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StartseiteKommentare und Themen der WocheMake Notre-Dame great again21.04.2019

Für Europa Make Notre-Dame great again

Am 15. April nach 19 Uhr hielt Europa angesichts der brennenden Notre-Dame den Atem an. Doch statt nun, wie so oft, den Schuldigen zu suchen oder über den Sinn dieses Brandes zu philosophieren, sollte Europa zusammenstehen - nicht nur beim Wiederaufbau der Kathedrale, kommentiert Christiane Florin.

Von Christiane Florin

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Ansicht der Kathedrale Notre-Dame in Paris am 15.4.2019 , im Dach sind Flammen zu sehen. (AFP / François Guillot)
Blick auf die brennende Kathedrale Notre-Dame in Paris, (AFP / François Guillot)
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Mon dieu, wie viel Symbolik flackert da auf in den Bildern der brennenden Kathedrale Notre-Dame! Das Dach des Europäischen Hauses bricht ein, weil Populisten zündeln und plural Gesinnte nicht wissen, mit welchem Knopfdruck das Löschwasser zu strömen beginnt.  

Die "Certaine Idée de la France", die verbindende Idee Frankreichs, geht in Flammen auf, weil die Leidenschaften rechts wie links zerstörerisch lodern. Und ein drittes Symbol: Die katholische Kirche steht unter Feuer, weil die Gläubigen nicht wissen wohin mit ihrer Wut über den Missbrauch von Menschen und Macht.

Zweifel an der europäischen Aufklärung

Einige Reaktionen lassen daran zweifeln, dass die europäische Aufklärung überhaupt gezündet hat. Da sind sich islamhassende Verteidiger des Abendlandes sofort sicher, dass hinter dem Brand irgendein muslimischer Attentäter stecken muss. Sollte der nicht gefunden werden, lügen Polizei und Medien.

Der Spitzturm von Notre-Dame fällt während des Brandes um (Geoffroy VAN DER HASSELT / AFP)Der Spitzturm von Notre-Dame wurde im Feuer zerstört. (Geoffroy VAN DER HASSELT / AFP)

Da jubeln Atheisten, die eigentlich nicht an höhere Wesen glauben, dass die katholische Kirche für den sexuellen Missbrauch abgestraft wird. Nach dem Motto: Jede Kathedrale weniger ist eine frohe Botschaft.

Da klagen Moralbewusste, weil eine verwundete Kathedrale mehr Erschütterung hervorruft als der Tod Tausender Menschen im Mittelmeer. Und zu allem Überfluss gibt auch noch Donald Trump sachdienliche Hinweise zur Löschung aus der Luft, obwohl zu seinem Immobilienimperium keine gotischen Großbauwerke zählen und kein Engagement in der freiwilligen Feuerwehr seine Sozialbilanz aufbessert.

Es muss doch einen Schuldigen geben

Fast alle Religionen kennen Schuld und Sünde, das Christentum zumal. Die überhitzten Reaktionen zeigen, wie tief dieser Reflex noch in einer säkularen Öffentlichkeit sitzt: Es muss doch einen Schuldigen geben! Es muss doch einen zum Kreuzigen geben! Und wenn es auch Tage später immer noch keinen Hinweis auf einen Anschlag oder Schlamperei gibt, dann soll wenigstens die ARD dafür büßen, dass sie dem Brand keinen Brennpunkt widmete.

Doch zu sehen waren auch die Gegenbilder zur grellen Ikonografie. Notre-Dame liegt in der Seine wie ein großes, ruhiges Schiff. Rund um die Ile-de-la-Cité war es am Montagabend nach 19 Uhr merkwürdig still. Menschen, ob in Paris beheimatet oder touristisch unterwegs, hielten den Atem am. Manche schickten leise Gebete zum Himmel, andere sangen spontan ein Ave Maria. Plötzlich sahen die Macher, die Machtbewussten, die Immer-Schon-Bescheidwisser lächerlich aus.

