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StartseiteKommentare und Themen der WocheDas Komitee hätte mehr gekonnt09.10.2020

Friedensnobelpreis 2020Das Komitee hätte mehr gekonnt

Der Friedensnobelpreis hätte der Demokratie-Bewegung in Hongkong, dem russischen Oppositionellen Alexej Nawalny oder den Frauen in Belarus zusätzlichen Rückenwind verschafft, meint Sabine Adler. Denn sie können nicht auf bestehende Strukturen zurückgreifen, anders als das Welternährungsprogramm.

Von Sabine Adler

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Fahrzeug des Welternährungsprogamms der Vereinten Nationen, 2013 in Uganda (dpa / Bastian Schnabel)
Den russischen Aktivisten Nawalny mit dem Friedensnobelpreis auszuzeichnen, hätte ein deutliches Signal sein können, meint Sabine Adler (dpa / Bastian Schnabel)
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Der Kreis der Enttäuschten ist wohl immer größer als der, die jubeln. Natürlich hat das Friedensnobelpreiskomitee mit dem Welternährungsprogramm zunächst nichts falsch gemacht, denn es leistet seit Jahrzehnten unschätzbare Hilfe gegen den Hunger. Das ist eine Würdigung wert, keine Frage. Aber das Komitee hätte mehr gekonnt. Nämlich denen etwas zusätzlichen Rückenwind zu verschaffen, die noch nicht auf schon bestehende Strukturen zurückgreifen können, die Grenzen überwinden müssen, um ihre Autokraten aus dem Amt zu jagen beziehungsweise die Demokratie zu verteidigen.

Wenn man das formale Argument, dass Nominierungen schon Anfang des Jahres eingereicht werden müssen, gelten lässt, wäre die Protestbewegung in Hongkong Top-Favorit. Hartnäckig und ausdauernd verteidigt sie die demokratischen Errungenschaften, die die chinesische Regierung Stück für Stück einkassieren möchte.

Ein Junge hält einen Sack mit Mais vom UNO-Welternährungsprogramm in die Höhe. (imago images / Xinhua) (imago images / Xinhua)Bekanntgabe in Oslo - Friedensnobelpreis geht an UN-Welternährungsprogramm
Das Welternährungsprogramm der UN wird für seinen Einsatz im Kampf gegen den Hunger mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Der Preis sei eine Anerkennung für die Mitarbeiter und vielen freiwilligen Helfer in aller Welt, so das WPF nach der Bekanntgabe durch das Komitee in Oslo.

Eine vertane Chance

Ein unschätzbares Signal aber wäre es gewesen, den Preis nach Osteuropa zu geben. Kaum jemand hätte dieses Zeichen der Solidarität dringender gebrauchen können als der wichtigste und ebenfalls zutiefst zivilisierte Kämpfer gegen Machtmissbrauch und Korruption, Alexej Nawalny. Seit Jahren legt er die Finger in die Wunde der korrupten Kreml-Oligarchie, für die kein Gesetz gilt, die sich schamlos bereichert und jeden, der sie dabei stört, aus dem Weg räumt.

Und auch die mutigen belarussischen Frauen wären würdige Anwärterinnen gewesen. Dass sich die Frauen nicht nur mutig zusammen mit ihren Männern auf die Straße begeben, sondern auch schützend vor sie stellen, und damit das patriarchale System mit den eigenen Waffen schlagen, war clever. Ihnen tat man zunächst keine Gewalt an und als die Sicherheitskräfte diese Barriere rissen, flammte der Zorn auf die Lukaschenka-Diktatur umso heftiger auf. Der Wahlfälscher, dem vor kurzem noch aus Angst vor einer russischen Invasion wie in der Ukraine die Knie schlotterten, verbündete sich sogar mit dem russischen Präsidenten, weil beide sich in einem Punkt einig sind: einen vom Volk demokratisch herbeigeführten Machtwechsel nicht zuzulassen.

Diesem Kampf geben die Belarussinnen ein Gesicht, anmutig, charmant, kreativ und immer friedlich. Dass das Friedensnobelpreiskomitee weder ihnen, noch Nawalny, noch den Hongkonger Demonstranten den Rücken gestärkt hat, ist nicht nur schade, sondern eine vertane Chance.

Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler (©Deutschlandradio / Bettina Straub )Sabine Adler, Journalistin und Buchautorin. Journalistik-Studium Universität Leipzig, danach Sender Magdeburg, radio ffn, Deutsche Welle. Seit 1997 beim Deutschlandradio, u.a. als Russland-Korrespondentin, Leiterin des Hauptstadtstudios. 2011-2012  Leiterin Presse und Kommunikation Deutscher Bundestag. Danach Osteuropakorrespondentin, derzeit Leiterin des Reporterpools.

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