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StartseiteHintergrundDas Leben danach ist ein Kampf gegen die Waffen12.12.2017

Fünf Jahre nach dem Amoklauf von Sandy HookDas Leben danach ist ein Kampf gegen die Waffen

Am 14. Dezember 2012 erschoss ein Amokläufer in der Sandy Hook Elementary School in Newtown 20 Kinder und sechs Lehrerinnen. Die Überlebenden und Hinterbliebenen dieses Massakers, aber auch von anderen Amokläufen in den USA, kämpfen bis heute erfolglos für eine Änderung der Waffengesetze.

Von Martina Buttler

Eine zerschossene Scheibe der Sandy Hook Elementary School  (picture alliance / dpa /CONNECTICUT DEPARTMENT OF PUBLIC)
Eine zerschossene Scheibe der Sandy Hook Elementary School (picture alliance / dpa /CONNECTICUT DEPARTMENT OF PUBLIC)
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"Ich bin David Wheeler. Ich lebe mit meiner Frau und meinen Kindern in Sandy Hook. Unser damals jüngster Sohn Ben, der sechs Jahre alt war, wurde bei der Schießerei in der Sandy Hook Grundschule am 14. Dezember 2012 getötet."

David Wheeler sitzt am Esstisch in seinem Haus. Der nachdenkliche Mann mit den kurzen dunklen Haaren, dem grau-melierten Stoppelbart und den grün-braunen Augen schaut immer wieder zu der Wand gegenüber. Dort hängen Bilder von seinem Sohn Ben. Kinderbilder, auf denen er lacht. Loch Lommond war Bens Lieblingslied. Er hat es sich für sein erstes Vorspielen ausgesucht. Das war fünf Tage bevor er bei dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School in Connecticut getötet wurde.

"Loch Lommond. Er hat dieses Lied geliebt."

20 Erstklässler und sechs Lehrerinnen wurden in der Grundschule morgens um kurz nach halb zehn von einem ehemaligen Schüler erschossen. Pastor Robert Weiss ist einer von denen, die damals sofort zu der Schule eilen. Er ist ein herzlicher Mann mit weißen Haaren, Schnurrbart und Brille. Pastor Weiss steht fest mit beiden Beinen im Leben. Er gibt den Menschen Halt.

"Mein Name ist Monsignore Robert Weiss und ich bin Pastor in der St. Rose of Lima Gemeinde in Newtown. Sandy Hook ist ein Ortsteil. Es war ein schöner Freitagmorgen und ich war unter dem Dach und habe Weihnachtskarten geschrieben. Da hat mich ein Mann angerufen, der bei uns Gemeindeglied ist und an der Schule gearbeitet hat. Er sagte: Father Bob, ich glaube sie kommen besser hierher."

Die Parkers kämpfen für eine Änderung der Waffengesetze

Ihm stockt die Stimme, wenn er von dem erzählt, was er erlebt hat. In den Tagen nach dem Amoklauf beerdigt er acht Opfer. Die letzte Beerdigung ist zwei Tage vor Weihnachten.

"Ich erinnere mich, dass ich morgens um drei in die Kirche gegangen bin. Und ein Polizist hat die Kinder, die hier aufgebahrt waren, bewacht. Und da sitzt dieser Bär von einem Mann auf einem Stuhl neben einem Sarg und liest dem Kind eine Geschichte vor. Als ich zu ihm gegangen bin, hat er angefangen zu weinen und gesagt, wenn ich jetzt Zuhause wäre, würde ich das machen und der Vater dieses Jungen, würde es ganz sicher auch machen. Also lese ich ihm eine Geschichte vor. Das sind die Erlebnisse, an die ich immer wieder denken muss."

Der 14. Dezember vor fünf Jahren hat Pastor Weiss, sein Leben und seine Gemeinde zutiefst verändert. Für Heather Martin ist es ein anderer Tag, der ihr Leben aus den Angeln hebt: Der 20. April 1999. Sie ist wenige Wochen vor ihrem Schulabschluss, als an der Columbine High School zwölf ihrer Mitschüler und ein Lehrer erschossen werden.

"Mein Name ist Heather Martin. Ich habe gerade geheiratet und mein Mädchenname war Egeland. Ich war in der Columbine High School während der Schießerei am 20. April. Ich lebe immer noch in Colorado und bin jetzt Englischlehrerin an einer High School."

Polizisten am Tatort der Columbine High School (dpa/picture alliance/Mark Leffingwell)Polizisten am Tatort der Columbine High School (dpa/picture alliance/Mark Leffingwell)
Die schlanke Frau mit den schulterlangen blonden Haaren war auch in Sandy Hook. Sie war auch in Orlando. Sie redet mit anderen Überlebenden, mit Hinterbliebenen. Sie hört zu. Dann, wenn die Kameras längst abgezogen sind. Das hat sie sich mit anderen Columbine Überlebenden zur Aufgabe gemacht. Anderen, die einen Amoklauf erleben, überleben, zur Seite zu stehen. Zu diesem einsamen Club gehören auch Barbara und Andy Parker. Ihre Tochter war 24, am Anfang ihrer Karriere als Fernsehreporterin. Alison und ihr Kameramann wurden bei einem Interview erschossen:

"Ich bin Andy Parker. Ich bin Alison Parkers Vater. Alison war die Journalistin, die live im Fernsehen ermordet wurde. Sie hat eine lockere Geschichte an dem Morgen gemacht als sie an Smith Mountain Lake ermordet wurde. Eine Journalistin, die ihren Job gemacht hat."

"Und ich bin Barbara Parker. Wir leben im Süden von Virginia und Alison war unsere Tochter."

Alison schaut ihnen über die Schulter. Sie ist überall im Haus der Parkers. Ihr Porträt steht eingerahmt auf dem Schreibtisch. Darüber ein Bild an der Wand, das die schlanke, junge Frau mit dem strahlenden Lächeln neben ihrem Bruder zeigt. Mit Alisons Tod vor zwei Jahren haben die Parkers einen Kampf aufgenommen, den Kampf für eine Änderung der Waffengesetze in den USA. Weitermachen. Immer weitermachen. Tag für Tag  leben, zum Teil einfach nur überleben. David Wheeler kennt das Gefühl seit fünf Jahren. Seit dem Tod seines Sohnes in der Sandy Hook Elementary School:

"Über diesen Verlust kommst Du nicht hinweg. Diese Trauer. Wir haben oft gesagt, man kommt nicht drum herum. Man muss hindurchkommen. Heute fünf Jahre später sage ich: Es ist nichts, durch das man hindurch kommt. Es ist etwas, was man tragen muss für den Rest seines Lebens. Und man muss lernen, es zu tragen, und so damit umgehen, wie es für einen richtig ist."

David Wheeler musste lernen, mit den Entscheidungen, die er ganz nebenbei an diesem Morgen des 14. Dezember in seinem Haus getroffen hat, zu leben:

"Es war ein typischer und untypischer Morgen zugleich. Dinge, die nicht bemerkenswert wären im normalen Kontext des Lebens, werden im Rückblick eine unglaubliche Bürde. Ben hatte ein bisschen Schnupfen an dem Morgen und meine Frau hat mich gefragt, ob sie ihn Zuhause behalten soll und ich habe gesagt: Nein, schick ihn zur Schule."

Der Amoklauf war ein Weckruf

Im Feuerwehrhaus warten die Familien auf Neuigkeiten. Sie bangen. Sie hoffen. Pastor Robert Weiss ist auch hier. An diesem Abend ist seine Kirche zum Bersten voll – schon Stunden vor dem Gedenkgottesdienst. Newtown ist eine kleine Stadt. Rund 28.000 Menschen leben hier. Häuser mit großen, gepflegten Rasenflächen drum herum, weiße Zäune, ein neuenglisches Städtchen wie aus dem Bilderbuch. Bis zu diesem Tag ein Stück heile Welt. Die Menschen kennen sich. Jeder kennt jemanden, der an diesem Tag in der Sandy Hook Elementary School gewesen ist. In den folgenden Tagen, Wochen und Monaten lernt Father Bob die Menschen in seiner Gemeinde, in seiner Stadt ganz neu kennen.

