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StartseiteForschung aktuellFreier Wille unter der Lupe14.04.2008

Freier Wille unter der Lupe

Entscheidungen haben einen langen Weg ins Bewusstsein

<strong>Psychologie. - Viele alltägliche Handlungen laufen unbewusst ab, automatisch, ohne Nachdenken. Bewusste Entscheidungen aber fällen wir mit Hilfe unseres freien Willens, so die bisherige Überzeugung. Neue Untersuchungen deutscher Forscher stellen das aber infrage.</strong>

Von William Vorsatz

Kurz bevor er in der Röhre verschwindet, bekommt der Mann letzte Anweisungen. Professor John-Dylan Haynes vom Berstein-Zentrum für Computational Neuroscience in Berlin erläutert ihm, was er gleich im Kernspintomograph machen soll:

"Sie haben also einen Taster jetzt für die linke Hand und einen Taster für die rechte Hand. Und Sie werden gleich auf dem Bildschirm Buchstaben sehen, und diese Buchstaben werden sich alle 500 Millisekunden verändern. Sie sehen also alle 500 Millisekunden, also alle halbe Sekunde, einen neuen Buchstaben."

Der Proband kann frei entscheiden, ob er die linke oder die rechte Taste drückt. Er soll sich dabei lediglich merken, welchen Buchstaben er zum Zeitpunkt der Entscheidung auf dem Bildschirm in der Röhre gesehen hat. So können die Wissenschaftler später auf eine halbe Sekunde genau bestimmen, wann sich der Mann seiner Entscheidung bewusst geworden ist. Währenddessen zeichnet der Kernspin die Aktivitäten des Gehirns auf. 14 Probanden haben die Forscher auf diese Weise gescannt, sieben Frauen und sieben Männer. Sie wollten wissen, ob sich eine unbewusste Vorentscheidung für eine Taste schon vollzieht, bevor die Probanden bewusst gewählt haben. Haynes weist auf einen Monitor. Das abgebildete Gehirn ist in Nähe der Stirn farbig markiert:

"Hier sieht man Bereiche des Gehirns, wo Aktivitätsmuster entstehen, lange bevor sich jemand entscheidet, und die Aktivitätsmuster, die sich da einstellen, unterscheiden sich, je nachdem, ob jemand sich gleich für eine linke oder rechte Taste entscheiden wird. Wir sehen also hier so ein typisches Aktivierungsmuster, die lilafarbenen Regionen sind Bereiche, die stärker aktiv sind, wenn jemand vor hat, eine linke Taste zu drücken, die gelben Bereiche sind die in diesem Muster, wenn jemand vor hat, gleich eine rechte Taste zu drücken."

Verschiedene Forscher wollten schon lange wissen, ob sich Entscheidungen, die dem Bewusstsein zugeschrieben werden, vorher im Unbewussten vollziehen. Eine zentrale Frage in der Gehirnforschung und von weit reichender Bedeutung auch für andere Wissenschaften, etwa die Philosophie und die Rechtswissenschaften. Haben wir überhaupt einen freien Willen? Oder hat unser Unbewusstes längst entschieden und der denkende Teil schreibt sich diese Entscheidung anschließend zu, liefert im Nachhinein aber nur eine plausible Begründung dafür? Schon bei früheren Experimenten fanden Wissenschaftler Anzeichen dafür, dass bewusste Entscheidungen unbewusst vorweg genommen werden. Es waren aber nur Bruchteile von Sekunden, und deshalb waren die Schlussfolgerungen umstritten. Die neuen Experimente sind eindeutiger, sagt John-Dylan Haynes:

"Wir stellten also fest, dass wir bis zu sieben oder acht Sekunden, bevor eine Person eine Entscheidung gefällt hat, aus der Hirnaktivität vorher sagen konnten, wie sie sich später entscheiden würden. Das heißt also, dass das Gehirn die Entscheidung vorbereitet hat, bevor die Person selbst wusste, wie sich entscheiden würde."

In einer anderen Hirnregion entsteht ein weiteres Muster. Aus diesem können die Wissenschaftler im Kernspintomograph sogar den Zeitpunkt der bewussten Entscheidung ablesen. Bis zu fünf Sekunden vorher. Die Experten sehen auf dem Bildschirm ein Muster, das immer kontrastreicher wird, je näher die bewusste Entscheidung heran rückt. Wie die Wahl ausfällt, lässt sich allerdings noch nicht immer genau vorher sagen.

"Weil der Proband sich vielleicht noch einmal umentscheidet, die andere Möglichkeit ist, dass es daran liegt, dass die Hirnaktivität einfach nicht genau genug gemessen wurde, und dass wir zum Beispiel mit einem Verfahren, mit dem wir direkt die Nervenzellen messen könnten, viel höhere Trefferquoten erreichen könnten."

Doch schon jetzt sind die neuen Ergebnisse Wasser auf die Mühlen all jener Wissenschaftler, die den freien Willen bezweifeln. Zu einflussreich erscheint ihnen das Unbewusste bei Entscheidungen, die subjektiv als völlig frei empfundenen werden.

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