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StartseiteEssay und DiskursGrammatische Reflexionen01.01.2017

FremdgehenGrammatische Reflexionen

Wenn wir an Grammatik denken, haben wir eher gemischte Gefühle. Der Grammatiker Robert Stockhammer von der LMU München sagt: "Das grammatische Wissen ist Macht, die vor allem in der Regulierung des Fremden mit den Mitteln der Schrift ausgeübt und in der Literatur reflektiert wird."

Von Thomas Palzer

Gruppe bunter Buchstaben in einer transparenten dreidimensionalen Sprechblase (imago / Ikon Images)
Jede Grammatik ist eine Philosophie der Sprache, Grammatik ist die Schlüsseltechnologie unserer Zivilisation. (imago / Ikon Images)
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Jede Grammatik ist eine Philosophie der Sprache, Grammatik ist die Schlüsseltechnologie unserer Zivilisation. Sie kann nicht erlernt, sie muss intuitiv erfasst werden. Der Muttersprachler "hört", ob ein Satz so geht oder nicht so geht. Grammatik selbst wird gern beschrieben durch die Metapher des Ingenieurs: Man baut Sätze, konstruiert Satzbaupläne oder komplexe grammatische Gebilde.

Das Problem jeder Sprache ist, dass sie in Kontakt mit anderen steht. So äußert sich Kulturkritik mit Vorliebe als Kritik an Wörtern: Welches Fremdwort ist gut, welches überflüssig und welches schlecht. An den Wörtern besteht das größte Interesse, denn Wörter gehören zum wichtigsten Bestandteil der Sprache. Das Metawissen über Sprache nennen wir Grammatik - knowing what. Eine Sprache sprechen können bedeutet dagegen: knowing how.


Das komplette Manuskript zum Nachlesen:

"Deutschland ist das Land der Fremdwörterbücher, nicht etwa weil es im Deutschen mehr 'Fremdwörter' gäbe als in anderen modernen Kultursprachen, sondern weil man lange Zeit vieles von dem in die Fremdwörterbücher verbannt hat, was in anderen Ländern als Lehnwörter in normalen Wörterbüchern oder zusammen mit anderen difficult words in Spezialwörterbüchern des Fach- und Bildungswortschatzes gebucht wird." Peter von Polenz, Mediavist und Sprachwissenschaftler, 1967.

In der Geschichte der deutschen Sprache ist der Sprachpurismus ein eigentümliches Phänomen. Man glaubt, die Sprache vor dem Sprachgebrauch der Sprachgemeinschaft schützen zu müssen - als ob die Sprecherinnen und Sprecher der Sprache zu dienen hätten, wo es doch in Wahrheit die Sprache ist, die von den Sprechern ausgebildet, verändert und geformt wird.

Besonders signifikant für Sprachreinigung ist die Gewohnheit, die Wörter nach ihrer Herkunft zu beurteilen.

Kommt ein Wort aus einem sicheren Herkunftsland? Oder kommt es aus einer wilden, ominösen Fremde? Oder gar aus der - Vergangenheit?

Stichwort: Neger.

Der Wortschatz wird von den Sprachpuristen unterteilt in solche Wörter, die man benutzen darf, und solche, die man besser meiden sollte.

Sprachreinigung ist unlösbar mit dem Willen verbunden, Geschichtlichkeit zu leugnen und in die Sprache willkürlich einzugreifen - wobei sich die Willkür naturgemäß als Korrektur tarnt.

Schon im 18. Jahrhundert stellt der Sprachdenker Johann Georg Hamann fest:

"Reinigkeit einer Sprache entzieht ihren Reichtum; eine gar zu gefesselte Richtigkeit, ihrer Stärke und Mannheit."

Der Kampf gegen fremdsprachliche Einflüsse erlebt womöglich eine Renaissance

Ein besonders schlagendes Beispiel für die Ahistorizität der Sprachreiniger sind diejenigen Zeitgenossen, die meinen, das Wort "Neger" tilgen zu müssen - ein aus dem Französischen beziehungsweise dem Lateinischen übernommenes Wort - also eigentlich ein aus der Fremde entlehntes ...

... zu deutsch: ein Lehnwort.

Wobei gilt: Jedes Lehnwort lehnt sich mit dem Rücken an ein Fremdwort an, aber nicht jedes Fremdwort bringt es zum Lehnwort.

Zuerst im 17. Jahrhundert bezeugt, entfernen Schulbuchverlage heute aus Texten das Wort "Neger", das zu einer Zeit entstanden ist, als es noch gar nicht problematisiert worden war.

Unbeabsichtigt wird dabei einer neuen Variante des Sprachpurismus gehuldigt. Wieder einmal soll die Vergangenheit der Gegenwart angepasst werden.

Das Problem jeder Sprache ist, dass sie in Kontakt mit anderen steht - mit Sprachen der Vergangenheit und Gegenwart. Die Entwicklung einer Sprache ist notwendig an zwischensprachliche Beziehungen geknüpft - und zwar horizontal wie vertikal, zeitlich wie räumlich - also das gegenwärtige Deutsche an alte römische Lehnwörter nicht weniger als an den französischen Einfluss während Barock und Aufklärung und an den angloamerikanischen Einfluss der Gegenwart.

"Seit ungefähr 2.000 Jahren entlehnen das Deutsche und seine Vorgänger aus einer größeren Zahl von Sprachen," bemerkt Peter Eisenberg in Das Fremdwort im Deutschen.

Pistole, Kalesche, Penunze aus dem Polnischen;  

Brigade, Sputnik, Mammut, Pogrom aus dem Russischen; 

Gulasch, Husar, Kandare, Tolpatsch aus dem Ungarischen; 

Horde, Kiosk, Dolmetscher aus dem Türkischen; 

Admiral, Algebra, Balsam, Kaffee, Karat aus dem Arabischen.

Dennoch steht für die Sprachreiniger der Kampf gegen fremdsprachliche Einflüsse seit Jahrhunderten im Vordergrund - und erlebt in unseren Tagen womöglich eine Renaissance.

Diesmal nicht aus patriotischen, nationalen oder gar rassistischen Gründen, sondern aus - moralischen. Die political correctness ist dabei, aus historischen Wörtern Fremdwörter zu machen - Wörter, mit denen man fremdelt, weil sich in ihnen eine Geschichte spiegelt, mit der man nichts mehr zu tun haben will.

Das aus dem Griechischen stammende Wort barbaros meint ursprünglich die, die kein Griechisch sprechen, sondern eben barbarisch, die sagen ... Br-br.      

Anders gewendet stellt sich damit die mereologische Frage nach dem Verhältnis vom Teil zum Ganzen - die Frage nach der Relation zwischen Muttersprache und Fremdwort.

Interessanterweise ist es ausgerechnet das Projekt der Moderne, das orchestriert wird von wiederkehrenden Vorschlägen zur Normierung der Orthographie. Die Sprache soll verbessert, homogenisiert, sie soll vernünftig werden - genauso wie der Meter und das Kilogramm. Einerseits.

Die Vernunft soll an der Sprache Maß nehmen können.

Und andererseits ist die deutsche Sprache seit dem 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart bestimmt von einer Fremdwortfeindlichkeit, von einer Art "linguistischer Xenophobie ", wie das der Sprachwissenschaftler Jürgen Trabant ausdrückt.

Man befürchtet, dass das Eindringen fremder Elemente in die Sprache die Denkweise der Sprachgemeinschaft verfälscht.

Darum schenkt man Wörtern, die aus anderen Sprachen eingewandert sind, besondere Aufmerksamkeit.

21 deutsche Worte, die das Englische gut gebrauchen könnte

Sprachpflegevereine entstehen im 17. Jahrhundert - aus Sorge um die "Muttersprache", ein Begriff, der vermutlich vom lateinischen lingua materna abgeleitet ist, also von einem fremdsprachlichen feststehenden Begriff.

