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StartseiteInformationen am MorgenDie zerrissenen Seelen der Jesidinnen03.08.2019

Fünf Jahre nach dem GenozidDie zerrissenen Seelen der Jesidinnen

Im Sommer 2014 ermordete der sogenannte Islamische Staat Tausende Jesiden im Nordirak. Viele Frauen und Kinder wurden nach Syrien verschleppt, vergewaltigt und gefoltert. Etwa 1.000 von ihnen nahm Deutschland ein Jahr später auf. Sie leben hier gut integriert, sind oft aber traumatisiert – so wie Lena.

Von Uschi Götz

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Zwei Kuscheltiere hängen am 15.12.2016 an einem Zaun vor einem Massengrab nahe des Sindschar-Gebirges. Sindschar ist einer von mehr als 30 namenlosen Orten im Nordwesten des Iraks, an denen Massengräber gefunden wurden. Hier tötete die Terrormiliz IS massenhaft Jesiden. (zu dpa-KORR.: «Die Massengräber der Terrormiliz IS - Zeugen eines Völkermords» vom 02.01.2017) Foto: Benno Schwinghammer/dpa | Verwendung weltweit (dpa / picture alliance / Benno Schwinghammer)
Der sogenannten Islamischen Staat im Nordirak ermordete Tausende Jesiden im August 2015 in der nordirakischen Sindschar Region. Die Toten wurden in Massengräbern verscharrt. (dpa / picture alliance / Benno Schwinghammer)
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2015 nahm Baden-Württemberg über 1. 000 schwer traumatisierte Frauen und ihre Kinder auf. Darunter auch die spätere Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad.  Zu ihrem Schutz wurden die  Frauen im Südwesten zunächst an geheimen Orten untergebracht. Heute leben sie weitgehend alleine und gut integriert. Doch ihre Seelen sind zerrissen, wie Landeskorrespondentin Uschi Götz am Beispiel einer jungen Jesidin zeigt:

Eine kleine Wohnung irgendwo in der Unistadt Tübingen. An allen Wänden hängen Fotos. Frauen, Männer sind darauf zu sehen, junge Menschen und Kinder. Lena zeigt auf eines der Bilder.

"Der, der lebt nicht mehr…"

Die junge, zierliche Frau möchte Lena genannt werden, nichts sollen ihre Peiniger über sie erfahren.  Fast alle Menschen, die auf den Fotos zu sehen sind, leben nicht mehr. Was mit einem Bruder, einem Cousin und zwei kleinen Neffen geschehen ist, Lena weiß es nicht.

 "Ich habe keine Informationen von ihnen."

Vielleicht sind sie tot, vielleicht auch von IS Terroristen nach Syrien verschleppt. Das Schicksal vieler  Jesidinnen und Jesiden, eine religiösen Minderheit aus dem Nordirak, ist bis heute nicht geklärt. 

"Das ist meine Mama. Die bösen Menschen haben die auch getötet. Mit 60 anderen Frauen, weil die ein bisschen älter waren und die konnten nichts machen."

Verschleppt, vergewaltigt und gefoltert

Lena zeigt auf eine Frau mit Kopftuch. Zornig erklärt sie, unter den bösen Menschen seien auch viele muslimische Männer aus der Nachbarschaft gewesen. Mit ihrer Familie lebte sie in dem nordirakischen Dorf Kodscho im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Irak. Haus an Haus wohnte sie dort mit Nadja Murad, jener Frau, die für ihren Kampf gegen sexuelle Gewalt den Friedensnobelpreis bekommen hat.

Lena zeigt auf das nächste Foto:

"Mein kleiner Bruder, meiner großer Bruder mit meinem anderen Bruder und meinem Papa, die sind getötet."

Tausende Männer und Kinder aus der Sindschar-Region wurden von Terroristen des sogenannten Islamischen Staats umgebracht, unzählige jüngere Frauen mit Kindern verschleppt, vergewaltigt und gefoltert. So auch Lena.

"Nehmen Sie Platz", bittet die 24-jährige. Am Tisch stehen vier Stühle, die meiste Zeit sitze sie hier alleine:  

"Wenn ich alleine zuhause bin, bin ich oft traurig und dann kann ich nur weinen. Ich möchte nicht so gerne mit jemanden reden, wenn ich traurig bin. Ich will nicht, dass jemand mit mir traurig wird und sich mit mir schlecht fühlt." 