"Ich war erstaunt, wie viele Leute in unserer Gemeinde nach der Tat gesagt haben, dass sie Waffen Zuhause haben. Ich bin in den Supermarkt gegangen und da war dieser Glastresen mit Waffen, im Sportladen die ganze Ecke mit Waffen. Das habe ich vorher gar nicht so wahrgenommen. Ich konnte es kaum glauben. In unseren Babysitterkursen sagen wir jetzt immer, dass die Familien gefragt werden sollen: gibt es Waffen im Haus? Sind sie verschlossen? Sind sie geladen? Wer hat Zugang dazu? Es ist eine neue Welt. Aber es ist Akzeptanz. Keine Veränderung."

Nach dem Amoklauf wurde die Newtown Action Alliance ins Leben gerufen. Die Organisatoren wollen, dass die Waffengesetze geändert werden. Po Murray ist aufgewachsen mit vielen Freunden und Verwandten, die jagen gegangen sind. Als sie ihren Mann kennenlernte, hatte der ein Jagdgewehr. Nichts Besonderes in den USA, schließlich ist das Recht, Waffen zu besitzen, in der Verfassung verankert. Eine Selbstverständlichkeit für viele Amerikaner. Der Amokläufer von Sandy Hook war ein Nachbar von Po Murray. Sie kannte die Lehrer an der Grundschule. Der Amoklauf war für sie ein Weckruf. Ein Handlungsaufruf. Sie ist jetzt Vorsitzende der Newtown Action Alliance:

"Wir brauchen universelle Background-Checks. Keine Waffe sollte ohne diese Checks verkauft werden. Wir müssen sicherstellen, dass Kriegswaffen nicht für Zivilisten zugänglich sind. Wir brauchen ein System vergleichbar mit der Führerscheinprüfung mit Unterricht, Zulassung, Registrierung. Das sind ein paar einfache Prinzipien, um eine sichere Gesellschaft zu schaffen."

Auch für Andy Parker war der Tod seiner Tochter der Anfang des Kampfs für eine Reform des Waffenrechts. Er und seine Frau Barbara kommen ursprünglich aus Texas. Waffen gehörten zum Alltag, erzählt Barbara.

"Wir sind mit Waffen aufgewachsen. Als ich 15 war, war ich in einem Sommercamp und habe eine Scharfschützenmedaille von der Waffenorganisation NRA bekommen und ich war sehr stolz darauf. Aber es ist nicht mehr die gleiche Organisation wie damals vor 50 Jahren. Heute ist es nur noch eine Waffenlobby. Sie wollen Waffen verkaufen, egal an wen und egal was die Kollateralschäden sind. Unsere Kinder sind für die Waffenlobby zum Kollateralschaden geworden."

US-Präsident Obama erinnert mit Tränen in den Augen an den Amoklauf in Newton 2012. (JIM WATSON / AFP)US-Präsident Obama erinnert mit Tränen in den Augen an den Amoklauf in Newton 2012. (JIM WATSON / AFP)
Nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School hat Barack Obama versucht, das Waffenrecht in den USA zu ändern. Ihm fehlten die Mehrheiten dafür. Es war eine der größten Niederlagen für den damaligen US-Präsidenten. Der Kampf für eine Reform der Waffengesetze ist kein Sprint. Es ist ein Marathon. Entmutigen lassen sich die Parkers davon aber nicht. Sie demonstrieren, geben Interviews, reden mit Politikern – es ist der Kampf ihres Lebens. Ihres neuen Lebens. Das Vermächtnis von Alison.

"So was ändert sich nicht über Nacht, so gern wir das auch sehen würden. Wir haben das mit Sandy Hook, Las Vegas und Columbine erlebt. Wenn 20 Sechs- und Siebenjährige ermordet werden können und sich nichts ändert, dann passiert das nicht ganz plötzlich. Aber das war mit den Gesetzen zu Sicherheitsgurten, Zigaretten oder der Bürgerrechtsbewegung auch so. Das braucht Zeit, womöglich mehrere Generationen."

Heather hatte sich gut drei Stunden lang mit ihren Mitschülern im Musikraum verbarrikadiert. Sie haben Schüsse gehört und ihre Namen an die Decke geschrieben, falls sie nicht überleben. Für Heather fühlt es sich an wie eine Ewigkeit. Bilder, die sie immer begleiten. Gefühle, die sie erst kennen und kontrollieren lernen musste.