April 15, 2019 - Paris, France - Smokes and flames rise during a fire at Notre-Dame Cathedral in central Paris, France, on April 15, 2019.- A fire broke out at the landmark Notre-Dame Cathedral in central Paris, potentially involving renovation works being carried out at the site, the fire service said. Paris France PUBLICATIONxINxGERxSUIxAUTxONLY - ZUMAn230 20190415_zaa_n230_640 Copyright: xNicolasxLiponnex (imago images | ZUMA Press)Schaulistige sammeln sich in Paris, um einen Blick auf die brennende Kathedrale zu werfen (imago images | ZUMA Press)
Der Trump-Tower misst phallische 202 Meter, die Dame von der Seine zarte 69. Sie ist größer, höher, weiter als jeder Prachtbau. Die Kirche, deren Name ins Deutsche mit "Unserer Lieben Frau" übersetzt wird, versammelt Kunst, vor allem aber vollbringt sie das Kunststück, dass weder das Wort "Uns" noch die Liebe im Namen gelogen sind. Notre-Dame steht für eine Volkskirche im besten Sinne, sie gehört allen. In ihr verbinden sich große historische Momente mit kleinen, persönlichen Erinnerungen, unabhängig von Religion und Konfession.

Wer Ruhe wollte, fand dort einem Platz zum Nachdenken oder Beten. Die Liturgie war feierlich, aber nicht triumphalistisch. Notre-Dame beeindruckt, ohne einzuschüchtern. Es war kein Hort des Kriech- und Kniezwangkatholizismus, dem andernorts in Frankreich und dem Erdkreis gehuldigt wird.

Zu den religiösen Reflexen, die in einer säkularen Medienöffentlichkeit überlebt habe, gehört neben dem Schuld- auch der Sinnreflex. Für irgendetwas muss dieser Brand doch gut gewesen sein! Dieser Gedanke löst die nächste Bilder- und Symbolwelle aus. Gut, dass Europa doch zusammensteht, wenn’s heiß wird, heißt es da. Gut, dass nichts ewig ist auf dieser Welt. Gut, dass auch ein zerrissenes Land wie Frankreich eine Vision haben kann, und wenn es nur ein Fünf-Jahres-Wiederaufbauplan ist. Restauration sieht ein bisschen wie Revolution aus.

Die Stinnstiftung ist so dick aufgetragen, dass man den pathosfreien Sachverstand der Pariser Feuerwehr erst recht in den Himmel loben möchte.

Make Notre-Dame great again

Mehr als eine Milliarde Euro Spenden kam in den ersten Tagen zusammen. Die Kathedrale wird wieder wie ein schönes Schiff in der Seine schwimmen. Am schönsten wäre es, wenn sich dieses Europa, das am Montag nach 19 Uhr angesichts der Flammen den Atem anhielt, von den zerstörerischen Alternativen befreit. Feuer oder Wasser, eine Kathedrale auf einer Insel retten oder Menschen aus dem Meer, Christentum oder Islam. Entweder – oder – mon dieu, wie eng ist das denn! In diesem Sinne: Make Notre-Dame great again. Unsere liebe Frau von Europa hat ein großes Herz. 

Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Dr. Christiane Florin (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré)Christiane Florin, Jahrgang 1968, ist Redakteurin für "Religion und Gesellschaft" beim Deutschlandfunk. Bis 2015 leitete sie die Redaktion von Christ&Welt in der Wochenzeitung "Die ZEIT". Ihre Erfahrungen als Lehrbeauftragte für Politikwissenschaft an der Universität Bonn verarbeitete sie in dem Essay "Warum unsere Studenten so angepasst sind" (Rowohlt 2014). 2017 veröffentlichte sie das Buch "Weiberaufstand. Warum Frauen in der katholischen Kirche mehr Macht brauchen" (Kösel).

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