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StartseiteBüchermarkt"Gott ist weit, die Gestapo ist nah"28.12.2020

Fred von Hoerschelmann: "Werke""Gott ist weit, die Gestapo ist nah"

Der deutsch-baltische Schriftsteller Fred von Hoerschelmann (1901-1976) zählte in der Weimarer Republik zu den Wegbereitern der neuen Kunstform des Hörspiels. Sein Werk war lange vergriffen – bis sich der Göttinger Wallstein Verlag verdient gemacht hat mit einer beeindruckenden Neuausgabe.

Von Michael Köhler

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Buchcover Fred Hoerschelmann: Werke (Wallstein Verlag)
Der deutsch-baltische Schriftsteller Fred Hoerschelmann übersetzte aus dem Russischen und sprach mehrere europäische Sprachen. (Wallstein Verlag)
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"Fred von Hoerschelmanns Biografie ist ausnahmsvoll und typisch zugleich. Dass er mehr als ein Drittel seiner Zeit, seiner Lebenszeit auf Reisen verbracht hat, ist sicher typisch für ihn, und wohl auch typisch für ein heutiges europäisches Schicksal. In einer Außenstation der deutschen Sprache geboren wie Paul Celan, von den Geschichtsläufen aus der sogenannten Heimat verschlagen, anderswo Fuß gefasst. Und Heimat konnte nicht mehr Ort und Landschaft sein, aber vielleicht Sprache, vielleicht Literatur, sicherlich Menschen. Unterwegs sein als heutige Lebensform, das ist ausnahmsvoll und typisch zugleich."

Was Dieter Hasselblatt ebenso einfühlsam wie präzise beschrieben hat, ist die Geschichte eines Exilanten im eigenen Sprachraum. Hasselblatt war ein Weggefährte und Freund des Autors. Hasselblatt war Hörspielautor und kam wie Hoerschelmann auch aus dem Baltikum, aus Estland. Der 25 Jahre jüngere Hasselblatt war seit 1963 Hörspielchef des gerade gegründeten, noch ganz jungen Deutschlandfunk. Fred von Hoerschelmann stand ihm als Landsmann nahe, ebenso als Erzähler und Autor, der im Nachkriegsdeutschland über menschliche Abgründe schrieb.

Ein Werk zwischen Rainer Maria Rilke und Franz Kafka

Nur wenige Jahre später sprach der junge Siegfried Lenz im Deutschlandfunk seinen Roman "Deutschstunde" ein, und zwar noch bevor dieser als Buch erschien. Man muss sich das in Erinnerung rufen, wenn im nun folgenden die Bedeutung eines nahezu vergessenen, wichtigen deutschen Schriftstellers hervorgehoben wird. Der Göttinger Wallstein Verlag legt in vier Bänden eine Werkausgabe vor, die lange vergriffene Texte wieder zugänglich macht.

Dieses editorische Projekt ist gar nicht genug zu loben, weil es einen Autor aus dem Erinnerungsschatten der Literaturgeschichte holt. Ein Autor und Erzähler, der zwischen Stefan Zweig und Thomas Mann, zwischen Eduard von Keyserling und Johannes Bobrowski, zwischen Rainer Maria Rilke und Franz Kafka ein Werk geschaffen hat, das buchstäblich ins Ohr geht: klingende Prosa.

Nur hat sie nichts Opernhaftes. Da sind keine baltischen Großgrundbesitzer, die über den Verlust ihrer Ländereien oder den Niedergang der Aristokratie jammern oder nervolabile Damen der feinen Gesellschaft, die ihre Seelenzerrüttungen dekorieren oder exaltierte, vergnügungssüchtige Großstadtpflanzen, die ihren Weg als Künstlerexistenz suchen.

