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StartseiteTag für TagPontifex minimus, Pontifex maximus13.03.2018

Fünf Jahre Papst FranziskusPontifex minimus, Pontifex maximus

Am 13. Februar 2013 wurde der Argentinier Jorge Mario Bergoglio zum Papst gewählt. Nicht nur Franziskus' Stil unterscheidet sich von dem seiner Vorgänger, auch seine Vorstellung vom Kurs der Katholischen Kirche. Seinen Kritikern ist vieles jedoch zu spontan und oberflächlich.

Von Tassilo Forchheimer

Papst Franziskus kommt am 24.03.2017 im Vatikan zu einer Audienz mit den EU-Staats und Regierungschefs. Anlass der Begegnung ist der 60. Jahrestag der Unterzeichnung der Römischen Verträge. (dpa / Andrew Medichini )
Franziskus hat wenig Macht - aber viel Einfluss (dpa / Andrew Medichini )
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"Guten Abend", sagte der neue Papst zu den Zehntausenden, die sich auf dem Petersplatz versammelt hatten. Das war ähnlich unkonventionell wie die Kleidung, in der er auf die Loggia getreten war: in päpstlichem Weiß, aber ohne die Insignien päpstlicher Macht.

"Ich werde hier nicht einziehen"

Er komme vom Ende der Welt, so Franziskus weiter. Das erste Gebet widmete er seinem Vorgänger aus Deutschland, der ihm bis heute wichtig ist, so der Schweizer Kurienkardinal Kurt Koch:

"Papst Franziskus äußert sich auch immer wieder positiv über Papst Benedikt, zitiert ihn hin und wieder und er besucht ihn auch. Und Papst Franziskus hat ja auch einmal so schön gesagt: Es ist gut, so einen Großvater zu haben, den man auch um Rat fragen kann."

Inhaltlich sind sich die beiden durchaus nahe. Franziskus ist in vielen Fragen ein konservativer Papst. Rein äußerlich gibt es allerdings große Unterschiede. So weigerte sich Franziskus von Anfang an, in den päpstlichen Palast zu ziehen. Zu Georg Gänswein, dem Präfekten des Päpstlichen Hauses, sagte er damals:

"Ich bin gewöhnt, seit ich Jesuit bin, in kleineren Räumen. Und ich bin 77 und habe nie in größeren Räumen gelebt. Und ich kann jetzt auch nicht in diesen Räumen leben. Ich werde hier nicht einziehen. Und das war natürlich ein ein Schock zunächst."

Das Gästehaus Casa Santa Marta im Vatikan (afp / Gabriel Boys)Das Gästehaus Casa Santa Marta im Vatikan - hier residiert Papst Franziskus (afp / Gabriel Boys)

Wie so vieles andere: Franziskus entzieht sich jeder Kontrolle. Das beginnt schon beim Telefonieren, sagt Bernd Hagenkord, verantwortlicher Redakteur von Vatican News, früher Radio Vatikan:

"Er ist jemand, der den Hörer greift und selber wählt, der sich auch nicht verbinden lässt oder so, sondern irgendwo anruft und dann jemanden fragt, sag mal, wie ist denn das da- und damit. Da bekommen Leute einen Anruf, die nachher zwei Tage brauchen, um wieder zu landen, weil sie gedacht haben: 'O mein Gott, der Papst hat mich angerufen – was habe ich bloß gesagt?!' Und er entscheidet, wer das ist."

Weltveränderung als Christenpflicht

Dieser Papst blüht auf, wenn er unter Menschen kommt. Dorthin gehöre auch die Kirche, meint er:

"Wir sind, ob es uns gefällt oder nicht, dazu aufgerufen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Unsere persönliche Realität, die der Gemeinschaft und der Gesellschaft."

Am liebsten hätte er eine arme Kirche für die Armen, sagt Franziskus immer wieder. Was er damit meint, ist nicht für alle Katholiken ein angenehmer Gedanke. Mit Almosen geben allein ist es für ihn nicht getan.

"Die Schwierigkeit besteht nicht darin, dem Armen Essen zu geben, den Nackten zu bekleiden, den Kranken zu begleiten, sondern sich bewusst zu machen, dass der Arme, der Nackte, der Gefangene, der Obdachlose die Würde besitzt, mit uns am Tisch zu sitzen, sich bei uns zuhause, als Teil der Familie zu fühlen."

Für Franziskus ist das Barmherzigkeit, die für ihn immer auf Augenhöhe bleiben muss, im Deutschen vielleicht besser beschrieben mit dem Wort Nächstenliebe. Je kleiner er sich macht, desto größer wird die Autorität dieses Papstes. Von Macht könne allerdings keine Rede sein, meint Pater Hagenkord.

