Mittwoch, 12.12.2018
 
Seit 10:10 Uhr Länderzeit
StartseiteForschung aktuellZugvögel leiden unter den Folgen des Klimawandels23.07.2018

Früher Frühling in der ArktisZugvögel leiden unter den Folgen des Klimawandels

In der Arktis ist der Klimawandel und die damit verbundenen Folgen deutlich zu beobachten: Schneeschmelze und Frühling setzen mittlerweile früher ein als noch vor 20 Jahren. Das kann für Zugvögel wie Nonnengänse, die ihre Brutgebiete in der Arktis haben, extrem problematisch werden.

Von Lucian Haas

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Wildgänse fliegen am Himmel im Abendlicht (picture alliance / dpa / Oliver Multhaup)
Der Frühling setzt in der Arktis viel früher ein als noch vor 20 Jahren (picture alliance / dpa / Oliver Multhaup)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

Vogelschutzbund zu Zugvögeln: "Es hat einen richtigen Zugstau gegeben"

Klimawandel in Lappland Wenn die Arktis wärmer wird, sterben Rentiere

Nonnengänse sind Zugvögel. Den Winter verbringen sie an der Nordseeküste. Zum Sommer hin ziehen sie in ihre Brutgebiete an der Barentssee im arktischen Norden Russlands. Allerdings bereitet ihnen der Klimawandel dort zunehmend Probleme. Götz Eichhorn vom Niederländischen Institut für Ökologie in Wageningen:

"Der Klimawandel ist eigentlich ein globales Problem. Nur ist es so, dass die Klimaerwärmung nicht überall homogen, also gleichermaßen erfolgt. Und in der Arktis ist der Klimawandel am stärksten zu spüren."

Nonnengänse müssten Hellseher sein

Einer der Effekte der beschleunigten Erwärmung in der Arktis ist: Der Frühling setzt dort heute schon rund zwei Wochen früher ein als noch vor 20 Jahren. Das heißt: Der Schnee schmilzt früher, die Pflanzen schlagen früher aus. Das junge Grün ist das beste Futter für frisch geschlüpfte Jungvögel. Idealerweise müssten die Nonnengänse deshalb früher in den hohen Norden starten. Nur: Woran sollten sie das in ihren Überwinterungsgebieten im Süden erkennen?

Luftbild der Insel Neuwerk in der Nordsee (imago)Nonnengänse müssten ihr Winterquartier aufgrund des Klimawandels deutlich früher verlassen, um im Norden das frische Grün für die Jungtieraufzucht noch voll nutzen zu können (imago)

"Sie müssten im Grunde genommen ein bisschen Hellseher sein, um zu verstehen, dass es dort oben in der Arktis eigentlich ja schneller geht mit dem Frühling. Und das ist im Grunde genommen ein Problem. Denn wo sie sich lokal befinden ist die Veränderung nicht so stark. Sie hätten also gar nicht den Grund, um zu entscheiden, früher wegzuziehen. Und wenn sie dann im Norden ankommen, dann ist es eigentlich schon zu spät."

Nun ist es nicht so, dass die Vögel gar nicht auf die Zeichen der Natur reagieren. Der Tierökologe Götz Eichhorn und Kollegen haben mithilfe von kleinen GPS-Trackern, die sie den Gänsen umschnallten, folgendes beobachtet: Normalerweise dauert der Gänsezug in den Norden rund drei bis vier Wochen – mit Zwischenstopps an Futterstellen. Im Jahr 2015 setzte der arktische Frühling aber einmal besonders früh ein. Als die Nonnengänse da auf ihrem Zug in den Norden bemerkten, dass die Natur schon deutlich weiter entwickelt war, machten sie gewissermaßen kurzen Prozess. 

"Es war fast ein Nonstop-Flug, wo sie relativ spät weggezogen sind aus der Nordsee, aber dann in ein, zwei, drei Tagen, also mehr oder weniger nonstop durchgeflogen sind, bis in die Brutgebiete. Das war schon eine Überraschung."

Dort angekommen, waren die Vögel völlig ausgepowert, ihre Fettreserven aufgebraucht. Die Elterntiere mussten sich erst erholen und vor Ort das nötige Fett neu anfuttern, um die Brutzeit auf dem Nest überhaupt überstehen zu können. Im Endeffekt legten sie die Eier nicht früher als in anderen Jahren. Und die Junggänse schlüpften dann in einer Zeit, in der das arktische Nahrungsangebot schon gar nicht mehr so frisch und proteinreich war. Das schlug sich dann auch in einer geringeren Überlebensrate nieder.

Aus schlechten Erfahrungen lernen

Die Frage ist nun, ob die Nonnengänse lernen können, aus solchen schlechten Erfahrungen heraus in Zukunft zur Sicherheit lieber etwas früher in den Norden zu ziehen. Das Problem ist, dass ihnen dafür an der Nordsee im Grunde die Zeichen der Natur fehlen, um daraus die frühere Startzeit abzuleiten.

 "Die andere Variante wäre, dass es sich genetisch sozusagen entwickelt. Dass Tiere, die immer wieder einen besseren Bruterfolg haben, ihre Gene weiterbringen können. Nur: Das dauert dann wahrscheinlich mehrere Generationen."

Mit anderen Worten: Der Klimawandel ist wahrscheinlich schneller als die Evolution des Zugverhaltens der Gänse. Das könnte ihnen in Zukunft wachsende Probleme bereiten. Vielleicht sind die Vögel aber auf unerwartete Weise flexibler, als bisher gedacht. Entlang der Nordseeküste werden zunehmend auch im Sommer Nonnengänse gesichtet, die dort brüten und somit schon ganz auf den Zug in den Norden verzichten.

Für Tierökologen wie Götz Eichhorn liefert das interessante neue Forschungsfragen:

"Was sind denn eigentlich die Vor- und Nachteile von Zug. Wie können Sie das überhaupt, dass sie auf einmal eigentlich ja auch ohne in die Arktis zu ziehen, hier erfolgreich brüten können?

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk