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StartseiteHintergrundFünf Jahre nach dem 11. September 200111.09.2006

Fünf Jahre nach dem 11. September 2001

Wie lebt New York mit den Folgen der Katastrophe?

Als wir am 11. September 2001 zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York fliegen sahen und dann sehr schnell unser Programm unterbrochen haben, um über die Anschläge zu berichten, ahnten wir, dass es sich um einen Anschlag mit besonderer politischer Qualität handelte. Sehr schnell war von einer Zeitenwende in der Sicherheitspolitik der Welt die Rede.

Von Martina Buttler

Das zweite Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers in New York.
Das zweite Flugzeug rast in einen der Türme des World Trade Centers in New York.
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"Ich bin Deborah Garcia. Ich habe meinen Mann David am 11. September im World Trade Center verloren. Ich weiß nicht genau, wo er war. Wahrscheinlich ist er gerade im 97. Stock angekommen, wo er gearbeitet hat. Ich war damals 37 Jahre alt. "

"Mein Name ist William Spade. Ich war der Feuerwehr-Rettungsgruppe Fünf zugeordnet, dem Team für taktische Unterstützung. Das ist ein Wagen mit spezieller Rettungsausrüstung. Am 11. September 2001 war ich 41. Mein Arbeitstag hat um 7 Uhr morgens begonnen und hätte bis 7 Uhr am 12. September gedauert. "

"Mein Name ist Kathleen. Ich habe am 11. September im World Trade Center als Risikomanagerin bei einer Versicherung gearbeitet. Damals war ich 45. "

Das Wochenende vor dem 11. September

Es ist ein sonniges Wochenende. Das Wochenende nach Labor Day. Und für Bill Spade ein gesetzter Termin: Das traditionelle Picknick im Feuerwehrhaus auf Staten Island steht an. Familien, die sich treffen und gemeinsam Spass haben:

"Jeder packt zu. Ein paar Leute geben Bier aus, andere grillen Würstchen oder holen Eis. Wir haben uns abgewechselt, wie ein Team. So funktioniert ein Feuerwehrhaus - als Team."

Der stämmige Mann mit den kurz geschnittenen dunkelblonden Haaren sitzt mit seinem besten Freund Mike im Schatten. Ein Partner, mit dem sich Bill Spade blind versteht. Mehr als 15 Jahre im Job - beide sind erfahrene Feuerwehrmänner. Sie genießen einen ganz entspannten Tag.

Für Kathleen Stanton ist es ein Wochenende wie fast jedes andere. Die Frau mit den blonden schulterlangen leicht gelockten Haaren und dem warmen Lächeln fährt Samstag nach Conneticut. Und der Sonntag ist für die lebhafte Frau ein ganz normaler Sonntag mit ihrem Mann zu Hause auf Long Island. Ein bisschen die Füße hochlegen, bevor es Montag wieder zur Arbeit geht.

Sie setzen dem Sommer ein i-Tüpfelchen auf an diesem Septemberwochenende. Debbie, ihr Mann David und ihre beiden Söhne. Samstag geht's erst in den Park zu einem Baseball-Picknick mit Siegerehrung. Sie essen Hot Dogs und fahren dann weiter zu einem Familientreffen. Alle werfen zusammen den Grill bei Debbies Cousin an. Sonntag geht's raus an den Strand. Noch einmal durchatmen, bevor die Kinder wieder zur Schule müssen. Und ein wenig Ablenkung von den unerfreulichen Seiten der letzten Tage:

"Unsere Katze ist gestorben. Sie war krank. Sie war ein guter Kumpel für uns. Und wir haben gedacht das wäre schlimm, dass die Katze stirbt."

Das erzählt die schlanke Frau, deren schmales Gesicht von dunkelblonden glatten langen Haaren umrahmt ist, mit einem Seufzer. Gedankenverloren greift ihre Hand an den goldenen Herzanhänger ihrer Kette mit einem Bild ihres Mannes.

Tini Co'ed - kleines Haus im Wald ist der walisische Name seiner Hütte, in die der New Yorker Andy Royce flüchtet, wenn er mal ein bisschen Ruhe von dem ganzen Trubel in der Stadt sucht. So auch am Wochenende vor dem 11. September 2001:

"Ich war in meiner Hütte. Ich habe Musik gehört und gelesen. Es war ein ruhiges Wochenende. Ein paar Freunde und meine Neffen waren da. Wir sind schwimmen gegangen, haben den Barbecue angeworfen, und wir hatten viel Spaß zusammen."