"Am 11. September habe ich über das Radio von dem erfahren, was am World Trade Center passiert ist. Ich habe eine Panikattacke bekommen. Damals habe ich in einem Restaurant gekellnert und die haben mich neben der Eismaschine gefunden. Dort habe ich in einer Ecke gekauert und hyperventiliert."

Ihr Leben entgleitet ihr immer wieder mal. Heather sucht sich Hilfe. Doch bis heute gibt es Momente, die für sie eine Herausforderung sind.

"Wenn eine Tür knallt und ich zusammenzucke, habe ich das Gefühl jeder merkt es, weiß was meine Geschichte ist und beobachtet mich - auch wenn das nicht so ist. An meinem College gab es einen Feueralarm und ich habe angefangen zu weinen und ich wusste nicht warum. Ich wusste damals nicht, dass in Columbine die ganze Zeit der Feueralarm lief, als das passiert ist. Es ist mir total peinlich, so zusammenzubrechen vor absolut Fremden."

Freundschaften wurden zerstört

David und seine Frau Francine müssen irgendwie damit klarkommen, dass Ben gestorben ist. Gleichzeitig müssen sie für seinen großen Bruder da sein, mit ihm die Erlebnisse, die Gefühle sortieren. Und auch in ihrer Stadt lernen die Menschen Stück für Stück, mit den Folgen des Amoklaufs zu leben, erzählt Jennifer Barahona. Sie arbeitet für die Newtown Foundation. Die Organisation verwaltet die Gelder, die anfangs gespendet wurden und versucht die Menschen in Newtown aufzufangen, ihnen Therapien, Seminare anzubieten. Auch fünf Jahre danach kommen immer noch neue Anfragen: Polizisten, Feuerwehrleute, Schüler, Angehörige, die Hilfe suchen. Der Amoklauf an der Grundschule wird die Menschen noch Jahre beschäftigen, ist sich Barahona sicher.

"Ich kann mir vorstellen, dass ich mich ziemlich schwer tun würde, wenn ich den Tag in der Schule als Kind erlebt habe und dann mit Anfang 30 mein Kind in einen Schulbus zu setzen. Oder wenn die Kinder, die Geschwister verloren haben, selbst Eltern werden und auf einmal verstehen, welche Trauer ihre Eltern empfunden haben müssen. Es ist etwas ganz anderes, wenn man selbst Eltern wird."

Protest gegen die Waffenorganisation NRA am vierten Jahrestag des Sandy-Hook-Massakers (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)Protest gegen die Waffenorganisation NRA am vierten Jahrestag des Sandy-Hook-Massakers (picture alliance / dpa / Jim Lo Scalzo)
Die Familien in Sandy Hook werden häufig als eine Gruppe wahrgenommen, erzählt David Wheeler. Eine Gruppe zusammengeschweißt durch dieselbe grauenvolle Erfahrung. Doch das ist nicht wirklich der Fall, weiß Jennifer Barahona. Das einzige, in dem sich alle Familien einig seien sei, dass sie sich nicht einig seien. Nicht einig, wie eine Gedenkstätte aussehen soll, wofür die Newtown Foundation Geld zur Verfügung stellt. Jeder trauert anders, möchte anders aufgefangen werden. Nach Bens Tod hat sich ihr Freundeskreis neu sortiert, erzählt David Wheeler.

"Das hat Freundschaften zerstört. Es gibt in der engsten Familie Menschen, zu denen ist das Verhältnis nicht mehr zu kitten. Beziehungen, die verschwunden sind."

Andere Menschen, von denen er es zum Teil nicht erwartet hat, sind über die Jahre viel näher an ihn und seine Familie herangerückt. Sie waren da – genauso wie die Wheelers es in dem Moment brauchten. In Newtown gibt es überall Erinnerungen an diesen Tag im Dezember. Ein Plakat im Fenster der Drogerie, das einen Fünf-Kilometer-Lauf ankündigt. Ein Lauf im Namen einer der Lehrerinnen, die bei dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary getötet wurde. Ein kleiner Aufkleber an der Eingangstür zum Diner in der Stadt: ein Teddy mit Flügeln. Drumherum die Worte: "Immer hier, niemals vergessen. 26 Engel." Vor der katholischen Kirche eine Gedenkglocke. David Wheeler weiß, dass es in seiner Stadt die Sehnsucht nach Alltag gibt:

"Ich weiß, dass es Leute in der Stadt gibt, die entschlossen zurück zur Normalität wollen. Ich verstehe das. Die wollen ihr angenehmes Leben von vorher zurück. Die wollen nicht diesen Schatten über der Stadt. Das ist ein Luxus, den ich niemals haben werde."