Dass Fremdwörter der deutschen Sprache zugehören, wird immer wieder und gern bezweifelt. Im 18. Jahrhundert verbannt Jacob Grimm, der Begründer der Germanistik, sie aus
seinem Deutschen Wörterbuch. Und Sprachpflegevereine wie der Allgemeine deutsche Sprachverein bescheren den Deutschen um die vergangene Jahrhundertwende das Kraftfahrzeug statt des Automobils, und den Fernsprecher statt des Telefons.

Heute wird "Weltnetz" fürs Internet vorgeschlagen.

Gebräuchlich ist "Weltnetz" übrigens vor allem in rechtsextremen Kreisen.

Als ob alles Neue immer nur vom Bestehenden abgeleitet werden könnte.

Fremdwörter sind erst einmal Wörter und gehören damit zu den Grundbausteinen der Sprache.

Das Medienportal Buzzfeed publizierte im März 2016 eine Liste der 21 perfekten deutschen Worte, die das Englische gut gebrauchen könnte. 

21 Perfect German Words We Need in English:

Torschlusspanik / Fernweh / Schnapsidee / Treppenwitz / Luftschloss / Weltschmerz / Fuchsteufelswild / Fingerspitzengefühl / Frühjahrsmüdigkeit / Sehnsucht / Fremdschämen / Kopfkino / Verschlimmbessern / Backpfeifengesicht / Zugzwang / Geborgenheit

Die erste deutsche Sprachgesellschaft, die dem Sprachpurismus huldigt und dem Gebrauch von Fremdwörtern entgegenwirken will, nennt sich Fruchtbringende Gesellschaft. Sie wird 1617 gegründet.

Seit dem Barock und der mit ihm verbundenen Überzeugung, dass das Deutsche zu den sogenannten "Hauptsprachen" gehöre, neben Latein, Griechisch und Hebräisch, werden Fremdworte im deutschen Wortschatz beschimpft, bekämpft, verachtet, diskriminiert, verboten.

Gegenüber der damals dominierenden französischen Kultur will man die deutsche Sprache und Kultur aufwerten.

Es ist also ein Minderwertigkeitsgefühl, dem es geschuldet ist, dass man das Fremdwort herabsetzt.

Später treten nationale, aufklärerische, kulturpatriotische und rassistische Motive hinzu.

1933 spricht man von "geistigem Landesverrat" und über den Sprachverein Muttersprache sagt man, er spiele die Rolle einer "SA unserer Muttersprache", wie es ein Autor der gleichnamigen Vereinszeitschrift 1934 ausdrückt.

Die deutsche Sprache steht im Fokus von vielerlei Kulturkämpfen

Unter der Herrschaft der Nazis empfiehlt dieselbe Zeitschrift die Ausmerzung jiddischer Lehnwörter wie Chuzpe, Pleite, Reibach, dufte, Maloche, Schlamassel, Mischpoke, Tacheles, Stuss und vieles mehr.

Seit Rechtschreibreform, massenweiser Zuwanderung und vermeintlicher oder echter Nichtliterarität der Jugendlichen steht die deutsche Sprache und ihre Kenntnis wieder im Fokus von vielerlei Kulturkämpfen.

Die einen warnen vor Überfremdung, etwa durch den maßlosen Gebrauch englischer Begriffe -, die anderen - etwa die Wohlfühlpädagogen - erklären den Gebrauch von Fremdwörtern gleich für unerwünscht - in der Meinung, Fremdwörter beruhten auf Bildungsprivilegien und blieben darum den meisten Sprechern fremd.

All diesen selbsternannten Sprachpflegern gelten fremde unter deutschen Wörtern als "Pöbel".

Pöbel von französisch: peuple, was wiederum von dem Lateinischen: plebs abstammt und "Volk" bedeutet.

Dabei ist das Fremdwort ein Wort der deutschen Sprache, wie der Linguist Peter Eisenberg sagt.

Natürlich dient die Sprache auch als Kapital, um Distinktion zu generieren. Schon immer wussten die Gebildeten und Herrschenden sich vom Volk abzusetzen, in dem sie eine andere Sprache gesprochen haben, also etwa Latein oder Französisch ... oder Fachchinesisch.

