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StartseiteKalenderblattFür einen freieren Glauben17.07.2010

Für einen freieren Glauben

Vor 200 Jahren wurde die erste Reformsynagoge eingeweiht

Nicht selten sprechen liberale Juden einzelne Gebete in ihrer Landessprache anstatt auf Hebräisch. Auch streichen sie zuweilen aus dem Gebetbuch, was sie nicht mehr glauben können. Sie verwenden Musikinstrumente im Gottesdienst, während orthodoxe Juden das ablehnen. Vor 200 Jahren nahm die Bewegung in der Kleinstadt Seesen im Harz ihren Ausgang.

Von Gerald Beyrodt

Die Thora ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel.  (AP)
Die Thora ist der erste Teil des Tanach, der hebräischen Bibel. (AP)

Die Synagogenglocke läutete und die Orgel erklang, als der Seesener Reformtempel am 17. Juli 1810 seine Pforten öffnete. Glocken und Orgeln waren neu in Synagogen. Beim ersten Gottesdienst in der kleinen Stadt am Harz trug der Rabbiner Israel Jacobson einen Talar wie ein evangelischer Pfarrer und predigte in deutscher Sprache – auch das war neu.

"Sie ist endlich vollendet, die mühevolle Arbeit mehrerer Jahre. Zuletzt ist es nur Gott, nur die unsichtbare Leitung seiner Hand, nur seine weltregierende Weisheit, welche allein die zweckvollsten Mittel für jene Vollendung ergreifen, verketten und gegen die Verbrüderungen des Aberglaubens, der Vorurtheile, der Missgunst festhalten konnte ( ... )"

Ein Tabakhändler war Jacobson, ein Bankier. Ein Mann mit besten Kontakten zu diversen Höfen der seine Beziehungen einsetzte, um eine Synagoge zu bauen. Und doch ein Benachteiligter, der selbst nie eine öffentliche Schule besucht hatte. Auf einem Porträt verschwindet seine religiöse Kopfbedeckung, die Kippa, zwischen seinem Haar und dem Hintergrund des Gemäldes. Jacobsons Credo: Juden sollten nicht mehr als Sondergruppe in Erscheinung treten, sondern als gleichberechtigte Bürger. Der Tempel erinnerte in manchem an christliche Kirchen. Joachim Frassl hat eine Monografie über den Jacobstempel geschrieben.

"Es ging Jacobson nicht darum, dass er sich der Nachbarreligion anpassen wollte. Er wollte keine Assimilation. Sondern ich denke, wenn man sich die Elemente des Tempels ansieht, will er erreichen, dass er allgemein akzeptiert wird als ein gleichberechtigtes Gotteshaus."

Nicht von ungefähr stand die Synagoge auf dem Gelände einer Schule. Jacobson hatte sie ein paar Jahre zuvor gegründet. Juden sollten weltliche Bildung bekommen, statt nur den Talmud zu lesen, sollten statt Jiddisch Hochdeutsch sprechen, sollten Latein lernen und Handwerke beherrschen. Das war keineswegs selbstverständlich, denn die Zünfte verweigerten Juden die Aufnahme. Jacobsons Predigt war ein Plädoyer für gleiche Bildungschancen.

"Bei jenem ursprünglichen oder vorzüglichen Zwecke schien mir doch jener Zunftgeist, der alle anderen Glaubensgenossen von einer Anstalt, welche dem jungen Zöglinge den Stoff und Reiz zu seiner künftigen Ausbildung darreicht, ausschließen wollte, eben so sehr von einer engherzigen Intoleranz der Gesinnungen zu zeugen, als jene alte, durch lange Jahrhunderte verjährte Maxime, welche unsere israelitischen Brüder bisher von aller Theilnahme an Staatsbedienungen verbannte. Eben die Menschheit, die sich in allen Menschen, als vernünftigen Wesen, spiegelt und regt, macht sie auch alle zu Brüdern, zu Genossen Einer Familie, zu Theilhabern der nämlichen Rechte."

Aus dem Gedankengut der Aufklärung leitete Jacobson die Forderung ab: Juden sollten gleichberechtigt sein. Zu den regelmäßigen Gottesdiensten im Tempel kamen vor allem jüdische Schüler, die im Internat lebten, denn jüdische Familien gab es in Seesen kaum. Joachim Frassl.

"Man muss sich klarmachen, in erster Linie wollte Jacobson einen Jugendgottesdienst machen, für seine Schüler."

Für Jacobsons Gottesdienstideen war Seesen ein ideales Experimentierfeld. Hier gab es keine orthodoxen Juden, die sich über neumodische Gebetsformen hätten mokieren können. Später in Berlin feierte Jacobson ähnliche Gottesdienste mit Erwachsenen. Der Erfolg war durchschlagend. Etwa 400 Menschen kamen in seine Privatsynagoge. Allgemein sieht man die Eröffnung des Seesener Tempels als Gründungsdatum des Reformjudentums oder liberalen Judentums an – einer heute großen und bedeutsamen jüdischen Bewegung. Bis heute sprechen liberale Juden neben hebräischen Texten Gebete in ihrer Landessprache und verwenden Musikinstrumente in der Synagoge. Frauen sind im Gottesdienst gleichberechtigt, Rabbinerinnen und Kantorinnen gang und gäbe. Erste Ansätze dazu gab es schon bei Jacobson.

"Es ist wahrscheinlich der erste Tempel, der die Frauenempore nicht mehr vergittert. Sie waren also von daher Teilnehmer im Raum."

Bis zur Schoa war das liberale Judentum in Deutschland die wichtigste jüdische Strömung, in den USA ist es immer noch die bedeutsamste jüdische Richtung. Sei zwei Jahrzehnten gibt es auch hierzulande wieder zahlreiche liberale Gemeinden. Auch dort, wo die Bewegung einst anfing: in der kleinen Stadt Seesen am Harz.

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