Ein Klassiker des Hörspiel-Genres

Oft geht es um wenige Personen in tragischen Situationen, die letztlich allein sind und bleiben. Es geht um existentielle Fragen eines aus Zusammenhängen gerissenen modernen Individuums, das unaufhörlich schuldig wird. Aber der Reihe nach: Zuerst widmen wir uns den Lebensstationen Fred von Hoerschelmanns, dann geht es um seine Hörspiele, für die er berühmt ist, danach werfen wir einen Blick auf die Erzählungen und schließlich geht es um seine Gedichte und Aufsätze zur Literatur.

"Als Hörspielautor - und ein solcher war Fred von Hoerschelmann aus meiner Sicht ja vor allem - ist er ein Klassiker dieses Genres, dieser Kunstform des Radios. Das gilt bereits für die Frühzeit des Hörspiels."

Wolfgang Schiffer ist Schriftsteller und Übersetzer. Er war viele Jahre Dramaturg und leitender Hörspielredakteur beim WDR. Schiffer hebt den Funkautor und Hörspielpionier Hoerschelmann hervor:

"Sein Hörspiel ‚Flucht vor der Freiheit‘, das in einer ersten Fassung kurz vor 1930 entstand, ist manchen Hörspielkennern bereits solch ein Klassiker. Meines Wissens aber ist sie als Tonaufnahme nicht mehr oder zumindest nicht mehr vollständig erhalten. In jedem Fall aber trifft dieses Prädikat auf die Nachkriegszeit zu, in der Hoerschelmann bis zu seinem Tod 1976 mehr als 20 Hörspiele schuf und zahlreiche Hörspielbearbeitungen großer Romane und Bühnenstücke, Tolstoi, Dostojewski und so weiter.

Da reiht er sich ein als Vertreter des seinerzeit modernen literarischen Hörspiels in eine Liste namhafter Autoren und Autorinnen der deutschsprachigen Literatur. Ich nenne nur Ingeborg Bachmann, Günter Eich, Wolfgang Weyrauch, Heinrich Böll, Friedrich Dürrenmatt, Marie-Luise Kaschnitz nicht zu vergessen. Alfred Andersch und ja, mach andere illustre Namen noch.

Die Frage nach Schuld und Verantwortung, Flucht und Vertreibung

Als Kind eines baltischen Barons wird Fred von Hoerschelmann 1901 am nordöstlichen Rand des deutschen Sprachraums geboren, genießt eine klassische Bildung und wächst mehrsprachig auf. Jenseits der künstlerischen Metropolen Berlin, München, Dresden wächst Hoerschelmann in einem multikulturellen Umfeld auf. Seit Ende der 1920er Jahre übersetzt er aus dem Russischen und schreibt für die Vossische Zeitung oder die Berliner Zeitung am Mittag.

Als er 1933 nach Berlin reist, ist er im Hitler-Deutschland ein Ausländer. Im NS-Staat erkennt der zunächst national Gesinnte rasch das Kleinbürgerliche und Gewalttätige am Werk. Er schlägt sich als Übersetzer und Gelegenheitsautor bei Zeitungen durch. Als Deutsch-Balte musste er 1939 nach dem Hitler-Stalin Pakt seine Heimat verlassen.

Die Frage nach Schuld und Verantwortung, nach Flucht und Vertreibung, nach Freiheit und Entscheidung, zählt von Anfang an zum Kern seines Schreibens. Bereits 1928/29, das neue Medium Radio ist gerade mal fünf Jahre alt, ist die erste von drei Fassungen eines Hörspiels fertig, dessen vielsagender Titel "Flucht vor der Freiheit" lautet.

Es ist die Geschichte zweier Männer, die isoliert auf einer einsamen Leuchtturminsel arbeiten. Die vorliegende Werkausgabe druckt alle drei Fassungen ab, aus den 20er-Jahren, aus den 30er-Jahren und aus den 50er-Jahren.

Leuchtturmwärter "Rauk" ist darin ein griesgrämiger Menschenfeind, ein argwöhnischer Mann, der verhindern will, dass der anwesende Ingenieur "Wegel" die Insel verlässt. Ingenieur Wegel aber will seiner Schuld entkommen, weil er eine fehlerhafte Grubenlampe entwickelt hat, die 14 Bergleute in den Tod riss.

