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StartseiteEssay und DiskursZur Hochaktualität Hegels23.08.2020

Freiheit oder NaturalismusZur Hochaktualität Hegels

In der Coronakrise wird vielen Menschen bewusst, wie wichtig ihnen ihre Selbstbestimmung ist. Auch Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geboren 1770, machte den Freiheitsbegriff zu einem seiner zentralen Themen. Für ihn sei Freiheit eine Frage von alles oder nichts, sagte die Philosophin Andrea Kern im Dlf.

Andrea Kern im Gespräch mit Thomas Palzer

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Lithografie Georg Wilhelm Friedrich Hegels (picture-alliance/Design Pics/Ken Welsh)
Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel (picture-alliance/Design Pics/Ken Welsh)
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Im Zuge der Aufklärung begann man daran zu zweifeln, dass die Welt nach den Vorstellungen der Religion verfasst sei. Die entstehende Sinnkrise wollte die Philosophie bewältigen, vor allem in Gestalt von Immanuel Kant und Georg Wilhelm Friedrich Hegel. Kant hatte die Grenzen der Vernunft aufgezeigt, doch Hegels Philosophie gab die Garantie dafür, dass die Vernunft dennoch in einer Welt wirksam ist, die bar jeder Vernunft scheint.

Heute erleben wir eine ganz ähnliche Situation: Es wachsen die Zweifel daran, dass sich alles umstandslos naturalisieren und auf diese Weise verstehen lasse. Der Mensch ist zwar seinem Körper ausgeliefert und untersteht den Naturgesetzen, scheint aber gleichzeitig frei zu sein.

Das ist nur einer von vielen unaufgelösten Widersprüchen. Die Philosophin Andrea Kern greift in einer Buchreihe zum Deutschen Idealismus just diese Fragen erneut auf und erörtert im Gespräch mit Thomas Palzer, wie wir eine Einheit von Natur und Geist verstehen könnten.

Die Philosophin Andrea Kern lehrt an der Universität Leipzig Geschichte der Philosophie. Daneben ist sie Ko‑Direktorin eines Forschungskollegs, das sich mit dem Deutschen Idealismus beschäftigt, mit der Philosophie von Kant bis Hegel – oder genauer: mit deren Aktualität. Zuletzt erschien von Andrea Kern: „Sources of Knowledge: on the Concept of a Rational Capacity for Knowledge", Cambridge: Harvard University Press 2017.


Deutschland feiert in diesem Jahr den 250. Geburtstag des gebürtigen Schwaben und Meisterdenkers Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der am 27. August 1770 in Stuttgart geboren wurde.

Thomas Palzer hat die Philosophin Andrea Kern für Essay & Diskurs getroffen, um mit ihr über Hegel und die Frage seiner Aktualität zu diskutieren. Dazu gehört die Frage, wie wir uns selbst als Menschen verstehen wollen. Einerseits Tier, dessen Körper Gesetzmäßigkeiten unterworfen ist, die sich nicht selbst hervorgebracht haben – andererseits geistbegabt, folglich in dem, was wir tun, frei. Wie geht das zusammen?

Kurze Einführung zum Hegel-Thema "Verhältnis von Geist und Natur"

In der Schrift "Das Werden des Geistes" aus dem Jahr 1803 schreibt Hegel:

"Die Natur, indem sie das Andersseyn des Geistes ist, ist sie für sich das sich selbstgleiche, das nicht weiß, dass es ein anderes, entgegengesetztes ist, oder das sich in seiner sichselbstgleichheit nicht ein anderes ist, und daher in Wahrheit ein anders an sich selbst ist."

Es geht um das Verhältnis zwischen Geist und Natur, ratio und natura, Genesis und Geltung – und um die Neubestimmung dieses Verhältnisses. Natur ist für Hegel das Andere des Geistes – nämlich eine notwendige Station des Geistes auf dem Weg zu sich selbst, dem absoluten Wissen.

Heute herrscht ein Naturalismus vor, der nicht begreift oder begreifen will: Wir können uns ab einer gewissen Stufe nicht mehr selbst verstehen, wenn wir uns nur als Natur betrachten, nur als nacktes, von Bedürfnissen und deren Befriedigung bestimmtes Leben – folglich nur als ausgedehnte, in Raum und Zeit lokalisierte und dem Kausalgesetz unterworfene Materie. Stattdessen müssen wir uns auf Vernunftgründe berufen, über die wir unser Tun rechtfertigen und verantworten. Wir müssen uns und unser Tun explizit machen.

