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StartseiteKalenderblattDer "malende Lästerliedermacher"09.12.2013

Fritz GrasshoffDer "malende Lästerliedermacher"

Er war ein Unangepasster, einer, der die Doppelmoral aufspießte, wo immer sich Gelegenheit bot. Und er schrieb harmlose Schlager über die Seefahrt. Fritz Grasshoff wurde am 9. Dezember 1913 geboren. Carmela Thiele erinnert an den Schriftsteller.

Von Carmela Thiele

Der Schriftsteller Fritz Grasshofff, aufgenommen am 29. September 1980 in Hamburg, wo er sein Buch "Der blaue Heinrich" vorstellte. (dpa / Cornelia Gus)
Vor allem die Seefahrt hatte es Fritz Grasshoff angetan - und beinah seinen Ruf ruiniert. (dpa / Cornelia Gus)

"Nimm mich mit Kapitän auf die Reise" - Das Lied kennt fast jeder, getextet hat es Fritz Grasshoff, eigentlich Dichter und Zeichner im Nachkriegsdeutschland. Er schrieb harmlose Schlager über Seefahrt und Sehnsucht für Hans Albers, Freddy Quinn und Lale Andersen, und kam auf diese Weise zu finanzieller Sicherheit.

"Wenn ich diese Unterhaltungsschiene nicht befahren hätte, dann wäre ich faktisch vor die Hunde gegangen."

Sein eigentliches Metier waren sarkastische Verse im Gewand von Seemannsballaden, Bänkelgesängen oder Varieténummern. Das traf bei den von Hunger und Kälte demoralisierten Deutschen einen Nerv. Von seiner 1947 erstmals erschienenen "Halunkenpostille" verkauften sich 200 000 Exemplare.

"Den Globus wollten wir braten, doch war die Pfanne zu klein"

"Ich kam zu den Soldaten, und was ich erblickte, war mein / Den Globus wollten wir braten, doch war die Pfanne zu klein. / Wir ritten auf Haubitzen, von San Mamalote nach Brest / und schossen mit unseren Spritzen die feindlichen Hühner vom Nest."

Der am 9. Dezember 1913 in Quedlinburg geborene Sohn eines Seemanns und späteren Kohlenhändlers hatte das Gymnasium und eine Lehre als Kirchenmaler absolviert. Als er in Leipzig sein Malereistudium beginnen wollte, wurde er eingezogen. Das war 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn.

"Die Erinnerung an Russland, an diese Zeit steht vor mir wie eine graue Mattscheibe, alles ist blaugrau. Sie können es auf meinen Bildern sehen. Die Bilder sind alle graublau, vorherrschend schwarz. Wenn Farbe auftaucht, ist es violettgrau, grüngrau. Das ist die vorherrschende Grundstimmung, wenn ich an Russland - und es waren Jahre dann, es waren keine Monate wie in Frankreich, es waren Jahre. Und wir kamen sozusagen aus einer hochkultivierten Welt in die Steinzeit."

Bevor Grasshoff zu Beginn der 1950er-Jahre für die Unterhaltungsbranche arbeitete, hatte ihn die Kritik mit Ringelnatz und Kästner verglichen. Mit dem Erfolg seiner Lieder fiel er zugleich durch das Raster des Literaturbetriebs. Vielleicht lag das auch an seiner drastischen, unverblümten Sprache, die er gerne mit Jargon-Ausdrücken anreicherte.

Im "Blauen Heinrich" rechnet Grasshoff noch einmal mit allem ab

"Fragst dich, wie kriegt ein Volk plötzlich so viel Schinder auf die Beine? Antwort: Die Schinder des Volkes kommen aus dem Volk, woher denn sonst? Waren immer da. Lauerten als Knieficker auf ihre Stunde, verkauften dir Salmiakpastillen, Eis und Popel, kehrten die Straße, lasen den Strom ab, und du warst freundlich zu ihnen."

Im "Der blaue Heinrich", Grasshoffs einzigem Roman, rechnet der Autor noch einmal mit allem ab, was ihn sechs wichtige Jahre seines Lebens gekostet hat: mit der Sinnlosigkeit des Krieges, raffgierigen Frauen und grotesken Vorgesetzten. Das wilde Tableau von Szenen mit Vor- und Rückblicken ähnelt den surrealen Albträumen des jungen Malers Heinrich, Grasshoffs alter ego im Buch. Der erst 1980 erschienene Roman ist formal anspruchsvoller als etwa Falladas präzise Sittengemälde und im Ton barocker als die freudlose Nachkriegsliteratur.

"Ich sage immer, ... der Humor wetzt sich den Schnabel - das ist ein etwas schräges Bild - … am Tode ... Es ist ein schwerer und oft qualvoller Humor, aber es ist Humor, meine ich und kein Witz."

Der Roman fand dennoch kaum Leser. Grasshoff wanderte enttäuscht mit Frau und Sohn nach Kanada aus, malte noch über 500 Bilder. 1997 starb er im Alter von 84 Jahren. In den Siebzigerjahren hatte ihn die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ als "malenden Lästerliedermacher" abgetan. Er war in der Tat ein Unangepasster, der Doppelmoral aufspießte, wo immer sich Gelegenheit bot. Das ist vergessen, nicht aber seine Schlager ...

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