Alle vertrauten Menschen sind tot, das erlebte Martyrium allgegenwärtig. Und doch stellen sich Frauen wie Lena dem Leben, sie geben nicht auf. Die Frauen des Sonderkontingents gelten mittlerweile als gut integriert. Vor allem die jüngeren stehen kurz vor Ausbildungen.

Lena ist im Gespräch in der Gegenwart angekommen, und ihre Augen bekommen wieder einen Glanz. Sie berichtet von ihrem Freiwilligen Sozialen Jahr:

"Seit ich ein FSJ im Kindergarten mache, fühle ich mich besser, mit den Kindern."

Ihre Arbeit in einem Tübinger Kindergarten endet bald. "Ich liebe Kinder", sagt die junge Frau und und munter erzählt sie, dass im Herbst ein weiterer Deutschkurs startet.  

"Und danach eine Ausbildung als Erzieherin machen. Das dauert drei Jahre."

"Ich möchte hier bleiben"

Ein paar Kilometer weiter sitzt Manuela Zendt in ihrem Büro. Die Sozialarbeiterin hat die Tübinger Gruppe der Jesidinnen von Anfang begleitet, auch die Einrichtung geleitet, wo die Frauen und Kinder zunächst Schutz fanden.  Gemessen am Ausmaß der Traumatisierung ginge es den Frauen mittlerweile besser, sagt Manuela Zendt:

"Ich denke, dass die Frauen, wenn man von Anfang an her guckt, auf jeden Fall weniger körperliche Schmerzen haben. Seelische Schmerzen werden ja auch über den Körper ausgedrückt. Und da ist es so, dass sich das deutlich verbessert hat. Sie kriegen auch therapeutische Hilfe, wenn sie es wollen.  Und sie sind sozial eingebunden, sie sind in Sicherheit, das ist ein wichtiger Punkt."

Heute ist Manuela Zendt Geschäftsführerin des interkulturellen Mehrgenerationenhauses infö in Tübingen. Oft kommen die Frauen noch zu ihr und anderen Betreuerinnen, vor allem dann, wenn die Erinnerungen drohten den Lebensmut zu nehmen. Es sei ein bereites Netz das trage, sagt die Sozialarbeiterin, hierzu zählten auch viele ehrenamtliche Helfer:

"Sie sagen, dass eine ist, dass sie sich oft zurückziehen um zu weinen. Dass sie aber auch, wenn sie es schaffen, zu den Menschen, denen sie vertrauen, hier in Deutschland, zu gehen und mit denen darüber zu sprechen. Und da geht es eben um diese ganz einfachen Sachen, wie Mitgefühl, wie zuhören."

Die Frauen halten untereinander engen Kontakt, einige wohnen Tür an Tür. Lena packt ein paar Sachen zusammen und steckt alles in ihre Handtasche. Wie jeden Morgen macht sie sich auf den Weg zum Kindergarten. Auf die Frage, ob sie wieder zurück in den Nordirak, in ihre Heimat gehen möchte, schüttelt sie energisch den Kopf. In der Sindschar Region werden immer wieder Massengräber ausgehoben, die zahlreichen zerstörten Dörfer bislang nicht wieder aufgebaut.

"Ich möchte hier bleiben. Ich habe keine Familie mehr. Ich möchte in Deutschland bleiben, weil man hier Sicherheit hat. Man hat immer Angst im Irak."

Im Rahmen des Kontingents genießen die Frauen einen besonderen Schutz. Andere Jesiden dürften es künftig schwerer haben, in Deutschland zu bleiben. Das Niedersächsische Oberverwaltungsgericht hat in dieser Woche die Asylanträge von zwei Jesiden abgelehnt.  Eine Gruppenverfolgung durch den IS von Jesiden in der Sinschar-Region sei nicht mehr hinreichend wahrscheinlich, begründete das Gericht die Entscheidung.

Im Vorfeld des heutigen Gedenktages der Jesiden sprachen sich Politiker indes dafür aus, weitere schutzbedürftige Frauen und Kinder in Deutschland aufzunehmen. In einem gemeinsamen Gastbeitrag in der "Welt" rufen Politiker über Parteigrenzen hinweg dazu auf, noch einmal für die Opfer des selbst ernannten Islamischen Staates aktiv zu werden. Konkret geht es um ein weiteres Sonderkontingent, das für jesidische Frauen mit Kindern von IS Terroristen ermöglicht werden soll.  Den Aufruf verfasst haben die Grünen-Chefin Annalena Baerbock, Bundestagsvizepräsident Thomas Oppermann von der SPD sowie der frühere Unions-Fraktionschef Volker Kauder.

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