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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine Momentaufnahme der Wirtschaft - mehr nicht08.04.2020

Frühjahrsgutachten in der CoronakriseEine Momentaufnahme der Wirtschaft - mehr nicht

Deutsche Wirtschaftsforscher erwarten wegen der Coronakrise eine schwere Rezession - aber auch einen baldigen steilen Aufschwung. Doch der sei wegen der unvorhersehbaren Lage keineswegs gesichert, kommentiert Theo Geers. Die Finanzminister sollten deshalb sparsamer mit Wirtschaftshilfen umgehen.

Von Theo Geers

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Eine Lupe fokussiert Grafik mit stark fallendem Börsenkurs. (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
Die führenden deutschen Wirtschaftsinstitute prognostizieren eine schwerwiegende Rezession (picture alliance / Klaus Ohlenschläger)
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Die Prognosen, die wir derzeit abgeben, haben wahrscheinlich eine kurze Lebensdauer. Das war der ehrlichste Satz bei der Vorstellung des Frühjahrsgutachtens. Wissen, was kommt, wissen, wie es weiter geht, vor allem, wann es wieder bergauf geht – Fehlanzeige.  

Ja - Deutschland schlittert in eine tiefe Rezession, das steht fest. Millionen Menschen werden den Gürtel enger schnallen müssen. Wie eng, ist offen, denn das Wissen auch der versammelten Elite unserer Nationalökonomen über diese Rezession ist äußert begrenzt. In ihrer Not behelfen sie sich mit Annahmen. Die Wichtigste: Deutschland befindet sich in einer V-förmigen Rezession: also steiler Abschwung – und kurz danach ebenso steil wieder aus dem Tal der Tränen heraus. Zu wünschen wäre es ja. Nur woher die Professoren die Chuzpe nehmen,  das heute noch anzunehmen, bleibt schleierhaft.

Coronavirus (imago / Science Photo Library)Alle Beiträge zum Thema Coronavirus (imago / Science Photo Library)

Unbegrenzt verfügbare medizinische Ausrüstung wäre nötig

Denn immer klarer wird: Es gibt nur ein Mittel gegen den Abschwung – und das ist nicht das Geld, das Finanzminister Scholz in immer neuen Wellen über Unternehmer wie Arbeitnehmer ausschütten will. Die Rede ist von praktisch unbegrenzt verfügbaren Schutzausrüstungen, Atemmasken und anderem Gerätschaften, die gegen den COVID-19-Erreger schützen. Und die Rede ist von massiv gesteigerten Testmöglichkeiten auf das Virus, um Risikoträger schnell in Quarantäne zu schicken, solange es keinen Impfschutz gibt. Diese Mittel sind aber leider nicht in Aussicht. Solange es hinten und vorne fehlt, kommen wir im direkten Kampf gegen das Virus genauso wie gegen die gegen die Rezession nur in Trippelschritten voran.

Phase längerer Depression nicht auszuschließen

Das ganze bleibt eine Gratwanderung – links drohen der Absturz in die Pandemie und unbeherrschbar hohe Zahl von Krankheitsfällen, rechts der Absturz  der Wirtschaft, gespickt mit Firmenpleiten und hoher Arbeitslosigkeit. Aber solange Mangel allerorten herrscht, bleibt nichts anders übrig, als den Shutdown intelligent zu gestalten, eben auf diesem schmalen Grat. Damit aber reden wir nicht über einen V-förmige Abschwung, sondern bestenfalls über ein U mit einer zwischenzeitlichen Durststrecke am Boden. Kommen wir gar nicht voran oder werden Ausgeh- und Kontaktverbote zu früh gelockert, sodass es sogar einen Rückschlag bei den Infektionen gäbe, dann hätten wir es mit Blick auf die Konjunktur mit einer Badewanne zu tun: steiler Absturz jetzt, dann eine lange Phase der Depression und frühestens in einem Jahr ein langsamer Aufstieg, der flacher verläuft, also länger dauert  als der Absturz zu Beginn.

Füllhorn nicht komplett ausschütten

Wünschenswert ist das alles nicht, aber auszuschließen eben auch nicht. Vielleicht sollten die Finanzminister in Deutschland das Füllhorn, dass sie bis jetzt über der Wirtschaft ausschütten, wieder etwas zurücknehmen und den ein- oder anderen Euro noch zurückhalten. 



Theo Geers, 1959 in Sögel geboren, Studium der Volkswirtschaft an der Universität Köln, seit 1984 freier Journalist u. a. für DLF, WDR und andere ARD-Anstalten, seit 1991 als Wirtschaftsredakteur beim Deutschlandfunk. 1997 bis 2001 Korrespondent in Brüssel, 2010 bis 2011 Redaktionsleiter Wirtschaft und Umwelt, seit 2012 Berliner Korrespondent für die Programme des Deutschlandradio, Themenschwerpunkt Wirtschaft und Finanzen.

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