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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturTorsten Körner lässt die Protagonistinnen sprechen20.07.2020

Frauen in der PolitikTorsten Körner lässt die Protagonistinnen sprechen

Wenn die anderen 50 Prozent der Bevölkerung ihren Anteil einfordern, wird es immer unruhig in der "Männer-Republik". Das weiß auch der Journalist und Autor Torsten Körner zu berichten. Er zeichnet nach, wie sich die Frauen ihren Weg in die deutsche Politik bahnten.

Von Katharina Hamberger

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Im Hintergrund: Bundespräsident Richard von Weizsäcker (3.v.r.) posiert am 30.10.1990 mit den neuen Bundestagsabgeordneten auf der Terrasse der Villa Hammerschmidt in Bonn. Rechts im Bild: Das Buchcover "In der Männer-Republik" (Hintergrund dpa/ Buchcover Kiepenheuer & Witsch)
Torsten Körner liefert in seinem Buch einen umfassenden Überblick über die vielen Frauen, die eine wichtige Rolle in der Bonner Republik gespielt haben (Hintergrund dpa/ Buchcover Kiepenheuer & Witsch)
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"Ich wurde Frauenministerin ohne Zuständigkeit. Ich hatte nur den Titel, aber keine Zuständigkeit. Das muss man sich selbst dann erst alles erarbeiten."

Im November 2018 feierte die CDU 100 Jahre Frauenwahlrecht - und die frühere Frauenministerin Rita Süßmuth machte bei einer Podiumsdiskussion deutlich, wie schwer es Frauen in der männerdominierten Bonner Republik oft gemacht worden ist. Der Weg der Christdemokratin ins Kabinett Kohl bis zur Bundestagpräsidentin ist auch Teil des Buchs des Journalisten Torsten Körner. Süßmuth zählt zu den Frauen, die die Politik der Bundesrepublik auf ganz eigene Weise und oft gegen Widerstände mitgeprägt haben:

"Auch der Kanzler grollte. Die Ministerin solle weniger die erwerbstätigen Mütter umgarnen, sondern stärker auf Familienmütter setzen, und in der Frage nach dem Paragrafen 218 sei auch Vorsicht angeraten. ‚Die Dame‘, hörte man von Kohl, ‚geht mir auf die Nerven‘, die solle mit ihren Stöckelschuhen auf dem Boden der Realität bleiben."

Annegret Kramp-Karrenbauer lacht (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld) (dpa-Bildfunk / Kay Nietfeld)Wie die CDU weiblicher werden will
Politiker und Politikerinnen der CDU haben einen Vorschlag für eine verbindliche Frauenquote in ihrer Partei erarbeitet. Abschließend diskutiert wird er auf dem nächsten CDU-Parteitag im Dezember. Worum es dabei geht und wie die Quote umgesetzt werden soll – ein Überblick.

Körner hat für sein Buch nicht nur Episoden wie diese gesammelt und aneinandergereiht – er liefert auch einen umfassenden Überblick über die vielen Frauen, die eine wichtige Rolle in der Bonner Republik gespielt haben:

"Das vorliegende Buch möchte von Frauen erzählen, die nicht nur aus dem Schweigen herausgetreten sind und den ihnen zugewiesenen Platz verlassen haben, sondern die Politikerinnen wurden, um sich und ihren Stimmen Gehör zu verschaffen."

Warum ein Mann über Frauen schreibt

Aber warum schreibt ein Mann ein Buch über Frauen in der Politik? Will er Frauen erklären, wie es läuft und was sie anders machen könnten? Nein, Körner gibt sich eher selbstkritisch, was die männliche Sichtweise auf die Geschichte betrifft. Bei seinen Recherchen habe er festgestellt,

"dass die alte Bundesrepublik bzw. die Geschichte der alten Bundesrepublik eine Verdrängungsgeschichte ist und ich glaube, wir nachgeborenen jüngeren Männer oder diejenigen, die da geboren sind, sollten aus den Schatten ihrer Väter heraustreten und anfangen auch die Mütter zu entdecken, die Politikerinnen zu entdecken."

Und von diesen Müttern gibt es zahlreiche. Körner dokumentiert sie chronologisch und endet mit dem Kapitel "die Kanzlerin", er nimmt Leser und Leserinnen mit auf eine Reise durch die Bundesrepublik und versucht vor allem die Frauen selbst zu Wort kommen zu lassen.

"Und hab‘ dann sehr intensiv recherchiert – und da ich auch einen Film dazu gemacht habe, habe ich auch einen guten Zugang zu vielen Parlamentarierinnen gehabt, auch noch zur damals ältesten lebenden Parlamentarierin."

Die heißt Marie-Elisabeth Klee. Sie traf Körner 2017, weniger als ein Jahr vor ihrem Tod. 1961 zog sie in den Bundestag ein und in Körners Buch erinnert sie sich, wie die Frauen der Union damals Adenauer dazu brachten, endlich eine Frau ins Kabinett zu holen:

"Das war mein erstes wirkliches Erlebnis im Bundestag. Die Vorsitzende unserer Frauengruppe, Frau Brauksiepe, hat uns zusammengerufen. In jeden Ausschuss sollte eine Frau! Nur in die Bundesregierung, da hat er keine geholt, der Adenauer!"