Hoerschelmann zeigt: der Mensch ist gefangen in Geschichte und seinen eigenen Geschichten. Die Aussicht auf Freiheit ist aussichtslos. Das ist ebenso zeitkritisch wie existentialistisch. Der Mensch verstrickt sich in Schuld und versündigt sich. Ein Ausschnitt:

"A: ‚Sagen Sie mal Wegel, warum haben sie mir denn nicht früher gesagt, dass Sie Ingenieur sind?......  eine faule Stelle‘

E: ‚…Aber jetzt bin ich zufrieden‘"

Sie haben Gotttes Sinn für Gerechtigkeit

In dem Hörspiel "Die verschlossene Tür" von 1952 greift der Autor die jüngere Vergangenheit auf. Der baltische Gutsherr Herbert Baron Kedell hat sein Anwesen eingebüßt, erhält aber ein Ersatzgut. Von der ersten Zeile an geht es um Baltendeutsche, die ins Wartheland umgesiedelt werden. Der baltische Adelige Kedell ist Opfer und Nutznießer zugleich. Und er verrät den ehemaligen Gutsbesitzer, den polnischen Juden Dr. Levi, der sich vor den Nazis versteckte, nicht:

"LEVI: ‚Bestimmt, sie kennen die Leute hier Baron…sie sind ein Träumer. Sagen Sie Baron, warum tun sie überhaupt so viel für mich?‘
KEDELL: ‚Wahrscheinlich, weil zu viel gegen sie getan wurde. Ich habe einen gewissen privaten Sinn für Gerechtigkeit.‘ 
LEVI: ‚Nein Baron, Sie haben nicht einen privaten Sinn für Gerechtigkeit. Sie haben Gottes Sinn für Gerechtigkeit.‘
KEDELL: ‚Wissen Sie, Gott ist weit, die Gestapo ist nah.‘
LEVI: ‚Aber Gott wird es ihnen lohnen.‘
KEDELL: ‚Und jetzt legen Sie sich wieder hin, Herr Levi. Sie müssen sich noch schonen.‘"

Das berühmteste Werk Hoerschelmanns

Für Hörspielredakteur Wolfgang Schiffer ragt ein Werk unter den Radiofassungen heraus:

"Vor allem das Hörspiel, `Das Schiff Esperanza´ aus dem Jahre 1953, eines der meistgespielten Hörspiele, wenn nicht das meistgespielte und auch am meisten übersetzte Hörspiel in der Geschichte der ARD. In den 60er-Jahren war es dann als Text sogar Pflichtlektüre im Deutschunterricht der Gymnasien. `Das Schiff Esperanza´ handelt im Kern, neben einer tragischen Vater-Sohn-Geschichte, von einem verbrecherischen Schiffskapitän, der unter dem Vorwand, sie nach Amerika zu bringen, für teures Geld illegale Flüchtlinge in seinem Frachtraum versteckt, um sie dann jämmerlich vor der Küste ertrinken zu lassen. Kaum ein anderes Hörspiel stellt die Zeitlosigkeit, die ein akustisch literarisches Werk für sich beanspruchen kann, meines Erachtens besser unter Beweis als Fred von Hoerschelmanns Hörspiel `Das Schiff Esperanza´."

Es ist das berühmteste Werk Hoerschelmanns, eine Fabel über Auswanderer und Flüchtlinge, Hoffnungslose und Exilanten, Gewissenlosigkeit und individuelle Schuld. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschrieben, klingt es in unseren Ohren heute wie ein zeitgenössisches Stück über Asylsuchende und Boatpeople.

