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StartseiteMusikjournalBody Sounds05.04.2016

Frühjahrstagung des Darmstädter Instituts für neue MusikBody Sounds

Seit 70 Jahren gibt es die berühmten Ferienkurse für neue Musik in Darmstadt; nur unwesentlich jünger ist die Frühjahrstagung des Darmstädter Instituts für neue Musik und Musikerziehung, die jetzt zum 70. Mal stattfand. Dabei ging es um Aspekte des Körperlichen.

Von Hanno Ehrler

Musik 1: Performance Gerhard Stäbler

"Eine Bratpfanne gehört ins Gepäck eines Komponisten" – so hatte Gerhard Stäbler seinen Beitrag zur Darmstädter Frühjahrstagung betitelt. Bratpfannen standen tatsächlich auf dem Podium, denn statt eines Vortrags erlebte das Publikum eine Performance. Der Komponist hantierte mit den Pfannen und anderen Alltagsgegenständen, mit einer Rolle Mülltüten, ein paar Stofftieren, einer Dose Babypuder und auch einer alte Jacke, die er sich im Laufe der Darbietung vom Leibe riss. Bewegungen und Gesten spielten dabei eine mindestens ebenso große Rolle wie die akustischen Effekte von Stäblers Aktionen.

"Was mich sehr interessiert ist, darüber hinauszugehen in reine Bewegung, die Bewegung musikalisiert sehen und behandeln. Ich möchte mit der Gestik musikalisiert arbeiten, das heißt, die Gestik verfeinern, so wie ein Akkord unterschiedlich aufgebaut werden kann oder eine Melodik unterschiedlich gestaltet werden kann."

Genau das demonstrierte Gerhard Stäbler in Darmstadt, indem er mit einem minutenlangen Minenspiel begann. Zu hören war dabei nichts. Dem Komponisten kommt es darauf an, mit seinem Körper zu arbeiten und ihn ganz bewusst wie ein Musikinstrument zu behandeln.

Plakativ führte das vor Augen, welche Bedeutung Körperlichkeit in der zeitgenössischen Musik hat. Viele Komponisten beschäftigen sich mit der Frage, wie der Körper beim Aufführen von Musik agiert und reagiert, und wie man das ins Komponieren einbetten kann. Seit einem halben Jahrhundert bereits entstehen solche Werke. Einige von ihnen sind gut bekannt und oft gespielt. Doch sollte auch anderes bei der Tagung zu hören und zu sehen sein. Jörn-Peter Hiekel, Musikwissenschaftler und Vorsitzender des Darmstädter Instituts:

"Ich glaube, dass Komponisten wie zum Beispiel Gerhard Stäbler oder Uwe Rasch ja so in der Landschaft der Musikfestivalkultur oder auch bei klassischen Konzertformaten gar nicht so viel vorkommen mit diesen Körperstücken. Und dass es auch wichtig für uns alle ist, eigentlich mit diesen Sachen konfrontiert zu werden und vielleicht auch Qualitäten zu entdecken, die manchen gar nicht so geläufig sind. Es ging wirkliche auch ein bisschen darum, über so geläufige Hauptwerke von Schnebel, Globokar und verschiedenen anderen hinaus zu gelangen."

Zum Beispiel wurde das Violoncello-Solo "An-Sprache" vom weniger bekannten Komponisten Robin Hoffmann diskutiert. Hoffmann fordert vom Interpreten völlig neue, irritierende Spieltechniken auf dem Griffbrett des Instruments. Wolfgang Lessing, Musikpädagoge und Cellist, hatte das Werk in Darmstadt aufgeführt:

"Das war für mich erstmal eine große Frustrationserfahrung zu merken, dass diese vielen eingeschliffenen Schemata, die das Instrumentalschemata ja eigentlich ausmacht, dass keines dieser Schemata funktioniert. Ich glaube, was sich dem Hörer mitteilt ist, dass hier das Cellospielen noch mal neu gedacht wird, und der Kontakt zwischen Instrument und Körper, das der einfach noch mal neu thematisiert wird. Das ist wie ein Art Filter, in dem quasi das alles draußen ist, und jetzt wie ein Mensch, der noch nie ein Cello gesehen hat, ah, was kann man damit machen."

Musik 2: Robin Hoffmann, An-Sprache für Violoncello

In Robin Hoffmanns Stück kann der Interpret nicht auf sein sogenanntes "Körperwissen" zugreifen, auf die Bewegungsabläufe, die ihm vertraut sind. Über dieses Körperwissen und viele andere grundlegenden Beziehungen zwischen Musik, Musikmachen, Musikhören und Körperlichkeit referierte der Philosoph Bernhard Waldenfels, und ausführliche Beiträge vom Musikwissenschaftler Martin Zenck, vom Komponisten Clemens Gadenstätter und vom Pianisten Pavlos Antoniades beleuchteten einzelne Aspekte ausführlicher. So gelang es der Darmstädter Tagung, das Thema Körperlichkeit in der Musik tatsächlich breit zu diskutieren.

Außerdem stellten einige Künstler, unter ihnen Jennifer Walshe, ihre Arbeiten vor. Walshes Kompositionen sind multimedial: Der eigene Körper kommt dabei exzessiv und ganz selbstverständlich zum Einsatz, sogar mehrfach gebrochen. Die Musikerin singt, verhält sich auf der Bühne wie eine Schauspielerin und projiziert dazu Filme, in denen sie sich selbst spielt.

Musik 3: Jennifer Walshe, The total Mountain

Jedesmal bei der Darmstädter Tagung gibt es ein Doppelportrait zweier Komponisten. Dieses Jahr waren es Heinz Holliger und Nicolaus A. Huber, die sich beide, jedoch völlig verschieden, auch mit dem Thema Körper beschäftigt haben.

Heinz Holliger integriert körperliche Prozesse wie Herzschlag und Atmung direkt in die Musik. Im Stück "Cardiophonie" verwendet er den Herzschlag als Taktgeber für den Rhythmus, und in "(t)air(e)" schreibt er der Interpretin – hier in Darmstadt Angelika Bender – genau vor, wann und wie geatmet werden soll. Die Flötistin darf zum Beispiel in den Pausen keine Luft holen. Das führt zu extremer Anspannung und plötzlichem, quasi verzweifeltem Einatmen.

Musik 4: Heinz Holliger, (t)air(e) für Flöte solo

Nicolaus A. Huber hingegen komponiert Körperaktionen wie Töne in der Partitur. Wenn etwa im Text eines Werks von einer schmerzverzerrten Haltung die Rede ist, muss der Musiker sie einnehmen und wirkt dabei wie eine lebende Statue. Doch dann erhält er weitere Anweisungen:

"Das wollte ich total brechen, dadurch das fünf oder sieben junge Mädchen Sätze von der Heidi Klum sagen, und diese sieben Sätze, die die sagen, die habe ich in der Süddeutschen Zeitung gefunden, und ich hab sofort gewusst, die benütze ich, weil die Heidi Klum selber weiß sehr gut Bescheid über Körper, und der muss sich dann richtig verzerren, wie das sonst kein Musiker eigentlich müsste, und das ist jetzt plötzlich eine konzertante Art, sich zu verzerren."

Nicolaus A. Huber führt Körperhaltungen und Gesten ins Extrem. Dadurch wird der Ausdrucksgehalt der Musik bei der Aufführung auf der Bühne erweitert – so auch im Ensemblestück "Lob des Granits", das das Ensemble Phorminx fulminant interpretierte, und bei dem bestimmte schauspielerische Gesten das Klangerlebnis intensivieren.

Musik 5: Nicolaus A. Huber, Lob des Granits für Ensemble

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