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StartseiteSport am WochenendeEin Schneeballeffekt stößt an Grenzen04.01.2020

FrauenringenEin Schneeballeffekt stößt an Grenzen

Eine erstaunliche Zahl von jungen Mädchen hat in den USA Interesse am Freistilringen entdeckt. Nun muss die Sportart mit dem Zuwachs zurechtkommen. Und stößt dabei auf einige Probleme.

Von Jürgen Kalwa

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Aline Rotter Focken (r.) aus Deutschland ringt gegen die US- Amerikanerin Adeline Maria Gray. (dpa / picture alliance / Kadir Caliskan)
Ringen wird bei Frauen in den USA immer beliebter (dpa / picture alliance / Kadir Caliskan)

Die Veranstaltung jedes Jahr im Frühjahr gehört im Bundesstaat North Carolina zu den Klassikern des amerikanischen Schulsports. Hunderte von Schülern kommen in einer großen Halle vor ein paar tausend Zuschauern zusammen, um ihre Meister im Ringen zu ermitteln. Alles fein getrennt nach Altersstufen und Gewichtsklassen, damit es möglichst fair zugeht. Das Prozedere schloss allerdings seit ewigen Zeiten eine ganz bestimmte Gruppe bewusst aus: Junge Mädchen.

Anfang 2019 allerdings gaben sich die Veranstalter endlich einen Ruck und luden knapp hundert der besten Mädchen aus 55 Schulen ein. Und zwar zu einem separaten Turnier.

Die erste, die ihren Wettbewerb gewann, die 18-jährige Mittelgewichtlerin Amber Parker, wurde entsprechend gefeiert und aus dem Stand zu einer lokalen Berühmtheit: "Ich dachte nur: Wow, ich habe es gepackt. Ich habe so hart gearbeitet. Jetzt ist es Realität geworden."

Amerikaweiter Boom mit mageren Entfaltungsmöglichkeiten 

Amber hatte erst ein Jahr zuvor mit dem Ringen angefangen und konnte an ihrer Schule nur gegen gleichaltrige Jungen antreten. Ein Los, das sie mit vielen teilt. Die Sportart erlebt zwar einen Boom und hat innerhalb weniger Jahre eine Zahl von rund 20.000 Teenagerinnen amerikaweit angelockt.

Es reizt sie, was ihnen die Sportart abverlangt. Eine 16-jährige Ringerin erklärte einem Reporter in North Carolina: "Ich treibe mich stärker an. Ich stehe jedes Mal wieder auf, und ich gebe nicht auf."

Aber die Entfaltungsmöglichkeiten sind nach wie vor mager. So mangelt es unter anderem an Angeboten auf der College-Ebene. Also dort, wo Sport in Amerika traditionell die Idee von körperlicher und geistiger Fitness am markantesten kultiviert hat.

Immerhin wird mittlerweile von unten mehr Druck gemacht. Etwa durch die Initiative "Wrestle like a Girl" - Ringen wie ein Mädchen.

Gegründet wurde die Kampagne von Sally Roberts. Sie hatte die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2008 knapp verpasst und anschließend sechs Jahre in der amerikanischen Armee gedient. Unter anderem in Afghanistan. Roberts erklärte in dieser Woche dem Deutschlandfunk die frappante Entwicklung:     

"Ringen für die Frauen begann ganz oben mit der Aufnahme ins Olympische Programm. Inzwischen haben wir 20 Bundesstaaten, in denen Mädchen offiziell anerkannt ringen und in Turnieren auf staatlicher Ebene untereinander Meisterschaften austragen. Mit den Angeboten und den Chancen ist die Zahl der Teilnehmerinnen gestiegen. Und das wird von den Entscheidungsträgern inzwischen in wachsendem Maße akzeptiert."

Jungen weigern sich gegen Mädchen anzutreten

Ein Schneeballeffekt, der vielleicht auch im Laufe der Zeit ein ganz bestimmtes Problem lösen kann. Dort wo es keine eigenen Wettbewerbe für Mädchen gibt, passiert es immer wieder, dass sich Jungen weigern, gegen sie anzutreten.

So wie neulich in Colorado bei den Staatsmeisterschaften der Schüler. Resultat: große Schlagzeilen und darunter die Begründung  des Verweigerers: "Mir behagen eine Reihe von Dingen nicht. Der Körperkontakt. Und auch die Aggressivität, die einfach dazugehört. Ich will keine junge Dame so behandeln. Nicht auf der Matte und nicht abseits der Matte."

Aber auch Mädchen finden diese Situation nicht ideal, erläutert Sally Roberts:

"Die Sportlerinnen sagen immer wieder, dass sie lieber gegen andere weibliche Athleten kämpfen. Es stärkt ihr Gefühl für ihren Körper. Man sorgt für so etwas wie Schwesternschaft. Und sie erleben so nicht denselben kulturellen und gesellschaftlichen Druck."           

Sie selbst hatte als Teenager die Erfahrung gemacht gegen Jungen anzutreten, und weiß: "Die Bewegung des weiblichen Körpers ist anders. Ich habe das im Training erlebt, wo ich sowohl gegen Männer als auch gegen Frauen gerungen habe."

Auch in Deutschland tut sich übrigens beim Mädchen-Ringen inzwischen etwas. Das zeigte eine Veranstaltung in Berlin im August - der allererste "schoolgirls Team-Cup". Ein Mannschaftswettbewerb für den weiblichen Nachwuchs.

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