Ein Mord an den Flüchtlingen

Genauso gut lässt es sich als die ewige Daseinsmetapher vom Schiffbruch, dem Unterwegssein und dem Ausgesetzt sein lesen oder auch als bitterböse politische Fabel auf die NS-Zeit. Kapitän Grove verdient im Stück nämlich sein Geld mit Mord an Flüchtlingen. Er will den Zwängen seines Handelns entfliehen, bemerkt aber nicht, dass sein Sohn Axel unter den Flüchtlingen ist. Er hat ihn, wie auch die Flüchtlinge, schutzlos ausgeliefert und dem Schicksal überlassen. Hier die Variante von 1953 des NWDR:

"Bengtsen: ‚Was tun Sie denn, Kapitän?‘
Grove: ‚Zurück. Sofort zurück!‘
Bengtsen: ‚Aber das hat doch keinen Sinn. Wo vorhin die Sandbank war‘
Bengtsen: ‚Es ist doch ganz zwecklos‘
Grove: ‚Aber man kann doch nicht einfach dastehen und zusehen.‘

Eine Folge der Diktatur

Ende der 1920er-Jahre, zu einer Zeit als Alfred Döblin etwa in expressionistisch, collagierender, neuer Großstadt prosa schreibt, hält Hoerschelmann an melancholisch-resignativem, traditionellem Erzählen im Stile Stefan Zweigs fest. Zur Gruppe 47 zählte er nicht. Er galt als unmodern.

Hoerschelmann: "‘Ich weiß gar nicht, warum.  Ich hab‘ einmal mit Robbe-Grillet gesprochen. Der sagte, man kann heute nicht mehr so schreiben, wie etwa Balzac geschrieben hat. Jede Zeit, sagt er, verlangt einen ganz besonderen Stil. Und der Stil dieser Erzählung, des Erzählten, wo der Erzähler alles weiß, usw., die ist eben heute nicht mehr möglich. Die Gesellschaft hat sich verändert, infolgedessen hat sich auch die ganze Struktur einer Erzählung verändert. Ich sagte, aber wie ist das denn jetzt mit Russland? In Russland hat sich die Gesellschaftsstruktur aufs radikalste verändert, aber die Leute, die dort schreiben, erzählen eigentlich genauso wie Tolstoi erzählt hat.

Darauf meinte er, ja das war eben Folge der Diktatur oder so. Aber, sie schreiben ja auch, wenn sie nicht in der Diktatur schreiben.‘
‚Sie teilen also offenbar Robbe-Grillets Meinung nicht ganz?‘
‚Stimmt nicht, nein! Man könnte heute genauso gut erzählen wie immer.‘"

"Sehr verehrte Insel"

Der aus seiner Heimat an der litauischen Ostsee vertriebene Deutsch-Balte Fred von Hoerschelmann spricht liebevoll und einfühlsam, unaufgeregt und zornlos, unbeeilt und erinnerungssicher über seine heimatliche Landschaft, wie über eine verlorene Geliebte. Der Anfang von: "Brief an eine Landschaft":

"Sehr verehrte Insel, wenn sie diesen Brief lesen – und sie werden es nicht, denn sie kennen keine Buchstaben, nur Bäume, Wolken und Winde, werden sie sich meiner nicht erinnern … es ist nicht eitel von mir, wenn ich dieses "einander" ausspreche, denn ich hatte damals, sogleich, wenn auch kaum wahrgenommen, die beruhigende Gewissheit, dass auch sie freundlich von  mir dachten, dass ihre blauen verschwimmenden Träume mich mitenthielten, dass sie mir hier und da, so mit der linken Hand und gleichsam ohne recht hinzusehen, ein Geschenk nach dem anderen machten."

In ihrem scheinbar konventionellen Stil, der an Tolstoi und Dostojewski geschult ist, wo Sätze gut und gern auch schon mal über acht bis zehn Zeilen gehen, wird diese klangvolle Literatur selber zum Geschenk. Denn die unendliche Kombination aus 27 Buchstaben wird zum semantischen Ereignis, wenn sie gesprochen wird und in uns klingt.