Für Andy ist es das Ende einer Urlaubswoche in Massachusetts, bevor für den New Yorker, der mit seinem Bart und den freundlichen Augen aussieht wie der Inbegriff des Weihnachtsmanns, wieder der ganz normale Alltag in der Werbeagentur losgeht.

11. September, frühmorgens

Sie haben verschlafen. Gegen sieben wachen Debbie und David auf und danach geht alles zack-zack. Die Tasche über der Schulter umarmt der sehbehinderte Computerspezialist seine Söhne, und schon ist er weg:

"Er ist aus der Tür gerannt, hat mir schnell einen Kuss gegeben und Tschüss gerufen. Der Bus war schon an der Ecke. Ich habe ihn nur noch von hinten gesehen, und ich wollte ihm noch hinterher rufen, weil wir immer "I love you" sagen, wenn wir uns verabschieden. Und ich bin nicht dazu gekommen, und habe gedacht: Naja, ich werd es ihm noch so oft sagen können. Aber das war meine letzte Chance, ihm das zu sagen. "

Während ihr achtjähriger Sohn Dylan schon auf dem Weg in die Schule ist, bringt sie den Vierjährigen an seinem ersten Tag in der Vorschule zum Bus. Und ihr erster Impuls: ihren Mann anrufen und ihm davon zu erzählen. Aber sie entschließt sich zu warten, bis er an seinem Schreibtisch angekommen ist.

Bill Spades Söhne schlafen noch, als der Wecker ihres Vaters um Viertel nach sechs klingelt, er sich fix die Zähne putzt und anzieht und schon unterwegs ist zur Feuerwache. Von seinen Jungs verabschiedet er sich immer schon am Abend vorher:

"Ich habe immer versucht, mich leise aus dem Haus zu stehlen, damit niemand so früh aufwacht."

Als Bill an diesem Morgen um kurz vor sieben auf der Wache ankommt, ist der größte Teil seines Teams in der Küche. Alle sitzen bei einem Kaffee zusammen und reden über das Picknick vom Wochenende. Dann muss das Team raus zu einem Einsatz. Bill bleibt allein im Feuerwehrhaus zurück und hält Stallwache.

Kathleen muss sich an diesem Morgen wirklich quälen, um aus dem Bett zu kommen. Am liebsten würde ich mich krankmelden, sagt sie noch halb im Scherz zu ihrem Mann. Sie zieht sich an, ganz einfach mit Hose, Shirt und Pumps und verabschiedet sich von ihrem Mann:

" Ich habe ihm noch schnell Tschüss gesagt, und ich habe mich umgedreht und auf meine Füße geguckt und gesagt: Ich könnte töten für einen Job, in dem ich Sneakers tragen könnte. Und wenn ich zurückgucke, dann wünschte ich wirklich, dass ich Sneakers angehabt hätte. "

An der Bahnstation einen Block von ihrem Haus entfernt, wartet sie auf den Zug, der mal wieder Verspätung hat. Kathleen ist spät dran und kann nicht für ihren üblichen Kaffee auf dem Weg zur Arbeit anhalten.

11. September 8 Uhr 46

Kathleen ist in der Sitzung im 92. Stock des Südturmes, als sie aufgefordert werden, zu evakuieren. Als sie auf den Gang kommt, ist die Luft leicht mit Rauch gefüllt, und alle drängen zu den Fahrstühlen:

" Alle, die auf der Westseite gearbeitet haben, haben gesehen, wie das Flugzeug in den anderen Turm geflogen ist, haben das Heck raushängen sehen, haben das Papier fliegen sehen, und sie waren total in Panik und haben gedrängelt, um in den Fahrstuhl zu kommen."

Kathleen sieht keine Chance, selbst in einen der Aufzüge zu gelangen und entschließt sich, die Treppen zu nehmen. Das Treppenhaus ist eng. Dicht an dicht gehen die Menschen Stockwerk um Stockwerk runter. An Laufen ist gar nicht zu denken. Neben ihr geht eine junge Frau. Kathleen kommt mit Daryl ins Gespräch. Bald kommt das erste Mal die Durchsage: Dieses Gebäude wird nicht evakuiert. Das Problem ist im Nordturm. Die ersten Angestellten kehren um, gehen zurück in ihre Büros. Die Durchsage kommt nochmal und nochmal, während Kathleen weiter nach unten geht:

" Ich war kurz vor dem 76. Stock, und dann kam die Durchsage: "Dieses Gebäude ist nicht in Gefahr. Sie können zurückgehen, oder, wenn Sie sich sicherer fühlen, weiter nach unten gehen." Und das Wort Gefahr hat mich viel wachsamer gemacht. "

Im 76. Stock gehen Kathleen, Daryl und ein paar andere vom Treppenhaus auf die Etage, um festzustellen, was wirklich los ist. Sie stehen vor zwei Fahrstühlen, und sofort strömen alle rein. Nur Kathleen bleibt wie angewurzelt davor stehen.

