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StartseiteDeutschland heute"Zu Hause haben wir keine Rechte - hier sind wir frei"15.01.2016

Frauenbild bei muslimischen Flüchtlingen"Zu Hause haben wir keine Rechte - hier sind wir frei"

Seit den sexuellen Übergriffen in der Kölner Silvesternacht wird über muslimische Männer und ihr Frauenbild diskutiert. Die Frage, ob muslimische Flüchtlinge archaische Verhaltensweisen nach Deutschland bringen, ist ein Thema - auch bei den Flüchtlingen selbst.

Von Kemal Hür

Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Berlin im Oktober 2015 (imago stock & people / Christian Thiel)
Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Berlin im Oktober 2015 (imago stock & people / Christian Thiel)
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In einer Notunterkunft für Flüchtlinge an der Lockerstraße in Berlin-Kreuzberg. Ein Mann geht mit einem Teller Salat in den Schlafbereich. Die Leiterin der Unterkunft und ein Sicherheitsmann erklären ihm, dass das nicht erlaubt sei. Gegessen werden darf nur im Speisesaal. Die Unterkunft ist eine Turnhalle. Diese ist in drei Schlafbereiche unterteilt. Zwei Bereiche für Männer, einer für Familien. 180 Flüchtlinge sind hier untergebracht, etwa 20 Prozent von ihnen sind Frauen.

Familienleben zwischen zwei Stockbetten

Weiße Stellwände trennen die Schlafbereiche voneinander. Leiterin Jeannette Eichner sagt: "Wir sind hier in dem Bereich für Familien. Hier sind Kinder untergebracht, Frauen und natürlich auch Familienväter. Wir haben hier eine kleine Spielecke. Dann hat sich jede Familie die Betten ein bisschen zusammengeschoben und, wie Sie sehen, verschiedene Laken und Betttücher, um ein bisschen Intimsphäre zu wahren und dass sie für sich sein können."

Je zwei zusammengestellte Stockbetten bilden den Schlafbereich für eine Familie. Eine Intimsphäre existiert nicht wirklich. Männer, Frauen und Kinder auf engstem Raum: Darin sehen die Bewohner aber kein Problem. Die Familien wollen nicht nach Geschlechtern getrennt werden.

"Keine Probleme mit gemischter Unterkunft"

Razie Naomi ist 43 Jahre alt. Die Iranerin flüchtete vor zwei Monaten mit ihrem 15-jährigen Sohn nach Berlin. Ihr Mann ist noch im Iran. Dass sie in dieser Unterkunft mit fremden Männern wohnt, stört sie nicht, sagt sie. "Ich habe keinerlei Probleme damit, dass wir hier in einer gemischten Unterkunft leben. Ich bin sehr zufrieden mit der Unterbringung."

In der Notunterkunft gibt es noch keinen Fernseher und kein Radio. Aber die meisten Bewohner haben Smartphones und halten sich über ihre Heimatländer und Deutschland auf dem Laufenden. Die sexuellen Übergriffe in der Kölner Silvesternacht sind nicht an ihnen vorbei gegangen. Razie Naomi ist wütend. "Wir Frauen haben im Iran keine Rechte. Ich bin glücklich, hier in Freiheit zu sein. Diese Männer, die Frauen überfallen haben, müssen bestraft und hinter Gitter gebracht werden."

Syrer über Gewalttäter von Köln: "Asozial und ungebildet"

Auch der LKW-Fahrer Mustafa aus Syrien wohnt mit seiner 21-jährigen Tochter und seinem Sohn im Familienbereich. Über die Kölner Gewalttäter sagt er, sie seien asozial und ungebildet. Man solle nicht von ihnen auf alle muslimischen Männer schließen. Hier in der Unterkunft sehe man, wie man respektvoll auf engstem Raum miteinander auskommen könne. "Der Islam wurde verkündet, um unser Leben zu erleichtern, nicht um es komplizierter zu machen. Wir waren gezwungen, unsere Heimatländer zu verlassen und befinden uns in großer Not. In dieser Situation erlaubt uns die Religion, diese Zustände zu akzeptieren. Männer genauso wie auch unsere Töchter und Frauen."

Die Leitung der Unterkunft bestätigt, dass das Zusammenleben von Frauen und Männern reibungslos funktioniere. Es gibt keine vorgeschriebenen Verhaltensregeln. Die Bewohner regeln das Miteinander selbständig. Die getrennten Sanitärbereiche befinden sich in den ehemaligen Umkleideräumen der Turnhalle. Ein Geräteraum wurde zum ärztlichen Sprechzimmer umfunktioniert. Überall gibt es arabischsprachige Hinweisschilder.

Eine Plästinenserin: Richtiges Verhalten ist wichtig

Für ein friedliches Zusammenleben brauche man keine Verhaltensregeln von außen, sagt die 21-jährige Palästinenserin Weam, die mit ihrer Mutter und ihrem Bruder hier wohnt: "Ich fühle mich hier wie in meiner Familie. Es ist wichtig, wie eine Frau sich verhält. Und das richtige Verhalten kommt von der Erziehung. Wenn eine Frau gut erzogen ist, wird sie keine Schwierigkeiten bekommen. Es kommt also immer darauf an, wie sich eine Frau verhält."

Weam hat in Syrien Architektur studiert und musste kurz vor dem Abschluss aus dem Bürgerkriegsland flüchten. Sie bedeckt ihre Haare mit einem schwarzen Untertuch, darüber hat sie einen grauen Schal gewickelt. Sie habe in Berlin auch schon Kontakt zu deutschen Frauen, die ihre Haare frei tragen. Die muslimischen Männer müssten sie genauso respektvoll behandeln, sagt sie.

Ein Flüchtling sagt: "Muslimische Männer verlieren ihren Kopf"

Der 23-jährige Krankenpfleger Farzad kommt aus Afghanistan. Er sei geschockt gewesen, als er von den sexuellen Übergriffen in Köln erfahren habe, sagt er, weil er so etwas in Deutschland nicht für möglich gehalten habe. Aber er sei nicht überrascht, dass die Täter muslimische Männer seien. "Nach islamischem Recht darf ein Mann vier Frauen haben. Wenn ein muslimischer Mann eine Frau sieht, die ihm gefällt, verliert er den Kopf. Sein Blut kommt zur Wallung. Und er hat nur noch einen Gedanken. Er überlegt, wie er diese Frau haben kann."

Er selbst lehnt die Polygamie ab und verurteilt die sexuellen Übergriffe. Er habe dem Islam den Rücken gekehrt und sei zum Christentum übergetreten, sagt Farzad. In der Unterkunft habe er deswegen keine Schwierigkeiten gehabt. Übrigens auch nicht die Frauen. Es habe bislang eine einzige Beschwerde gegeben, sagt die Heimleitung: Jemand habe mitten in der Nacht sehr laut den islamischen Gebetsruf gespielt. Man werde aber mit den Bewohnern reden und für eine Nachtruhe nach 22 Uhr sorgen.

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