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StartseiteKultur heuteDas Diktat der Angst23.04.2020

Freiheit in Corona-ZeitenDas Diktat der Angst

Das Virus lehrt Disziplin. An Schlangestehen und Abstandhalten haben sich viele gewöhnt und behalten die Regeln auch trotz der Lockerungen bei. Die Furcht vor der Ansteckung hält offensichtlich unseren sonst so ausgeprägten Freiheitsdrang in Schach. Gewöhnen wir uns etwa an die Unfreiheit?

Von Peter Meisenberg

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Eine lange Schlange bildet sich vor einem Supermarkt im Stadtteil Reinickendorf. (dpa/ Kay Nietfeld)
Keine Drängler in Sicht - Einkaufswagendisziplin vor einem Berliner Supermarkt (dpa/ Kay Nietfeld)
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Vor ein paar Tagen stellte der niederländische Wörterbuchherausgeber Van Dale 700 Wortneuschöpfungen um das Corona-Virus ins Netz. Vokabeln wie "Balkonbesuch" und "Selbstisolation" spiegeln eine neue, sowohl von persönlicher Unfreiheit wie von sozialer Distanz geprägte gesellschaftliche Praxis. Innerhalb sehr kurzer Zeit haben wir uns schon so an diese durch die Angst vor der Seuche diktierte Unfreiheit gewöhnt, dass sie sich in unserem alltäglichen Sprachgebrauch niederschlägt.

Jetzt also, zögernd und vorsichtig, werden einige wenige der staatlichen Freiheitsbeschränkungen zurückgenommen: Zoos und öffentliche Gartenanlagen, einige Geschäfte dürfen wieder öffnen; wir können wieder flanieren, und wir dürfen wieder shoppen. Ein bisschen wenigstens. Erstaunlich ist, wie zurückhaltend die Leute von der wieder gegebenen Freiheit Gebrauch machen. Von quirligem Innenstadtleben kann noch nicht die Rede sein. Allenfalls die Parks werden beim schönen Wetter frequentiert. Ansonsten aber bleiben alle in ihrer freiwilligen Quarantäne. Und zueinander auf Distanz.

Wenig Protest gegen Verbote

Erstaunlich war zuvor aber auch schon, mit welcher Geduld die Menschen ihre Freiheitseinschränkungen hinnahmen. Wie wenig Proteste es dagegen gab, wie wenig die Gerichte belangt wurden, um wenigstens grundlegende bürgerliche Freiheiten – das Demonstrationsrecht beispielsweise – gegen staatliche Verbote durchzusetzen. Kann man sich so schnell an die Unfreiheit gewöhnen, dass man sie selbstverständlich hinnimmt?

Natürlich ist es so nicht. Es ist ja die Vernunft, und zwar nicht nur die allgemeine, sondern auch die eines jeden einzelnen, die zur selbst auferlegten Unfreiheit zwingt. Eigentlich aber ist es die Angst. Die Angst vor der Ansteckung. Die Angst vorm Tod. Die Angst vorm allgemeinen Kollaps. Wenn Angst und Vernunft in eins fallen, hat die Freiheit keine Chance. Weder die persönliche noch die bürgerliche. Und so lange die Angst diktiert, was vernünftig ist, werden wir auch die schrittweise zurückgegebene Freiheit nicht wirklich genießen können.

Zerreißprobe für die Gesellschaft

Und da die Angst noch lange anhalten wird, kann man sich durchaus ein Szenario vorstellen, in dem alle - oder zumindest die meisten - freiwillig und dauerhaft auf ihre Freiheiten verzichten. Dass wir uns an die Unfreiheit gewöhnen. Das hätte nicht nur verheerende Konsequenzen für den Rechtsstaat. Das würde auch die Gesellschaft vor eine Zerreißprobe stellen. Denn die selbst auferlegten Freiheitsbeschränkungen betreffen ja vor allem unseren Umgang miteinander. Der niederländische Wörterbuchherausgeber prognostizierte jedenfalls, dass eine Corona-Wortneuschöpfung noch sehr lange im Gebrauch bleiben wird: die der "Anderthalb-Meter-Gesellschaft".

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