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StartseiteDie neue PlatteGibt es eine Monteverdi-Orgel?22.08.2021

Frühbarocke Musik aus ItalienGibt es eine Monteverdi-Orgel?

Claudio Monteverdi hat ausschließlich Vokalwerke hinterlassen. Die aber stellen an den Organisten Krijn Koetsveld Fragen nach dem idealen Begleitinstrument. Wenn die Blockflötistin Julia Fritz Sonaten aus Monteverdis Umfeld spielt, lautet ihre Antwort: die Antegnati-Orgel in Mantua.

Von Bernd Heyder

Auf einem Feldweg steht das Ensemble im Kreis und schaut in die Kamera.  Die vier Männer tragen Konzertfräcke, die beiden Frauen davor lange, ärmellose Abendkleider . (JIP Warmerdam Design)
Das Ensemble Le Nuove Musiche (im Bild) und die Blockflötistin Julia Fritz haben bei ihren neusten CDs Orgeln aus der Zeit von Monteverdi als Begleitinstrumente verwendet (JIP Warmerdam Design)
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Der Name "Monteverdi" prangt besonders groß auf dem Cover der neuesten CD von Krijn Koetsveld und seinem Ensemble "Le Nuove Musiche". Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches: Die niederländische Formation hat in den vergangenen Jahren sämtliche Madrigale von Claudio Monteverdi in herausragenden Einspielungen vorgelegt.

Diesmal aber geht es um "Monteverdis Orgel". Der geniale Komponist, der als Schöpfer der ersten "wirklichen" Oper in die Geschichte eingegangen ist, hat allerdings gar keine Orgelmusik hinterlassen. Vielmehr interpretiert Le Nuove Musiche hier sieben Vokalkonzerte aus Monteverdis Sammlung "Selva morale e spirituale".

Vor jedem dieser Werke spielt Krijn Koetsveld aber Tastenkompositionen des frühen 17. Jahrhunderts auf einem besonderen Instrument nur mit Holzpfeifen. Es ist die Rekonstruktion eines frühbarocken "organo di legno". – Die neue Produktion des Labels Brilliant Classics ist eine von zwei neuen CDs zum Thema "Monteverdi-Orgel".

Musik: Johann Jakob Froberger - Toccata I

Einen "organo di legno", wie er hier in einer Toccata des kaiserlichen Hoforganisten Johann Jakob Froberger zu hören ist, verlangt Claudio Monteverdi neben anderen Begleitinstrumenten im Partiturdruck seiner ersten Oper "L'Orfeo". 1607 hatte er das Werk als Hofkapellmeister in Mantua aufgeführt.

Wahrscheinlich meinte er mit der Instrumentenbezeichnung die sanft klingende Holzorgel im Spiegelsaal des Gonzaga-Palastes. Dass er sie auch zur Begleitung von Solo- und Duo-Madrigalen einsetzte, erwähnt Monteverdi in einem Brief von 1611.

Das hat nun Krijn Koetsveld und seinen Organistenkollegen Pieter van Dijk motiviert, einen solchen Orgeltyp speziell zur Aufführung frühbarocker italienischer Musik rekonstruieren zu lassen. Weitere, auch konkretere Dokumente aus Monteverdis Umfeld sind zum "organo di legno" allerdings nicht erhalten, geschweige denn ein entsprechendes Original.

Auf dem Holzweg

Dem Instrumentenbauer Henk Klop, der sich nun an die Rekonstruktion wagte, mag als eine Inspirationsquelle die Orgel von 1590 in der Schlosskapelle von Schmalkalden in Thüringen gedient haben, die ebenfalls auf Metallpfeifen verzichtet. Klop hat sich auf Cembali nach historischen Vorbildern und Holzpfeifen-Orgeln spezialisiert. Die kennt man heute vor allem in Form von Truhenorgeln als Generalbassinstrumente. Der neugeschaffene "organo di legno" ist aber etwas größer.

Musik: Tarquinio Merula - Canzona

Das rekonstruierte "Monteverdi-Instrument" mit Pfeifen aus Zypressenholz ist einmanualig ohne Pedal konzipiert. Es lehnt sich in seiner Renaissance-Optik deutlich an alt-italienische Kirchenorgeln an und wurde im Januar 2020 in der katholischen Kirchengemeinde Amersfoort-Hoogland nordöstlich von Utrecht aufgestellt. Die typische Backsteinarchitektur im Gemeindezentrum "Martinuskerk" ist dem transparenten, nicht allzu halligen Klangbild der Aufnahme sicher entgegengekommen. Krijn Koetsveld setzt den "organo di legno" solistisch und als Begleitinstrument seines Ensembles Le Nuove Musiche ein.