Wie sagt der Arzt ist ein Bedeutungswörterbuch des Duden betitelt.

Heute spricht man in Kreisen, die sich als globale Elite ausweisen möchte - Business, Kultur, Wissenschaft, gern Englisch - hauptsächlich um zu demonstrieren, dass die Muttersprache Deutsch eigentlich eine niedrige Sprache ist, eine des jeweiligen Kiezes, folglich nur ein Soziolekt, nur die Angelegenheit einer Provinz.

Auf diesen erhellenden Zusammenhang hat Jürgen Trabant in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufmerksam gemacht.

Fremdwörter sind nicht nur Sprachkapital, das zur Distinktion eingesetzt werden kann. Fremdwörter erlauben auch eine neue Perspektive auf die Wirklichkeit.

Jedenfalls besteht an Wörtern grundsätzlich ein großes Interesse. Dafür spricht der Erfolg von Autoren wie Bastian Sick, dafür sprechen die zahllosen Sprachglossen, das "Unwort des Jahres" und die vielen, nicht zuletzt von der missglückten Rechtschreibreform reaktivierten Sprachpflegevereine, mit denen übrigens von Anfang an die Vorstellung von einer Verbesserung der Sprache verbunden gewesen ist.

Aber was ist das für eine Vorstellung, die davon ausgeht, dass Sprache mangelhaft ist und sich verbessern ließe?

Beim Bachmann-Wettbewerb 2016 sorgte der israelische Autor Tomer Gardi mit einem Text über die Frage, welche Einwanderungsbedingungen die deutsche Sprache habe, für heftige Diskussionen.

Die Einwanderungsbedingungen mögen anspruchsvoll sein - Fremdworte, zumal lateinischer oder gar altgriechischer Provenienz, sollten aber wie diejenigen meinen, die die Rechtschreibung vereinfachen und das Fremdwort als Bildungsprivileg abschaffen wollen, in jedem Falle draußen bleiben, halten doch selbst Germanistikstudenten eine Konjunktion für die Blüte der Wirtschaft oder eine Ellipse für die Weltumlaufbahn.

Es sind vielleicht weniger die Pädagogen und Bildungsforscher, die den Lernenden empfehlen, Fremdwörter zu vermeiden - mit Sicherheit aber sind es in Zeiten eines umfassenden Populismus die Medien, die hartnäckig darauf bestehen, keine Fremdwörter zu benutzen.

Nicht ganz zu Unrecht wird befürchtet, dass immer weniger Menschen diese Worte verstehen, denn Latein und Griechisch sind ja sogenannte tote Sprachen und als tote Sprachen dank der Bildungsbeschleuniger aus den Gymnasien verschwunden. Gebersprache ist heute vorrangig das Englische.

Sogenannte Nehmersprache das Deutsche.

Sprache ist selbst eine Form des Wissens

Dass mit dem Lernen einer Fremdsprache, insbesondere alter Sprachen wie Latein, ein grammatisches Erweckungserlebnis verbunden ist, das stößt in einer Bildungspolitik, die an vordergründigem Nutzen und schneller Einspeisung in die Welt der Produktion orientiert ist, auf taube Ohren.

Die sechs Casus des Latein, die Verbmodi Indikativ, Konjunktiv und Imperativ, ferner Passiv und Aktiv - plötzlich bekommt auch im Deutschen jeder Satz eine Struktur.

Ganz abgesehen davon, dass mit der Abwahl von Griechisch und Latein die griechisch-lateinische Grammatiktradition Europas geleugnet wird.

Der indirekte Einfluss des Griechischen beginnt mit der Übernahme lateinischer Wörter ins Germanische. Das Lateinische selbst ist beinahe während der gesamten Zeit seiner Existenz vom Griechischen mit geprägt worden, weil das Griechische nicht nur die Kultursprache, sondern in einem Teil des römischen Reichs auch Verkehrssprache war. So der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg.

