Dienstag, 25.02.2020
 
StartseiteFirmenporträtFür saubere Wäsche über die Grenze18.05.2007

Für saubere Wäsche über die Grenze

Warum Handtücher für Berliner Hotels in Polen gewaschen werden

Der Hotelzulieferer Fliegel Textilservice hat seine eigene Sicht auf den Streit um einen Mindestlohn. Denn das Unternehmen wäscht bereits seit 15 Jahren für deutsche Luxushotels die Bettwäsche hinter der polnischen Grenze. Und ein Mindestlohn würde das aus Sicht der Firma nicht ändern, sondern nur noch mehr Arbeitsplätze etwa in Wäschereien bedrohen.

Von Karsten Zummack

Blick auf das Hotel Adlon im Herzen Berlins. (AP Archiv)
Blick auf das Hotel Adlon im Herzen Berlins. (AP Archiv)
Mehr bei deutschlandradio.de

Externe Links:

Fliegel Textilservice GmbH

Die Wäsche ist fertig, signalisiert der Computer. Er ist direkt an die 20 Meter lange Waschstraße gekoppelt. Die großen blauen Maschinen, wie sie in der Luft hängen, erinnern ein wenig an Raumschiffe. Die Fabrikhalle am Rand von Nowe Czarnowo, einem kleinen grauen Dorf nahe Stettin, ist hochmodern ausgestattet, erklärt Werksdirektor Romuald Sikora.

"Sie sehen jetzt hier eine Waschstraße. Das ist die größte Maschine bei uns. Die hat eine Kapazität von ungefähr zwei Tonnen pro Stunde."

Am Tag werden hier etwa 30.000 Bettbezüge, Laken und Kopfkissen gewaschen. Dafür, dass alles porentief rein wird, sorgen 380 Mitarbeiter, vor allem Frauen, die in weißen Kitteln emsig Textilien aus menschengroßen Containern kramen wie Rojenna Rieback:

"Ich falte die Frottee-Wäsche vom Hotel Radisson. Ich schaue bei jedem Stück, ob es sauber und weiß ist. Und wenn alles in Ordnung ist, wird es gefaltet."

Das muss schnell gehen. Denn der Fliegel Textilservice hat sich verpflichtet, den Kunden innerhalb von 24 Stunden die Bettwäsche sauber und gefaltet zurückzubringen. Die Kunden, das sind in der Regel deutsche Hotels. Der Kaufmännische Werksleiter Daniel Tarczynski deutet nicht ohne Stolz auf Rollwagen mit Aufschriften wie "Adlon", "Kempinski" und "Neptun".

"In Deutschland ist ein großer Markt. Berlin ist Hauptstadt. Da sind sehr viele Hotels. Und unser Markt ist Vier- und Fünf-Sterne-Hotels. Und eben diese Hotels gibt nur fast in Berlin. Und in Stettin gibt es nur paar Häuser. Aber das wäre nicht genug für unsere Wäscherei."

Von Beginn an war das Geschäft der polnischen Wäscherei auf deutsche Hotels ausgelegt. Natürlich war das Lohngefälle damals vor 15 Jahren noch sehr groß. Da könnte es sich durchaus lohnen, die Wäsche per Lkw 140 Kilometer hin und 140 Kilometer zurück zu transportieren, dachten sich die Firmenlenker. Geschäftsführer Franz-Josef Wiesemann:

"Man ist erst zu den Hotels gegangen und hat gesagt, wir würden gern eure Wäsche waschen. Dann haben die alle gefragt: wo steht eure Wäscherei ? Und da haben wir gesagt, wir haben noch keine Wäscherei. Aber wenn wir von ihnen einen Vertrag bekommen, dann bauen wir eine Wäscherei. Und das machen wir drüben in Polen. Und das kriegen wir auch ganz bestimmt hin."

Drei Berliner Hoteliers willigten ein. Und so entstand die Wäscherei hinter der Grenze. In Polen, so lobt Wiesemann, kann anders als in Deutschland sieben Tage die Woche gearbeitet werden. Auch die niedrigeren Energiekosten erwiesen sich als Standortvorteil. Wichtiger noch: das Lohnniveau.