Kurz vor neun: Im Fernsehen wird bei Debbie die Sesamstrasse von Bildern mit Qualm aus einem der Türme ersetzt:

"Und ich denke noch: Huch, guck mal an. Niemand wusste genau, was los war. Und ein paar Minuten später höre ich, dass es den Verdacht gibt, dass es ein Flugzeug war."

Allein zu Hause bleibt Debbie wie gebannt vor dem Fernseher sitzen, beobachtet die Bilder und versucht zu erfahren, was los ist.

Früh ist Andy diesen Morgen aus den Federn gekrabbelt, weil er auf dem Weg ins Büro noch schnell bei der Post vorbeigehen will, um seine Briefe abzuholen. Dort hört er in der Schlange, dass es ein Feuer im World Trade Center geben soll. Er denkt sich nicht viel dabei, geht mit seiner Post unterm Arm in die U-Bahn. Um den Times Square rum kommt die erste Durchsage:

"Sie haben gesagt, es gibt Verspätungen, und alle haben schon gestöhnt. Aber das ist nichts Besonderes. An der 14. Strasse hieß es dann, dass das der letzte Stopp ist, weil es einen Polizeieinsatz gebe und alle raus müssten."

Von der 14. Strasse sind es nur noch ein paar Blocks zu seinem Büro. Die will Andy dann eben laufen.

Der Lawine immer nur einen Schritt voraus. Kathleen ist eine der letzten, die aus dem Turm rauskommen.

Mit seinem Feuerwehrwagen steuert Bill Spade in Richtung Manhattan. Kurz vor dem Brooklyn Battery Tunnel schaut er zum World Trade Center rüber und sieht, wie das zweite Flugzeug in den Südturm fliegt. Ihm schießen so viele Gedanken durch den Kopf, wie er helfen kann. Die Straßen sind zum Teil schon für die Rettungsfahrzeuge geblockt. Im Eiltempo jagt Bill Spade durch den Tunnel:

"Als ich auf der anderen Seite herausgekommen bin, habe ich ein paar Blocks weiter Körperteile auf der Straße gesehen. Ich wollte drumherum fahren, aber es waren zu viele. Ich habe ein kurzes Gebet gesprochen, gesagt: Es tut mir leid, aber ich muss so schnell wie möglich hier durch. Ich konnte sie nicht alle vermeiden."

Vor dem World Trade Center hält er. Er geht ans Gebäude gedrückt zum Nordturm.

"Neben uns sind die Körper runtergekommen. Das war schrecklich. Ich erinnere mich an ein Pärchen, das sich umarmt hat, als sie gesprungen sind, und sie sind neben uns aufgeschlagen. Das war ein grausamer Anblick. "

Da die meisten Leute im World Trade Center immer den Aufzug benutzt haben, weiß kaum jemand, wie es über die Treppe rausgeht. Deshalb entschließt sich Bill Spade, die Leute vom Fuß einer Treppe zum Ausgang zu lotsen. Es ist eine ruhige, geordnete Karavane.

"Ich habe gewartet und gewartet - auf seinen Anruf; dass er irgendwie nach Hause kommt. Mein Leben wurde chaotisch. Alles, mit dem ich vertraut war, schien mir fremd. Die Luft schien anders, die Blumen sahen anders aus. Ich wusste nicht, in welche Richtung ich mich bewegen sollte."

Die Zeit steht still.

An der 14. Straße, Ecke 7. Avenue steigt Andy Royce aus der U-Bahn und sieht den schwarzen Qualm, der vom World Trade Center kommt. Ungläubig schaut er wie alle anderen nach Süden. Es sind fast keine Autos auf der Straße. Er weiß nicht, was los ist in seiner Stadt:

" Wir haben Nachrichten aus den Autoradios gehört. Ich habe unglaubliche Sachen gehört: Sie können den Präsidenten nicht finden. Eine Bombe sei im Supreme Court hochgegangen. Und das war das erste Mal, dass ich mir dachte: Bombardiert? "

Vor den Münztelefonen bilden sich Schlangen. New York wird zu einer Fußgängerzone.

11. September, 9 Uhr 59

Einige Momente geht Andy Royce die 7. Avenue runter. Dann hört er dieses unglaubliche Geräusch:

"Ich habe ein Gebrause gehört aus Schreien, und es rollte auf mich zu. Und jeder hat hochgeguckt, und das war, als der erste Turm einstürzte."

