Samstag, 12.06.2021
 
Seit 20:05 Uhr Hörspiel
StartseiteKommentare und Themen der WocheVerwirrung komplett, wie schon bei Astrazeneca10.05.2021

Freigabe von Johnson-&-Johnson-ImpfstoffVerwirrung komplett, wie schon bei Astrazeneca

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt den Impfstoff von Johnson & Johnson nur für über 60-Jährige, aber der Bundesgesundheitsminister gibt den Impfstoff für alle frei, die wollen. Wenn Stiko und Politik mit einer Stimme sprächen, würden sie mehr Gehör finden, kommentiert Volkart Wildermuth.

Ein Kommentar von Volkart Wildermuth

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Impfstoff von Johnson & Johnson (pa/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)
Das eigentliche Risiko der Corona-Impfungen mit dem Vakzin von Johnson & Johnson sind nicht die Thrombosen, sondern das Verschieben der Impfung aus der Angst vor ihnen, meint Volkart Wildermuth (pa/Geisler-Fotopress/Christoph Hardt)
Mehr zum Thema

Corona-Impfstoffe und ihre Nebenwirkungen Impfrisiken im Überblick

Johnson & Johnson in der EU Welche Folgen der Lieferstopp für Deutschland haben könnte

mRNA als neues Konzept der Medizin Es beginnt mit einer Impfung

Jetzt hat also auch der Impfstoff von Johnson&Johnson offiziell eine gespaltene Persönlichkeit. Die Ständige Impfkommission Stiko guckt auf das – sehr, wirklich sehr kleine – Thromboserisiko und empfiehlt das Vakzin nur für über 60-Jährige. Parallel gibt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn den Impfstoff frei für alle, die wollen - Beratung vorausgesetzt. Verwirrung komplett, wie schon bei Astrazeneca. Die Folgen werden wohl ähnlich wie bei diesem Impfstoff sein: Viele Alte wollen ihn nicht, warum sollten sie ein größeres Risiko als die Jungen eingehen? Gleichzeitig gibt es einen Astrazeneca-Run bei jüngeren Menschen, schlicht weil sie in keine Priorisierungsgruppe gehören und deshalb gar keinen anderen Impfstoff bekommen können. Paradoxe Welt.

Drei Impfampullen der Hersteller Biontech/Pfizer, Moderna und AstraZeneca stehen nebeneinander (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler) (picture alliance / ZUMAPRESS.com | Luka Dakskobler)Debatte um Impfstoff von Astrazeneca - Was über Wirksamkeit und Nebenwirkungen bekannt ist 
Das Vakzin von Astrazeneca ist seit seiner Zulassung in der Kritik. Ein Überblick über Wirksamkeit und Nebenwirkungen.

Keine Impfung von Obdachlosen mehr

Und das ist noch nicht alles: Berlin impfte Obdachlose mit Johnson & Johnson. Da reicht eine Dosis und man musste die Leute nicht in einigen Wochen wiederfinden. Damit ist Schluss, den praktischen Impfstoff gibt es durch die neue Regelung nur noch für alte Menschen. Doch über 60 wird auf der Straße kaum jemand. Eine vertane Chance.

Die Fakten anschauen

Zeit zurückzutreten und sich die Fakten anzusehen. Das Berliner Harding-Zentrum für Risikokompetenz hat die Daten einmal umgerechnet auf die aktuelle Situation in Deutschland. In allen Altersgruppen lag das Risiko, wegen einer Thrombose nach der Impfung auf die Intensivstation zu müssen, niedriger – ich betone: niedriger - als das Risiko, innerhalb von vier Monate aufgrund einer Coronainfektion auf die Intensivmedizin angewiesen zu sein. Die Daten kennt auch die Ständige Impfkommission, aber sie sagt, und das stimmt ebenfalls, dass das Risiko bei mRNA-Impfstoffen wie Biontech und Moderna noch niedriger liegt.

Mehrere Injektionsnadeln liegen in einem Halbkreis, das Foto ist künstlerisch verfremdet. (imago / Future Image) (imago / Future Image)Corona-Impfstoffe in der Übersicht 
Die EU-Behörde EMA hat bisher vier Corona-Impfstoffe zugelassen – von Biontech/Pfizer, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson. Wie sie wirken und welche Impfstoff-Kandidaten es noch gibt – ein Überblick.

Warten auf Biontech kann Leben kosten

Hier ist das Bessere ganz klar der Feind des Guten. In einer idealen Welt wäre es günstiger, wenn alle einen mRNA-Impfstoff bekommen könnten, aber davon sind wir leider noch weit entfernt. Deshalb sollte die Ständige Impfkommission ihre Empfehlungen überarbeiten. Aktuell destilliert sie vor allem die wissenschaftlichen Daten. Die müssen die Grundlage sein, aber sie allein reichen für echte Empfehlungen nicht aus. Für die wäre es entscheidend, die Daten auch auf die gesellschaftliche Wirklichkeit anzuwenden und immer neu anzupassen. Dann würden Stiko und Politik in vielen, nicht in allen, Fragen wieder mit einer Stimme sprechen und damit in der Bevölkerung auch mehr Gehör finden.

Jede Impfung im Arm heute ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das eigentliche Risiko sind nicht die Thrombosen, sondern das Verschieben der Impfung aus der Angst vor ihnen. Das Warten auf Biontech und Moderna kann Leben kosten.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk