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StartseiteKultur heute"Für die Farbe rot gibt's sicherlich 15 verschiedene Worte"19.10.2005

"Für die Farbe rot gibt's sicherlich 15 verschiedene Worte"

Übersetzerin Heidi Kang über die Schwierigkeiten der Übertragung koreanischer Literatur

Heidi Kang lebt seit über 40 Jahren in Seoul und ist die bekannteste Übersetzerin koreanischer Literatur ins Deutsche. Die Übersetzungsarbeit sei besonders schwierig, weil sich die koreanische Literatursprache stark von der Sprechsprache unterscheide. Inhaltlich beschäftige sich die Gegenwartsliteratur hauptsächlich mit den Problematiken des Übergangs zur Industriegesellschaft und der Vereinsamung des Menschen.

Die koreanische Studentin Kim Rossel liest im Gastland-Pavillon der Frankfurter Buchmesse in einem koreanischen Buch. (AP)
Die koreanische Studentin Kim Rossel liest im Gastland-Pavillon der Frankfurter Buchmesse in einem koreanischen Buch. (AP)
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Fischer: Wir wollen heute natürlich vor allem etwas über die koreanische Literatur erfahren, über die in den letzten Wochen und Monaten ja schon so viel zu hören und zu lesen war. Zum Beispiel, dass sie viel von dem Schrecken der eigenen Geschichte widerspiegele, eine Geschichte, die von japanischem Kolonialismus und Bürgerkriege, von Teilung und Diktatur gekennzeichnet war. Viel von dem, was und wie geschrieben wurde, oder auch nicht geschrieben wurde, hatte damit zu tun. Und es gibt dadurch auch ein großes Thema in der koreanischen Literatur, das ist das der Identitätsfindung. Und was das sein kann, nachdem die Japaner 30 Jahre lang koreanische Sprache und Kultur unterdrückt hatte, das ist die Frage. Heidi Kang lebt seit 1963 in Seoul, sie ist die bekannteste Übersetzerin koreanischer Literatur ins Deutsche. Und an Sie geht die Frage, Frau Kang, wie hat sich dieses Thema Identitätsfindung in der Literatur des Landes niedergeschlagen?

Kang: Naja, zunächst einmal in der Thematik, nicht, dass man jahrelang also die eigene Geschichte zum Thema hatte, und die Problematik aufgerollt hat. Aber inzwischen hat sich das so entwickelt, dass der Kreis derjenigen, die den Korea-Krieg selbst noch erlebt haben, sehr geschrumpft ist, und die ganze jüngere Generation, sagen wir mal ab 45 heute, dass die andere Schwerpunkte gefunden haben, und sich auch mehr zum Westen hin öffnen, das heißt also auch den Trend zum Individualismus und zum Privaten, der ja in den 90er Jahren hier stark eingesetzt hat, auch mitmachen.

Fischer: War das so eine Art von Nachholbedürfnis, nachdem sich das Land sozusagen, wie unter einer Dunstglocke befunden hatte und sich jetzt öffnen konnte? War das ein Nachholbedürfnis auch in ästhetischen Formen?

Kang: Absolut. Ja. Ich meine, nach der Befreiung von den verschiedenen Militär-Diktaturen konnte man aufatmen und das, was man vielleicht individuell auch unterdrückt hatte, oder beziehungsweise bei den Schriftstellern, was sie in den Schubladen schon vielleicht privat geschrieben hatten, das konnten sie jetzt loswerden. Und auch das Interesse bei den Lesern ist entsprechend in diese Richtung gewachsen.

Fischer: Wir haben gehört, dass die Literatur von Frauen bei diesem Prozess eine besondere Rolle gespielt hat, weil sie so besonders, sprich anders war, oder weil es sie jetzt überhaupt erst vermehrt gab, seit 1990, heißt es. Also das heißt, ist diese Rolle der Frauenliteratur ästhetisch begründet oder ist es eine Frage der Wahrnehmung?

