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StartseiteKommentare und Themen der WocheFehler aufarbeiten, Wiederaufbau reglementieren31.07.2021

Für eine Zukunft im Ahrtal Fehler aufarbeiten, Wiederaufbau reglementieren

Die Behörden im Kreis Ahrweiler sollen am Abend der Überflutung Stunden vorher offizielle Warnungen erhalten haben. Ob die Vorwürfe berechtigt sind oder nicht: Der Bevölkerungsschutz hat versagt, kommentiert Anke Petermann. Nun sei für die Zukunft der Region neben Aufklärung auch ein Flächennutzungsplan notwendig.

Ein Kommentar von Anke Petermann

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Gemeinde Insul im Ahrtal nach der Unwetter-Katastrophe von oben fotografiert (picture alliance/dpa - Thomas Frey)
Nach dem Unwetter in Rheinland-Pfalz (picture alliance/dpa - Thomas Frey)
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Bislang war zur Flut-Warnkette am 14. Juli Folgendes bekannt: Um 19:35 Uhr, als schon viele Straßen überschwemmt waren, gab der Kreis Ahrweiler über die Katwarn-App und -SMS eine Hochwasser-Warnung mit dem Hinweis, Keller oder Tiefgaragen zu meiden. Um 23:09 Uhr, als viele Menschen schon schliefen, forderte der Kreis über Katwarn alle Menschen in drei Ortschaften 50 Meter rechts und links der Ahr auf, ihre Wohnungen zu verlassen. Angesichts einer Extremflut mit 135 Toten wirkt das komplett unzureichend, wurde bislang aber als Tragik empfunden. Die rheinland-pfälzische Landesregierung, viele Betroffene und die Bürgermeister der Dörfer an der Ahr waren sich einig: Die Flut habe sich so rasch aufgebaut wie ein Tsunami.

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Doch jetzt hat das Landesumweltamt der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" auf Nachfrage genaue Abläufe mitgeteilt: Online und mit automatisierten Mails sei die Kreisverwaltung präzise vor der Extremflut gewarnt worden: Am Nachmittag schon vor einem Pegelstand von mehr als fünf Metern. Und abends um kurz nach halb acht vor einem Höchststand von 6,90 Metern, was in etwa dem Extremflut-Pegel entsprach.

Frage nach Verantwortung

Der Eindruck der Tragik wird spätestens jetzt von der Frage nach Verantwortung ergänzt: Hätten der zuallererst zuständige Landrat und die Katastrophenschutz-Inspektion des Kreises das Ahrtal spätestens um halb neun evakuieren müssen? Hätte sich der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz einschalten müssen? Diese Fragen würden aufgearbeitet, versicherten er und Ministerpräsidentin Malu Dreyer, beide SPD.

Fest steht: Landrat Jürgen Pföhler von der CDU und die Katastrophenschutz-Kräfte im Kreis sind selbst betroffen - wie alle im Ahrtal. Hätte jeder und jede einzelne von ihnen auch nur im Ansatz geahnt, was da später passieren würde, hätten sie alle Hebel in Bewegung gesetzt, um ihre Bevölkerung zu schützen, davon gehe ich aus. Und kann selbst nicht beurteilen, wer in der Kreisverwaltung an dem Abend was präzise wissen konnte.

Nach der Hochwasser-Katastrophe im Erftkreis gehen die Aufräumarbeiten weiter. Bei den Bergungsarbeiten der zerstörten Autos in Erftstadt-Liblar kommen auch Sonar, Bundeswehrpanzer und Taucher zum Einsatz: Sie überprüfen die massiv beschädigten Fahrzeuge auf der B256 Luxemburger Straße. Die Fahrer der Autos und LKWs waren von den Wassermassen überrascht worden, konnten sich nach bisherigen Erkenntnissen offenbar noch eilig in Sicherheit bringen. Erftstadt, 17.07.2021 (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) (picture alliance / Geisler-Fotopress | Christoph Hardt/Geisler-Fotopres) Wie die Menschen bei einer Katastrophe gewarnt werden
Nach der Unwetterkatastrophe in Deutschland kommt Kritik auf, dass die Bevölkerung nicht ausreichend gewarnt worden wäre. Wie laufen solche Warnungen ab und was braucht es in Zukunft? Ein Überblick.

Der Bevölkerungsschutz hat versagt

Wo landeten die automatisierten Warn-Mails des Landesumweltamtes, wer wertete sie aus, warum wurde ihre Brisanz nicht verstanden und warum nicht gehandelt? Wer hätte kontrollieren, wer einschreiten müssen, als klar wurde, dass trotz der extremen Gefahr nicht evakuiert wurde. Offensichtlich gab es zumindest kein Netz, das das Versagen der ersten Katastrophenschutz-Instanz abfangen konnte. Denn dass der Bevölkerungsschutz versagt hat, ist unabhängig von der Verantwortung dafür eine Tatsache, wenn so viele Menschen sterben. Mindestens 12 davon Bewohner und Bewohnerinnen eines Heims für geistig Behinderte in Sinzig, dem Ertrinken hilflos ausgeliefert.

Dass all diese Fragen präzise beantwortet werden, ist auch wichtig für die Zukunft der Region. Selbst wenn ein Anwohner der Oberen Ahr den Galgenhumor hat zu sagen, die nächste Jahrtausendflut komme ja noch nicht morgen. Es ist ein Flutgeschädigter, der in sein bis zum ersten Stock überflutetes Haus zurückwill, wenn es wiederhergerichtet ist.

Jetzt ist ein ortsübergreifender Flächennutzungsplan notwendig

Hier lauert das nächste Problem. Viele Betroffene haben ihre Häuser schon ausgeräumt, entkernt und auf Standsicherheit hin überprüfen lassen. Viele würden jetzt gern gleich loslegen, Trauer und Leid in Tatkraft umsetzen, das Verlorene wiederaufbauen, ihr Leben rekonstruieren.

Die Baugutachterin Constance Kunkel leitet daraus im Gespräch mit dem Deutschlandfunk einen klaren Auftrag ab – für das Land und für die Kommunen am Fluss: schnellst möglich einen Flächennutzungsplan zu erstellen – und zwar ortsübergreifend. Alle von der Flut weggerissenen Häuser dicht am Fluss wiederaufzubauen, programmiert die nächste Katastrophe, glaubt die Gutachterin aus der Region. Sie hat recht, denn es droht, dass geschädigt Häuslebauer sonst schnell Fakten schaffen. Schon in wenigen Wochen muss man ihnen mitteilen, wo der Flächennutzungsplan erlaubt, Häuser wiederaufzubauen oder neu zu bauen. Und wo sich das nicht lohnt. Als staatlich Enteignete müssten die Eigentümer eine Entschädigung bekommen. In meinen Ohren klingt das plausibel.

Damit an der rheinland-pfälzischen Ahr nicht das geschieht, was Menschen nördlich von Meißen im sächsischen Elbtal vor gut 20 Jahren erneut traumatisiert hat: Dass nämlich ihre mit letzter Kraft wiederaufgebauten Häuser vier Monate nach der Katastrophe in behördlichem Auftrag wieder abgerissen werden mussten.

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