Wie die kleineren Stimmen aller Dinge

Hoerschelmann ist durch und durch ein akustischer Prosaist. Er weiß um die Wirkung von Lauten, er ist ein radiophoner Schriftsteller. In der Erzählung "Brief an eine Landschaft" von 1953 geht es im Mittelteil dann um Schafe, Windmühen, Gras und um die unbemerkte Liebe zu dieser Landschaft. Bedeutung gewinnt das Erfahrene meist erst im Entzug. Die Erzählung endet so:

"Jetzt wie gesagt, ist es zu spät, und ich werde sie nie wiedersehen. Ich werde nie wieder in einem Ihrer dunkelroten Holzhäuser wohnen, jetzt sind vielmehr sie es, die mich bewohnen. Sie bewohnen meine Träume und die Zwischenräume des Tages, und hinter jeder Straßenwand, an der ich vorbeikomme, beginnt ihr Reich. Ich weiß, dass es sie noch genau so gibt, wie Sie damals waren, dass kein Alter sie verändern und keine Verwundung sie entstellen, daß Sie noch jung und blühend sein werden, wenn ich längst tot bin.

Es bleibt mir nichts, als Ihnen, obgleich Sie diese Worte nie lesen werden, zu sagen, daß ich Sie immer lieben werde, und daß Ihre Stimme, mit der sie nicht zu mir sprechen, aber zu den Gewittern über ihnen, zum Sturm, der durch sie saust, zur Sonne, die ihre Glieder umfängt, und, lachend, zu den Möwen, für mich so nah und so vernehmbar bleibt, wie die kleineren Stimmen aller Dinge, die ich im Leben verloren habe."

Hoerschelmanns europäische Weltläufigkeit

In einem Antwortschreiben vom Mai 1975, ein Jahr vor seinem Tod, schreibt Hoerschelmann an einen interessierten Leser, dass seine Erzählungen seit 25 Jahren vergriffen sind und "vermutlich nicht neu aufgelegt werden." Das sind insgesamt jetzt also 70 Jahre. Damit war auch der Autor so gut wie verschwunden. Die vierbändige Ausgabe der Werke Fred von Hoerschelmanns macht dieses großartige Stück Literatur wieder verfügbar. Herausgeber Hagen Schäfer, der Verlag und die beteiligten Förderer der Ausgabe tun etwas Edles: sie legen vor, nicht aus.

In einem Radiogespräch von 1967 spricht Hoerschelmann davon, dass er die Musik Bartoks liebt und die Literatur Goethes und Tolstois, und natürlich Dostojewski. Der deutsch-baltische Schriftsteller übersetzte aus dem Russischen und sprach mehrere europäische Sprachen.

Dieser sonderbare Geruch von brennendem Papier

Zu seinen frühen Erzählungen und Fragmenten zählt diese Miniatur über eine russische Dame am Klavier:

"Die russische Dame am Klavier hatte schon fünf Lieder gesungen. Der orangene Lampenschirm aus Papier saß tief auf der Glühlampe, es herrschte Dämmerung, es war schwül, die Dame hatte wüst angeheizte Augen, hier und da war sie schon etwas ältlich, aber sie produzierte schmachtendes Temperament, unaufhörlich. Dann sang sie das sechste Lied. ‚Ich sitze am Kamin, der letzte Liebesbrief versinkt im Feuer, nur Asche bleibt…‘ Es war ein bitteres Lied in süßen Dreivierteln. Nach dem ersten Vers hielt sie inne und sah sich um. "Schönes Lied", sagte sie. ‚Stimmung. Und ich habe ebenso gesungen, verstehen Sie, so, daß sich geradezu rieche, wie dieser Brief verbrennt.‘

Dann sang Sie den zweiten Vers. Der Kamin wurde in allerhand Beziehungen zum intimen Leben gebracht, und der Liebesbrief verkohlte im Dreivierteltakt. Dann war sie fertig. Sie schloss die Augen und sagte: ‚Nein, wirklich. Wie ich das fühle. Das Feuer, den Brief, ach, und den Geruch, diesen sonderbaren Geruch von brennendem Papier. Ja, die Fantasie!‘ Und in diesem Moment musste ausgerechnet der Lampenschirm Feuer fangen, der so tief auf der Birne gesessen und schon seit zehn Minuten leicht geraucht hatte."

