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StartseiteCampus & KarriereFürs Diplom in die Provinz11.10.2011

Fürs Diplom in die Provinz

Studentin Eva Kretschmer reist mit ihrem mobilen Grafikdesign-Büro durch Brandenburg

Für ihre Diplomarbeit hat die Grafikdesign-Studentin Eva Kretschmer eine ungewöhnliche Idee umgesetzt: Sie fährt in einem umgebauten Bus durch die Brandenburger Provinz, gestaltet Schilder, Flyer, Logos. Meist nimmt sie dafür kein Geld, sondern lässt sich in Naturalien bezahlen.

Von Anja Koch

Blick über den Schwielowsee in Brandenburg. Eva Kretschmer will herausfinden, welche Geschäftsideen die Menschen in der dünn besiedelten Region entwickeln.  (picture-alliance/ dpa)
Blick über den Schwielowsee in Brandenburg. Eva Kretschmer will herausfinden, welche Geschäftsideen die Menschen in der dünn besiedelten Region entwickeln. (picture-alliance/ dpa)

"Dann alle rein in den Bus und ab die Post. Tschüss."

Eva Kretschmer ist in Aufbruchsstimmung. Zwei Wochen hat sie in Neuruppin, einer Kleinstadt in Brandenburg, verbracht. Hat im Garten des Pfarrers gelebt, mit ihrem quietschgelben Bus, der Schlafplatz, Wohnzimmer und Büro in einem ist. Nun lenkt die fröhliche 29-jährige ihr Gefährt ins 40 Kilometer entfernte Dorf Zempow.

"So, hier sind wir."

Die kommenden Tage wird Eva Kretschmer im Garten von Evelyn Haut leben, ihrer nächsten Kundin. So kommt die angehende Grafikdesignerin ihren Auftraggebern näher, als es sonst üblich ist. Und das, ist Eva Kretschmer überzeugt, erleichtert die Arbeit.

"In so verschiedene Lebensbereiche reinzurutschen ermöglicht mir zu erfassen, wie die Leute so ticken, was sie sich wünschen, wie so deren Vorstellungen sind, dann kann man so einen Geist noch eher erfassen, als wenn man nur von Schreibtisch zu Schreibtisch kommuniziert."

Eva Kretschmer entwirft Logos und Ladenschilder, gestaltet Flyer, Postkartenserien oder T-Shirts. Um Kunden zu finden, spricht sie Dorfbewohner auf Spaziergängen oder in der Kneipe an. Ihre Auftraggeber sie bezahlen, oder in Naturalien entlohnen: Honig, Benzin, Reitstunden – Eva Kretschmer lässt sich auf vieles ein, solange sie einen Stellplatz für ihren Bus hat und die Toilette ihrer Kunden benutzen darf. Bei Evelyn Haut sitzt sie oft sogar mit der ganzen Familie am Abendbrottisch. Nur so, ohne feste Honorarsätze, kann das Geschäft funktionieren, hier im strukturschwachen Brandenburg, glaubt Auftraggeberin Evelyn Haut.

"Hier machen alle Leute alles selbst, die malen sich ihre eigenen Hinweisschilder und Flyer. Wir haben hier alle Zeit der Welt, wir verdienen nicht viel, wer soll dafür bezahlen?"

Absichtlich hat sich Eva Kretschmer für ihre Reise, die sie Ende Juni angetreten hat, das ländliche Brandenburg gewählt. So will sie herausfinden, welche Geschäftsideen die Menschen in der dünn besiedelten Region entwickeln, und wie zufrieden sie mit ihrer Arbeit sind. Mit jedem Kunden führt die Studentin deshalb auch wissenschaftliche Interviews, die Erkenntnisse fließen in ihre Diplomarbeit ein. Aber auch, was sie selbst in ihrem Beruf als Grafikdesignerin glücklich macht, will Eva Kretschmer herausfinden.

"Dieses persönlich mit den Leuten umzugehen, verschafft mir eine große Anerkennung. Das Materielle ist noch ein großer Minuspunkt, würde ich sagen, da bin ich aber noch in einem gesicherten Hintergrund, Uni und Studium, da kann man sich das ja noch erlauben."

Von allein trägt sich ihr Tauschgeschäft noch nicht, Eva Kretschmer wird finanziell unterstützt, unter anderem von ihrer Uni. Dafür verzichtet sie auf Komfort: Der Lattenrost im Bus ist durchgelegen, und jetzt, wo es nachts kühler wird, braucht Eva Kretschmer schon mal zwei Schlafsäcke. Entschädigt wird sie auf andere Weise

"Mit fehlt eigentlich nicht so viel, muss ich sagen. Ich genieße den weiten Blick, den man hat. Hier sieht man ja die ganzen Felder, das ist schon was Schönes."

Bald aber muss auch diese Reise zu Ende sein, die Uni ruft. Schon Ende des Jahres soll die Diplomarbeit fertig sein. Bis dahin genießt Eva Kretschmer jeden Tag, an dem sie neue Orte in Brandenburg entdecken kann.

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