Der Geist, sagt Hegel, ist nichts anderes als genau diese Praxis des Rechtfertigens und des Fragens nach Gründen. (Thomas Palzer)

Die Idee der Freiheit

Thomas Palzer: Frau Kern, Sie sind Professorin für Geschichte der Philosophie an der Universität Leipzig und Mitherausgeberin der Buchreihe analytischer deutscher Idealismus, die von einem internationalen Forschungskolleg getragen wird und in dessen Reihe Bücher der drei wichtigsten Vertreter erschienen sind, die Hegel und seinen Vernunftbegriff aktualisieren: Robert Brandom, Robert Pippin und John McDowell. Warum Hegel jetzt?

Andrea Kern: Ja, vielen Dank. Sie sprechen die die Arbeit unseres Zentrums in Leipzig an und die Buchreihe Analytischer Deutscher Idealismus. Ich denke, da wäre es falsch, das als eine Arbeit zu verstehen, die sich vor allem mit Hegel auseinandersetzt, sondern es geht eigentlich in erster Linie um die wiedergewinnende Aneignung mit der philosophischen Tradition, zu der Hegel gehört.

Ich denke, was den Idealismus für uns so interessant macht, ist, dass er in einer bis dahin nicht da gewesenen Entschlossenheit die Idee der Freiheit ins Zentrum des philosophischen Nachdenkens gestellt hat. Und zwar nicht, weil die Autoren dachten, dass die Freiheit wichtiger sei als alles andere, sondern weil sie erkannt haben, dass die Freiheit das Prinzip der Daseinsweise des Menschen ist und damit also alle Themen und Gegenstände betrifft, über die der Mensch nachdenkt.

Und wenn ich jetzt sage, dass diese Autoren, die also die Tradition des deutschen Idealismus ausmachen, die Freiheit ins Zentrum gestellt haben, dann darf man jetzt nicht meinen, dass sie alle das Gleiche gedacht haben, sondern sie haben sich vielmehr darum gestritten, wie man diesen Gedanken richtig verstehen kann, dass die Freiheit das zentrale Prinzip der Existenz des Menschen ist. Und da ist der Abstand zwischen Kant und Hegel sehr groß. Aber was sie eben eint, ist der Gedanke, dass wir überhaupt gar nichts begreifen, wenn wir weder also über den Menschen noch über, wenn man salopp sprechen will, über Gott und die Welt. Wenn wir die Frage nach der Möglichkeit und nach der Form und Wirklichkeit der Freiheit verstehen, wenn wir das nicht verstehen, dann verstehen wir gar nichts. In diesem Sinn haben sie die Freiheit als zentral erkannt, und insofern haben sie erkannt, dass sozusagen alle Themen, über die wir nachdenken, in Wahrheit Facetten und Aspekte dieses Themas der menschlichen Freiheit sind.

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Freiheit betrachten als eine Sache von "alles oder nichts"

Palzer: Hegel, der Philosoph der Freiheit – interessant ist vielleicht auch, dass Hegel im Tübinger Stift großer Anhänger der Französischen Revolution gewesen ist, da auch Schwierigkeiten bekommen hat – Freiheit und Idealismus und jetzt, im Gegensatz zum Naturalismus. Also Freiheit, Natur, Naturalismus, der eben bestreitet, dass es einen Widerspruch gibt zwischen einem Körper, der Gesetzen unterliegt, und dem menschlichen Geist, der frei ist.

Kern: Für die idealistischen Autoren und insbesondere dann für Hegel, geht es bei der Freiheit nicht um eine vorliegende Eigenschaft des Menschen, die man einerseits als Tier betrachten kann und die man darüber hinaus noch die Eigenschaft feststellen könnte, dass er Freiheit hat. Das ist nicht die Perspektive, in der Hegel den Menschen als freies Wesen betrachtet, sondern bei all den Autoren und insbesondere bei Hegel geht es darum, die Freiheit als eine Sache von alles oder nichts zu denken. Das heißt, es geht um die Idee der unbedingten Selbstbestimmung in allen Belangen, das heißt, Freiheit hat für Hegel immer etwas mit einem unbedingten Anspruch zu tun, unter den man sich stellt. Das also das, was man tut, nicht dadurch bestimmt ist, dass es einem von irgendjemandem oder von irgendetwas anderem vorgegeben ist, sondern seinen letzten Grund in einem selbst hat.

