Donnerstag, 19.09.2019
 
Seit 17:35 Uhr Kultur heute

Frauensache Fußball

Kolloquium am Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterforschung der Humboldt-Universität

Fußball ist Männersache? Nicht überall: Eva Boesenberg, Professorin für Amerikanistik an der Humboldt-Universität Berlin, analysiert den Fußball in den USA, wo der Sport - anders als im Rest der Welt - als unmännlich gilt. Fußball - diesen Familiensport betreiben nur karrierebewusste Weicheier, so die Tendenz bei vielen Kommentaren.

Von Eva-Maria Götz

Deutschland gegen Mexiko. (AP Archiv)
Deutschland gegen Mexiko. (AP Archiv)
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" Die Form von Männlichkeit, die über den Fußball befördert wird, ist vielleicht sehr nützlich in unserer Informationsgesellschaft, da werden Fähigkeiten ausgebildet wie Teamfähigkeit, Flexibilität, und das kann unter Umständen karriereförderlich sein in diesem Milieu."

Eva Boesenberg, Professorin für Amerikanistik an der Humboldt Universität Berlin, analysiert den Fußball in den USA, wo der Sport, anders als im Rest der Welt, als unmännlich gilt als etwas für karrierebewusste "Weicheier", schlimmer noch:

" Viele Kommentatoren beschreiben den Sport als explizit unamerikanisch, weil er kollektive Tendenzen zu sehr in den Vordergrund stellt, ein Grund liegt sicher darin, dass Fußball zu einem hohen Prozentsatz, ungefähr 40 % von Frauen und Mädchen gespielt wird, so dass er auch nicht als harter, männlicher, sondern als Familiensport wahrgenommen wird."

"Achtung: Frauen gefährden den Männer-Fußball" könnte das auch heißen. Und am Ende kommt es dann nur noch auf das freundliche Miteinander an, nicht auf den hart erkämpften Sieg: an Nordamerikas Ostküste werden gelegentlich bei einem Spiel nicht einmal mehr die Tore gezählt, um nur ja niemandem zu nahe zu treten. Eva Boesenberg:

" Das Bild von Fußball ist sehr stark durch das Stereotyp des Intellektuellen oder der Intellektuellen geprägt, der oder die auch französischen Ziegenkäse zu schätzen weiß und Starbuck-Kaffee trinkt, also sich im Konsumverhalten auch auf europäische Kultur bezieht statt diese uramerikanischen Werte und Produkte zu bevorzugen."

Ganz anders sieht die Lage in Afrika aus, wo der Fußball als der Männersport schlechthin gilt. Und doch: in der afrikanischen Tradition gibt es auch andere Idealbilder von Männlichkeit als den starken, jungen, auf den eigenen Körper fixierten Spieler: da werden die Alten, die Familienoberhäupter, in der Gesellschaft mehr respektiert und junge Männer müssen lernen, dass sie auf dem Spielfeld zwar glänzen können, zuhause aber dennoch nicht das Sagen haben, erläutert Susann Baller vom Institut für Afrikawissenschaften der Humboldt Universität. Trotzdem, oder vielleicht grade deswegen, gelten erfolgreiche Fußballspieler in Afrika als die Heroen des Alltags:

" Grade in der Präsentation der WM Teilnahme 2002 ist es dann nicht von ungefähr, dass Bilder der vorkolonialen Könige ausgegraben und mit denen die Mannschaft verglichen wird und deren Heroenhaftigkeit in irgendwelchen kriegerischen Kämpfen, die bei uns vielleicht so nicht existieren und gleichzeitig ist es interessant, dass diese Männlichkeitsideale, die im Fußball verkörpert werden, wozu auch Erfolg und Geld gehört in der Realität nicht wirklich gelebt werden können, weil die Leute gar nicht Erfolg und Geld haben, aber durch die Identifikation mit ihrer Nationalmannschaft etwas an diesem Erfolg teilhaben."

Und wie sieht es nun in good old Europe aus mit dem grünen Rasen als der letzten Bastion der Männlichkeit. Georg Spitaler vom Institut für Politikwissenschaften der Universität Wien:

" Banal gesprochen lässt sich sagen, dass Fußball dort wo er Nationalsport geworden ist, immer mit einen Ausschluss von Frauen zusammengeht sowohl auf einer symbolischen Ebene als auch ganz praktisch, was sozusagen die Akteure betrifft."

Doch das Bild vom Titanen bröckelt auch hier, und zwar auf höchster Ebene:

" In diesem Zusammenhang gibt es Thesen, dass grade Figuren wie Franz Beckenbauer ein Beleg dafür sind, wie sich auch Männlichkeitsbilder in diesen Etagen des Fußballs verändert haben im Zuge dieser Kommerzialisierung und Professionalisierung, dass das, was früher klassische paternalistische Männerbünde waren zumindest mit so einer Rhetorik globalisierten Managementphilosophie daher kommen und das entspricht neuen hegemonialen Bildern von Männlichkeit, die heute in den unterschiedlichsten Ländern als Leitbild wichtig geworden sind."

Global Players oder Vereinstreue von der Wiege bis zur Bahre, Männer- oder Familiensport, Kahn oder Lehmann?? Almut Sülzle, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Marburg bezweifelt, dass sich zumindest auf der Fanseite das Männerbild grundlegend ändert.

" Es ist vielfältiger geworden, aber im Grunde genommen bleiben die Ideale, die so aus dem Militärischen kommen, von Härte, von Konkurrenz, von Wettbewerb, von so einer männerbündischen Struktur, die sind nicht außer Kraft gesetzt, die werden nicht mal angekratzt. Für die Fankultur ist es auf jeden Fall das Modell Kahn das, um das es geht."

Da bleibt den Frauen nur, mit Humor und Gelassenheit zu reagieren und mit einer Prise Selbstironie:

" Es gibt einen Fanclub, die nennen sich selber so, "Titten unterwegs", das kommt daher, dass sie selber festgestellt haben, okay, wenn wir irgendwo auftreten als geballt fünf, sechs oder zehn Frauen im Fanblock, dann werden wir abschätzig als "die Titten" oder "die Mädels" oder so (gesehen), und dann haben sie beschlossen, dass sie sich selbst diesen Namen gleich selbst aneignen und haben festgestellt, dass das ziemlich gut funktioniert, dass sie dann die Männer irritieren können, denen bleibt erstmal das Wort im Munde stecken und dann sind sie ruhig und dann fangen sie fast an zu denken."

Frauenfußball spielt in diesem Kontext übrigens keine Rolle, er wird nicht einmal als die gleiche Sportart wahrgenommen, da kann die Kanzlerin sagen was sie will.

" Die Frauen sind ja schon Weltmeister und ich sehe nicht ein, warum die Männer nicht das Gleiche schaffen sollten wie die Frauen."

Georg Spitaler meint:

" Das zeigt, dass sich im Feld der Politik schon mehr getan hat als im Feld des Fußballs, weil eine Kanzlerin gibt es schon, aber eine DFB Präsidentin glaub ich wird's länger noch nicht geben."

Aber mit solchen Prognosen hat sich auch in der Politik schon mancher geirrt und das ist noch gar nicht so lange her.

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