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StartseiteWissenschaft im BrennpunktÜber die Superhelden vom Hundehaufen13.01.2019

Freund und FliegeÜber die Superhelden vom Hundehaufen

Niemand mag Fliegen. Sie sind bestenfalls lästig, schlimmstenfalls gefährlich. Doch eine Welt ohne Fliegen? Das wünscht sich niemand. In manchen Disziplinen sind sie Superhelden. Ohne Fliegen sähe die Welt ziemlich unerfreulich aus, räumten diese Insekten nicht Kadaver und Fäkalien weg. Fliegen und ihre Maden leisten Großes.

Von Joachim Budde

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Eine vom Morgentau überzogene Fliege sitzt am auf einer Rapspflanze auf einem Feld. (dpa /Julian Stratenschulte)
Fliegen sind gut darin, die Hinterlassenschaften von Mensch und Tier zu beseitigen (dpa /Julian Stratenschulte)
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Insektenkunde Fliege ist nicht gleich Fliege

Wirkstoffforschung Warum Mücken die Fliege machen

Das Naturkundemuseum in London. Nicht bei den Dinos. Nicht bei den ausgestopften Löwen. Oder den prächtigen Vögeln. Im Wildlife Garden. Eingeklemmt zwischen der Asphaltwüste der Cromwell Road und dem prächtigen viktorianischen Museumsaltbau, dieser neo-romanischen Kathedrale der Biologie. Auf der Suche nach Fliegen. Ja, wirklich. Erica McAlister:

"Fliegen habe die schlechteste Presse überhaupt."

Die Superhelden vom Hundehaufen.

"Niemand mag Fliegen."

Hm. Wie das wohl kommt? Warum wir Fliegen lieben sollten – das erklärt Erica McAlister jedem, der in ihre Nähe kommt.

"My name is Dr. Erica McAlister and I'm senior curator of flies and fleas at the Natural History Museum in London."

Ich hole sie an ihrem Arbeitsplatz im gläsernen Anbau des Naturkundemuseums ab, die Kuratorin für Fliegen und Flöhe.

Eine Schwäche für kleine Dinge

"Ich war in vielerlei Hinsicht ein Sonderling, aber immer gern draußen. Alles an der Natur hat mir gefallen. Meine Eltern waren Wissenschaftler, aber meine Mutter war auch sehr künstlerisch veranlagt. Eine schöne Mischung. Aber beide Nerds. Ich trieb mich im Gras herum oder fiel von Bäumen, beobachtete die Natur. Und dann wollte ich Biologie studieren. Aber bitte nicht Menschen, sondern nur Tiere. Und ich hatte immer eine Schwäche für die kleinen Dinge. Die sind einfach erstaunlich."

Schon. Aber warum?

"Ich war ja selber klein. Und ich hatte diesen Dozenten an der Uni, einmal sagte er: "Erica", und hielt mir eine Handvoll Insekten hin: "Das frisst das, das reißt dem den Kopf ab, das legt seine Eier dorthinein." Und von dem Augenblick an war ich verfallen. Insekten, die dermaßen verstümmeln und Tod bringen, sind ganz nach meinem Geschmack."

Eine ganz schön morbide Leidenschaft.

"Was Du Dir auch ausdenken magst, irgendeine Fliege macht genau das. Viele sehen komisch aus, weil sie sich nicht an den Bauplan für Fliegenkörper gehalten haben, andere haben ihren Lebensraum und ihre Lebensweise völlig abgewandelt. Sie leisten so viele kleine Sachen überall. Also – ich kann nicht anders. Ich mag sie."

Stubenfliege (Musca domestica) in Nahaufnahme. (imago stock&people / Blickwinkel / R. Sturm)Stubenfliege: Musca domestica (imago stock&people / Blickwinkel / R. Sturm)

Übrigens, wenn Erica McAlister von Fliegen redet, meint sie Diptera, wie die Fachleute sagen, Zweiflügler.   

