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StartseiteEuropa heute"Füttert Bäuche, nicht Müllcontainer"17.12.2009

"Füttert Bäuche, nicht Müllcontainer"

"Speisung der 5000" auf dem Trafalgar Square

Gurken, Bananen oder Äpfel, die nicht den optischen Ansprüchen von Supermärkten entsprechen, wandern in den Müll. Auf diese Lebensmittelverschwendung soll die "Speisung der 5000" aufmerksam machen, bei der Ausschussware kostenlos auf dem Trafalgar Square in London verteilt wird.

Von Ruth Rach

Über 30 Prozent aller Nahrungsmittel landen in Europa im Müll. (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)
Über 30 Prozent aller Nahrungsmittel landen in Europa im Müll. (Stock.XCHNG / Maciej Lewandowski)

Kaum fällt in London der erste Schnee, schon warnen die Wetterfrösche vor arktischen Verhältnissen. Und dennoch streben Scharen von Menschen in Richtung Trafalgar Square. Dort verteilen Dutzende von Freiwilligen Flugblätter, rühren in Kochtöpfen, stapeln Kisten mit Obst und Gemüse aufeinander.

"Gleich beginnt die 'Speisung der 5000'", erklärt Lu, eine chinesische Studentin. Die Aktion soll zeigen, wie viel Leute man mit vergeudeten Lebensmitteln ernähren kann.

"Füttert Bäuche, nicht Müllcontainer" heißt denn auch das Motto der Aktion. Das Essen ist gratis - sämtliche Produkte wurden von Supermärkten zurückgewiesen.

Und nur, weil sie bestimmte, das Aussehen betreffende Kriterien nicht erfüllen, sagt Suzanne. Vor ihr liegen Berge von Karotten, Gurken, Äpfeln, Bananen: Ausschussware, die sie vor dem Müll gerettet hat und jetzt an Passanten weitergibt.

Krumme Gurken, ja bitte, sagt eine alte Dame. Es sei absurd, völlig genießbare Produkte wegen irgendwelcher Äußerlichkeiten wegzuwerfen, wenn kostbare Ressourcen immer knapper würden. Sie ist 87 und weiß, was es bedeutet, Hunger zu haben. Sie will nicht, dass die nächste Generation nicht genug zu essen hat. Die Aktion wurde von Tristram Stuart organisiert, Kleinbauer und Autor des viel beachteten Buches Waste.

"In wohlhabenden europäischen Ländern und in den USA wandern zwischen 30 und 50 Prozent aller Nahrungsmittel in den Abfall","

... sagt Tristram Stuart. An der Müllorgie seien nicht nur Supermärkte, sondern auch Restaurants und Privathaushalte beteiligt. Ein Großteil des Essens werde in Drittweltländern produziert.

""Und so werden kostbare Ressourcen verschleudert, noch mehr Treibhausgase produziert, noch mehr Regenwälder abgerodet, nur damit wir noch mehr Nahrungsmittel wegwerfen können."

Inzwischen zieht sich die Schlange zum Currystand über die ganze Länge des Trafalgar Square. "Nicht drängeln, Sir, wir haben genug für alle", sagt eine der Helferinnen. "Schmeckt wunderbar", meint ein junger Mann. Auf einer Tribüne demonstriert ein grüner Promikoch, was man mit weihnachtlichen Essensresten alles zaubern kann. Eine Frau teilt frische Kräuter aus. Sie ist Lehrerin in Südlondon und hat gleich ein ganzes Dutzend Schüler zum Helfen mitgebracht.

Die Aktion wird vom Londoner Bürgermeister und dem Bischof von London unterstützt. Außerdem beteiligt sich eine ganze Reihe von Hilfsorganisationen, darunter Action Aid, Friends of the Earth und Save the Children.

""Allein am heutigen Tag werden auf der Welt rund 25.000 Kinder unter fünf Jahren sterben, ein Drittel davon an Unterernährung, während wir in Großbritannien jedes Jahr Essen im Wert von zwölf Milliarden Pfund wegwerfen","

... sagt Adrian Lovett von Save the Children.

Unterdessen ist in Großbritannien bereits eine Initiative aktiv dabei, aussortierte Lebensmittel vor der Mülltonne zu bewahren. Die Gruppe Fairshare hat sich mit 600 Organisationen vernetzt, die jeden Tag fast 30.000 sozial schwache Menschen unterstützen. Viele von ihnen können jetzt mit Lebensmitteln aus landesweit zwölf Fairshare-Depots versorgt werden.

"Ich war immer schon in der Lebensmittebranche tätig", sagt Michael, ein freiwilliger Helfer von Fairshare. Früher arbeitete er allerdings für die Supermärkte - jetzt hat er die Seite gewechselt. Aus dem Bedürfnis heraus, etwas zurückzugeben.

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