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StartseiteKalenderblattFürsorge per Paket27.11.2005

Fürsorge per Paket

Die amerikanische Hilfsorganisation CARE wird 60 Jahre

Älteren Westdeutschen sind vermutlich noch die CARE-Pakete in Erinnerung: Fleischkonserven, Getreide, Schokolade und Zigaretten gehörten zum Inhalt. Für zehn Dollar konnten die Amerikaner ein solches Paket bei der Hilfsorganisation CARE bestellen und nach Europa schicken lassen. Vielen Empfängern half die Lieferung nach dem Krieg zu überleben.

Von Ralf Geißler

Hilfsorganisation CARE geht in Washington an den Start. (AP)
Hilfsorganisation CARE geht in Washington an den Start. (AP)

Die USA nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Soldaten kehren heim. Die Wirtschaft boomt. Die Mägen sind voll. Doch im Radio hören die Amerikaner vom Elend und Hunger in Europa. Viele US-Bürger haben in den kriegszerstörten Städten entfernte Verwandte und wollen helfen. Dabei unterstützt sie die Cooperative for American Remittances to Europe. Kurz: CARE.

"A person to person expression of international good will, that’s the way many prominent people including President Truman and General Eisenhower have described CARE the agency that sends native food packages overseas."

In kurzen Werbespots fordert CARE die Amerikaner auf, zehn Dollar zu überweisen. Von dem Geld kauft die Organisation ein Lebensmittelpaket für Hungrige in Europa. Auf Wunsch können die Spender einen Empfänger benennen, an den das CARE-Paket geschickt werden soll.

"If you like to order a CARE package just send 10 Dollars to Care, New York. Give your name and address and specify to whom you are sending the package."

Die Idee dazu hatte 1945 ein Mann namens Lincoln Clark. Er trommelte 22 Hilfsorganisationen zusammen, die am 27. November in Washington die Organisation CARE gründeten. Die ersten Pakete wurden aus Beständen der US-Armee versandt. Sie hatte riesige Lebensmittelvorräte, die sie nach Kriegsende nicht mehr benötigte. Die Lieferungen gingen zunächst nach Frankreich. Ende Februar 1946 genehmigte US-Präsident Truman den Transport humanitärer Hilfsgüter auch nach Deutschland. Als die ersten Schiffe ankamen, war der Rundfunk dabei.

"Hallo. Hallo. Wir melden uns aus dem Bremer Überseehafen. Große und mächtige Scheinwerfer zaubern helles Tageslicht in die Nacht, die über dem Bremer Überseehafen liegt. Hier an der Pier liegt ein großer Dampfer. Sein Name ist Golden Light und sein Heimathafen ist New York. Dieses Schiff hat eine Menge von CARE-Paketen gebracht, die hier verladen werden mit dem Ziel zur französischen Zone."

Die CARE-Pakete sicherten vielen Westdeutschen das Überleben in den Nachkriegsjahren. Der Inhalt reichte für dreißig Mahlzeiten. In jedem Paket steckten Fleischkonserven, Getreide, Zucker, eingewecktes Obst und Gemüse, Milch, Kakao, Kaffee sowie Zigaretten. Manche Empfänger bedankten sich überschwänglich im Radio bei den entfernten amerikanischen Verwandten.

Eine Mutter: "Liebe Tante Emilie. Es ist uns allen ein großes Bedürfnis zu Dir zu sprechen, weil wir doch jeden Tag so viel an Dich denken."

Ein Kind: "Grüß Gott, Tante Emilie. Wenn Du wüsstest, wie lieb wir Dich haben, dann tätest Du uns bald einmal besuchen."

Bis 1949 erreichten fast fünf Millionen CARE-Pakete Deutschland. Die meisten gingen nach Berlin. Grund war die Berlin-Blockade der Sowjetunion. Die sowjetische Besatzungsmacht hatte 1948 alle Zufahrtswege zu den Westsektoren versperrt. Die US-Armee versorgte die Bevölkerung daraufhin aus der Luft. Im Minutentakt landeten so genannte Rosinenbomber auf dem Flughafen Tempelhof. Der Jazz-Musiker Irving Berlin besang die Operation Luftbrücke in einem eigens komponierten Lied.

"Not long ago, a group we called the Air Corps helped win the war and took a bow. Not long ago, we cheered the fighting Air Corps. Let's see what's happened to them now! Operation Vittles will soon be on our way …"

Nach dem Ende der Berlin-Blockade schickte CARE weitere Pakete. Erst am 30. Juni 1960 wurde das Büro in Bad Godesberg geschlossen. Bis zu diesem Tag waren fast zehn Millionen Pakete verteilt worden. Davon allerdings nur 80.000 in Ostdeutschland. Die sowjetische Führung verweigerte CARE im Ostblock die Arbeit. Jahrzehnte später wurden Russland und die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten selbst zu Empfängern von CARE-Paketen. Dazu Hans Dietrich Genscher:

"Wir grüßen von hier aus die Menschen von überall in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten. Sie sollen wissen, dass sie mit ihren Sorgen und Nöten, dass sie mit ihren Problemen und mit ihren Schwierigkeiten nicht allein sind."

Unter der Schirmherrschaft des Außenministers Hans Dietrich Genscher wurde 1990 eine CARE-Hilfsaktion für den Ostblock ins Leben gerufen. Dort drohte vielen Menschen nach dem Zusammenbruch des Kommunismus ein Hungerwinter. Heute ist CARE eine internationale Hilfsorganisation mit mehr als 10.000 Mitarbeitern. Im Mittelpunkt der Arbeit steht immer noch die Linderung von Armut. Insgesamt ist CARE in 70 Ländern aktiv.

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