Die Menschen sind geschockt, können nicht fassen, was sich vor ihren Augen abspielt. Viele weinen:

" Ich habe angefangen zu weinen und habe meine Papiere alle fallen lassen. Und dann kam diese Frau zu mir und hat gesagt: Heben sie ihre Arme hoch. Sie wollte mich beruhigen. Und dann hat sie all meine Sachen aufgehoben. "

Andy versucht sich zu beruhigen. Und er geht weiter zu seinem Büro. Dort ist ein Telefon.

Kathleen Stanton ist verletzt aus dem Südturm gekommen und so schnell sie konnte zum East River herunter gelaufen. Zusammen mit Daryl. Hinter ihnen bricht der Südturm in sich zusammen.

11. September, 10 Uhr 29

Bill Spade ist noch nicht mal eine Minute aus dem Nordturm raus, als er dieses laute Kreischen wieder hört. Und er springt in das Fenster, das er sich vorher ausgeguckt hat. Alles um ihn herum bricht zusammen. Er verliert seinen Helm. Gegenstände fallen ihm auf den Kopf. Bill Spade sucht Schutz unter einem Schreibtisch:

"Ich habe mir gedacht, das war's. Ich habe mich in Gedanken von meiner Frau verabschiedet - von meinem Sohn Billy. Und dann habe ich an meinen Jüngsten gedacht. Gerade mal zwei Monate alt. Und ich dachte mir: Er wird nie seinen Vater kennen lernen. Und das hat mir Kraft gegeben. Ich habe es zu weit geschafft, um aufzugeben. "

Andy Royce geht in das Eckbüro seines Chefs. Aus dem Fenster sieht er, wie der zweite Turm in sich zusammenbricht. Eilig versucht er Freunde und Familie anzurufen. Als er niemanden erreicht, wählt er die Nummer eines Freundes in Kalifornien:

" Als wir uns gehört haben, haben wir beide ein bisschen geweint. Ich habe ihn gefragt, was los ist, und er hat mir erzählt, dass zwei Flugzeuge ins World Trade Center geflogen sind. Für mich war das echt komisch: Ich bin in New York, erfahre aber aus Kalifornien, was hier los ist."

Er macht sich auf den Weg nach Hause mit einer Karawane an Menschen, die sich gen Norden bewegt.

11. September, die Stunden danach

Ein halbes Jahr später findet Debbie einen Papierflieger in einem ihrer Sträucher, auf den ihr Achtjähriger eine Nachricht für seinen Vater geschrieben hat: Daddy, wo bist du? Bist du okay? Bitte komm nach Hause. Debbie zittert die ganze Zeit und klammert sich an die Hoffnung. In der Nacht vorher ist sie noch in Davids Armen eingeschlafen.

Bill Spade ruft vom Krankenhaus seine Frau an, sagt ihr, dass er überlebt hat. Langsam erfasst er die Größe der Katastrophe. Sieht im Fernsehen Bilder von dem, was passiert ist. Er mittendrin. Seine Frau ruft ihn später noch einmal an - sie hat keine guten Nachrichten:

" Sie fragte, ob ich die anderen Nachrichten mitbekommen habe? Und sie hat mir gesagt, dass Onkel Joe tot ist. Er war auf dem Flug United 93, der über Pennsylvania abgestürzt ist. Und ich habe meine Frau gefragt: Hast du noch andere schlechte Nachrichten, dann sag sie mir jetzt. Denn ich bin am Tiefpunkt meines Lebens. Sag mir jetzt alles. "

Sie haben dem Feuerwehrmann die Augen ausgewaschen, seine Verletzungen behandelt. Nachts wird Bill Spade von den Bildern verfolgt. Er setzt sich hin und schreibt auf, was er erlebt hat. Er schreibt Seite um Seite bis morgens um sieben.

Auf ihren zerschundenen Füßen läuft Kathleen bis zur 34. Straße. Sie will so schnell wie möglich weg. Sie steigt auf eine Fähre nach Hause. Auf Long Island wartet ihr Bruder auf sie und gibt ihr erstmal Wasser:

" Ich habe einen Schluck getrunken und mir den Rest über die Füße gekippt. Und ich habe gesagt: Sie sind tot. Sie sind alle tot. "

In ihrem Fenster stellt sie an diesem Abend eine Kerze auf - als Zeichen der Hoffnung, dass diejenigen, deren Autos noch herrenlos an der Bahnstation stehen, bald nach Hause kommen.

