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Früherer deutscher Türkei-Botschafter Erdmann"Neoosmanisches Denken in Ankara"

Martin Erdmann, ehemaliger deutscher Botschafter in der Türkei (dpa/picture-alliance/Ali Balikci/Anadolu Agency)
Martin Erdmann, ehemaliger deutschers Botschafter in der Türkei (dpa/picture-alliance/Ali Balikci/Anadolu Agency)

Der ehemalige deutsche Botschafter in Ankara, Erdmann, hat Entwicklungen in der Türkei in den vergangenen Jahren als verstörend bezeichnet.

Als Beispiele nannte der frühere Diplomat die Menschenrechte, die Pressefreiheit, das Justizwesen, die Lage der Zivilgesellschaft und eine aggressive Rhetorik im Bereich der Außenpolitik. Im Interview der Woche des Deutschlandfunks sagte Erdmann, dabei spielten ein neoosmanisches Denken und die Frage des Machterhaltes eine Rolle. Erdmann machte unter anderem Staatspräsident Erdogan für die Situation mitverantwortlich. Der AKP-Politiker wünschte sich für sein Land eine Rolle, die das Osmanische Reich bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts gespielt habe, als Ordnungsmacht in der Region und weit darüber hinaus bis zum Balkan. Es sei völlig klar, dass das heute nicht mehr umsetzbar sei.

Erdmann warb für eine differenzierte Betrachtung der Türkei. Das Land sei sehr stark polarisiert und in der Mitte der Gesellschaft gespalten. Es gebe große Unterschiede zwischen den Menschen, die in Metropolen wie Istanbul oder ländlichen Gegenden wie Anatolien lebten.

Danaben warb der ehemalige deutsche Botschafter dafür, trotz der schwierigen Situation den Verhandlungsprozess mit Ankara über eine EU-Mitgliedschaft nicht zu beenden. In dem Land seien mit den Beitrittsverhandlungen große Hoffnungen verbunden, als Mechanismus, der es erlaube, innerstaatliche Reformen von außen anzustoßen. Erdmann bezeichnete die türkische Gesellschaft als eine durch und durch demokratische Gesellschaft. Die Wahlen, die er in seiner Zeit als Botschafter in der Türkei erlebt habe, seien zwar nicht fair jedoch frei gewesen. Auch die OSZE- und die EU-Beobachter hätten immer positive Zeugnisse ausgestellt. Die demokratischen Reflexe in der Türkei funktionierten, sagte Erdmann.

Sollten die Beitrittsverhandlungen mit der Türkei beendet werden, würde sich die Europäische Union eines Instruments entledigen, das sie in einigen Jahren vielleicht gern wieder aktivieren würde, warnte Erdmann. Im Jahr 2018 hatte der Europäische Rat beschlossen, die Verhandlungen nicht fortzuführen. Sie sind formal nicht beendet.