Musik: Claudio Monteverdi - O ciechi il tanto affaticar

Die weichen Grundklänge der Holzorgel fügen sich hervorragend in das homogene vokale Timbre von Le Nuove Musiche ein, wie hier in einem nicht-liturgischen geistlichen Monteverdi-Madrigal. Da gesellen sich in der Continuostimme zur Orgel noch eine Theorbe als Zupfinstrument sowie Gambe und Violone als Streichbässe hinzu. Zwei Violinen fächern den fünfstimmigen Vokalsatz weiter auf.

Monteverdi und Frescobaldi im Fokus

Als Kapellmeister am Markusdom in Venedig hat Claudio Monteverdi seine umfangreiche Sammlung "Selva morale e spirituale" 1641 veröffentlicht, ein Jahr vor seinem Tod. Hier finden sich lateinische Liturgiestücke neben italienischen Madrigaldichtungen zur privaten Erbauung. Manches ist für eine oder wenige Singstimmen mit Generalbassbegleitung konzipiert, anderes für ein größeres Ensemble mit instrumentalen Oberstimmen.

Krijn Koetsveld hat von allem etwas ausgewählt und mit Orgel-Solostücken von drei Monteverdi-Zeitgenossen kombiniert. Mit je zwei Werken ist neben Froberger auch Tarquinio Merula vertreten, der in verschiedenen Städten Oberitaliens wirkte und für fünf Jahre sogar am polnischen Königshof in Warschau.

Im Fokus als Tastenkomponist steht aber Girolamo Frescobaldi, der Organist am Petersdom in Rom in der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Seine Toccaten mit ihren wie improvisiert wirkenden Läufen und Akkordbrechungen wurden auch für die folgenden Generationen zum Vorbild.

Musik: Girolamo Frescobaldi - Toccata IX

Über fünf Register verfügt der rekonstruierte "organo di legno". Zu den kernigen Stimmen in der üblichen Achtfuß-Lage und den eine und zwei Oktaven darüber klingenden 4- und 2-Fuß-Prinzipalen kommen noch eine Oktavflöte, außerdem nur für die obere Hälfte der Tastatur ein leicht abweichend gestimmtes und entsprechend "schwebend" tremolierendes "Fiffaro"-Soloregister. Krijn Koetsveld führt es in einer meditativen Elevations-Toccata Frescobaldis vor, einem liturgischen Orgelstück zur Eucharistiefeier. Die Akkordfortschreitungen in chromatischen Halbtonschritten erhalten im alten mitteltönigen Stimmungssystem der Orgel eine ganz eigentümliche Färbung.

Musik: Girolamo Frescobaldi -Toccata cromatica per l'Elevazione

In eines seiner kontrapunktisch strengeren Ricercare hat Frescobaldi den vokalen Bittruf "Sancta Maria, ora pro nobis" eingewebt; hier singt ihn der Tenor Falco van Loon "in das Instrument hinein", wie es die barocken Meister nannten. Welchen eindringlichen Effekt das machen kann, hatte Monteverdi schon 25 Jahre vor Frescobaldi in einer Sonate seiner berühmten "Marienvesper" vorgeführt.

Musik: Girolamo Frescobaldi - Recercar con obligo di cantare la quinta parte

Handgeschöpfter Wind

Die Sopranistin Jennifer van der Hart und der Bassist Bas Ramselaar bringen sich in die Produktion nicht nur sängerisch ein; sie bedienen abwechselnd auch den Windbalg der Orgel. Wenn beide gleichzeitig im Vokalensemble gefragt sind, übernimmt Joost Koetsveld die Rolle des Kalkanten – so in der motettischen Psalmvertonung "Laudate pueri Dominum", mit der die Aufnahme gravitätisch endet.

Musik: Claudio Monteverdi - Laudate pueri II

Was Krijn Koetsveld und Le Nuove Musiche hier musikalisch bieten, ist absolut stimmig. Der CD-Titel "The Monteverdi Organ" ist es aber strenggenommen nicht. Monteverdi unterschied ja offensichtlich zwischen diesem speziellen "organo di legno" und der gängigen größeren Kirchenorgel.

Für die Palastkirche der Gonzaga in Mantua, die Basilika Santa Barbara, schrieb Monteverdi bis zu seinem Wechsel nach Venedig 1613 das Gros seiner geistlichen Werke, darunter auch die Marienvesper. Graziadio Antegnati errichtete in der Kirche 1565 eine Orgel mit einem Manual und angehängtem Pedal. Nach einer aufwändigen Restaurierung besitzt sie heute immerhin noch 300 der originalen Holz- und Metallpfeifen in ihren zwölf Registern vom profunden Kontrabassbereich bis in die zimbelartigen Terz- und Sextlagen der höheren Oktavräume.

Auf einer CD, die kürzlich beim Label Audite erschienen ist, spielt Johannes Hämmerle diese Orgel als Begleiter der Blockflötistin Julia Fritz. Sie hat ihr Solo-Programm aus Werken der Monteverdi-Zeitgenossen Angelo Notari und Giovanni Battista Fontana zusammengestellt.

Musik: Giovanni Battista Fontana - Sonata seconda

Für Violine oder wahlweise andere Instrumente hat Giovanni Battista Fontana aus Brescia die Solopartie von sechs Sonaten komponiert, die 1641 zeitgleich mit Monteverdis "Selva morale e spirituale" in Venedig im Druck erschienen – da war Fontana allerdings schon mehr als zehn Jahre tot.

Dass sich diese brillanten Stücke hervorragend für eine Interpretation auf der Blockflöte eignen, macht Julia Fritz vom ersten Ton an deutlich. Die Preisträgerin des Magdeburger Telemann-Wettbewerbs 2015 ist inzwischen Professorin am Landeskonservatorium Vorarlberg in Feldkirch. Sie spielt mit souveräner Fingerfertigkeit und virtuoser Artikulation.

Ihr Vorarlberger Dozentenkollege Johannes Hämmerle setzt dazu in immer neuen Registerfarben die begleitenden Orgelakkorde, dass es eine Freude ist. Mühelos verbinden sie sich in der weiten Akustik des alten Kirchengewölbes mit den Tongirlanden der verschiedenen Sopran-, Alt- und Tenorblockflöten, die Julia Fritz je nach Charakter eines Stücks wählt.

Von der Empore herabperlende Tongirlanden

Julia Fritz steht auf der Empore neben Johannes Hämmerle; auf der anderen Seite der Orgel tritt gelegentlich die Sopranistin Magdalene Harer hinzu. Sie singt dann die liedhaften Arien, die Angelo Notari zum Ausgangspunkt instrumentaler Variationenfolgen wählt. In einer Ciaccona steuert Reinhild Waldek auf der Harfe federnde Begleitakkorde bei, deren Leichtigkeit auf die Orgelklänge abzufärben scheint. Den Dienst des Kalkanten für den auch in dieser Aufnahme "handgeschöpften" Orgelwind hat der Toningenieur Thomas Becher übernommen.

Musik: Angelo Notari - Ciaccona

Angelo Notari, der vermutlich aus Padua stammte, trug den virtuosen Glanz der italienischen Barockmusik schon 1610 nach London. Dort hat er einen umfangreichen Manuskriptband hinterlassen, in dem Julia Fritz Preziosen wie die "Aria sopra la Monica" gefunden hat – eine von mehreren Ersteinspielungen auf dieser CD. Notari bietet hier Paradebeispiele für die um 1600 übliche Diminutionspraxis: die phantasievolle figurative Ausgestaltung einer vorgegebenen Melodie.

Musik: Angelo Notari - Aria sopra la Monica

Ob diese kurzweilige Mischung aus Fontanas Sonaten und den eindeutig weltlichen Variationen Notaris wohl auch schon zu Monteverdis Zeiten in einem Gotteshaus geduldet worden wäre? Die populäre "Monica"-Weise erfreute sich damals zumindest auch bei protestantischen Kirchenliedschöpfern als Choralmelodie großer Wertschätzung.

Finale für Orgel solo

Das musikalische Schlusswort überlässt Julia Fritz ihrem Begleiter Johannes Hämmerle. Das zeigt Größe. An der Antegnati-Orgel spielt er eine Toccata von einem Mantuaner Kollegen Monteverdis, dem Hoforganisten Francesco Rovigo.

Musik: Francesco Rovigo - Toccata

Wer weitere Orgelsoli auf diesem Instrument hören möchte, dem bietet der Schallplattenmarkt übrigens Aufnahmen verschiedener Interpreten mit altitalienischer Tastenmusik an.

The Monteverdi Organ.
Orgelmusik von Girolamo Frescobaldi, Johann Jacob Froberger und Tarquinio Merula; Vokalwerke aus Claudio Monteverdis "Selva morale e spirituale" (1641).
Le Nuove Musiche
Krijn Koetsveld. Leitung. Organo di legno, Cembalo
Brilliant Classics 96347 LC 09421//EAN 5028421963471

Frühbarocke Musik aus der Basilika Palatina di Santa Barbara in Mantua.
Sonaten von Giovanni Battista Fontana und Arien von Angelo Notari.
Julia Fritz, Blockflöte
Johannes Hämmerle, Antegnati-Orgel Mantua, Basilica di Santa Barbara, 1565
Magdalene Harer, Sopran
Reinhald Waldek, Harfe
Audite 97797, LC 04480//EAN 4022143977977

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