnung etwas tun."

"Ich spüre viel Kraft und Energie in mir und ich glaube durch diesen Stunt-Job kann ich sie abbauen. Gleichzeitig kann ich auch meine Stärke zeigen. Es kann schon ge­fährlich werden, vor allem dann, wenn ich den Anweisungen meines Trainers nicht folge."

Etwa eine halbe Minute wird die Befreiungsszene im Film lang sein. Jeder Tritt, jeder Griff, jede Bewegung, jeder Sturz muss sitzen und wird sehr lange geübt. Nasrin und die anderen Stuntwomen investieren viel Zeit und Energie. Geld gibt’s dafür nicht. Deswegen hat Nasrin ihren Job bei der Bank. Und sie hat ein großes Ziel.

"Noch bin ich keine Action-Schauspielerin. Ich versuch‘s. Man muss mir eine Chan­ce geben und ich muss härter arbeiten. Es kommt auf die Regisseure an: Habt Mut, setzt Frauen ein."

Nasrin sagt das mit Blick auf das Filmgewerbe im Iran. Doch im Grunde, ergänzt sie, gelte das für alle Bereiche der von Männern dominierten iranischen Gesellschaft. 

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