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StartseiteCampus & KarriereSchulleiter warnt: Schule wird möglicherweise unorganisierbar25.02.2021

Freiwilliges Sitzenbleiben wegen CoronaSchulleiter warnt: Schule wird möglicherweise unorganisierbar

Die rot-rot-grüne Koalition im Berliner Senat schlägt vor, Schülerinnen und Schüler freiwilliges Sitzenbleiben zu ermöglichen, wenn sie glauben, durch die Pandemie im Lernstoff hinterherzuhinken. Für die Schulen wäre das ein Fiasko, sagte Schulleiter Ralf Treptow im Dlf. Es drohten Riesenklassen.

Ralf Treptow im Gespräch mit Matthis Jungblut

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Eine Junge lernt für die Schule (gestellte Szene) (picture alliance/ dpa/ Kirsten Neumann)
Man dürfe die Bewertung, ob ein Kind eine Klasse wiederholen müsse, nicht den Eltern allein überlassen, sagte der Schulleiter Ralf Treptow im Dlf (picture alliance/ dpa/ Kirsten Neumann)
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Gegen den Vorschlag der rot-rot-grünen Koalition im Berliner Senat, wegen der Coronakrise das freiwillige Wiederholen eines Schuljahres zu ermöglichen, regt sich massiver Widerstand. Mehrere Schulleiterverbände in Berlin sind dagegen. Auch Ralf Treptow, Vorsitzender der Vereinigung der Oberstudiendirektoren in Berlin und Schulleiter des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums in Berlin-Pankow, hält den Vorstoß für eine "Schwachsinnsidee".

Matthis Jungblut: Was befürchten Sie denn, wenn das freiwillige Sitzenbleiben ermöglicht wird?

Ralf Treptow: Was wir befürchten, ist, dass die freiwillige Wiederholung, wenn sie sozusagen losgekoppelt wird von einer Entscheidung der Schulen, dass das zu einem Fiasko führen kann. Und dafür gibt es mehrere Gründe.

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Befürchtungen, dass Klassen überquellen

Jungblut: Was genau meinen Sie damit?

Treptow: Das will ich Ihnen mal aus den Rückmeldungen erklären, die ich in den letzten Tagen aus ganz verschiedenen Schulen bekommen habe. Zum Beispiel habe ich Rückmeldungen aus Grundschulen, die befürchten, dass ihre ersten Klassen überquellen. Auch aus Grundschulen habe ich Rückmeldungen von Schulleiterinnen und Schulleitern der fünften Klassen, die sagen, in den fünften Klassen zählen die Noten, manchmal sind Eltern so, dass sie sagen, wenn die Noten nicht gut genug sind, um dann später, ein Jahr später eine gute Prognose für den Übergang an die weiterführenden Schulen ab Klassenstufe sieben zu bekommen. Vielleicht wiederholen die Kinder auf einmal alle. Wir befürchten sozusagen, dass eine Wiederholung erfolgen könnte für Schülerinnen und Schüler, wo die Eltern das wünschen, die Schule aber gar keinen Bedarf für die Wiederholung dieses Kindes sieht. Und wenn die Schule dann außerdem noch weiß, dass das Kind in seiner alten Lerngruppe viel besser aufgehoben ist als in einer neuen, dann führt das dazu, dass möglicherweise die Schule unorganisierbar wird, weil die neuen Lerngruppen alle viel zu groß werden. Das kann man aus der Sicht einer Grundschule gut erklären: Nehmen wir mal an, eine Grundschule nimmt normalerweise fünf Klassen auf, aber aus den jetzigen ersten Klassen wollen auf einmal 40 Kinder wiederholen. Was soll die Grundschule dann machen? Dann müsste sie diese 40 Kinder auf die fünf anderen Klassen aufteilen, dann werden Riesenklassen daraus, oder die müsste anderthalb neue Klassen bilden. Da sagt aber das Abgeordnetenhaus, Kosten dafür werden nicht zur Verfügung gestellt.

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"Problem nicht den Eltern überlassen"

Jungblut: Droht denn aber nicht gerade für schwächere Schüler die Gefahr, dass sie dann noch weiter zurückfallen, wenn sie jetzt viel Stoff verpasst haben? Gute Schüler können das ja vielleicht noch auffangen, aber bei schlechteren und auch sozial schlechter gestellten Schülern ist es ja dann ein größeres Problem?

Treptow: Natürlich besteht diese Gefahr, aber diese Gefahr beseitigt man doch nicht dadurch, dass man das den Eltern freiwillig überlasst. Man kann doch nicht ein kollektives Problem, das Problem, was Sie schildern, besteht ja deutschlandweit in allen Jahrgangsstufen, dieses kollektive Problem, dieses systemische Problem kann man doch nicht auf einmal individualisieren und es auch noch den Eltern überlassen und die Schule sozusagen völlig aus der Verantwortung herausnehmen.

Ein Kollege eines Gymnasiums in einem Brennpunktbezirk hat zu mir gesagt: Wenn das, was dem Abgeordnetenhaus seit Donnerstag dort im Prinzip als Vorschlag der Koalition auf dem Tisch, beschlossen wird, dann ist das geradezu Anarchie im Schulwesen. Die Gesellschaft gibt jegliche Regelung auf, weil sie keine Lösungen mehr hat, und überlässt das vollständig den Eltern. Das ist keine Lösung des Problems.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Scharfe Kritik an der Kultusministerkonferenz

Jungblut: Was würden Sie sich denn stattdessen wünschen?

Treptow: Ich wünsche mir seit ewigen Zeiten, seit dem Beginn der Pandemie im März, dass ein Ausweg aus der Pandemie für den Schulbereich gefunden wird. Jeder Ausweg, den jetzt die Koalition dort konstruiert, ist kein Ausweg. Ich will mal darauf verweisen, dass zum Beispiel das Bundesland Hamburg, das ist auch Stadtstaat, auch regiert von einem Senator, der aus der gleichen Partei kommt wie unsere Senatoren, genau das jetzt einführen möchte, was in Berlin gerade abgeschafft werden soll. Was ich mir wünsche, ist, dass sich die Kultusminister zusammensetzen und eine langfristige Strategie für den Ausweg aus der Bildungssituation der Kinder und Jugendlichen, die derzeit in Deutschland zur Schule gehen, findet. Das hat die KMK seit März nicht gemacht.

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Ich selbst habe im März zum Beispiel vorgeschlagen, man möge in der KMK doch darüber beraten, ob man nicht das alte Schuljahr 19/20 verlängert, zum Beispiel bis zum 31. Januar 2021, dann hätten wir jetzt gerade mit dem neuen Schuljahr gestartet, und das nächste Schuljahr, also das jetzt laufende, auch verlängert um ein halbes Jahr. Das wäre eine mögliche Strategie, aber darüber hat die KMK nie ernsthaft beraten. Und jetzt kommt jedes einzelne Bundesland wieder auf irgendwelche Schwachsinnsideen. Da wünsche ich mir natürlich, dass es jetzt mal eine konzentrierte Aktion in der KMK gibt und dass die KMK mal vielleicht es doch mal schafft, ein oder zwei Jahre vorauszudenken und nicht nur auf Sicht durch den Nebel zu fahren.

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