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StartseiteEuropa heuteKein Geld für Tampons09.01.2020

Frauen in den NiederlandenKein Geld für Tampons

Seit 2020 gilt in Deutschland der ermäßigte Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent auf Menstruationsprodukte. Andere Länder waren früher dran - die Niederlande zum Beispiel. Trotzdem sagt dort in einer Befragung jede zehnte junge Frau, dass sie sich Tampons oder Binden nicht leisten kann.

Von Kerstin Schweighöfer

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In den Niederlanden wird auf Menstruationsprodukte neun Prozent Mehrwertsteuer erhoben. (imago)
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Was für die Deutschen die "Tafel" ist, sind für die Niederländer die "Voedselbanken" – die Essensbanken. Auch in Voorschoten bei Den Haag gibt es eine. Die 30-jährige Cady holt sich dort jede Woche eine Kiste mit Nahrungsmitteln ab. Immer donnerstags, für sich und ihre beiden kleinen Söhne.

Diese Woche liegen Paprika in der Kiste, Rosenkohl, Nudeln und Frühstücksflocken. Dazu Saft, Käse, Brot und Tomaten. Tampons sind nicht dabei. Die bekommt Cady nur manchmal, vor zwei Wochen zum letzten Mal. Denn Tampons und Monatsbinden gehören so wie Shampoo oder Deodorant nicht zum Standardsortiment. "Leider", seufzt Cady.

90 Euro Wochengeld reichen nicht

Die alleinerziehende Mutter ist arbeitslos. Und weil sie Schulden abbezahlen muss, bekommt sie so genanntes "Wochengeld": jede Woche 90 Euro. Damit muss sie alle Lebensmittel bezahlen, Kleidung, Drogerieartikel. Für Extras bleibe da nichts übrig. Oft genug auch nicht für Tampons. Rund zehn Euro  bräuchte sie dafür jeden Monat. 

"Manchmal hole ich sie mir bei meiner Mutter. Und wenn es wirklich nicht anders geht, bei meiner Nachbarin. Das mach ich nicht gerne, weil ich mich schäme. Einmal musste ich Klopapier benutzen, aber das habe ich nicht lange ausgehalten, da hab ich dann doch wieder die Nachbarin gefragt. Auch wenn ich mich noch so schämte", sagt Kady.

Gefahren: Infektionen und gesellschaftliche Isolation

Jede zehnte Niederländerin zwischen zwölf und 25 Jahren hat manchmal nicht genug Geld, um Hygieneprodukte für die Menstruation zu kaufen. Das ergab eine Umfrage der Entwicklungshilfeorganisation Plan International Nederland. 

Viele der betroffenen Frauen und Mädchen melden sich bei der Arbeit krank oder schwänzen die Schule, wenn sie ihre Tage haben. Sie versuchen, sich mit Zeitungspapier oder mit Stofffetzen zu behelfen und wechseln Binden und Tampons nicht oft genug. Das könne zu Infektionen führen, berichtet Christa Gray-Nooitgedagd von Plan International Nederland: "Zwei Prozent der Befragten gaben sogar an, Tampons oder Binden wiederzuverwenden, um zu sparen. Und gefährden damit ebenfalls ihre Gesundheit."

Ähnliche Ergebnisse in anderen Befragungen

Zu ähnlichen Ergebnissen kam De Bovengrondse - eine, wie sie sich selbst nennt, feministische Plattform aus Amsterdam. Sie befragte neben 170 Frauen auch 50 Hilfsorganisationen wie die Heilsarmee und die Essensbanken. Eigentlich gehe es um ein doppeltes Tabu, so Projektleiterin Lorijn de Boer: Menstruation sei ein Tabu und Armut auch.

Deshalb setzt De Bovengrondse auf Aufklärungskampagnen an Schulen. Sie hat die Regierung in Den Haag aufgerufen, weitere Untersuchungen durchzuführen. Die Sozialdemokraten haben im Parlament bereits entsprechende Fragen gestellt. Außerdem wurde zu einer großen Spendenaktion aufgerufen. Mit dem Geld sollen 800 bedürftige Frauen in Amsterdam ein Jahr lang gratis mit Hygieneartikeln versorgt werden.

Schottland: kostenlose Hygieneprodukte

Wichtigste Forderung von De Bovengrondse: Die Kommunen sollen dafür sorgen, dass Tampons und Monatsbinden gratis verteilt werden - an Schulen, Bibliotheken, Essensbanken und Obdachloseneinrichtungen.

Großes Vorbild ist Schottland: Dort stellen Universitäten und Schulen den Frauen und Mädchen seit einem Jahr Hygieneprodukte – genauso wie Toilettenpapier – kostenlos zur Verfügung. Cady, die junge Mutter aus Voorschoten, traut ihren Ohren nicht, als sie das hört. "Wow", sagt sie. Das würde sie sich auch wünschen.

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