Tiere, die keiner mag

"Eine Fliege ist eine Fliege, wenn die ausgewachsenen Tiere Mundwerkzeuge zum Saugen haben, ein Paar Flügel und ein Paar Halteren"

Also Fliegen wie die Stubenfliege, aber auch Mücken – Stechmücken, Zuckmücken oder Gnitzen – alles Tiere, die keiner mag.

"Weil alle übersehen, was sie leisten. Oder es übersehen wollen. Wir nehmen Fliegen nur wahr, wenn sie auf Fäkalien sitzen oder Krankheiten übertragen – zwei Sachen, von denen wir gelernt haben: Bleib da weg."

Dann stehen wir im Wildlife Garden, mit einem kleinen Tümpel, einer Wiese, einem Hain.

"Dieser Garten ist so angelegt, dass er viele verschiedene Lebensräume enthält. Es ist schon seltsam, mitten in London so viele erstaunliche Arten zu entdecken. Hier wurden tausende Tierarten gefunden. Gerade erst eine neue Gruppe Fliegen!"

Neue Arten! Mitten in London, Anfang des 21. Jahrhunderts. Das zeigt, wie groß die Wissenslücken noch sind.

Schmeißfliegen kennt jeder

Auf einer Blüte sitzt eine Fliege, die besonders gut darin ist, die Hinterlassenschaften von Mensch und Tier zu beseitigen, und bedient sich am Nektar. Eine Schmeißfliege. Die kennt jeder.

"Glänzt metallisch. Die Schmeißfliegen blau, die Goldfliegen grün. Ihre Larven sind richtig fleischige Maden. So wie wir uns Maden vorstellen. Also die archetypische Fliege. Sie erbrechen – sie sondern Verdauungsenzyme ab, lösen ihre Nahrung auf und schlecken sie wieder auf. Mit denen kommen die Leute ständig in Kontakt."

Aber was soll an so einem Tier schön sein?

"Wie Sie sehen, sind sie auch Bestäuber. Man kann sie also nicht abschreiben."

Hm. Totschlagargument. Und sonst?

"Ihre Lebensweise ist schlicht und ergreifend beeindruckend. Sie können ihre Eier in kleinste Spalten legen und sich so ganz unterschiedliche Nischen erschließen. Die Larven fressen mit dem Mund und atmen durch den Anus, das haben sie schön säuberlich getrennt. Und dann die Erwachsenen. Die sind überwältigend schön. Dieses Metallic! In manchen Umgebungen sieht man sie sofort, aber auf Pflanzen, sind sie perfekt getarnt. Und sie können vergammelnde Kadaver aus bis zu zehn Kilometer Entfernung erschnüffeln."

Goldstandard, um Leichen aufzuspüren

Wie schnell Schmeißfliegen Kadaver aufspüren, weiß Martin Hall. Er muss es sozusagen wissen.

"Ich habe mal in Simbabwe an Tsetse-Fliegen gearbeitet, die saugen Blut und übertragen Krankheiten."

Vor allem die Schlafkrankheit.

 "Eines Abends auf dem Heimweg rochen wir diesen schrecklichen Gestank und folgten ihm wie eine Fliege zum Kadaver eines Elefanten. Der Elefant war gerade einmal 24 Stunden tot und schon voller Fliegen und kleiner Larven, die ihn aufzufressen begannen. Als wir nach acht Tagen noch einmal vorbeischauten, waren von dem Elefanten nur noch Haut und Knochen übrig. Mindestens die Hälfte seiner Biomasse hatte sich in Millionen und Abermillionen von Fliegen verwandelt.

Eine Seidengoldfliege - sie zählt zu den Schmeißfliegen. (imago stock&people)Eine Seidengoldfliege - sie zählt zu den Schmeißfliegen. (imago stock&people)

An den Maden allein konnte Martin Hall erkennen, wie lange der Elefant ungefähr tot war. Er nutzt im Prinzip eine Methode, die schon weit über einhundert Jahre bekannt ist. Die Fliegenuhr.