Die Frage ist, wie kann man die Idee eines Tuns verstehen, das sich selbst begründet? Ein Tun, das also nicht deswegen geschieht, weil irgendetwas anderes der Fall ist, sondern deswegen, weil ich dieses Tun als gut oder wahr oder richtig vorstelle. Das heißt, der Gedanke ist, dass Freiheit gar nicht darin besteht, zwischen einer Banane oder einem Apfel zu wählen und zu fragen: War diese Entscheidung wirklich frei? Sondern es geht vielmehr um Freiheit als die Fähigkeit, sich durch einen unbedingten Grund zu bestimmen.

Aber daran sieht man auch, dass es bei der Frage um die Freiheit nicht einfach um eine theoretische Frage geht: Ist der Mensch frei oder nicht, so als würde man jetzt dieses Tier untersuchen und fragen: Liegt an ihm Freiheit vor oder nicht? So wie der Naturalismus, in gewisser Weise, den Mensch betrachtet als ein Tier mit Bezug, auf das sich noch eine weitere Frage stellt, nämlich: Ist die Eigenschaft der Freiheit an ihm aufzufinden oder nicht? Sondern es geht vielmehr um die umfassende Frage danach, ob es ein Wesen gibt oder was es heißt, ein Wesen zu denken, das ein anderes Prinzip des Handelns hat als dasjenige, das Tiere ausmacht.

Worin besteht der Unterschied zwischen dem Menschen und den Tieren? Die Herausforderung ist es, ein Wesen zu verstehen, dem ein Prinzip des Handelns zugrunde liegt, das Ich heißt – Ich, Freiheit, unbedingte Selbstbestimmung. Ja, das ist erst mal der Gedanke, der Hegel antreibt. Und man kann sagen, Hegel hat in all seinen Arbeiten über nichts anderes nachgedacht als darüber, was es heißt, ein Wesen zu denken, dass ein Ich hat.

Der kleine Holzschreibtisch steht an der Wand neben der Büste seines ehemaligen Besitzers, dem Philosophen Hegel. (Matthias Heyde)Hegels Schreibtisch steht noch heute an der Humboldt-Universität (Matthias Heyde)

Und die erste Einsicht ist erst mal die, dass die Freiheit hier nicht als die Eigenschaft eines Tieres zu verstehen ist, sondern als das Prinzip, dass die Existenzweise des Menschen überhaupt ausmacht. Und ich denke, Hegel hat diesen Gedanken durchgearbeitet, indem er sie von der Frage gestellt hat, was es heißt, dass der Mensch ein Wesen ist, dass sich selber denken kann.

Und mit dieser Einsicht, dass der Mensch ein Wesen ist, dass sich selber denken kann – und er sich darin grundlegend von jedem Tier unterscheidet, dass er sein eigenes Leben denkt und damit in jedem Winkelzug seines Lebens die Handschrift seines Ichs eingetragen ist. Und ich denke, mit dieser Einsicht hat der Idealismus und Hegel Ernst gemacht. Und in diesen Beschreibungen sieht man schon, dass die Weise, wie sozusagen der Naturalismus die Frage nach der Freiheit angeht, schon in ihrer Fragestellung verfehlt ist. Die Weise, wie nach Freiheit gefragt wird, hat sie sozusagen die Freiheit schon verfehlt, weil sie die Freiheit eben als eine Tatsache behandelt, die aufzufinden wäre an diesem eigentümlichen zweibeinigen Tier.

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Die Bestimmungslosigkeit des Menschen

Palzer: Es gibt diese schöne Formulierung von Robert Pippin, wenn wir den Naturwissenschaften glauben, dann besitzt das Subjekt den ontologischen Status eines Thermometers. Dann würden wir nur rein reaktiv auf die Stimuli der Umwelt reagieren. Aber das macht es eben nicht. Es ist selbstbestimmt. Was heißt das genau?