Von der ersten Bundesministerin bis zum Feminat

1961 wird dann, als erste Frau, Elisabeth Schwarzhaupt, Bundesministerin für das Gesundheitswesen. In der Bundesrepublik, in der Politik bislang Männersache war, etwas, woran Mann sich erst gewöhnen musste. Ein Ausschnitt aus der Tagesschau:

"Ihre Berufung, Frau Dr. Schwarzhaupt, zum ersten weiblichen Minister der Bundesrepublik bereitet uns zunächst eine kleine Verlegenheit, was die Anrede angeht. Frau Minister oder Frau Ministerin?"

"Ich meine Frau Ministerin, da ich eine Frau bin."

Der Autor hatte zudem den Anspruch, möglichst alle Parteien abzudecken. So widmet er sich ausführlich dem sogenannten Feminat der Grünen, dem ersten rein weiblichen Fraktionsvorstand:

"Zunächst war der ausschließlich von Frauen besetzte Fraktionsvorstand nicht in erster Linie als provokatorischer Streich gegen die patriarchalische Ordnung angelegt […], er war vielmehr der Einwand der praktischen Vernunft gegen Starkult und Diven-Allüren, die den alten Fraktionsvorstand auszeichneten."

Das Feminat habe, so schreibt Körner auch, den meisten damaligen Politikerinnen blitzartig klar gemacht, wie trostlos die Situation und Machtteilhabe der Frauen in ihren Parteien 1984 ausgesehen habe. "Im Bundestag waren in diesem Jahr nur 51 Frauen vertreten, das entsprach einem Frauenanteil von lediglich 9,8 Prozent."

Das Ende der Kleidungsordnung im Bundestag

Das Buch zeigt: Es brauchte hin und wieder Aktionen, die das männliche geprägte Bonn in Aufregung und Bewegung versetzten. So beschreibt Körner z.B. auch, wie die Frauen sich auch erst 1970 über die von den Männern auferlegten Kleiderregeln hinwegsetzten. Denn bis dahin wurde es nicht akzeptiert, dass Frauen Hosen im Bundestag trugen. Das fand unter anderem die damalige Vizepräsidentin des deutschen Bundestages und FDP-Politikerin Liselotte Funcke so empörend, dass sie ihre Kollegin, die SPD-Abgeordnete Lenelotte von Bothmer bat, zu rebellieren und in Hosen zu erscheinen.

"Lenelotte von Bothmer, die nie Hosen trug und auch gar keine besaß, akzeptierte den Auftrag, da ein lächerlicher Zopf einfach abgeschnitten gehört. Sie kaufte sich einen hellen Hosenanzug, ein ‘ausgesprochen züchtiges Kleidungsstück‘, so von Bothmer und erschien damit am 15. April 1970 im Plenum."

An diesem Tag hielt sie keine Rede, erst ein halbes Jahr später trat sie dann mit Hose ans Pult. Das brachte ihr, neben Zurufen der männlichen Kollegen, auch viele Zuschriften ein: Gratulationen, aber auch Drohungen und Beschimpfungen.
"Der Hosenbann war auf jeden Fall gebrochen."

Die Frauen im Schatten

Körner beschreibt von Bothmer aber nicht nur als die Rebellin im Hosenanzug, sondern auch im Kontext ihrer Partei, welche Rolle sie spielte, auch z.B. in der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen. Das ist eine der großen Stärken des Buchs: Körner zeichnet das große Bild, zeigt, wie Frauen Weichen in der Bonner Republik stellen konnten. Aber es sind nicht nur Politikerinnen, die Körner als prägend für die Geschichte ansieht. So findet auch Hannelore Kohl ihren Platz:

"An ihr ließ sich auch gut zeigen, was bis heute eigentlich für manche Frauen das Unversöhnliche mit Politik ist, weshalb Frauen auch vor Politik zurückschrecken. Denn Hannelore Kohl hatte eigentlich eine große Abscheu vor Parteipolitik und vor konfliktträchtigem Streit, und deshalb ist sie für mich auch ein Opfer dieser alten Bonner Republik und dieses männlich geprägten Machtbegriffes."

Was auffällt beim Lesen von Körners Buch: Viele der Frauen, vor allem der jungen Bundesrepublik, kennt man heute nicht mehr, ihre Namen sind vergessen – die der männlichen Kollegen hingegen oft noch sehr präsent. Das hänge auch mit Konrad Adenauer zusammen, der die Bildwelten dieser Jahrzehnte monopolisiert habe.

"Denn die Wochenschauen waren auf ihn geeicht, Frauen wurden meist ausgeblendet. Dann gab es keine durchgängige bildliche Übertragung aus dem Bundestag in den ersten beiden Jahrzehnten."

Frauen seien der medialen Schere zum Opfer gefallen, sagt Körner. Seitdem hat sich einiges getan – und dennoch sind Frauen nach wie vor unterrepräsentiert im deutschen Parlament. Wer mit Körner aber zurückgeht in die Vergangenheit, lernt möglichweise auch etwas für ein weiteres Vorankommen in Zukunft.

Torsten Körner: "In der Männerrepublik. Wie Frauen die Politik eroberten"
Kiepenheuer & Witsch, 362 Seiten, 22 Euro.

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