Andy Parker hat einen neuen Gegner: Google

Jeder neue Amoklauf bringt Erinnerungen hoch, wirft Familien und Überlebende zurück in den Moment, als es bei ihnen passierte. Alisons Tod, Millionen Menschen rund um die Welt haben ihn gesehen. Das Video ist online. Deshalb hat Andy Parker einen neuen Gegner und das ist Google.

"Jedes Mal, wenn jemand das Video anklickt, verdient Google und derjenige, der es hochgeladen hat. Google verdient am Tod meiner Tochter. Was über mich gesagt wird, ist mir egal. Aber ich kann nicht akzeptieren, dass Google Profit macht mit dem Tod meiner Tochter."

Andy Parker sucht das Gespräch mit Google. Er und der Fernsehsender für den Alison damals gearbeitet hat, halten die Rechte an dem Film. Er will, dass Google das Video löscht. Bisher erfolglos. Da sein, zuhören. Unausgesprochenes verstehen. Das ist für Heather Martin wichtig. Als in ihrer Nachbarschaft bei einer Schießerei in einem Kino in Aurora zwölf Menschen getötet werden, entschließt sie sich mit einer Freundin, das Rebels Project ins Leben zu rufen:

"Wir als Columbine-Community waren es satt, hilflos zu sein und immer wieder in unser Ich aus der Teenagerzeit zurückgeworfen zu werden. Wir haben gesagt, wir tun etwas. Wir wollen helfen. Wir haben gesagt: Wir können zuhören. Menschen zuhören, die ganz am Anfang der Erfahrung stehen, die wir 13 Jahre vorher gemacht haben."

Denn die Zukunft hält so viel Ungewissheit und Unsicherheit bereit. Für die Überlebenden, die Hinterbliebenen, aber auch die, die wie Pastor Weiss beispielsweise als Seelsorger in die Situation mit reingezogen, selbst zu Betroffenen wurden. Eine Schicksalsgemeinschaft. Und Pastor Weiss hat schon heute ein wenig Angst vor dem Tag, an dem er bald möglicherweise diese Gemeinschaft verlassen muss, weil er in Rente geht.

"Ich habe keine Wahl. Ich muss diese Kirche verlassen. Davor habe ich ein bisschen Angst."

Denn nicht nur er gibt seiner Gemeinde Halt. Die Gemeinde gibt auch ihm Halt. Sie sind gemeinsam durch harte Zeiten gegangen, die bei allen Spuren hinterlassen haben. Die Überlebenden und Hinterbliebenen sind ein einsamer Club, dem niemand angehören will, so Andy Parker.

In diesem Jahr, dem fünften Jahr nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Elementary School, hat Pastor Robert Weiss den Bischof gebeten, den Gottesdienst zu halten. Er will nicht vor seiner Gemeinde zusammenbrechen. Immer wieder guckt er auf die Bilder in seinem Büro – auch Bilder von Jugendgruppen. Und dem Pastor steigen die Tränen in die Augen, wenn er über sie spricht:

"Diese Kinder … was geben wir denen weiter? Was für eine Welt? Ich mache mir Sorgen um sie."

David Wheeler hat Musik sehr in seiner Trauer geholfen. Und Imogen Heaps "Waite ist out" ist für ihn der Inbegriff des Lebens nach Bens Tod. Vieles ist für ihn ein sowohl als auch. Ein lebender Widerspruch. Eine zerbrechliche Balance. Aber in einem ist er ganz klar.

"Seit Ben getötet wurde, habe ich mir viele existenzielle Fragen gestellt. Und ich bin der Typ, der in seiner Einfahrt steht und in die Sterne guckt und die Antworten sucht. Oder auch Trost. Wir sind nur aus einem Grund hier: Wir sind hier, um aufeinander zu achten, uns umeinander zu sorgen. Das ist es. Darum geht’s."

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