Aber hinter dem Verschwinden der klassischen Sprachen aus dem Unterricht steckt noch ein anderer, tiefgreifender, ein metaphysischer Wandel - nämlich der Wandel von der Sprache als "Erkenntnisinstrument" hin zu einem "Kommunikationsmittel", zu einem Instrument der Mitteilung, bei dem es um den Austausch von Gedanken geht.

So sehr sich diese Auffassung auch inzwischen eingebürgert hat - sie ist falsch, denn hinter ihr verbirgt sich eine massive Entwertung der Sprache.

Sprache ist selbst eine Form des Wissens, wenn Sprache Sprache selbst erscheinen lässt und nicht aufgeht in der Mitteilung.

Das Metawissen über Sprache nennen wir Grammatik - knowing what. Eine Sprache sprechen können bedeutet dagegen: knowing how.

Grammatik kann nicht erlernt - sie kann nur intuitiv erfasst werden. Sie ist eine Tochter der Schrift, die Wörter in Formen gießt, mit denen umgegangen werden kann.

Und was macht Grammatik mit Worten, die einer fremden Grammatik entstammen?

Dass die Hauptfunktion von Sprache Kommunikation sei, gilt heute unhinterfragt als Selbstverständlichkeit. Selbstverständlich wird sie im 18. Jahrhundert. Es ist das Zeitalter der Konversation. Bald erscheinen die ersten Konversationslexika. Solche Enzyklopädien haben nicht mehr die Funktion, als "Real-Enzyklopädien" Wissen über die Welt bereitzustellen. Vielmehr sollen sie Konversationsstoff liefern.

Stellt die Linguistin Elisabeth Leiss von der Ludwig Maximilians Universität München klar.

Man ist gewohnt, in der Sprache nichts weiter als ein Mittel zur Verständigung zu sehen - als eine Art Tauschmittel, das dem Tausch von Gedanken dient und diesen Tausch ermöglichen soll.

Man tauscht Gedanken wie Waren - Sprache wird als eine Art Konverter gedeutet.

"Sprache und Geld stehen in einer näheren Verwandtschaft, als man muthmaßen sollte. Die Theorie des einen erklärt die Theorie des anderen; sie scheinen aus gemeinschaftlichen Gründen zu fließen", meinte schon Johann Georg Hamann in einer zeitnahen Replik auf die Kritik der reinen Vernunft durch Immanuel Kant.

In der von Kant herkommenden rationalistischen Tradition wird Sprache als Werkzeug des Denkens und der Gedanken betrachtet und nicht umgekehrt die Sprache als Ursache und Quelle von Vernunft gesehen - als vielmehr etwas, das neben anderem Vernunft überhaupt erst ermöglicht. Für Hamann ist die Sprache das Apriori aller Erkenntnis.

Es ist der russische Sprachwissenschaftler Roman Jakobson, dem es 1932 gelingt zu zeigen, dass sich mit fundamentalen Oppositionen wie  hell / dunkel, groß / klein, laut / leise, artikuliert / unartikuliert , mit denen Wirklichkeit bewältigt wird, die Phoneme aller Sprachen der Welt trotz ihrer Unterschiedlichkeit gemäß einer strengen Logik in differenzielle Elemente zerlegen lassen.

Auf diesen Zusammenhang verweisen auch die sogenannten indogermanischen "Urworte", deren Eigenschaft es ist, dass sie Sinn und Gegensinn umfassen.

Die lateinischen Worte altus und sacer bedeuten jeweils auch ihr Gegenteil: hoch und niedrig, heilig und verfemt.

Im Deutschen ist "Ein" in seiner Umkehrung "Nie". Zwischen "schön" und "schauen" gibt es eine Verwandtschaft - ebenso wie zwischen "Mythos", "Mysterium" und "Mystik":

Das Offene und das Geschlossene, das Beredte und das Stumme.

Durch minimale Veränderung in Lautung oder Schreibung zerfallen Urworte wieder in ihre Oppositionen: Aus "Weg" wird "weg", aus "Maß" die "Masse", aus "Muße" das "Müssen".

Im Englischen zeigt sich das Grundprinzip der Opposition in Wörtern wie with-out / with-draw / with-hold.

Wir haben es hier mit einer Art Urprinzip oder Universalgrammatik zu tun, mit etwas, das auf alle Sprachen zutrifft - was wiederum beweist, dass die Beziehung zwischen Sprache und Wirklichkeit nicht arbiträr sein kann, wie man heute gern annimmt - das heißt sie kann nicht zufällig sein, nicht auf Gewohnheit und Übereinkunft beruhen.

Aber was, wenn wir auf außerirdische Intelligenz treffen? Gibt es eine interstellare Grammatik?

Das Thema des Kratylos-Dialogs bei Platon ist die Frage nach der Arbitrarität des sprachlichen Zeichens. Sind die sprachlichen Zeichen willkürlich gesetzte Symbole oder weisen sie von Natur aus eine Übereinstimmung mit den Dingen auf, auf die sie sich beziehen?

Jakobson hat zu zeigen verstanden, dass die Phoneme aller Sprachen der Welt die Grundoppositionen als lautliche Oppositionen wiedergeben.

Br–br.

Folgerichtig müssen Sprache und Wirklichkeit zueinander in einem Spiegelverhältnis stehen - worauf die sogenannte "spekulative", das heißt "spiegelbildliche" - lat. speculum - der Spiegel - Grammatik des Thomas von Erfurt aus dem Mittelalter bezogen ist.

Die Struktur des Seins spiegelt sich in der Struktur der Sprache, spiegelt sich in den Wortarten.

Grammantik ist Perspektivierung - und die Wortarten sind ihre erste Schicht, die Substantive, Adjektive, Pronomen, Konjunktionen - ob, weil, dass - oder Interjektionen: Ach!

Wobei sich trefflich darüber streiten lässt, wie die Wörter einer Einzelsprache, einer Gruppe von Sprachen oder aller menschlichen Sprachen "richtig" einzuteilen sind.

Gerade die spekulative Grammatik der sogenannten "Modisten" erlebt in der jüngeren Zeit eine bemerkenswerte Renaissance.

Wörter und Sätze fällen Urteile

Heidegger, mit der spekulativen Grammatik des Thomas von Erfurt bestens vertraut, hat konstatiert, dass die Sprache kein Verkehrsmittel sei, in das man ein- und aussteigen könne, wie es einem gerade passe.

Das wechselseitige Spiegelverhältnis zwischen Vernunft, Sprache und Wirklichkeit verlangt nach einer Sprachwissenschaft, die auf Relationen aufbaut - und verbietet den Eingriff in die Sprache von oben von der Rationalität, von der Logik, vom Bildungsforscher, von denen, die Sprache vereinfachen wollen.

Wobei völlig unklar bleibt, was das vermeintliche "vereinfachen" eigentlich vereinfacht.

Da aber Rationalisten glauben, Sprache stünde im Dienst der Vernunft und habe deren Gedanken bestmöglich zu veräußern, nach außen zu tragen, andererseits aber der Überzeugung sind, dass diese Aufgabe von der Sprache nur unvollkommen geleistet wird, gilt ihr Augenmerk der Verbesserung der Sprache weshalb sie sich immer wieder auf die Suche nach der vollkommenen Sprache begeben: Esperanto 1887, Ido 1907, Interlingua 1951 - Weltdeutsch 1917, eine Art Basic English des kolonialen Deutschen Reichs.

... und diese Suche erklärt darüber hinaus auch die Vielzahl der Orthographiereformen, die seit dem 18. Jahrhundert in Angriff genommen worden sind.

Die Sehnsucht der Aufklärer orientiert sich dabei nämlich, wie die Sprachphilosophin Elisabeth Leiss von der LMU München bemerkt am wissenschaftlichen Regelbegriff, das heißt an der invarianten Regel, an der Normierung.