Kern: Das heißt erst mal, das er bestimmungslos ist. Das ist ja die Voraussetzung der Idee, dass ich an und für sich bestimmungslos bin. Und Hegel hat das auch genauso gesehen, dass also die eine Seite der Idee der Selbstbestimmung die Bestimmungslosigkeit des Menschen ist. Und das heißt jetzt erstmal – wir können uns das ganz einfach dadurch klarmachen – es gibt nichts, was mir sagt, was ich tun soll. Es gibt buchstäblich keine Bestimmung an mir, die mich ausmacht. Die sagt, was und wer ich bin, wie ich zu leben habe, es sei denn, ich denke und bejahe diese Bestimmung.

Und dann sehen wir ja den Unterschied zum Tier. Das Wort, das wir für das Tier haben, wir sagen, das Tier ist nicht bestimmungslos, das Tier weiß immer schon, was es zu tun hat. Das ist der Instinkt. Und genau das ist bei Menschen nicht der Fall. Es ist sozusagen diese Bestimmungslosigkeit, auch wenn Sie mir sagen, was ich tun soll. Ich kann das abweisen und sagen, Sie sagen mir nicht, was ich tun soll. Und diese Bestimmung ist keine, die zu mir gehört.

Das ist die eine Seite, und die andere Seite, das also ich selbst als Subjekt die Quelle einer unbedingten Bestimmung bin. Das sind für Hegel zwei Seiten derselben Medaille, denn man könnte ja sozusagen denken, weil ich bestimmungslos bin, ist nichts. Mein Leben verschwimmt in völliger Bestimmungslosigkeit, und er sagt: Im Gegenteil ist es diese Bestimmungslosigkeit. Zugleich aber ist mein Leben so, dass ich unter unbedingten Ansprüchen stehe. Ein Gedanke, der aufzeigt, dass die Idee der Selbstbestimmung – und so hat es auch Hegel gesehen – mit einer Tiefe der Unterscheidung von Gut und Böse verbunden ist, wie das eben auch bei keinem anderen Tier der Fall ist. Ja, also das heißt, die Freiheit, die ich habe dadurch, dass ich ein selbstbestimmtes Leben führe, ist verknüpft mit einer Tiefe der Unterscheidung von Gut und Böse, nämlich dass ich mein Leben komplett verfehlen kann – oder dass ich in einem unbedingten Sinn gut sein kann, wie das für kein anderes Tier der Fall ist.

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Opposition von Natur und Geist ist ein Missverständnis

Palzer: Das ist ein Stichwort, anthropologische Differenz sozusagen. Sie sind selbst Leiterin dieses Projektes, was der Frage nachgeht: Was ist eigentlich der Unterschied zwischen dem eben nicht "animal rationalen" oder sprechenden Tier? Was ist der wirkliche Unterschied zwischen dem Tier und Menschen und damit auch zwischen Natur und Geist?

Kern: Daran zeigt sich schon, dass mit der Gegenüberstellung von Natur und Geist als Opposition ein Missverständnis einhergeht, das ist in gewisser Weise keine Opposition. Das sieht man, wenn man sich diese Beschreibung klarmacht, dass das Geistige nichts ist, was im Kopf stattfindet, so als würde das Geistige darin bestehen, dass jemand etwas überlegt oder denkt oder grübelt. Und dann findet etwas Nicht‑Geistiges statt, nämlich dass er eine Tasse in die Hand nimmt. Als ich die Tasse genommen habe, habe ich nicht lange darüber gegrübelt: Was soll ich jetzt tun? Soll ich jetzt diese Tasse ... ich habe gar nichts gedacht. Ich habe einfach meinem Durst Ausdruck verliehen, indem ich die Tasse genommen habe.

Zugleich aber ist das eben bei einem selbstbewussten Leben eins, dass ich diese Tasse nehme, ist etwas, dessen ich mir bewusst bin. Wenn Sie mich fragen: Was haben Sie denn da vorhin gemacht? Na, ich habe die Tasse genommen. Ich kann die Frage beantworten, was ich getan habe. Ich kann auch auf die Frage nach einem Grund antworten. Ich kann sagen, ich habe die Tasse genommen, weil ich Durst hatte. Darin zeigt sich also, dass hier nicht einfach eine instinktgesteuerte Bewegung stattgefunden hat, als meine Hand zu der Tasse ging, sondern dass sich in dieser Bewegung Geist manifestiert hat, und zwar auch und auch dann, wenn ich vorher gar nicht lange nachgedacht habe.