"Als Goldstandard verwenden wir Schmeißfliegen, weil die eine Leiche als erste aufspüren."

Kennt er die Temperaturen der letzten Tage, kann er ziemlich genau bestimmen, wann der Elefant gestorben ist. Je weiter die Schmeißfliegenlarven entwickelt sind, desto länger ist er tot. Diese biologische Uhr beginnt zu ticken, wenn die erste Fliege ein Ei auf den Kadaver legt. Aber schon nach sechs bis elf Tagen trübt sich das Bild – wenn die Maden sich verpuppen.

Leben als Puppe

"Eine Fliege verbringt zwischen 50 und 60 Prozent ihres Lebens als Puppe. Bislang fiel es uns aber ziemlich schwer, deren Alter zu bestimmen."

Martin Hall steht in seinem Labor am Naturkundemuseum in London. Er hält ein Glas hoch in dem kleine Würstchen in Alkohol schwimmen: Das sind die Puppen, von denen er redet.

"Zuerst ist sie ganz weiß, denn ihre Hülle ist die Haut der Made. Die entfernt sich von der Leiche, bringt sich in Sicherheit – sei es im Boden oder hinter Möbeln. Denn Maden sind Leckerbissen für Vögel oder andere Aasfresser. Dann zieht sich der Körper der Larve zusammen, und wird zu einem weißen Ding, das wie ein Rugby-Ball geformt ist. Aber über die nächsten zwölf Stunden dunkelt die Puppe, wird erst orange, dann hellbraun und schließlich dunkelbraun, sodass man von außen nicht mehr erkennen kann, was drinnen passiert."

Dabei geschieht gerade in dieser ersten Zeit sehr viel in einer Puppe: Martin Hall hat das schon vor Jahren festgestellt. Er machte damals eine Röntgenaufnahme einer frischen Schmeißfliegenpuppe.

"Auf dem Bild sah ich, dass die Puppe im Prinzip noch eine Larve war. Ich konnte keinerlei Gewebetypen in ihr unterscheiden. Als ich drei Stunden später wiederkam, und erneut ein Röntgenbild machte, konnte ich schon den Kopf, Vorderleib, Hinterleib und die Beine erkennen. Das war für mich mein Heureka-Moment in der Wissenschaft. Die Entwicklung geht wirklich erstaunlich schnell. Es dauert gerade einmal anderthalb Stunden! Das ist weniger als ein halbes Prozent der Zeit, die das Insekt in der Puppe zubringt."

Denn eine Fliege verpuppt sich für bis zu 14 Tage – 14 Tage lang ist die Fliegenuhr unbrauchbar. Bislang zumindest. Denn Dr. Daniel Martín Vega hat in Martin Halls Institut Fliegenpuppen immer wieder geröntgt während der 14 Tage.

"Im Innern der Puppe sieht man erst nur Fettgewebe und eine Art Sack, das ist der Darm des erwachsenen Tieres. Und darin sieht man eine weiße Masse, das ist, was vom Darm der Larve und ihren Organen übrig ist. Bis auf das Gehirn hat sie sich vollständig aufgelöst und formt jetzt komplett neue Organe."  
 
In den ersten Stunden stellt die Puppe also lediglich ihre äußere Gestalt fertig. Danach baut sie auch ihr Inneres komplett um. Und das dauert, weil eine erwachsene Fliege ganz Anderes leisten muss als eine Made. Das Gehirn zum Beispiel muss die Informationen verarbeiten können, die die großen Augen liefern. Und sie benötigt den Antrieb fürs Fliegen.

Fliegenpuppen liefern wertvolle Informationen

"Anfangs sind da nur ganz wenige dünne Muskelfasern. Am Ende der Entwicklung füllt die Muskelmasse den ganzen Vorderleib der Fliege."

Was wann passiert – diesen zeitlichen Ablauf hat Daniel Martín Vega genau nachgezeichnet und so der biologischen Uhr die fehlenden Stundenstriche hinzugefügt.

Schwebfliege (Syrphidae) auf einen Kartoffelblatt (imago stock&people)Schwebfliege: Syrphidae (imago stock&people)

Der Hintergrund ist weitaus ernster als ein Elefantenkadaver, der in der Sonne Simbabwes verwest, sagt Martin Hall.

"Wir forschen hier an Fragen, die uns helfen, die Polizei bei Ermittlungen zu unterstützen. Wir machen solche Grundlagenforschung und arbeiten an echten Fällen mit."

Jetzt können auch Fliegenpuppen den Ermittlern wertvolle Informationen liefern.

"Eine ganz neue Technik. Wir haben sie bislang erst bei einem einzigen Fall angewandt.- Ich will als Fliege wiedergeboren werden. Die fressen fast nur."

Ich glaube, Sie übersehen da etwas. Die Larven und Puppen …

"… werden selbst gefressen? Ja, das ist ein kleines Problem."

"Oh, Hallo! Noch eine Fliege. Eine Schwebfliege."

Das ist eine Schwebfliege? Ach, jetzt erkenne ich sie. Wie sie fliegt.
 
"Ganz typisch: Drei Streifen auf dem Rücken, gelb und schwarz. Wespisch. Etwas fetter als eine durchschnittliche Wespe. Und ohne die Taille. Fliegen haben keine solche Taille. Moment, gelogen, denn manche haben sie. Alles wie gehabt."

Für jedes Ihrer Beispiele gibt es …

"Ausnahmen! Genau. Viele Fliegen haben gar keine Flügel! Was eine ausgewachsene Fliege ausmacht, sind die Mundwerkzeuge zum Saugen, das einzelne Flügelpaar und das Paar Halteren, also die Gleichgewichtsfühler, die aus dem zweiten Flügelpaar entstanden sind. Aber viele ausgewachsene Fliegen haben überhaupt keine Mundwerkzeuge. Viele haben keine Flügel. Und eine Gruppe hat nicht einmal Halteren. Da denkt man: Ach komm!"

Das ist nicht fair!

"Das ist wirklich nicht fair, aber gerade unter denen findest Du ein paar richtig coole!"

Die Artenvielfalt ist enorm

Wir kommen an einen Teich mit Seerosen. Sehr pitoresk.

"Sehr hübsch, nicht wahr? Abgesehen vom Verkehr."

Erica McAlister sucht im Gestrüpp nach Fliegen.

"Genau. Da ist eine Syrphide".

Also noch eine Schwebfliege.

"Da mitten drin. Ich komme nicht dran – da kriegt sie die Chance auf eine halbe Minute Ruhm und bequemt sich noch nicht mal hier raus, um Hallo zu sagen!"

Sind diese Schwebfliegen Bestäuber?

"Ja. Wie die meisten Schwebfliegen. Der Zusatznutzen von Fliegen gegenüber Bienen oder Hummeln: Auch die Fliegenlarven sind aktiv. Bei Bienen hängen die Larven nur im Stock herum und lassen sich füttern. Fliegenlarven töten Blattläuse. Sie klären Abwässer. Bringen Schädlinge um – alles Mögliche. Überlegen Sie mal! Den Großteil ihres Lebens verbringen sie als Larven! Da merken Sie auf einmal, wie viel wichtiger Fliegen sind."

Sind Sie vielleicht ein klitzekleines Bisschen befangen?

"Allein schon als Fressen! Wenn plötzlich die Larven im Wasser weg wären, die Mückenlarven die Zuckmücken Larven – die stellen einen Riesenteil der Nahrung in Teichen, Seen und Flüssen. All die Fische, die sie fressen. All die Wirbellosen. All die Vögel. Das gäbe eine Kettenreaktion!"

Die Gemeine Hausmücke Culex pipiens gibt es so gut wie überall auf der Welt – in Pfützen, Seen, Flüssen oder Teichen.

"In Teichen sind die Mückenlarven wirklich wichtig für die Artenvielfalt."

"Mückenlarven sind einfach eine gute Kost"

Amanda Callaghan von der Universität Reading westlich von London:
 
"Sie sind Nahrung für viele Wirbellose, für Fische, und als Erwachsene auch für Vögel, Fledermäuse oder Spinnen – Mückenlarven sind einfach eine gute Kost."

Die Mückenlarven selbst fressen kleine Algen, die im Wasser herumschwirren oder am Boden oder an Pflanzen kleben. Und neuerdings Mikroplastik. Kleine Teilchen, weniger als fünf Mikrometer groß. Ein menschliches Haar ist zehnmal so dick. Überall dort, wo Culex pipiens schwimmt, begegnet sie Mikroplastik.

"Mückenlarven sind daran gewöhnt, Teilchen dieser Größe zu fressen. An ihren Mundwerkzeugen haben sie kleine Kämme, mit denen sie sich Wasser zufächeln, und was in dem Strom drin ist, fressen sie – also aus Versehen auch Plastik."

Amanda Callaghan hat sich gefragt, wo das Mikroplastik bleibt, das die Mückenlarven fressen.

 "Wir waren ziemlich überrascht, wie viel Mikroplastik sich von der Larve auf die Puppe übertragen hat. Denn als Puppe löst die Mücke ihren Körper auf und setzt ihn neu zusammen. Als die Puppe eine erwachsene Mücke wurde, war immer noch ein Teil des Plastiks in ihrem Darm, dabei hatte die Puppe weder gefressen noch ausgeschieden. Die ausgewachsene Mücke schlüpfte aus dem Wasser und flog mit dem Mikroplastik in sich davon."

Und zwar ziemlich unbeeindruckt.

"Die Mücken wuchsen genauso gut, sie lebten genauso lang, wir finden keine negativen Auswirkungen des Plastiks auf die Mücken."

Was ist dann das Problem?

"Das Problem ist, dass sich das Plastik anreichert. Wenn ein Vogel 100 Mücken frisst, die jede ein Stückchen Plastik in sich tragen, hat er auf einmal 100 Plastikstückchen im Körper. Und wenn der Vogel viele Mücken mit Plastik gefressen hat und selbst zur Beute wird – für einen Adler zum Beispiel – frisst der Adler auch das Plastik. Da liegt das Problem."

Es gibt eine ganze Reihe Studien, die Auswirkungen von Mikroplastik untersucht haben.

"Manche finden keine Effekte, andere schon. Eine Studie fand zum Beispiel Darmschäden bei Fischen. Noch kleinere Plastikpartikel – Nanoplastik – können sogar die Darmwand durchdringen und sich im Innern von Zellen ablagern. Das hat garantiert Folgen."

Fummelige Aufgabe

"Da ist eine Waffenfliege. Wunderschön metallic!"

Ich dachte, die seien größer.

"Manche ja, manche sind sehr klein. Tut mir leid."

Nicht Ihre Schuld.

"Nein, definitiv nicht."

Die werden hier nicht größer.

"Tun sie wohl! Zwei Zentimeter, drei Zentimeter, aber es gibt auch sehr kleine. So schrecklich klein ist das gar nicht. Für eine Fliege ist das Mittelmaß – ich weiß gar nicht, was Sie hier so rumjammern. Sie können schließlich alle Körperteile erkennen bei dieser Fliege! Haben Sie eine Ahnung, wie viele Bartmücken hier gerade herumfliegen?"

Diese Gnitzen?

"Genau. Um die zu identifizieren, müssen wir immer noch ihre Genitalien herausschneiden. Das ist mal eine fummelige Aufgabe!"

Kein Wunder, wenn das ganze Tierchen gerade mal höchstens 4 Millimeter groß ist.

"Das ist das Anstrengende an Fliegen. Um sich gut auszukennen, braucht man viel Zeit und ein Mikroskop. Ich kann schon verstehen, dass das den meisten Leuten zu lästig ist. Aber ich würde behaupten, dass sich das lohnt."

Die Taube da frisst meine Fliegen!

"Wespe. Biene."

Ach, das ist eine Biene?

"Ja. Ah, da ist eine kleine Fliege, eine Tanzfliege. Sehr langer Saug-Rüssel. Das sind Beutegreifer, aber als Nahrungsergänzung. A apropos Beutegreifer: Fliegen fangen Vieles, was Sie nicht mögen in Ihrem Garten."

Zum Beispiel?

"Viele Wespen. Fliegen greifen sie an."

Ich dachte, es sei gerade umgekehrt.

"Trau’ niemals einer Fliege"

"Ich hab’s ja gesagt! Trau’ niemals einer Fliege! Immer wenn Du denkst, Du kennst sie – Zack. Viele Raubfliegen erledigen Wespen haufenweise."

Wie schaffen sie das?

"Sie sind extreme Flugkünstler, die Bestien der Flieger-Welt. Denn Fliegen haben Gleichgewichtsorgane, sogenannte Halteren oder Schwingkölbchen."

Davon war ja schon die Rede. Wo die allermeisten Insekten ein zweites Flügelpaar besitzen, haben Zweiflügler die sogenannten Halteren. Die nervigen Töne bei der Mücke – das sind die Halteren.

"Die helfen ihnen, viel akrobatischer zu fliegen als die anderen Insekten. Sie können Rollen, Gieren, Loopings, Rückwärts fliegen, Senkrechtstarter – und sie können auf Sinnenreize schneller reagieren als andere Arten. Sie gehören zu den besten Beutegreifern. Libellen können toll fliegen? Wir haben haufenweise Libellen in der Sammlung als Beute von Raubfliegen."

Ein Gewächshaus voller Pflanzen. Stephan Kühne:

"Das können ganz unterschiedliche Pflanzen sein. Das können Zierpflanzen sein, das kann aber auch Paprika, Gurke, Tomate sein."

Nur aufmerksamen Besuchern dürften in der Ecke die Blumentöpfe mit Getreide oder jungen Maispflanzen auffallen.

Es ist schön warm, schön hell, schön feucht. Das mögen die Pflanzen, das mögen aber auch die Tiere, die die Pflanzen mögen.

"Es können Trauermücken sein, es können Minierfliegen sein, aber es kann auch die Weiße Fliege sein, ein ganz wichtiger Schädling im Unterglasanbau, der Name leitet ein bisschen irre, das ist keine echte Fliege, diese Weiße Fliege, sondern es ist eine Mottenschildlaus. Aber sie kann eben sehr gut fliegen und deshalb sagt man dazu Weiße Fliege."

Sie schleichen sich hier ein und fressen die Beete kahl. Stefan Kühne hat erforscht, wie sich das verhindern lässt. Er ist Professor an der Dependance des "Julius-Kühn-Instituts für Kulturpflanzen" in Kleinmachnow bei Berlin.

"Mein Spezialgebiet sind Schadorganismen, ist die biologische Schädlingsbekämpfung, und so ist das seit 30 Jahren meine Aufgabe."

Superheldin unter den Fliegen

Eine Fliegenart hat es Stefan Kühne besonders angetan. Seine Superheldin.

"Und zwar eine neotropische Art, die eigentlich eingeschleppt wurde, also eine Art, die eigentlich nur in den tropischen Klimaregionen vorkommt; die aber jetzt besonders an diese warmen feuchten Bedingungen im Gewächshaus angepasst sind. Das ist eine Art, die wir sehr häufig finden, und die den Gärtner begleitet und unterstützt bei der biologischen Schädlingsbekämpfung."

Coenosia attenuata ist etwa einen halben Zentimeter groß und grau.

"Im englischen Raum wird sie auch Hunter fly genannt, also Jagdfliege. Eigentlich ist sie so recht schwer zu unterscheiden von normalen Stubenfliegen, es ist eigentlich für den Gärtner nur das Verhalten, was sie besonders charakterisiert, dass sie ruhig auf den Blättern sitzt, ihre Umgebung beobachtet und dass man sie fast mit dem Finger berühren kann, ohne dass sie davonfliegt."

Wehe wenn sich Beute zu nah an das Blatt heranwagt, auf dem die Jagdfliege sitzt.

"Dann starten Sie von diesem Blatt, fliegen in der Luft der Beute hinterher, ergreifen sie mit den Beinen und halten sie fest, fliegen dann wieder zum Ausgangspunkt zurück und saugen die Beute aus."

Stefan Kühne beeindrucken die Flugkünste seiner Jagdfliege, mehr aber noch ihr Kopf.

"Sie hat einen ganz tollen spezialisierten Proboscis, das sind die Mundwerkzeuge oder trivial kann man auch sagen der Fliegenrüssel."

Zahn auf der Zunge

Alle Fliegen haben am Ende ihres Saugrüssels eine runde Scheibe. Bei der Jagdfliege sitzt da mittendrauf ein Zahn.

"Der ist relativ groß. Er sieht wirklich aus wie ein Dolch, und der wird als erstes in die Beute gestoßen. Und dann gibt sie etwas Speichel, drückt sie Speichel in die Beute, der wahrscheinlich eine lähmende Substanz enthält und damit die Beute bewegungsunfähig macht."

Mit den spitzen, korallenförmigen Zähnchen am Rand der Mundscheibe reist sie das Loch auf, bis ihr ganzer Rüssel in die Beute passt. Dann kommt Ihre Zunge zum Einsatz, die wie eine Raspel aufgebaut ist.

"Mit dieser Zunge und den Zähnen wird die gesamte Muskelmasse in dem Insekt zermalmt und verflüssigt. Und diese raspelartige Zunge ist so gebaut, dass jetzt die gesamte Nahrungsflüssigkeit eingesaugt werden kann, und größere Bröckchen an dieser an dieser Struktur hängenbleiben, sodass nicht der Rüssel noch verstopft."

Schon als Larve geht die Fliege auf die Jagd: Im Boden frisst sie Larven der Trauermücken, die an den Wurzeln fressen und große Schäden anrichten können.

Timing ist enorm wichtig in der Schädlingsbekämpfung.

"Wenn also in ihrem Gewächshaus alles voller Blattläuse ist, und Weiße Fliege oder Trauermücken, dann kommen sie zu spät. Sie müssen wirklich erst das erste Auftreten abpassen. Und oft schaffen Sie das nicht, und deshalb geht man dazu über, Nützlinge anzusiedeln in den Gewächshäusern über einen langen Zeitraum."

Dafür sind die Pflanzentöpfe mit Getreide da, die unauffällig irgendwo in der Ecke stehen. Stefan Kühne nennt sie "offene Zuchtsysteme". Auf Weizen und Mais wachsen Getreideblattläuse. Die dienen den Jagdfliegen als Nahrungsgrundlage. Kommen dann zum Beispiel Gurken ins Gewächshaus und machen sich Gurkenblattläuse darüber her, machen sich die Nützlinge auch über sie her.

"Wir ziehen uns also praktisch hier im Gewächshaus die natürlichen Gegenspieler an und wollen sie so lange wie möglich im Gewächshaus halten."

Also sind wir jetzt im Innern dieses eiförmigen -

"Im Kokon!"

Sagt Erica McAlister ehrfürchtig. Im Kokon. OK. Von außen ist er viel hübscher.

Größte Insektensammlung der Welt

"Den Kokon" nennen sie im Londoner Naturkundemuseum dies … Gebilde … aus hellem Sichtbeton. Tatsächlich erinnert die Form an eine Insektenpuppe. So wie die Puppenhülle die Schmetterlingslarve vor Widrigkeiten der Außenwelt schützt, behütet der fensterlose Betonmantel eine der größten Insektensammlungen der Welt: Unvorstellbare 22 Millionen Insektenproben lagern dort. Manche Exemplare sind 300, 400 Jahre alt.

"Dies ist die Sammlung. Naja, eigentlich nur ein Teil: Dies sind die genadelten Proben und die auf Objektträgern. Vier Reihen Regale mit rund 9000 Schubladen. Die ganze Sammlung einschließlich der Proben in Alkohol enthält an die vier Millionen Proben."

Verteilt auf sechs Etagen. Es riecht.

"Das ist Naphtalin. Mottenkugeln. Denn ironischerweise gibt es viele Insekten, die gern tote Insekten fressen. Die müssen wir fernhalten. Aber Naphtalin ist krebserregend, darum haben wir es schon vor Jahren aus den Kästen geholt. Aber der Geruch bleibt. Ich rieche das gar nicht mehr, weil ich schon zu lange hier arbeite. Ich könnte nach Mottenkugeln riechen, ohne es zu wissen. Alte Oma."

Sie schließt die Tür auf und dann eine  Schublade.

"In dieser Schublade ist ein ganzes Spektrum von Fliegen zu sehen. Diese hier zum Beispiel ist fast so groß wie meine Hand. Das ist eine Schnake."

Anderswo sagt man auch Schneider zu diesen Langbeinern, die so zappelig fliegen. Manche Leute halten sie sogar für Spinnen mit Flügeln.

"Sie hat alle Fliegen-Merkmale: Ein Flügelpaar, und dahinter erkennt man die knubbeligen Halteren und die langen Mundwerkzeuge. Gleich daneben, was aussieht wie eine winzige plattgedrückte Spinne: Das ist eine Fliege ohne Flügel. Ein Fledermausparasit. Einfach hinreißend."

Als hätte ein Floh etwas mit einer Zecke gehabt.

"Die gebären lebendige Junge und säugen sie. Daneben: Kugelfliegen, die drehen den Spieß um und killen Spinnen. Und hier unten ist Drosophila melanogaster, die Taufliege oder Fruchtfliege, wie die meisten Leute sie nennen, aber es ist keine Fruchtfliege, sie gehört zu einer anderen Fliegenfamilie. Genaugenommen ist sie nicht einmal eine Drosophila. Genau: Sie gehört in eine andere Gruppe. Aber weil zu viele Labore den Namen schon verwenden, wurde entschieden, sie da zu lassen. Ich liebe das! Dieser Modellorganismus ist der wichtigste überhaupt. Und er ist eine Lüge. Naja, zumindest der Name ist eine Lüge."

Schwierig, der Bevölkerung Fliegen nahe zu bringen

Erica McAlister, die Fliegenexpertin vom Naturkundemuseum in London, zeigt mir ein Fläschchen mit winzigen Gnitzen. Wie grober Kaffeesatz in Alkohol.

"Die muss man alle zählen. Nur um Ihnen einen Eindruck zu verschaffen, wie mühsam die wissenschaftliche Arbeit ist. Und Sie sehen, wie schwierig es ist, Fliegen dem Durchschnitt der Bevölkerung nahe zu bringen. Mit dieser besonderen Gnitze geht es leichter, denn ohne diese spezielle Fliegengruppe wäre ein Großteil der Bevölkerung aufgeschmissen. Das ist die Schokoladen-Gnitze."

Und wie reagieren die Leute, wenn sie ihnen das erzählen?

"Oh, sie haben sich darüber keine Gedanken gemacht. Sie sagen: "Ich liebe Schokolade." – Wenn ich antworte: "Wissen Sie, dass eine Fliege Kakao bestäubt?", kann man ihnen die Enttäuschung vom Gesicht ablesen, den Gedanken: "Oh Gott, jetzt muss ich eine Fliege mögen." Und damit nicht genug: Das sind Stechmücken. Also ein Doppelschlag nach dem Motto: "Mein Universum hat sich gegen mich verschworen." Ja. Willkommen in unserer Welt."

Würden Sie jemals eine Fliege erschlagen? Stefan Kühne meint:

"Auf jeden Fall. Fliegen sind natürlich Krankheitsüberträger. Das darf man nicht vergessen."

Erica McAlister:

"Habe ich vermutlich schon. I versuche aber, sie zu fangen statt sie zu erschlagen. -  Nein, meist verscheuche ich sie."

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