Sprache und Welt sind aufeinander bezogen. Darum sollte Grammatik nicht normativ, sondern deskriptiv sein. Die Sprache ist nicht abgeschottet von der Wirklichkeit. Weder repräsentiert sie bloße Gedanken - und diese auch noch schlecht -, noch dient sie dem Austausch der Gedanken, noch repräsentiert sie gar nichts, weil man glaubt, dass Sätze nichts weiter sind als Ketten von Geräuschen, die uns helfen, unsere Ziele durchzusetzen.

Dann wäre die Sprache ein sozialer Ellbogen, und zuletzt "vom Knistern eines Geldscheins nicht mehr zu unterscheiden", wie Elisabeth Leiss lakonisch feststellt.

Zumal Geld gegenüber bloßem Wortgeklingel sicher das bessere Argument ist.  

Die Sprache bespiegelt die Welt, bezieht sich auf sie, handelt in ihr als performativer Akt. Sie dient der Perspektivierung und Bewältigung der Wahrnehmung von Welt.

Der französische Philosoph Gaston Bachelard spricht vom "schöpferischen Vermögen des sprechenden Seins". Allerdings muss man unterscheiden: zwischen der Abbildung von Teilen der Welt auf der einen - und der Perspektive auf der anderen Seite, die ja gerade nicht zur Welt gehört, sondern zum Sprecher.

Wörter und Sätze fällen Urteile. Sie nehmen gegenüber den Phänomenen, die sich ihn ihnen ausdrücken, eine Perspektive ein.

Welt wird perspektivisch in der Sprache abgebildet - flexibel und auf eine Weise, die hinterfragbar ist. Hinterfragbar eben zum Beispiel im Hinblick auf eine andere Perspektive. Und weil die Welt in der Sprache abgebildet wird, gibt es das Fremdwort - als Möglichkeit einer veränderten Perspektive.

Jede Sprache ist das Gewächs eines bestimmten räumlichen wie zeitlichen Klimas. Was den Menschen vom Tier unterscheidet, das ja auch über eine Sprache verfügt oder verfügen kann, ist der Satzbau.

Die meisten Fremdwörter werden von der deutschen Sprache adaptiert

Jede Grammatik ist eine Philosophie der Sprache - unter vielen möglichen. Grammatik selbst wird gern beschrieben durch die Metapher des Ingenieurs: Man baut Sätze, konstruiert Satzbaupläne oder komplexe grammatische Gebilde.

Grammatik ist die Schlüsseltechnologie unserer Zivilisation.

Historisch gewachsen, ist das Verhältnis der Grammatik zur Muttersprache nicht theoretisch - wie oft geglaubt wird -, sondern ästhetisch. Es braucht Geschmack, um reden und argumentieren zu können, denn man muss nicht nur wissen, was zu sagen ist, sondern auch, wie es zu sagen ist. Der Muttersprachler "hört", ob ein Satz so geht oder nicht so geht, betont der Sprachwissenschaftler Christian Stetter.

Und aus den genannten ästhetischen Gründen sagen wir darum nicht: gedownloaded, wir sagen: downgeloaded. Wobei man wiederum sagen muss, dass auch herunterladen seit der allgemeinen Ermöglichung des Downloads eine steile Karriere hinter sich hat.

Die meisten Fremdwörter werden also von der deutschen Sprache adaptiert, in die Grammatik eingebettet und zu Lehnwörtern. 

Im Unterschied zu Lehnwörtern sind Fremdwörter Wörter, die aus anderen Sprachen erst vor relativ kurzer Zeit übernommen worden sind, so dass sie hinsichtlich Lautstand, Betonung, Flexion, Wortbildung oder Schreibung der Zielsprache noch so unangepasst sind, dass sie (im Gegensatz zum besser integrierten Lehnwort) als "fremd" empfunden werden können.

Das Wort "Computer", das in Teilen aus dem Englischen stammt, ist darum ein Wort des Deutschen, weil es anders als im Englischen großgeschrieben wird und über ein Genus verfügt - ein grammatisches Geschlecht.