Andy weiß, dass es ein langer Heimweg wird an diesem Tag. 120 Blocks zu Fuß. Aber der New Yorker will nicht einfach so nach Hause laufen. Er geht als erstes in ein Krankenhaus, steht mit Dutzenden anderen Schlange, um Blut zu spenden:

" Und dann kommt eine Frau und verteilt Donuts. Und ein Mann hat Wasserflaschen ausgegeben. Und noch ein anderer hat uns in der prallen Sonne mit Sonnenlotion besprüht. Jeder hat zugepackt."

11. September, die Zeit danach

Einige Tage nach dem 11. September fahren Debbie und ihre Familie nach Manhattan, hängen Suchanzeigen auf. Debbie gibt die Hoffnung nicht auf, dass ihr Mann irgendwo lebend gefunden wird. Das Leben ist aus den Fugen geraten. Freunde und Verwandte helfen aus. Nach drei Wochen übernimmt Debbie wieder das Kommando in ihrem Haus. Und sie spricht mit ihren Kindern darüber, was mit ihrem Vater passiert ist. Was sie im folgenden halben Jahr erlebt, lässt sie an ihrem Verstand zweifeln. Jeden Abend gegen halb sieben klingelt es an der Tür. Das war Davids Zeit, nach Hause zu kommen. Auch er hat immer geklingelt. Nie steht jemand vor der Tür. Die bodenständige Debbie hat erst die Nachbarskinder, dann die Katze im Verdacht, ihr irgendwie einen Streich zu spielen. Doch auch andere erleben das Phänomen im Haus der Garcias. Debbie versucht mit ihren Kindern so etwas wie Alltag zu leben. Die Bilder des brennenden World Trade Centers begleitet sie jeden Tag im Fernsehen:

"Ich sehe immer, wie die Flugzeuge auf die Türme zufliegen. Und ich denke: Er lebt, er lebt, er lebt, er lebt. - Tot."

Nach einem Jahr klopfen spätabends zwei Männer in Anzügen an ihrer Hintertür. Debbie weiß, was auf sie zukommt, hat in ihrer Selbsthilfegruppe schon von den Männern im Anzug gehört. Sie berichten, dass Körperteile mit Hilfe einer DNA-Analyse ihrem Mann zugeordnet wurden. Eine Rippe und der Teil des Schulterblattes. Gewissheit.

Bill Spade kommt am Donnerstag nach Hause. Seine Nachbarn stehen vor der Tür, um ihn zu begrüßen, und der Feuerwehrmann ist einfach nur glücklich, seine Kinder in den Arm nehmen zu können:

"Ich habe meinen Jüngsten ins Bett gebracht und ihm gesagt, dass ich da bin, und dass er seinen Vater kennen lernen wird."

Kathleen telefoniert fast jeden Tag mit Daryl. Die beiden Frauen sind gute Freundinnen geworden. Aber der Tag hat seine Spuren hinterlassen:

"Ich bin danach nie wieder in einem Zug oder einer U-Bahn gewesen. Niemals. In einem Zug habe ich keine Kontrolle, und ich folge lieber meinem Gefühl."

Kathleen hat Probleme mit ihren Beinen, kann nicht lange stehen, und wenn sie vor großen Gebäuden steht, schießt ihr immer wieder mal der Gedanke durch den Kopf, dass das im Handumdrehen pulverisierter Zement sein könnte.

11. September, fünf Jahre danach

Fünf Jahre danach - Debbie Garcia hat sich aufgerappelt, das Leben mit ihren Söhnen neu organisiert. Und: Sie hat wieder geheiratet. Im Sommer hatte sie endlich alle Formalitäten erledigt und konnte ihren Mann beerdigen:

"Fünf Jahre später haben wir eine Beerdigung. Und alles fängt noch mal von vorn an. "

Fünf Jahre danach - Im Mai war Kathleen zu Daryls Hochzeit eingeladen. Mehr als 90 Stockwerke des World Trade Centers haben sie zusammengeschweißt:

"Ich habe sie da in Weiß gesehen. Und das Bild von ihr am 11. September ging mir durch den Kopf: dieser Treppen-Moment, und wo sie jetzt angekommen war. Ich habe geweint. "

Fünf Jahre danach - Bill Spade denkt noch immer jeden Tag an die Erlebnisse im World Trade Center. Er hat sich ein kleines Zimmer wie eine Gedenkstätte eingerichtet. Seinen Helm und das Telefon seines Feuerwehrwagens, das man gefunden hat, stehen in einer Vitrine. Heute lebt Bill jeden Tag ganz intensiv. Wenn er jemandem heute einen guten Tag wünscht, dann meint er es aus tiefstem Herzen wirklich so:

"Have a good day!"

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