"Macht hat er gar keine, außer derjenigen, dass alle Menschen, ob nun bei der UNO oder bei der EU oder in nationalen Parlamenten, auf einmal den Papst zitieren. Da geht es um Krieg und Frieden, da geht es um Ausbeutung, da geht es um Armut, da geht es um die Verbindung von Umweltzerstörung und Armutsmigration - das sind ja Dinge, die auch noch nicht im öffentlichen Bewusstsein, außer bei ein paar Spezialisten, angekommen sind. Da ist er wirklich sehr, sehr politisch. Das hat aber damit zu tun, dass er sagt: Ein Christ muss mindestens die Welt ändern wollen - sonst ist er keiner."

Papst Franziskus gibt (19.01.18) einen Ureinwohner die Hand in Puerto Maldonado (Peru). (dpa/Alessandra Tarantino)Auf seiner Südamerika-Reise rückte Papst Franziskus das Thema Umweltzerstörung in den Fokus (dpa/Alessandra Tarantino)

Und so reist Franziskus durch die Welt und bezieht Stellung zu aktuellen politischen Fragen - ob in Bangladesch zu Gunsten der Verfolgten Rohingya, oder in Straßburg, wenn er sagt, es sei nicht hinnehmbar, dass das Mittelmeer zu einem großen Friedhof werde. Er hat die ganze Welt im Blick. Zu Europa sagt er, der alte Kontinent sei müde und brauche Hilfe, um seine Wurzeln zu finden.

Franziskus spricht gerne in Bildern, hat Kardinal Walter Kasper beobachtet. Seine Reden sind oft so leicht verständlich, dass sich viele fragen, wieviel theologische Substanz noch dahintersteckt.

"Er hat mehr Ahnung von Theologie, als manche so meinen. Er versteht das nun aber einfach, diese schwierigen theologischen Sachen plastisch zu sagen, mit Bildern. Natürlich, wenn man in Bildern spricht, kann auch mal ein Bild verunglücken – das ist das Normalste von der Welt."

Katholiken müssten sich nicht "wie die Karnickel" vermehren, meinte er zum Beispiel. Und bei einer Audienz zeigte er Verständnis für Eltern, die ihre Kinder schlagen, solange sie dabei deren Würde nicht verletzen. Immerhin ist Franziskus aber in der Lage, sich für Fehler zu entschuldigen.

Mehr als schwarze Schuhe und Santa Marta

Seinen Kritikern ist vieles zu spontan und oberflächlich. Die Öffentlichkeit spreche viel zu viel über die ausgelatschten Schuhe des Papstes und seine bescheidene Unterkunft im Gästehaus Santa Marta, kritisierte beispielsweise Kardinal Gerhard Müller, dessen Vertrag als oberster Glaubenswächter von Franziskus nicht verlängert worden war.

"Es wäre besser, die Glaubensbotschaft des Papstes zu hören und darauf zu achten, das im eigenen Leben umzusetzen, als sozusagen mit sekundären Aufmerksamkeits-­Elementen dann irgendwie Papsttum populär zu machen mit schwarzen Schuhen und Santa Marta."

Der Papst wirbt unterdessen unverdrossen für eine Kirche, die den einzelnen Gläubigen sehen muss und die sich nicht hinter unmenschlichen Regelwerken verstecken darf. Was er damit meint, wird deutlich, wenn Franziskus Beschränkungen aufhebt, um individuelle Lösungen zuzulassen - zum Beispiel bei der Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene oder im ökumenischen Miteinander.

Gleichzeitig versucht Franziskus im Vatikan fortzuführen, was schon Benedikt XVI. begonnen hatte. Die Vatikan-Bank arbeitet nach einer Vergangenheit als Geldwäsche-Institut inzwischen nach klaren Regeln, die auch international als sauber gewürdigt wurden. Und auch im Kampf gegen Kindesmissbrauch gibt es heute mehr Offenheit und ein konsequenteres Durchgreifen als in früheren Jahren. Am Ziel ist die Kirche hier aber noch lange nicht.

Franziskus scheint mit dem Erreichten noch nicht zufrieden zu sein, sagt der Vatikan-Spezialist Iacopo Scaramuzzi. Ziemlich genau seit der Wahl von Donald Trump habe der Papst damit begonnen, das Reformtempo zu steigern, meint er.

"Sowohl nach außen, als auch nach innen, scheint er jetzt nach einer Phase der Ankündigungen mehr Wert auf die praktische Umsetzung zu legen. Das Pontifikat ist in eine zweite Phase eingetreten."

Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat Franziskus unterdessen das Gremium zur Wahl seines Nachfolgers ganz deutlich umgebaut. 49 von derzeit 117 wahlberechtigten Kardinälen wurden inzwischen vom amtierenden Papst ernannt. Viele der neuen Kardinäle kommen aus weit entfernten Ländern, so wie Papst Franziskus.

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