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StartseiteKalenderblattFreiheit für die Goldküste06.03.2007

Freiheit für die Goldküste

1957 wurde Ghana unabhängig

Ghana war der erste afrikanische Nationalstaat, der aus der Kolonialherrschaft entlassen wurde. Doch nachdem die Briten dem Land vor 50 Jahren die Unabhängigkeit gewährt hatten, war der Traum von einer goldenen Zukunft schnell ausgeträumt. Den Fesseln der Kolonialherrschaft folgten sehr bald die Fesseln einer Diktatur.

Von Monika Köpcke

Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (AP)
Markt in Accra, der Hauptstadt von Ghana. (AP)

Es ist ein feierlicher Augenblick: Um Punkt null Uhr in der Nacht vom 5. auf den 6. März 1957 wird auf dem Alten Poloplatz in Accra der britische Union Jack eingeholt und an seiner Stelle die neue grün-gelb-rote Flagge mit dem schwarzen Stern in der Mitte gehisst. Ein neuer Staat ist geboren: Ghana.

Gut hundert Jahre lang hatten sechs europäische Mächte den afrikanischen Kontinent in Kolonien aufgeteilt und annektiert. Nun ist Ghana der erste unabhängige Staat Afrikas. Als britische Kolonie trug das Land den Namen Goldküste, benannt nach dem feinen Goldstaub an der afrikanischen Westküste. Gold, Elfenbein und der boomende Sklavenhandel hatten bereits seit dem 16. Jahrhundert Europäer in die Region gelockt, die hier lukrative Handelsstützpunkte einrichteten. Nur den Briten gelang es, sich dauerhaft festzusetzen. Nach acht Kriegen gegen den mächtigsten einheimischen Volksstamm der Aschanti erklärten sie die Region 1874 zur britischen Kronkolonie.

Im Gegensatz zu den anderen Kolonialmächten gaben die Briten den Afrikanern bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Möglichkeit, sich selbst zu organisieren und politisch zu betätigen. So entstand ein mit afroamerikanischer Hilfe finanzkräftiger "Verein zur Abwehr des Landkaufs durch Europäer", es gab von den Briten unabhängige Schulen, eigene Zeitungen und eine politische Partei, die "Convention's People Party". Ihr Vorsitzender war der charismatische Kwame Nkrumah. 1952 wurde er Premierminister an der Goldküste, ein rein repräsentativer Titel, das Sagen hatten ausschließlich die Briten. Doch Nkrumah gelang es, über alle Stammesgrenzen hinweg die sechs Millionen Goldküsten-Bewohner für den Kampf um die Unabhängigkeit von der Kolonialherrschaft zu mobilisieren. Es war ein friedlicher Kampf: Mit Streiks und Demonstrationen übten die Menschen einen großen Druck auf die Briten aus, dem diese irgendwann nicht mehr standhalten konnten. Am 6. März 1957 entließen sie die Goldküste in die Unabhängigkeit, und Nkrumah wurde der erste Ministerpräsident des neuen Staates Ghana:

"Von heute an müssen wir unsere Vorstellungen ändern. Wir müssen realisieren, dass wir von nun an keine Kolonie mehr sind, sondern ein freies und unabhängiges Volk. Unsere Unabhängigkeit ist ohne Bedeutung, wenn sie nicht die völlige Freiheit für den afrikanischen Kontinent nach sich zieht."

Ghana wurde Vorreiter und Vorbild für viele andere schwarzafrikanische Staaten, die zum Teil unter heftigen Geburtswehen in den 60er Jahren ihre Unabhängigkeit erlangten. Ghanas Ausgangsposition von 1957 war günstig: Der Unabhängigkeitskampf hatte die Menschen über alle Stammesgrenzen hinweg geeint, der Wirtschaft ging es gut, die Infrastruktur war intakt. Doch schon bald sollte Ghana der erste der jungen Staaten Afrikas werden, in dem die anfängliche Demokratie durch eine Diktatur abgelöst wurde.

Nach dem Vorbild der sozialistischen Staaten schaffte Nkrumah in den 60er Jahren das Mehrparteiensystem ab. Sich selbst stilisierte er zum Heiland und Erlöser, ihn zu kritisieren war Hochverrat. Das wirtschaftliche Kapital seines Landes verspielte er durch Großmannssucht und die Vernachlässigung der ländlichen Regionen. 1966 stürzte das Militär Nkrumah, in den folgenden 20 Jahren folgte ein Putsch dem anderen. Das Land war wirtschaftlich am Ende, als der letzte der vielen Militärdiktatoren, der Fliegerleutnant J.J. Rawlings, in den 80er Jahren das Steuer herumriss. Er unterwarf das Land den strengen Regeln des Internationalen Währungsfonds, führte das Mehrparteiensystem und die Pressefreiheit wieder ein und gab sich als gewendeter Demokrat:

"Demokratie ist keine Funktion, die man nur am Wahltag ausübt. Sie will jeden Tag neu praktiziert werden. Was mich betrifft, werde ich immer bedenken, dass demjenigen, dem viel anvertraut ist, umso mehr gefordert wird."

Heute gilt Ghana als das politische und marktwirtschaftliche Musterland Westafrikas. Doch das ist ein sehr relativer Titel: Die Analphabetenquote ist hoch, fast die Hälfte der Einwohner lebt in Armut, und die ghanaischen Beamten gelten als die bestechlichsten weltweit.

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