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StartseiteKultur heute"Freizeitspektakel" an der Lagune29.09.2010

"Freizeitspektakel" an der Lagune

Die Biennale für zeitgenössische Musik in Venedig startet mit Opern-Uraufführungen

Zu seinem 80-jährigen Bestehen hat sich das Festival zeitgenössischer Musik in Venedig der Oper, dem Musiktheater zugewandt und bringt drei kurze Kammeropern auf die Bühne, darunter Hannes Seidls "Freizeitspektakel" für fünf Stimmen.

Von Thomas Migge

Das  übliche Freizeitspektakel in Venedig (Stock.XCHNG/ Felix Carretto)
Das übliche Freizeitspektakel in Venedig (Stock.XCHNG/ Felix Carretto)

""Katastrophal! Anders kann man die Szene für zeitgenössische Musik in Italien nicht beschreiben. Die sogenannten Kulturpolitiker interessieren sich ganz generell nicht für Musik und schon gar nicht für zeitgenössische, die ganz selten aufgeführt wird. Unsere Politiker sind üble Ignoranten."

Luca Francesconi wundert sich, dass es überhaupt noch Geld aus Rom für die von ihm geleitete Biennale für zeitgenössische Musik gibt. Vielleicht, vermutet der Komponist, ignoriere man diese Veranstaltungsreihe, weil man Musik nicht erst nehme. Wie die Film-Biennale. Die soll in Zukunft stärker als bisher unter die Fittiche des Kulturministeriums genommen werden, weil dem Kulturminister die ausgewählten Filme der letzten Ausgabe nicht gefielen. Wenn der Staat schon zahle, erklärte der Minister, dann sollten auch "schöne" Filme gezeigt werden. Was schön ist, will künftig der Minister festlegen.

Noch ist Biennale-Direktor Francesconi Herr im Haus. Noch schreiben ihm rechte Kulturpolitiker nicht vor, was aufgeführt werden soll und was nicht. Und noch gibt es Geld für diese Biennale, zu der Ensembles aus ganz Europa eingeladen werden.

Die 54. Biennale für zeitgenössische Musik steht vor allem im Zeichen neuer Kompositionen. Von besonderem Interesse sind in diesem Jahr drei Kammeropern. Francesconi will damit eine Lanze brechen für mehr zeitgenössische Opern. Ein vor allem unter Nachwuchskomponisten wenig beliebtes musikalisches Genre, meint der Italiener, der derzeit an einer neuen Oper für die Scala arbeitet, nach dem Schauspiel "Quartett" von Heiner Müller. Und so gab er, zusammen mit der Veranstaltungsreihe "Musik der Jahrhunderte" in Stuttgart und anderen Organisatoren, drei Kurzopern in Auftrag.

Der 1977 geborene Folkwang-Absolvent Hannes Seidl, bekannt durch seine Kompositionen für Ensembles, Liveelektronik und Tapemusic, präsentierte "Freizeitspektakel ", ein halbstündiges Werk für fünf Stimmen. Es flüsterten und rumorten, es pfiffen und quietschten Sänger der Neuen Vokalsolisten Stuttgart.

Neben den Sängern standen auf der Bühne große Bildschirme. Sie zeigten Videotapes von Daniel Kötter, mit Alltagsszenen aus dem Leben der Vokalisten. Hannes Seidl:

"All diese Filme sind eine fünfkanalige polyfone Komposition aus Bildern und Geräuschen, Klängen und Musik. Die werden gedoppelt und ergänzt von den fünf Sängern live auf der Bühne, wobei das Ganze dann zu einem Spiel wird, das sich immer mehr um sich selber dreht: Die Sänger auf der Bühne fangen dann an etwas zu proben, was im Film bereits Aufführung ist."

Klassische Kurzoper bot hingegen der eher traditionalistische Italiener Matteo Franceschini mit dem Einakter "Il Gridario". Mit Solisten, Chor und Videobühnenbildern. Erzählt wurde eine Geschichte aus dem Trient der Barockzeit.

"En la medida de las cosas" des Spaniers César Camarero ist die Vertonung einiger Gedichte der argentinischen Poetin Maria Negroni. Ob Camareros Werk wirklich eine Kurzoper ist oder eher eine Art Cantata mag dahin gestellt sein.

Die in Venedig aufgeführten Einakter zeigen die vielfältigen und in diesem Sinn auch verwirrenden Interpretationsmöglichkeiten des Genres Oper auf, eines Genres, das sich immer weniger auf eine ganz bestimmte Aufführungspraxis festlegen lässt. Das macht vor allem Seidls Komposition deutlich. Ihm geht es mehr um Musiktheater:

"Musiktheater ist absolut reizvoll. Musik in Kombination mit anderen Medien. Alles was auf einer Bühne sein kann, wird Teil der Komposition."

In zwei Jahren will Luca Francesconi wieder drei neue Kurzopern aufführen lassen. Doch ob er dann noch seinen Posten als Biennale-Direktor inne haben wird, sei vollkommen unklar, meint er. Überhaupt seien es für die Kultur in Italien unsichere Zeiten.

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