Ähnlich sind Wörter wie "Coaching", "Roaming" oder "Handy" keine Fremdwörter, sondern längst im allgemeinen Wortschatz angekommen.

Wobei "Handy" sogar zu den sogenannten Scheinanglizismen gehört - zusammen mit Wortschöpfungen wie "Oldtimer", "Talkmaster", "Dressman" oder "Happy End".

Unter morphologischen Gesichtspunkten betrachtet ist "Handy" an Adjektive wie "groovy", "sexy" oder "trendy" angepasst - imitiert also die Morphologie des Englischen im Deutschen.

Die Dominanz des Englischen in der gegenwärtigen Welt hat zur Folge, dass man, um die eigene Modernität zu betonen, Scheinanglizismen konstruiert. Eine Art vorauseilender Gehorsam, wie er besonders bei Bahn und Telekom zu beobachten gewesen ist, die als Staatsbetriebe dem zeitgemäßen Imperativ des Neoliberalismus unterworfen und privatisiert wurden beziehungsweise privatisiert werden sollten. 

Eine Anglisierung des Deutschen lässt sich nach den Worten von Uwe Hinrichs, Professor für Übersetzungswissenschaft an der Universität Leipzig, auch feststellen, wenn man ein Ohr hat für die veränderte Synchronisation von Filmen und Serien:           

Wir hatten Spaß / Es macht Sinn /  Ich bin da ganz bei Ihnen / Willst du drüber reden / Am Ende des Tages sind direkte Übertragungen angloamerikanischer Redewendungen ins Deutsche. Das gilt auch für Steigerungsformen, wo nicht mehr - wie im Deutschen üblich - gesagt wird, dass man aufgeregter ist als früher, sondern: Ich bin mehr aufgeregt als früher.

Sprachlich gesehen ist fremdgehen immer eine Bereicherung

Interessanterweise ist es also oft genug das Deutsche selbst, das Fremdwörter bildet oder sogar fremde Syntax nachbildet - nämlich diese entweder konstruiert oder so umbildet, dass sie dem untrüglichen Sprachgefühl der Muttersprachler entsprechen.

Heidegger hat in der Dichtung den einzig unverstellten Weltbezug gesehen, ist doch in seinen Augen die Sprache der Mutter die Mutter der Sprache.

Auch für Johann Georg Hamann beruht die Muttersprache auf geistiger Individualität - und nicht auf einer alle Menschen vermeintlich einigenden Vernunft. Bleibt die Frage, wie dann trotz der geforderten Individualität gegenseitiges Verstehen überhaupt noch denkbar sein soll.

Gemäß dem herrschenden Verständnis von Sprache als Kommunikation hat man ja erst dann verstanden, wenn man weiß, was ein anderer mit seinen Worten meint. Zwischen dem Sprecher und dem, an den das Gesprochene gerichtet ist, soll es keine Differenz geben. Individuelles Sprechen kann in diesem Sinn nur verstanden werden, wenn es Allgemeines sagt - was man im Prinzip auch selbst hätte sagen können.

Aber dann wäre eben gerade nicht begriffen, was ein Anderer als Anderer sagt.

Verstehen ist kein Nachvollzug des Allgemeinen, wie die Rationalisten meinen, sondern die Erweiterung der individuellen Perspektive. Verstehen beruht auf Übersetzung.

Das Fremdwort ist selbst dann, wenn es kein Lehnwort ist, eine Übersetzung des Fremden ins Eigene. Denn das Fremdwort ist nur dort Fremdwort, wo es in die Gestalt beziehungsweise Morphologie einer Sprache integriert ist - ansonsten wäre es nicht mehr als ein Geräusch:

Br-br.

Das Fremdwort erweitert die Perspektive, die jede Sprache als Sprache einnimmt. Sprachlich gesehen, ist fremdgehen sonach immer eine Bereicherung.

Fremdgehen - Grammatische Reflexionen. Von Thomas Palzer. Mit Axel Gottschick, Susanne Reuter, Bernd Reheuser. Technik: Andreas Fulford. Regie und Redaktion: Barbara Schäfer.

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