Dienstag, 10.12.2019
 
Seit 00:05 Uhr Fazit
StartseiteTag für TagDie Zeit der schweigenden Frauchen ist vorbei10.05.2019

Frauen in der katholische KircheDie Zeit der schweigenden Frauchen ist vorbei

Eine Woche lang, vom 11. bis 18. Mai, sollen Frauen keine Gottesdienste besuchen und keinen Dienst in der katholischen Kirche tun. Die Aktion "Maria.2.0" aus Münster will damit Reformen anstoßen, vor allem die Gleichberechtigung der Geschlechter. Die Initiative zieht Kreise.

Von Andrea Lieblang

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Frau mit erhobener Faust (imago )
Die Aktivistinnen von Maria 2.0 setzen sich gegen weibliche Sprachlosigkeit, für die Gleichstellung der Frau in allen kirchlichen Ämtern ein (imago )
Mehr zum Thema

Frauen im Vatikan Kapitulation mit Kampfansage

Geschlechterrollen Vom Misstrauen der Religionen gegenüber Frauen

Spiritueller Missbrauch "Ich passte ins Beuteschema"

Katholische Kirche in Deutschland "Nicht geschafft, von innen heraus Aufklärung zu betreiben"

Frauenquote "Frauen sind in der katholischen Kirche schon weit gekommen"

Katholische Kirche Dürfen Frauen Priesterinnen werden?

Sie stehen vor der Kirche Heilig Kreuz in der Innenstadt von Münster: Frauen zwischen 50 und 60, aber auch ältere:

"Mit 81 Jahren gehört man zur weißhaarigen Generation. Und ich habe ja schon Vieles in der Kirche erlebt, auch viele Enttäuschungen. Und jetzt fange ich wieder mit Hoffnung an, weil die jüngere Generation so aktiv ist."

Sagt die pensionierte Lehrerin Barbara Stratmann. Sie und die anderen fünfzehn Frauen von Maria 2.0 wollen sich nicht abfinden mit der halbherzigen Aufarbeitung des Missbrauchsskandals. Sie fordern grundlegende Reformen mit einer Gleichstellung der Frau in allen kirchlichen Ämtern. Sie begehren auf, protestieren gegen weibliche Sprachlosigkeit:

Kein "schweigendes, auf den Sockel gebanntes Frauchen"

"Maria 1.0 ist eben die schweigende Frau, die Dienende, wobei gegen Dienst nichts zu sagen ist, aber das Bild der Maria ist die Schweigende, nichts zu sagen Habende, so ist es uns vermittelt worden. 2.0 heißt Neuanfang: Alles auf null stellen. Wir sind nicht mehr so!"

Erklärt Lisa Kötter energisch, eine Frau Ende 50. Sie ist Künstlerin, malt Frauengesichter mit zusammengepressten Lippen oder einem Mund, verschlossen durch ein Pflaster. Die Frauen von Maria 2.0 wollen das nicht mehr sein: mundtot gemachte Wesen.

"Maria 2.0 heißt nicht, dass wir gegen Maria sind, im Gegenteil!", sagt Lisa Kötter. "Es drückt eine Hochachtung gegenüber Maria aus. Wenn Josef sie nicht geschützt hätte, im Auftrag Gottes letztlich, - die Männer hätten sie wahrscheinlich gesteinigt: eine uneheliche Mutter war in der Zeit furchtbar. Und diese Demut hat so viel Mut erfordert von Maria. Und sie dann darzustellen als schweigendes, auf den Sockel gebanntes Frauchen, was irgendwie natürlich verehrt wird und der Blumen in den Weg gestreut werden, die aber nichts weiter zu sagen hat, außer vielleicht, das zu bestätigen, was die Herren der Kirche als Glaubenssätze gebracht haben."

Aufruf zum Frauen-Streik

Deshalb rufen die Frauen ihre Mitschwestern auf, jetzt, im Marienmonat, vom 11. bis 18. Mai, keine Kirche zu betreten und keinen Dienst zu tun – weder im Pfarreirat oder Kirchenvorstand, noch als Kommunionhelferin, Lektorin, Küsterin:

"Wir, die wir sowieso als Frauen einen ganz großen Teil, viel mehr als 50 Prozent dessen, was in Kirche an der Basis passiert, tragen, lassen es für eine Woche, um zu zeigen, was ist, wenn wir nicht da sind", sagt Lisa Kötter.

Durch die Medien geisterte deshalb schon das Wort vom "Kirchenstreik". Das hört sich griffig an, ist aber ungenau: In der Kirche ruht tatsächlich die Arbeit der ehren- und mancher hauptamtlichen Frauen. Doch auf gemeinsames Beten, gemeinsame Spiritualität wollen die Frauen nicht verzichten. Zeitgleich zur Messe, die in der Kirche stattfindet, versammeln sie sich in der kommenden Woche ganz bewusst draußen vor der Kirchentür zu einer Wortgottesfeier ohne Eucharistie. Der Pfarrer von Heilig Kreuz, Stefan Jürgens:

"Man kann ja meinen, wenn jetzt Frauen vor der Kirche stehen, dann bestreiken sie die heilige Eucharistie. Das wollen sie aber gar nicht. Die Frauen von Maria 2.0 sind sehr spirituelle Frauen, die in der Gemeinde viele ehrenamtliche Dienste tun. Sie setzen ein prophetisches Zeichen: Seht mal, wir Frauen, wir machen die meiste Arbeit in der Kirche. Jetzt wollen wir auch gleichberechtigt sein den Männern."