Eine Büste des Philosophen Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) steht vor dem Hauptgebäude der Friedrich Schiller-Universität Jena, aufgenommen am 15.03.2006. (picture-alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)Die Philosophin Andrea Kern hat sich eingehend mit dem Werk Hegels beschäftigt (picture-alliance / dpa / Jan-Peter Kasper)

Also daran sieht man, dass es bei der Unterscheidung zwischen Geist und Natur überhaupt nicht darum geht, zwei Sachen miteinander in Beziehung zu setzen – den Geist einerseits, die Natur andererseits. Es geht auch nicht darum, zwei Wirklichkeitsbereiche, einen im Kopf, einen außerhalb vom Kopf in Beziehung zu setzen, sondern der Unterschied zwischen Natur und Geist, wie Hegel es versteht, das ist überhaupt kein Unterschied, den man so einfach vorfindet, so wie man Bananen vorfindet – um auf die Bananen zurückzukommen.

Nein, wir laufen nicht durch die Welt und sagen, hier auf der einen Seite finden wir Natur, auf der anderen Seite finden wir Köpfe und die haben Geist. Sondern in der Frage: Was ist denn der Mensch? – eben ein sich selbst denkendes Wesen – und eben der Frage: Was ist der Mensch? Was denkt er, wenn er sich selber denkt? – stößt der Mensch auf die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Natur und Geist.

Also, das heißt – und das finde ich einen wichtigen Gedanken bei Hegel – dass die Unterscheidung zwischen Natur und Geist, ihr Zuhause, wenn man so will, in der Selbsterkenntnis des Menschen hat.

"Der Mensch muss diese Unterscheidung treffen, um sich selber zu verstehen"

Palzer: Und man sieht natürlich auch, wenn er über sich selber nachdenkt, dass sein eigenes Verhältnis zur Natur, was wir gerade haben, uns selber geschädigt haben. Also wir sind viel stärker in die Natur eingebunden, als wir noch dachten. Also insofern, als wir unsere eigenen Grundlagen zerstören.

Kern: Wenn also jetzt sozusagen der Geist sich von der Natur unterscheidet, dann unterscheidet er sich selbst als das Reich von unbedingter Notwendigkeit und Freiheit vom Reich dessen, was bloß zufällig ist. Und jetzt? Was hat Hegel sozusagen erkannt? Er hat erkannt, dass diese Unterscheidung selber notwendig ist. Der Mensch muss diese Unterscheidung treffen, um sich selber zu verstehen, nämlich um seine eigene Geistigkeit als etwas zu verstehen, dass durch Natur geworden ist. Und dadurch versteht er seine eigene Freiheit als eine durch Natur gewordene, aber doch nur aufgrund seiner Freiheit. Das heißt, die Natur ist so, wie sie ist, um Willen der Verwirklichung der Freiheit des Menschen. Das ist ja die Pointe. Die Natur ist einerseits eine notwendige Voraussetzung des Geistes, aber sie ist dies nur um Willen der Verwirklichung von Freiheit.

Die Natur ist dasjenige, was der Geist voraussetzen muss

Palzer: Dann ist er ja vielleicht auch zu beschränkt oder er war auf jeden Fall zu beschränkt, um die Folgen zu realisieren, die sein Tun hat. Also die Freiheit, die er sich genommen hat zu sagen: Alles ist eigentlich für mich da. Ich sage jetzt mal – im Erbe des Christentums –, ja, ich muss die Natur unterwerfen und forme sie so zurecht, dass ich ständig Nogger-Eis aus dem Automaten ziehen kann.