Eine russisch inspirierte Salon-Miniatur aus Worten, die alle Sinne aufruft, ein rhythmisches Fragment, das klingt und singt, riecht und raucht. Und zugleich ein Stück über die literarische Kreuzblende von Fantasie und Realität.

Das expressionistische Pathos eines Franz Werfel

Nun zu einer anderen Gattung: In Ton und Wortfeld stehen die Gedichte Fred von Hoerschelmanns der naturmagischen Dichtung Rainer Maria Rilkes näher als dem expressionistischen Pathos eines Franz Werfel.

Alma Mahler-Werfel mit ihrem Ehemann Franz Werfel (undatierte Schwarz-weiß-Aufnahme) (dpa/picture alliance) (dpa/picture alliance)Vor 75 Jahren: Der österreichische Schriftsteller Franz Werfel gestorben
Franz Werfel avancierte mit expressionistischer Lyrik schon in jungen Jahren zu einem der bekanntesten deutschsprachigen Schriftsteller. Geboren wurde er 1890 im alten Prag, das er in seinen Büchern beschwor und fortleben ließ. 

Nur: ihnen ist Gott abhandengekommen. Anders als bei Hölderlin heißt es bei Hoerschelmann: "Aber fern sind und schweigend die Götter." Und 1945 heißt es über die geschehenen Gräuel in einem Vers: "Gott, der Allwissende ließ es geschehen." Licht, Mond, Sterne, Nebel, Wasser, Regen, Wind tauchen immer wieder auf, etwa in dem Gedichtzyklus zwischen 1945 und 1970 "Der Wein, den ich trinke, heißt Schlaf":

"Ich warte, aber auf nichts.
Ich spreche viel, aber mit Asche und Wind,
Ich fahre, aber über Sand.
Ich lache selten, aber auf der falschen Stelle.
Das Haus, in dem ich wohne, heißt Regen.
Der Wein, den ich trinke, heißt Schlaf.
Die Frau, die ich liebe heißt kleines Gelächter.
Manchmal hänge ich mich auf,
aber an mir selbst.
Und so falle ich wieder herunter."

Ein Glückwunsch an Herausgeber und Verlag

Unter den Aufsätzen zur Literatur fällt auf, dass Fred von Hoerschelmann sich viel mit der französischen Literatur befasst hat. Aufsätze über Paul Valery, Marcel Proust, Jean Paul Sartre und andere fallen ins Auge. Insbesondere eine längere Abhandlung über George Bernanos passt ins Bild. Bernanos war eine Art französisch-katholischer Exilant, der aus Brasilien für die Resistance eintrat und den Menschen zwischen göttlichen und satanischen Mächten im Kampf sah.

Insgesamt ist die von Hagen Schäfer herausgegebene Werkausgabe der Hörspiele, Erzählungen, Gedichte, Schauspiele und Aufsätze zur Literatur vörzüglich ediert. Vier Bände in Leinen mit Schutzumschlag, eine lesefreundliche Antiquaschrift mit großzügigem Satzspiegel, Kolumnentitel, eine ordentliche Paginierung, nahezu keine Druckfehler, ein Stellenkommentar zur Entstehung und Worterklärungen machen diese vierbändige Edition zur Referenzausgabe.

Nun bleiben nur noch zwei Wünsche offen. Erstens: diesem Autor Leser zu gewinnen, die neugierig sind auf ein unbekanntes Kapitel deutscher Literaturgeschichte und einen wichtigen Schriftsteller, der nicht nur ein Hörspielautor ist. Und zweitens: eine Hörbuchausgabe, wenigstens von Teilen seiner Erzählungen und Gedichte sowie eine Edition der historischen Hörspiele. Herausgeber und Verlag, ebenso die Förderer dieses Projekts, sind nur zu beglückwünschen.

Fred von Hoerschelmann: "Werke in vier Bänden"
Herausgegeben von Hagen Schäfer
Wallstein Verlag, Göttingen, 2428 Seiten, 199 Euro.

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