Bistum Münster hält sich bedeckt

Maria 2.0 ist keine Gemeindeaktion der Kirche Heilig Kreuz, sondern eine offene Gruppe. Wie Felix Genn, Bischof von Münster, auf ihre Aktion reagiert, formulieren die Initiatorinnen Andrea Voss-Frick und Lisa Kötter so:

"Von Bischof Genn haben wir bisher das Statement bekommen - beziehungsweise, das ist nicht direkt an uns gegangen, sondern an die Medien -, dass ja jeder frei ist, seine Form des Protests zu finden", sagt Andrea Voss-Frick. "Also eine direkte Stellungnahme haben wir bisher nicht bekommen oder gehört."

Lisa Kötter: "Und das ist für mich auch eine Strategie, die viel gefahren wird. Ich sage das jetzt mal persönlich und ganz hart: Ignoranz ist ein scharfes Schwert."

10.05.2018, Nordrhein-Westfalen, Münster: Felix Genn, Bischof von Münster, spricht beim Gottesdienst zu Christi Himmelfahrt beim Katholikentag vor dem Schloss.  (dpa / Rolf Vennenbernd)Felix Genn, Bischof von Münster, beim Katholikentag 2018 (dpa / Rolf Vennenbernd)

Klare Worte, die ausgerechnet aus dem schwarz-konservativen Münsterland kommen. Oder vielleicht gerade von dort? Weil gläubige Frauen entschlossen sind, an fest gefahrenen Strukturen zu rütteln? Die kleine Gruppe Maria 2.0 ist überwältigt von der großen Resonanz, die sie täglich aus ganz Deutschland, der Schweiz, Österreich, Frankreich und Belgien bekommt, darunter ein knappes Drittel Männer, Pastoralreferenten und Pfarrer, die nach ihrem Vorbild in der kommenden Woche Aktionen planen. Die Initiatorinnen gehen bundesweit von rund 100 verschiedenen Veranstaltungen aus.

"Maria zu benutzen, das ist das Allerschlimmste!"

Doch es gibt auch Kritikerinnen in der Gemeinde. Öffentlich möchte kaum jemand etwas gegen die Aktion sagen. Einzig die pensionierte Ärztin Christiane Bigalke traut sich, ins Mikrofon zu sprechen. Zwar unterstütze sie die Forderung nach weiblicher Gleichstellung in der Kirche, nicht aber den damit verbundenen Bezug zu Maria, erklärt die 74-Jährige:

"Mich in die Nähe als Frau zu Maria zu stellen, der Gottesgebärerin, ist unmöglich für mich! Weil Maria DIE Rolle hat, die niemand wieder einnehmen kann, niemand! Diese Rolle ist einzigartig! Ohne Maria wären wir Christen gar nicht da."

Was die Ärztin besonders stört, sind die Bilder von Maria mit zugeklebtem Mund:

"Sie sollte gar nicht viel sagen, sie sollte Jesus gebären, DAS war ihre Rolle! Maria als, ja, es hört sich jetzt ganz plakativ an - als Zugpferd zu benutzen -, das ist das Allerschlimmste!"

Andere kritisieren hinter vorgehaltener Hand, dass die Forderung nach weiblichen Weiheämtern einfach zu weit gehe. Stefan Jürgens, der Gemeindepfarrer, reagiert darauf gelassen:

"Das erlebe ich jetzt seit 25 Jahren, die ich im Dienst bin: Die heftigsten Gegner des Priesteramts der Frauen befinden sich unter Frauen! Sie sind eben oft gewohnt von ihrer Erziehung, dass sie eher die Dienenden sind. Dass sie sich eher unterordnen. Aber junge Frauen machen das nicht mehr mit."

Kundgebung auf dem Domplatz

Am kommenden Sonntag, dem 12. Mai, findet auf dem Domplatz in Münster die zentrale Aktion statt, erläutert Andrea Voss-Frick:

"Von elf bis halb zwölf. Wir laden alle ein, weiß oder hell gekleidet zu kommen, weiße Tücher mitzubringen, wir wollen den Platz mit dem Weiß der Trauer, mit dem Weiß des Mitgefühls und vor allen Dingen mit dem Weiß des Neubeginns bedecken und deutlich machen, dass wir von Herzen eine Erneuerung dieser Kirche wünschen."

Die kfd, die katholische Frauengemeinschaft, hat im Bistum Münster 100.000 Frauen in 500 Ortsgruppen. Der Diözesanverband unterstützt die Aktion.

"Wenn die katholische Kirche die Frauen ernster nimmt und zu allen Ämtern zulässt, dann haben wir mehr Transparenz, sagen wir ruhig: Demokratie in der Kirche. Und dann sind diese klerikalen Männerbünde aufgebrochen", sagt Stefan Jürgens. "Dann würden manche Machtstrukturen zerbröseln, und wir könnten neu bei Jesus anfangen."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk