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Freiheiten für Frauen in AfghanistanDer Westen darf nicht tatenlos zusehen, wie Erfolge zunichtegemacht werden

Die Zugeständnisse der Taliban an die Frauen in Afghanistan seien lediglich Lippenbekenntnisse, kommentiert Shikiba Babori. Die Bundesregierung müsse weiterhin an der Seite der afghanischen Frauen stehen und Projektarbeit vor Ort, finanzielle Hilfen und auch Gespräche mit den Taliban voranbringen.

Von Shikiba Babori

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Afghaninnen bei einem Treffen in Kabul Anfang August gegen die Menschenrechtsverletzungen durch die Taliban (AFP/ Sajjad Hussain)
Um in Zukunft die Rechte von Frauen landesweit zu stärken, bedarf es genauer Pläne und Strategien, meint Shikiba Babori (AFP/ Sajjad Hussain)
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Die Freiheiten, die sich afghanische Frauen unter Einsatz ihres Lebens in den patriarchalen Gesellschaftsstrukturen erkämpft haben - all das fällt gerade wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Die Taliban werden die Erfolge nach und nach zunichtemachen. Ihre Zugeständnisse sind lediglich Lippenbekenntnisse. Sie geben sich diplomatisch und gehen auf Ängste ein, bis sie die Kontrolle haben. Zu sehen ist dies bereits in den Provinzen, die sie lange vor Kabul eingenommen oder nie aufgegeben hatten. Für viele Frauen ist es verheerend.

Ein Taliban-Kämpfer geht am 18. August 2021 in Shar-e-Naw in Kabul an einem Schönheitssalon vorbei, in dem Bilder von Frauen mit Sprühfarbe verunstaltet wurden. (AFP) (AFP)Frauen in Afghanistan - "Auf die Auslegung der Scharia wird es ankommen" 
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Hungrig nach Freiheit und Selbstbestimmung

Es war schon so vieles erreicht worden: Nach dem Sturz der Taliban 2001 erkannte die afghanische Regierung die UN-Konvention zur Beseitigung jeglicher Form von Diskriminierung gegenüber Frauen an. In der Verfassung wurden sie sogar den Männern rechtlich gleichgestellt.

Auf dieser Basis formierten sich Frauenprojekte, die viele Jahre auf diesen Rückhalt in der Gesetzgebung gewartet hatten. Es entstand eine "Win-win"-Situation: Auf der einen Seite die westlichen Staaten, die ihren Einsatz am Hindukusch unter anderem auch damit legitimiert hatten, die afghanischen Frauen zu befreien. Auf der anderen Seite eine Generation, die unter den Mujaheddin und Taliban groß geworden war und hungrig nach Freiheit und Selbstbestimmung in den Startlöchern saß. Und so wurde jede neue Richterin, Parlamentarierin, Frauenrechtsaktivistin, Ärztin, Hochschulprofessorin, Lehrerin, Pilotin oder Journalistin als Erfolg des Einsatzes gefeiert.

Zwischen Menschenrechten und Scharia

Die Schönheitsfehler dieser Idylle wurden erst auf den zweiten Blick sichtbar. Denn die Verfassung, die den Frauen die rechtliche Gleichstellung zusichert, besagt noch etwas Anderes: nämlich, dass Gesetze, die im Widerspruch zu den Grundlagen des Islam stehen, keine Gültigkeit haben. Das afghanische Rechtssystem bekennt sich also einerseits zu den allgemeinen Erklärungen der Menschenrechte und gleichzeitig zur Scharia, einem Rechtssystem, das drakonische Strafen, wie Steinigung und Handabhacken für gesellschaftliches Fehlverhalten vorsieht und dessen Auslegung frei interpretierbar ist. Mit diesem Zusatz wurde ein Bogen gespannt - zwischen den Warlords und den islamistischen Hardlinern, die mit Hilfe der USA und ihrer Verbündeten Teil der afghanischen Regierung wurden.

Und so gehört auch dies zur Wahrheit dazu: Unter den Augen des Westens hat die Gleichberechtigung viele Frauen im Land nicht erreicht: Milliarden von Hilfsgeldern wurden jahrelang bedingungslos ausgezahlt und beförderten eher die Korruption, als dass sie den Frauen genutzt hätten. Auch diese Tatsache sollte Teil eines kritischen Rückblicks auf 20 Jahre Afghanistan sein.

Taliban-Kämpfer in der afghanischen Stadt Kandahar am 13. August 2021  (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer) (picture alliance / dpa / Xinhua News Agency | Stringer)Afghanistan - Diese Strategie verfolgen die Taliban 
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Nachvollziehbare Argumente für die Taliban

Um in Zukunft die Rechte von Frauen landesweit zu stärken, bedarf es genauer Pläne und Strategien. Mehr Projektarbeit von Nichtregierungsorganisationen, die den Bedürfnissen vor Ort angepasst ist. Finanzielle Hilfen, die an strenge Auflagen geknüpft sind. Auch Gespräche mit den Taliban wird man nicht vermeiden können. Ihnen muss die Notwendigkeit der Beteiligung der Frauen in der Gemeinschaft vor Augen geführt werden. Denn wenn es eine Ärztin gibt, dann kann auch die eigene Tochter behandelt werden. Dafür aber braucht es Schulen und Lehrerinnen. Das sind simple und nachvollziehbare Argumente, die auch die Taliban verstehen, denn Begriffe wie Menschenrechte und Demokratie werden als westliche Propaganda vehement abgelehnt.

Verantwortung der Bundesregierung

Der Westen kann und darf nicht tatenlos zusehen, wie die Erfolge der vergangenen Jahre zunichtegemacht werden. Denn das wäre ein verheerendes Urteil für eine ganze Generation, die sich für eine freie Gesellschaft eingesetzt und den Boden für die Entwicklung einer starken Zivilgesellschaft bereitet hat. Auch die Bundesregierung muss ihrer moralischen und politischen Verantwortung gerecht werden und weiterhin an der Seite der Frauen in Afghanistan stehen. Nur so hat das Land vielleicht eine Chance auf eine demokratische Zukunft – egal, wer Afghanistan regiert.

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