Kern: Die Natur hat ein eigenes Prinzip, und der Mensch hat sich aufgeschwungen, dieses Prinzip der Natur zu vernichten. Und was wir einsehen müssen, ist sozusagen, die Natur wieder in ihr Recht bringen. Das ist nicht der Hegelsche Gedanke. Die Natur ist das Reich des Zufälligen. Die Natur hat kein eigenes Prinzip. Das hatte ich ja versucht, wohin zu erläutern, sondern die Natur ist dasjenige, was der Geist voraussetzen muss um Willen seiner eigenen Verwirklichung. Das heißt, die Natur ist in der Tat dem Geist untergeordnet. Das hat in dieser Weise Hegel, das ist es, was wir denken, wenn wir Natur denken als dasjenige, wodurch Geist ist. Also sie ist nicht etwas, was dem Menschen gegenübersteht, als was dem Geist gegenübersteht mit einem eigenen Prinzip, mit einem eigenen Anspruch, sodass man jetzt sagen könnte, dass die Natur hat ein Recht. Sie ist selber Trägerin eines Rechtes. Das ist nicht Hegelisch gedacht. Sondern was Hegel vielmehr denkt, ist, dass die Naturzerstörung, die wir heute betreiben, nicht Ausdruck von zu viel Geist ist, sondern ein Ausdruck eines Mangels an Geist.

Der Mensch kann alles Mögliche wollen, Kühlschränke, Autos, Flugverkehr, alles Mögliche. Und darin zeigt sich erst mal in diesem entfesselten Begehren selbst schon die geistige Seite der Naturzerstörung. Nur der Mensch kann sein Begehren derart entfesseln, unbegrenzt sein. Ja, also die … kein Tier, ja, meine Katzen, die wollen ihr Futter und die Mäuse jagen. Darauf beschränkt sich das. Mensch kann sein Begehren in dieser Weise entfesseln. Das Missverständnis, dass sich in dieser Naturzerstörung zeigt – oder die in dieser Entfesselung des Begehrens sich zeigt –, ist, dass wir dies für den Gipfel unserer Freiheit halten, dass wir das mit Freiheit identifizieren.

Ich denke, es gibt zwei Überlegungen, die Hegel anstellt, mit denen man sich klarmachen kann, warum die Entfesselung des Begehrens und die Befriedigung jedes noch so sinnlosen Begehrens nicht Ausdruck von Freiheit ist, sondern Abhängigkeit – und also wir selbst in einem Selbstmissverständnis gefangen sind, weil wir glauben, darin liegt unsere Freiheit. Einerseits ist klar, wenn ich mein Begehren einfach unbegrenzt entfessle und alles dafür tue, es zu befriedigen und dadurch die Natur zerstöre, ich einerseits erst mal dieses Begehren selbst zum Maßstab meines Handelns mache. Und dieses Begehren ist selber erst mal einfach willkürlich, zufällig. Ich finde es in mir vor.

"Schlechte Unendlichkeit" – der Prozess der Bedürfnisbefriedigung

Die zweite Überlegung ist etwas komplizierter, die Hegel anstellt. Aber zugleich, sagt er, wenn ich glaube, dass Freiheit in der Befriedigung von Bedürfnissen und Interessen besteht, die sich hie und da einstellen, dann heißt es, dass ich mich abhängig mache von einem Prozess der Bedürfnisbefriedigung. Also wieder Bedürfnis, wieder Befriedigung, erneutes Bedürfnis. Deswegen kommt ja die Bedürfnisbefriedigung nie an ein Ende. Ja, das Unternehmen, das schon so und so viel Millionen gemacht hat, muss expandieren. Ja, wenn ich 5.000 Schweine gemästet habe, muss ich 10.000 mästen und so weiter. Es kommt ja nicht an ein Ende, sondern ich bewege mich in einer – Hegel sagt "schlechten Unendlichkeit". Das Bedürfnis steht am nächsten Tag ja wieder auf. Warum? Weil das, worum es eigentlich geht, nämlich die Freiheit, in diesem Prozess nicht zu gewinnen ist. Sondern ich selber, meine Freiheit, wenn ich sie verstehe als Bedürfnisbefriedigung, also sozusagen als die Unterjochung der Natur um Willen der Bedürfnisbefriedigung, bin ich abhängig von einem Prozess – und darin eben unfrei.

Palzer: Wenn ich das richtig verstehe, wäre eigentlich Hegels Freiheitsbegriff immer frei zu bleiben von allem. Eigentlich ein sehr asketischer Freiheitsbegriff.

Kern: Ich würde dem nicht so zustimmen. In einer Hinsicht klar, in dem Freimachen von solchen Bedürfnissen, steckt sicherlich ein Zug, der auch in Hegels Freiheitskonzeption enthalten ist. Aber ich denke nicht, dass man Hegel so lesen sollte, als würde er da in diese Richtung argumentieren. Dazu war er selbst, wie wir alle wissen, ein viel zu großer Freund auch der sinnlichen Freuden. Sondern was er eigentlich im Blick hat, ist, dass wir uns die Einsicht zumuten müssen, dass wir nicht die Freiheit als etwas zu Erringendes betrachten müssen, dass wir dadurch erringen, im indem wir die Natur uns unterwerfen, sondern dass die Freiheit etwas ist, das wir in einem Sinn immer auch schon haben, weil wir in einem Sinn eben gar nicht der Natur gegenüberstehen, sondern immer schon die Natur sind.

Das Recht auf Anerkennung

Palzer: Ich glaube, ein Hegelianismus, der sozusagen bis in die Gegenwart wirkkräftig geblieben ist, ist der Kampf um Anerkennung, "Black Lives Matter" und so weiter, es gibt viele, und vielleicht auch im Punkt auf Natur, die Natur anzuerkennen, dass sie ihr eigenes Recht hat, ist vielleicht etwas, was man übersehen hat, sozusagen, im Furor der Industrialisierung.

Kern: Die Anerkennung ist für Hegel eine Beschreibung des Verhältnisses von Menschen zueinander. Das heißt, selbstbewusste Wesen sind solche, die sich auf andere so beziehen, dass sie sie anerkennen. Welchem Wort steht sozusagen das entgegen? Dass ein anderer Mensch für einen Menschen eine vorfindliche Tatsache ist in der Welt, die in der Welt so vorkommt wie eben Steine oder Bananen. Nur dass er mit dieser Tatsache in der Welt sozusagen anfängt zu sprechen. Genau diesen Gedanken hält Hegel für ein Missverständnis. Menschen kommen sozusagen nicht in der Welt vor, so wie Steine in der Welt vorkommen, sondern als Mensch beziehe ich mich auf einen anderen Menschen als einen, bei dem ich in mir bin und zugleich von ihm verschieden.

Freiheit, nur weil wir glauben, dass darin Freiheit liegt

Palzer: Und ich muss mich, glaube ich, vor dem anderen gegenüber rechtfertigen. Das heißt, Selbstbewusstsein besteht ja darin, dass wir uns gegenseitig Gründe nehmen und geben, warum wir etwas tun, warum ich das möchte, warum Sie das möchten und so weiter. Und so müssen wir uns einigen dann auf irgendetwas, was wir dann gemeinsam tun. Bei der Natur ist das erst mal scheinbar nicht gegeben. Aber wir merken eben gerade, dass wir uns zwar nicht verbal, aber wir müssen uns rechtfertigen, weil wir sonst die Natur zerstören. Also, wir haben es nicht gerechtfertigt, sozusagen.

Das machen wir jetzt gerade, indem wir sagen, nein, wir steigen auf E-Mobilität um. Und rechtfertigen uns so über der Natur, die wir selbst sind.

Kern: Was Sie zum Schluss gesagt haben, ist sehr wichtig. Aus der Perspektive Hegels geht es nicht darum, dass wir uns gegenüber der Natur rechtfertigen. Eben deswegen, weil, wie Sie am Schluss gesagt haben, der Natur, die wir selber sind, richtig. Das heißt, wir müssen uns gegen über uns selber rechtfertigen, aber nicht gegenüber der Natur, in diesem Sinn, wenn wir die Natur als etwas beschreiben, was wir nicht sind, also in der Redeweise, der wir die Natur von uns unterscheiden. Und in der Rede, in der wir sie von uns unterscheiden, ist die Natur selber nicht ein Gegenprinzip zum Menschen, sondern sie hat kein Prinzip.

In der Zerstörung der Natur um Willen der Befriedigung jedes noch so sinnlosen Begehrens nicht der Gipfel unserer Freiheit ist, sondern im Moment wir unsere Lebensform, also der explodierende Konsum, der unsere Lebensform ausmacht, die Expansion der Unternehmen, die um ihrer selbst willen betrieben wird, dass das eine Form der Selbstverknechtung ist oder sozusagen eine neue Form der selbst verschuldeten Unmündigkeit aus Hegelscher Perspektive und die einzige Weise da herauszukommen ist zu sagen, ja, wie erkennt man selbst Missverständnisse? Wie werden Irrtümer aufgeklärt? Vor allen Dingen, wenn sie so tief sind.

Ja, wir glauben, das ist Freiheit, nur weil wir glauben, dass darin Freiheit liegt, tun wir all das, kämpfen wir für noch mehr Verkehr und so weiter. Das ist also, wir glauben, ja, wir hätten einen Grund.

Die normative Dimension und die Idee der Erkenntnis

Palzer: Sie haben vorhin gesagt Erkenntnistrieb, ja, das ist ein Trieb. Aber ich habe eben auch den Trieb – was weiß ich – alle Autos dieser Welt zu besitzen. Was unterscheidet die beiden jetzt nun, weil das sind ja beides Triebe, also auch der Trieb der Erkenntnis ist sozusagen ein Trieb. Es ist auch sozusagen ein Begehren. Ja, ich will mehr wissen. Ich will Hegel studieren. Ich will das wissen. Was hat der gesagt? Ich will das machen und so weiter. Ich will das wissen.

Ist vielleicht sozusagen der Unterschied darin, dass die Freiheit einen – wie soll man sagen –  normativen Charakter hat. Der Trieb des Besitzens hat es ganz offenbar nicht, während die Freiheit durch den normativen Charakter eine innere Grenze hat.

Kern: Das finde ich eine schöne Frage. Diese Normativität ist ja keine, die darin besteht, dass irgendjemand sagt, du sollst erkennen, so wie es niemand sagt: Du sollst alle Autos dieser Welt besitzen. Es hat was mit der Normativität zu tun, aber nicht ... also eine falsche Vorstellung von Normativität – die hat ja auch Hegel in seinen Schriften immer wieder angegriffen – ist ja die, dass man denkt, Normativität des Geistigen besteht darin, dass es bestimmte Normen gibt und die sagen, was zu denken ist, was zu tun ist. Natürlich gibt es auch festgeschriebene Normen. Das bestreitet natürlich auch Hegel nicht. Die Zehn Gebote wurden mal aufgeschrieben, das Zwölftafelgesetz wurde auch – also es gibt schon immer wieder Normen, die aufgeschrieben werden, schon von frühester Zeit an. Aber darin besteht nicht die Normativität des Geistes, sondern umgekehrt, die Normativität des Geistes besteht ja darin, dass der Geist als solcher und damit sozusagen, dass das menschliche Wesen als solches sein Leben in der Dimension von etwas ist wahr / etwas ist falsch, etwas ist gut / etwas ist schlecht, etwas ist richtig / etwas ist falsch, in dieser normativen Dimension führt, ja das, was immer es tut, es sich in dieser Dimension bewegt und also das, was es tut, mit einem Bewusstsein dieser Unterscheidung unternimmt, im Lichte dieser Unterscheidung, das ist gemeint mit der Normativität, und das ist sozusagen gemeint mit der Idee der Erkenntnis.

Palzer: Da kommen wir zu meiner Abschlussfrage, weil das, woran sich sozusagen die Moderne wirklich abgearbeitet hat, ist an dem Hegel-Satz: Das Vernünftige ist wirklich, und was nicht wirklich ist, ist nicht vernünftig.

Kern: Der Geist ist sozusagen der Name für diese Totalität, durch die was verständlich wird? – Ja, der Mensch als ein Wesen, das sagt, er erkennt die Natur. Diese Unterscheidung, das hat man ja vorhin gesagt, die Unterscheidung zwischen Geist und Natur ist selber eine, die gebunden ist an die Frage des Menschen, der sich diese Frage mit Bezug auf sich selbst stellt. Wer bin ich? Und in Antwort auf diese Frage ja, mach dir die Unterscheidung zwischen Geist und Natur, als etwas, das notwendig ist, um seinen eigenen Geist als etwas durch die Natur Gewordenes zu verstehen.

Also, was ihn beschäftigt hat, ist eben überhaupt das Dasein des Menschen zu verstehen. Und das kann, die kann eben nicht einfach als eine weitere Tatsache in der Welt verstanden werden.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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