Montag, 16.09.2019
 
Seit 02:30 Uhr Zwischentöne
StartseiteSport am WochenendeDie Bundesliga-Berater26.04.2014

FussballDie Bundesliga-Berater

Es ist die harte Währung in der Bundesliga und es kommt stetig etwas dazu: Gelaufene Kilometer, Anzahl der Schüsse, der Fouls, der Paraden, der gewonnenen Zweikämpfe. Mitunter verliert man den Überblick, angesichts dieses Datenwusts. Verantwortlich dafür sind verschiedene Firmen, doch deren Geschäftsmodell wandelt sich durch diese neuen Entwicklungen immer mehr.

Von Moritz Küpper

Alles im Blick der Analysten: Der Dortmunder Henrich Mchitarjan (rechts) und Schalkes Kaan Ayhan im Duell (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)
Alles im Blick der Analysten: Der Dortmunder Henrich Mchitarjan (rechts) und Schalkes Kaan Ayhan im Duell (picture alliance / dpa / Federico Gambarini)

Ein unscheinbares Mehrfamilienhaus in Düsseldorf-Oberkassel. Hier, unweit des Rheins, ist die Deutschland-Zentrale von „Prozone", einst als „Mastercoach" bekannt. Im zweiten Stock sitzen Jannis Scheibe, einer der Consultants, wie die Analysten genannt werden, und Geschäftsführer Jens Urlbauer und erklären ihr Unternehmen:

"...also, wir kommen eigentlich aus dem Bereich Videoanalyse für Ballsportarten, hatten Kunden im Hockey, das fing an mit dem Olympiastützpunkt Frankfurt und endete letztlich im Fußball, wo zu Beginn eigentlich die Distanz die größte war..."

Davon ist heute allerdings nichts mehr zu spüren. "Prozone" ist zu 95 Prozent im Fußball tätig. Der Grund ist einfach: Die Finanzen. Geschäftsführer Urlbauer:

"Ich hätte das, glaube ich, an jeden Hockey-Bundesligisten ein Tracking-System verkaufen können, weil inhaltlich jedem Trainer klar ist, welche Vorteile er von dieser Art von Information für sein Arbeiten hat. Aber die haben nicht die Budgets. Und so ähnlich ist es auch im Handball oder im Basketball. Im Fußball sind die Budgets da und entsprechend hat sich das Ganze so entwickelt."

Was mit Bayer Leverkusen als erstem Kunden aus der Bundesliga anfing, ging immer weiter. Heute ist das Unternehmen immer noch für Bayer tätig, aber auch für Bayern München, den Hamburger SV und für Verbände wie den Deutschen Fußball-Bund, DFB. Dort baut seit September letzten Jahres der ehemalige "Mastercoach"-Mitarbeiter Christopher Clemens eine neue Abteilung zum Thema Daten, Scouting, Spiel- und Spieler-Analyse auf.

Denn in dem Millionen-Geschäft Fußball ist die Datenerhebung mittlerweile Standard. Seit der Spielzeit 2011/2012 versorgt die Deutsche Fußball-Liga, kurz DFL, ihre Klubs zentral mit den sogenannten "offiziellen Spieldaten". Die Firma "Impire" hat die erste Ausschreibung für sich entscheiden können, aktuell kümmert sich "Opta". Warum? Dazu teilte die DFL auf Anfrage des Deutschlandfunks mit:

"Die DFL verbindet mit ihrem Engagement primär folgende Ziele: Sicherstellung von qualitativ hochwertigen Daten, Vereinheitlichung der Spieldaten im Markt, vor allem in der Sportberichterstattung, Investition in den Wettbewerb, das heißt Bereitstellung von Daten und Services an unsere Clubs, sowie Aufwertung und Anreicherung des Medienprodukts Bundesliga."

Dieses Engagement lässt sich die Liga nach Deutschlandfunk-Recherchen einen siebenstelligen Betrag kosten. Rund die Hälfte der Bundesliga-Clubs nutzen diese Live-Daten. Und diese Service-Leistung der Liga hat natürlich Folgen für „Prozone", Geschäftsführer Jens Urlbauer:

"Auf gut deutsch entzieht es uns eins bisschen das Geschäftsmodell. Weil wir natürlich bisher ausschließlich in der Nachbereitung für die Klubs im Profibereich gearbeitet haben und diesen Medienbereich nicht bearbeitet haben. Aber durch dieses Zusammenwachsen der Märkte, haben wir natürlich eine Situation, wo, verständlicherweise, Klubs sagen: Naja, wenn ich die Daten kostenlos kriege, warum soll ich die für viel Geld bei Euch kaufen. So toll, so viel anders, seid ihr auch nicht, wenn es mir um Tendenzen, um grundsätzliche Dinge geht, reicht mir das und ich spare das Budget und kann damit was anderes machen."

Während „Opta" und „Impire" eher aus dem Medienbereich kommen, also Rundfunkanstalten und Zeitungen mit Daten versorgten, hat „Prozone" seine Wurzel im klassischen Scouting-Geschäft. Nun treffen sich beide Seiten in der Mitte. Jens Urlbauer kann diese Entwicklung gut auf einem Chart darlegen, den Mitarbeiter Scheibe auf dem Laptop aufruft. Sieben Säulen stehen da nebeneinander, die jeweils ein Level darstellen. Während Level 1 Aufstellung und Ergebnis beinhaltet, finden sich in Level 2 Spieldaten wie Abseits und Ballbesitz, in Level 3 Teamdaten, also Pässe und Flanken und in Level 4 Spielerdaten wie Ballgewinne...

"Das ist eigentlich so der Medienbereich, geht bis maximal zu Ebene fünf, wo man nicht nur sagt, welche Ereignisse Spielerbezogen stattfinden sondern auch wo auf dem Feld."

Urlbauers Zeigefinger fährt weiter:

"Und das ist eigentlich das was wir als den professionellen Bereich beschreiben, wo wir eigentlich erst anfangen in der Datentiefe."

Level fünf beinhaltet individuelle Ballbesitzzeiten und Spielgeschwindigkeiten und Level sechs wird dann noch detaillierter, während Level sieben, also die letzte Stufe, ein komplettes Tracking beinhaltet. Doch die Öffentlichkeit, das zeigt die Bundesliga-Berichterstattung Wochenende für Wochenende, hat immer mehr Interesse an solchen Daten:

"Das ist eigentlich der Grund, warum Medien, warum professioneller Bereich und Medienbereich zusammenwachsen, weil sich der Medienbereich nach rechts bewegt. Und nicht, weil sich im professionellen Bereich viel ändert. Oder?"

"Ja, da kommt mal der Ballbesitz hinzu, wie oft aufs Tor geschossen wurde. Fehlpass-Quoten und mittlerweile hat man ja schon Geschwindigkeiten oder Distanzen, die bei der Auswechslungen angezeigt werden."

Jannis Scheibe, Consultant bei „Prozone" bestätigt Urlbauers Version. Um auf diese Entwicklung zu reagieren, versuchen die Düsseldorfer nun auch Medien-Unternehmen zu beliefern, beispielsweise während der anstehenden Weltmeisterschaft im Sommer in Brasilien. Aber, sie stellen die Qualität ihrer Arbeit in den Vordergrund. Jens Urlbauer:

"Um es so auszudrücken: Ich setzte schon in erster Linie auf den Faktor Mensch. Weil die Daten, wie gesagt, die sind da, die sind mehr oder weniger auch nicht so wertvoll, wie das vor zwei oder drei Jahren war. Und die Frage ist halt, wie interpretiere ich sie, was mache ich damit? Wir sehen uns auch nicht als Datenlieferant, sondern wir sehen uns als Unternehmen, was mehr oder weniger eine komplett Lösung anbietet: Software, Hardware, Daten, Beratung..."

In der Praxis sieht es dann so aus, dass die Consultants wie eben Jannis Scheibe Spiele analysefertig und auf Wunsch der Kunden zubereiten.

"Da gebe ich Ihnen jetzt mal einen kurzen Überblick, wie wir unsere Post-Match-Analyse Software funktioniert. Wir nennen ihn den Viewer, da hat man unterschiedliche Bereiche.."

Für eine seriöse Analyse müssen zuvor die Daten dazu erst einmal aufbereitet werden. Denn während bei den Live-Daten mitunter auch Fehler auftreten – so kann die Spielerzuordnung beispielsweise nach einem Eckball nicht mehr stimmen, wodurch die danach erhoben Werte auch falsch zugeordnet werden – geschieht dies bei der Nachbereitung manuell. Dazu werden technisch, taktische Ereignisse wie beispielsweise Eckbälle und Schüsse codiert. Rund zweieinhalbtausend Ereignisse sind dies. Danach werden dann Animationen erstellt und mit Algorithmen gerechnet, wodurch die Datenzahl in die Millionen schnellt.

"...Befreiungsschläge. Also das sind alles Aktionen, die im Spiel objektiv messbar sind. Was wir nicht anbieten, sind subjektive Eindrücke, weil da natürlich die Gefahr besteht, dass ein Trainer das ganz anders sieht."

Wer Scheibe bei seiner Analyse zusieht, wer die Vielzahl an Daten sieht, aber auch gleichzeitig die dahinter versteckten Möglichkeiten erkennt, der bekommt einen Eindruck davon, warum Urlbauer sich trotz der an Wert verlierenden Daten, wenig Sorgen um sein Geschäft macht. Zumal die Kosten für einen Fußball-Bundesligisten angesichts der Transferzahlungen in Millionenhöhe vergleichsweise gering erscheinen Zwischen 50.000 und 100.000 Euro kostet das komplette Paket mit Tracking-Daten, videobasierte Analysen sind schon ab 30.000 Euro zu haben.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk