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StartseiteKultur heuteMenschenunwürdiger Goldabbau als Theaterabend01.06.2019

Fringe Ensemble in BonnMenschenunwürdiger Goldabbau als Theaterabend

Burkina Faso ist eines der ärmsten Länder der Welt, zugleich reich am Bodenschatz Gold. Ein interkulturelles Theaterstück unter der Regie von Frank Heuel bringt mit "Gold- Glänzender Dreck" nun in Bonn auf die Bühne, welche gravierenden Folgen der Goldabbau für Mensch und Natur hat.

Von Dorothea Marcus

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"Gold - Glänzender Dreck" - Das Fringe Ensemble untersucht Werte am Theater Bonn (Fringe Ensemble / Thilo Beu)
"Gold - Glänzender Dreck" - Die neue Produktion des Fringe Ensemble am Theater Bonn (Fringe Ensemble / Thilo Beu)
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Gold – für die einen Statussymbol, für die anderen Katastrophe. In Burkina Faso, einem der ärmsten Länder Afrikas, zerstört der wilde Abbau des einzigen Bodenschatzes Agrarflächen, Trinkwasser, die Gesellschaft. Kinderarbeit, Prostitution, Drogensucht sind die Folge. Um ein Stück darüber zu machen, ist Regisseur Frank Heuel in das westafrikanische Land gereist und hat burkinische Partner gesucht.

Zynisches Glücksversprechen

Gefunden hat er das Kulturzentrum Gambidi und vier Darsteller der Kompanie Qu’on sonne et voix-ailes. In Bonn stehen sie nun mit den drei Fringe-Schauspielern auf der Werkstattbühne, jeder spielt in seiner Sprache, jeder übersetzt auch mal. Aber erstmal tanzen sie gemeinsam das zynische Glücksversprechen des Goldes nach, das alle vereint – an unterschiedlichen Enden der Skala. Dass Gold verheerende Auswirkungen auf das eigene Land hat, war den burkinischen Schauspielern durchaus bewusst – nicht aber, in welchem Maße der Westen davon profitiert – erzählen sie anschließend.

"Nur eine Tonne wird versteuert… und sieben Tonnen verlassen Burkina auf dem Schwarzmarkt. Um von dort aus mit der Air France in die Schweiz transportiert zu werden… weil nämlich die Schweiz in Togo kaum Steuern zahlen muss. C’est incroyable. Cela économise 20 Million Francs suisse…11 millard de Francs SEFA chaque année."

Tabuthemen auf der Bühne

20 Millionen Franken zieht die reiche Schweiz dem bitterarmen Land so an Steuergeldern ab. Was tun? Fragen die Darsteller ins Publikum. Und natürlich bleiben jene Zuschauer, die kurz zuvor dem burkinischen Darsteller Tony Ouedrago noch hilfreich einen Schal gereicht haben, hilflos ohne Antwort. Und so schockierend die Tatsachen auch sind, so naiv und pädagogisch kommt die Vorführung der eigenen Machtlosigkeit im Stück auch zunächst herüber – echte Aktivisten hätten wohl andere Antworten, um die perversen Warenströme der westlichen Konzerne zu stören.

Stärker wird der Abend, wenn er sich in virtuos verfremdetes Dokumentartheater verwandelt. Alleine konnte das Fringe Ensemble nicht an die Minen kommen. Eine burkinische Produzentin vermittelte die Interviewpartner*innen. In berührenden Gesprächen kamen Themen zu Tage, die in der burkinischen Gesellschaft als absolutes Tabu gelten.

"Ich wurde zweimal beschnitten. Weil beim ersten Mal die Klitoris nicht gut verheilt ist und man sagte, sie sei nachgewachsen. Beim zweiten Mal machte man es mit einem Messer, das man über dem Feuer erhitzt hatte. Um einige Teile zu verbrennen, damit sie nicht wiederkommen."

Wütender Tanz ums Gold

Turbane aus Plastik stülpen sich Philine Bürer und Laila Nielsen über die Köpfe und bemalen sich mit nasser Erde, wenn sie das Interview mit einer der Prostituierten nachsprechen, die vor dem Ehemann in die Minen geflohen ist – der einzige Ort für weibliche Freiheit zum Preis der Selbstaufgabe. Nach und nach wird das Videobild der weißen Schauspielerinnen von der Strichzeichnung einer schwarzen Frau überdeckt, vom Bühnenrand auf Overheadprojektor gemalt. Eine Verfremdung, in der zugleich aufscheint, wie ungleich und zufällig die Geburtslotterie verteilt. Dass auf offener Bühne die Praxis der Beschneidung angesprochen wurde, führte bei der Uraufführung in Burkina Faso, wo rund zwei Drittel aller Frauen noch beschnitten sind, übrigens zu Unruhe – viele verließen den Saal. Grandios und sehr nachvollziehbar ist auch, wenn Schauspieler Lazaré Kabore in die Haut eines Bauern schlüpft, dessen Lebensunterhalt von der lebensgefährlichen Fronarbeit seines 16jährigen Sohnes in den ungesicherten Minenlöchern gesichert wird.

Irgendwie schön und auch lehrreich also, wie da Europäer und Afrikaner gemeinsam wütend tanzen und gleichberechtigt übersetzend aus zwei Perspektiven vom schmutzigen und magnetischen Gold erzählen. Am Ende hätte man sich dennoch einen stärkeren poetischen und philosophischen Rahmen gewünscht. Und: radikalere Lösungsansätze - als erfolglos einen Anruf beim Präsidenten Burkina Fasos zu simulieren.

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