"Natürlich: Damals war schon ein Entscheidungsgrund, nach Polen zu gehen, die Löhne. Eine Wäscherin verdient irgendwo 1500, 1700 Zloty im Monat."

Das sind umgerechnet 400 bis 450 Euro. In Deutschland müsste Wiesemann wohl das Doppelte bis Dreifache zahlen. Trotzdem: Für die Polen ist das ein guter Verdienst, liegt weit über dem dort geltenden Mindestlohn, sagt der Kaufmännische Werksleiter Daniel Tarczynski.

"Das liegt im polnischen Durchschnitt. Und wir gehen davon aus, dass die Mitarbeiter auch zufrieden sind. Und vor allem, wenn man an die Arbeitslosigkeit hier in Polen denkt, dann hier sind die sicheren Arbeitsplätze. Und die Mitarbeiter sind bestimmt zufrieden."

Ein weißer Lkw mit polnischem Kennzeichen rollt an die Laderampe des Berliner Fünf-Sterne-Hotels Westin Grand. Zehn Stunden Arbeit hat Fahrer Wiclaf Radtke heute bereits hinter sich, sagts und hievt die Rollwagen ins Haus.

Der Pole bringt zusammen mit seinem Kollegen blütenweiße Wäsche ins Hotel und nimmt schmutzige wieder mit. 14 Lkw hat der Fliegel Textilservice im Einsatz, trotz der immensen Kraftstoffkosten ein einträgliches Geschäft. Elfeinhalb Millionen Euro hat die Firma im vergangenen Jahr umgesetzt und schreibt damit schwarze Zahlen, so Geschäftsführer Wiesemann, ohne die genaue Summe zu verraten.

Gegen den Vorwurf, er würde mit seiner Dienstleistung hinter der Grenze Arbeitsplätze hierzulande vernichten, wehrt sich der Unternehmer:

"In Polen, in der Wäscherei, stehen nur deutsche Maschinen. Wir fahren nur Lkw von Mercedes. Also wir geben unser Geld und investieren unser Geld eigentlich in Deutschland, bloß dass die Maschinen auf der anderen Seite der Grenze stehen."

Außerdem verweist Wiesemann darauf, dass die Wäscherei in Nowe Czarnowo auch hierzulande 50 Jobs vor allem in der Verwaltung sichert. Die Mitarbeiter in Berlin würden dafür allesamt weit mehr als 7,50 Euro die Stunde verdienen. Der Mindestlohn ist für das Unternehmen daher nicht relevant. Und trotzdem ärgert sich Wiesemann über die aktuelle
Debatte.

"Es wird einfach gesagt, wir wollen 7,50 Euro Lohn. Es wird England ins Spiel gebracht. Es werden andere Länder ins Spiel gebracht. Da sind aber ganz andere Voraussetzungen an den Mindestlohn gekoppelt. In England gibts keinen Kündigungsschutz in dem Sinne, wie wir ihn hier haben. Die Sozialversicherung ist bei weitem mehr ausgedünnt als bei uns. Darüber spricht hier aber keiner. Hier wird dann auf den Grundlagen der sozialen Absicherung gesagt: und jetzt 7,50 Euro oben drauf und so etwas."

Das könne nicht funktionieren, so Wiesemann. Und womöglich treibt ein Mindestlohn seine Konkurrenten ebenfalls ins Ausland. Für Fliegel Textilservice jedenfalls ist das Konzept aufgegangen. 430 Mitarbeiter beschäftigt das Unternehmen insgesamt. Zu festgeschriebenen deutschen Löhnen wäre das nicht möglich gewesen, ist Franz-Josef Wiesemann überzeugt.

"Weil wir uns von der Dienstleistung auf einen ganz anderes Level begeben haben. Und das würden wir zu Löhnen von 7,50 Euro n Deutschland nicht befriedigen können. Da bin ich mir vollkommen im Klaren. Minimum: 100 Leute weniger."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk