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StartseiteForschung aktuellÄlteste Hinweise auf Fortbewegung entdeckt12.02.2019

Frühe LebensspurenÄlteste Hinweise auf Fortbewegung entdeckt

Paläontologen der französischen Universität Poitiers haben in 2,1 Milliarden Jahre altem Felsen im zentralafrikanischen Gabun die womöglich ältesten Spuren beweglicher Organismen entdeckt. Sollte dies zutreffen, müssten einige Annahmen über die frühe Evolution überprüft werden.

Von Dagmar Röhrlich

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Pahoehoe Lava auf den Galapagos-Inseln (dpa/picture alliance/ imageBROKER)
Symbolbild: Lava-Gestein auf den Galapagos-Inseln. (dpa/picture alliance/ imageBROKER)
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Auf den ersten Blick erscheinen die schwarzen Schiefer nicht sonderlich spektakulär - ebenso wenig wie die gewundenen Strukturen auf den hochauflösenden Bildern. Sie haben durchaus Ähnlichkeit mit Wurmbauten. Doch da ist das Alter dieser Steine: 2,1 Milliarden Jahre:

"Diese Röhren stammen aus einer Zeit, als sich zum ersten Mal in der Erdgeschichte Sauerstoff anreicherte, und sie sind von sich bewegenden Organismen hinterlassen worden - das macht sie so interessant", beschreibt Abder El Albani von Universität Poitiers.

Die entdeckten Gänge sind zu groß für Bakterien

Diese Strukturen können immerhin einen Durchmesser von einem halben Zentimeter erreichen und eine Länge von 17 Zentimetern - zu groß für Spuren, die Bakterien hinterlassen haben könnten.

"Um sicher zu sein, dass es sich wirklich um Spuren von Lebewesen handelt, haben wir deshalb zunächst untersucht, ob diese gewundenen Röhren wirklich aus der Zeit stammen, als sich die Sedimente selbst bildeten. Sie verlaufen entlang der Grenze zwischen Sediment und Wasser, reichen durchaus auch etwas ins Sediment hinein. Außerdem haben wir die Röhren auf chemische Fingerabdrücke von Abbauprodukten organischer Materie untersucht. Und die haben wir gefunden. Wir glauben deshalb, dass wir die bislang ältesten Spuren von sich bewegenden Organismen vor uns haben."
 
Vielleicht, so vermuten die Forscher, waren die Spuren einmal Schleimstränge, die Organismen am Boden eines flachen Meeres hinterlassen haben. Und vielleicht waren es amöbenartige Lebewesen, also Einzeller.

2,1 Milliarden Jahre alte Spuren von Einzellerverbänden

Diese frühen Einzeller wären - einer ersten Idee zufolge - normalerweise allein auf der Suche nach Nahrung herumgekrochen. In Hungerzeiten hätten sie sich aber zu großen Verbänden zusammengeschlossen, um sich gemeinsam auf die Suche nach besseren "Weidegründen" zu machen – und dabei hätten sie die jetzt entdeckten Spuren hinterlassen.

Heute hält das ein Schleimpilz so. Und es gibt auch Hinweise darauf, so die Forscher: Die 2.1 Milliarden Jahre alten Röhren treten zusammen mit Bakterienmatten auf, von denen sich die Organismen ernährt haben könnten.

"Solche Zusammenschlüsse von amöbenartigen Lebewesen hinterlassen auf der Suche nach Nahrung durchaus solche Spuren auf der Sedimentoberfläche. Allerdings können sie keine Gänge bauen, die in das Sediment hineinreichen, doch genau die finden wir auch. Was diese Spuren hinterlassen hat, wissen wir also nicht, aber es dürfte etwas Komplexeres als Bakterien gewesen sein." 

Frühester Beleg für Bewegungsfähigkeit im Tierreich?

Die Frage ist jedoch, ob vor 2,1 Milliarden Jahre überhaupt schon amöbenartige Lebewesen existierten. Die ältesten Fossilien von Lebewesen mit Zellkern - und dazu gehören auch Amöben - sind 400 Millionen Jahre jünger.

Zwar beschrieben die Forscher um Abder el Albani 2010 aus diesen Schichten seltsame Strukturen, bei denen es sich um die ersten vielzelligen Lebewesen handeln soll.

Allerdings ist diese Interpretation umstritten. Und diesmal wäre der zeitliche Abstand dieser Spurenfossilien zu den nächst jüngeren mit anderthalb Milliarden Jahren gewaltig:
 
"Die bislang ältesten bekannten Spurenfossilien bringen es auf rund 570 Millionen Jahre. Aber es gibt eine sehr interessante Parallele: Diese Spurenfossilien damals, vor 570 Millionen Jahren, erschienen kurz nachdem der Sauerstoffgehalt in der Umwelt stark angestiegen war. Genau wie vor 2,1 Milliarden Jahren, in der Phase, die wir betrachten. Es hat zwei solcher Anstiege gegeben, vor 570 Millionen Jahren und vor 2,1 Milliarden Jahren - und es könnte damit eine interessante Verbindung zwischen der Umwelt, Evolution und Sauerstoff geben." 
 
Vor 2,1 Milliarden Jahren war der Sauerstoff-Peak nur von kurzer Dauer. Die Gehalte fielen schnell wieder ab - und das, so erklärt Abder El Albani, war dann auch das Ende für die ersten beweglichen Organismen.

Ob das tatsächlich so war, muss die weitere Forschung erweisen. Wie immer bei Lebensspuren, die weit in die Erdgeschichte zurückreichen, wird es auch diesmal eine Diskussion geben, ob es Artefakte sind oder echte Spuren früher Lebewesen.

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