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StartseiteKultur heuteArchitektur und Städtebau des Klassizismus28.06.2015

Friedrich WeinbrennerArchitektur und Städtebau des Klassizismus

Friedrich Weinbrenner war einer der gefragtesten Theaterarchitekten. Eine Ausstellung über den Baumeister zeigt in Karlsruhe viele Skizzen und Modelle sowie Computeranimationen und Originalobjekte. Die Schau werde Architekturhistoriker ebenso erfreuen wie das große Publikum, meint unser Rezensent Christian Gampert.

Von Christian Gampert

Blick durch ein Oval auf das Kurhaus in Baden-Baden am 01.06.2006. Baden-Badens Kurhaus (erbaut von Friedrich Weinbrenner 1821 bis 1823) (picture-alliance/dpa/Uli Deck)
Das Kurhaus Baden-Badens wurde von Friedrich Weinbrenner von 1821 bis 1823 erbaut. (picture-alliance/dpa/Uli Deck)

Friedrich Weinbrenner muss ein kleines Genie gewesen sein, und zwar nicht nur als Architekt und Stadtplaner, sondern auch als Netzwerker. Wer es vom Zimmermannssohn zum fast allmächtigen badischen Oberbaudirektor bringt, seine Leute an einer eigenen Bauschule ausbildet (übrigens der Keimzelle des heutigen berühmten KIT, der Karlsruher technischen Uni), dabei noch liberalen Ideen anhängt und sich für den Bau von Friedhöfen, Suppenküchen und Fischmarkthallen nicht zu schade ist, der hat anlässlich des Stadtjubiläums mindestens jene Großausstellung verdient, mit der Karlsruhe seinen begabten Sohn nun ehrt.

Weinbrenners Leistung besteht vor allem in der Erweiterung der erst 1715 gegründeten barocken, absolutistisch gedachten Planstadt Karlsruhe im Sinne des Klassizismus. Vom zentralen Schloss aus laufen rundum (und bis heute) fächerartig, strahlenförmig wie bei einer Kompass-Rose 32 Alleen in die Welt hinaus. Im Norden sind dort Auen und Wälder, im Süden baute man Häuser für die eilends angeworbenen Bediensteten, zu denen auch Weinbrenners Eltern gehörten. Der Sohn lernt im väterlichen Betrieb, den er schon als 16jähriger führt, studiert bis 1792 an den Bauakademien in Wien und Berlin und verbringt dann fünf lange Jahre in Italien, die ihn für immer prägen. Weinbrenners damals entstehende Idealentwürfe für ein Rathaus, für Stadttor, Ballhaus, Denk- und Grabmäler zeigen ein originäres zeichnerisches Talent –wie auch seine Skizzen antiker Bauten. Kurator Joachim Kleinmanns:

"Weinbrenner hat die Gebäude, die Ruinen der klassischen Architektur vor allem in Rom studiert, aber auch in Paestum etwa, griechische Tempel. Und all das hat ihm ein Leben lang einerseits für seine Bauschule als Quelle gedient, aber auch als Inspiration für seine Bauten."

Bei Weinbrenner überzeugt vor allem die enorme Klarheit der Entwürfe. Einfache, klassische, monumentale Formen – die wollte Weinbrenner auch für die Erweiterung des stark wachsenden Karlsruhe nutzen. Er stellte sich damit - auch - in die Tradition der französischen Revolutionsarchitektur. Das 1806 entstandene Großherzogtum Baden brauchte eine adäquate Hauptstadt; Weinbrenners stets rechtwinklig gedachte Straßenzüge bedeuteten einen Bruch mit dem Karlsruher Radialsystem des Absolutismus und wiesen, trotz aller Repräsentativität, im Grunde schon auf 1848 voraus. Weinbrenner schnitt von der Kernstadt aus eine später "Via Triumphalis" genannte Achse nach Süden, mit platzartigen Erweiterungen und monumentalen Gebäuden.

Und er baute für Karlsruhe sowohl ein Hoftheater und ein voluminöses Haus für die Museumsgesellschaft als auch einen Schlachthof, ein Pulvermagazin und eine Armenküche, die übrigens ebenfalls mit einem klassizistischen Portal ausgestattet wurde – auch die Notleidenden sollten würdig eintreten können, und derer gab es wegen der napoleonischen Kriege viele. Die von Weinbrenner konzipierten bürgerlichen Wohnhäuser waren alle auf gleicher Traufhöhe und außen von schlichtem Gleichmaß, innen aber üppigst ausgestattet. Und noch heute ist der klassizistische Marktplatz mit dem pyramidalen Grab des Stadtgründers, mit Rathaus und der tempelartigen evangelischen Stadtkirche das eigentliche Zentrum der Stadt – neben dem Schloss.

Vieles blieb auch unrealisiert – zum Beispiel ein Kanal zum Rhein und eine Vereinheitlichung zentraler Straßen durch hohe Arkadengänge. Und vieles ist nicht mehr da – wie die ausgreifenden romantischen Gärten und Landschaftsparks, die Weinbrenner am Ettlinger Tor errichtete. Aber manche der ausladenden Baukörper lassen sich auch heute noch besuchen: Der mächtige, antikisierende Kuppel-Rundbau von St. Stephan verweist eindringlich auf das Pantheon als Vorbild.

Friedrich Weinbrenner prägte den Kirchenbau in ganz Baden, plante die geschleifte Festungsstadt Kehl neu und überholte den Kurort Baden-Baden. In ganz Deutschland war er einer der gefragtesten Theaterarchitekten. Die Ausstellung ist eine wissenschaftlich fundierte Jubelschau mit detailliertem Material, vielen Skizzen, Modellen. Computeranimationen und Originalobjekten. Und das freut den Architekturhistoriker sicherlich ebenso wie das große Publikum...

 

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