Kang: Das weiß ich nicht, teils teils. Ein Teil mag auch darauf zurückzuführen sein, dass in Korea der Trend zum Materialismus und zur materiellen Sicherheit sehr stark ausgeprägt ist in den letzten Jahren. So lange es allen schlecht ging, war das nicht so entscheidend. Und manche Männer haben sich zum Schriftstellerberuf entschieden, trotz der materiellen Unwegbarkeiten, während heute, wo auch die Ausbildung von Kindern so horrende teuer ist, vielleicht die Frauen sich leichter darauf einlassen können, wenn sie verheiratet sind und eher materiell abgesichert sind, zumindestens bis zu einem gewissen Grade, dass die als freie Schriftstellerinnen sich eher etablieren können.

Fischer: Das wäre ja schon wieder ein Marktphänomen! Geben Sie uns ein literarisch-inhaltliches Beispiel, wie das aussehen kann, diese neue Frauenliteratur.

Kang: Die neue Frauenliteratur hat sich natürlich auch im Gegensatz zum männlich geprägten Konfuzianismus entwickelt. Und zu den Problemen, die Frauen damit haben und gehabt haben, und so dass sie also in ihre eigene Themenwelt darstellen wollen, und das sehr effektiv tun. Und allerdings also, das was bei uns auch so die Emanzipationsliteratur war, und in Korea etwas verzögert eingesetzt hat, das hat sich jetzt also so auch inzwischen ein bisschen geglättet und die Frauen haben größere Chancen. Und jetzt sind es also eher auch die Problematiken des Übergangs zur Industriegesellschaft, der Vereinsamung, der Vereinzelung des Menschen, und ähnlich wie hier das auch ist.

Fischer: Sie müssen natürlich jetzt auch noch zwei Sätze aus dem Nähkästchen plaudern. Was sind denn die größten Schwierigkeiten beim Übersetzen von koreanischer Literatur?

Kang: Ja, da gibt es natürlich eine ganze Menge. Eine Sache ist, dass die koreanische Literatur sehr, sehr anschaulich ist. Es ist eine eigene literarische Sprache hat, die sich sehr stark von der sonstigen Printmedien-Sprache unterscheidet, und also sehr, sehr griffig ist. Ich meine, allein für Farben... für die Farbe rot gibt es sicherlich 15 verschiedene Wörter. Und wie man das dann übersetzt ist nicht so einfach.

Fischer: Wir haben auch von ausufernden Landschaftsbeschreibungen gehört und von einem, ja von einem Sprachverständnis, das natürlich in gewisser Weise die andere Mentalität der Koreaner im Vergleich zum Beispiel zu uns hier im Westen schildert.

Kang: Ja, sicherlich. Ich meine, dass ist... zum Beispiel, wenn Gefühle nicht so direkt benannt werden, sondern durch äußerliche, durch Beschreibung von Körpersprache, oder so, dann ist das etwas anderes, und dann versteht man das nicht ohne weiteres, weil die Körpersprache auch ... eben auch eine andere ist. Und wenn man das ganz wörtlich übersetzt, dann kommt das eben nicht so an, und dann muss man sich etwas einfallen lassen.

Fischer: Wenn Korea immer als Land im Aufbruch und auch im Übergang geschildert wird, dann mag das ja auch Schwierigkeiten nach sich ziehen, wir hatten ja schon das Thema Identitätssuche, Orientierungslosigkeit. Wie fühlt sich die koreanische Gesellschaft für Sie heute, die Sie in ihr Leben, an, im Jahr 2005?

Kang: Ja, die ist in einem ständigen Wandel begriffen, und die legt ein Tempo vor, von dem man sich hier überhaupt gar keinen Begriff machen kann. Hier in Deutschland, wenn man da mal fünf Jahre weg war, dann erkennt man alles noch wieder, wenn man das in Korea macht dann gerät man da in große Schwierigkeiten.

Fischer: Herzlichen Dank an Heidi Kang, die uns Einblicke gab in das Wesen der koreanischen Literatur und in die Übersetzerwerkstatt.

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