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StartseiteKommentare und Themen der WocheEine einzige Pandemie-Farce11.06.2021

Fußball-EuropameisterschaftEine einzige Pandemie-Farce

Ein Turnier in elf Städten, elf Ländern und mit 68.000 Fans im Stadion von Budapest – die Fakten lassen nicht wenige fremdeln mit dieser Fußball-EM. Sie ist in diesem Format in Corona-Zeiten die falsche Entscheidung und der letzte Beweis dafür, dass der Fußball eine absolute Sonderrolle hat.

Ein Kommentar von Matthias Friebe

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Französische Fußballspieler beim Training vor dem EM-Auftakt in Clairefontaine-en-Yvelines am 11. Juni 2021 (AFP / FRANCK FIFE)
Französische Fußballspieler beim Training vor dem EM-Auftakt in Clairefontaine-en-Yvelines am 11. Juni 2021 (AFP / FRANCK FIFE)
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König Fußball regiert die Welt, es ist mehr als die schönste Nebensache. Zum Start der Europameisterschaft sind Floskeln wie diese fleißig zu lesen. Ab heute also dürfen wir alle uns ablenken vom Corona-Blues und stattdessen Ronaldo, Müller und Co. zuschauen.

Keine Angst, von weiteren Floskeln bleiben Sie an dieser Stelle verschont. Aber König Fußball passte selten so gut wie heute. Was in Rom beginnt mit der Partie Italien-Türkei ist, wenn es das überhaupt noch brauchte, der letzte Beweis dafür, dass der Fußball eine absolute Sonderrolle hat.

Den Umsatz auf die nächste Stufe heben

Allein die Fakten lassen nicht wenige fremdeln mit dieser EM. Ein Turnier in elf Städten, in elf Ländern, viele Reisen quer über den Kontinent und sogar darüber hinaus. 68.000 Fans im voll besetzten Stadion von Budapest. Und das alles in diesen Zeiten.

Die deutsche Nationalmannschaft im Trainingslager. (IMAGO/Eibner) (IMAGO/Eibner)Fußball-EM – Autorin: Hoffnung auf das Ende der Pandemie
Ob die Fußball-EM in Deutschland auf große Begeisterung stoßen werde, sei noch unklar, sagte die Autorin Dagrun Hintze im Dlf. Viele Fans seien von den Skandalen der Verbände abgestoßen. Trotzdem habe das Turnier das Potenzial, der Hoffnung auf das Ende der Pandemie Nahrung zu geben.

Was vor einigen Jahren als fixe Idee begann, ist heute eine einzige Pandemie-Farce. Natürlich - und das war schnell klar -  war die Idee Michel Platinis, ein Turnier auf dem ganzen Kontinent auszutragen, viel mehr als das völkerverbindende Symbol, viel mehr als das große fußballerische Zeichen, als dass es die UEFA gerne verkaufen wollte. Diese EM dient, welch Überraschung, vor allem dazu, Sponsoren- und Fernsehgelder zu generieren, den Umsatz auf die nächste Stufe zu heben.

Verstehen Sie mich nicht falsch, es geht nicht darum, dieses Turnier auf korrupte und geldgierige Funktionäre zu reduzieren. Es geht mir nicht darum, allen, die sich sehr auf das Turnier freuen, auch noch diesen Sommerspaß zu nehmen. Ich finde: Diese EM in diesem Format ist in Corona-Zeiten einfach die falsche Entscheidung. Von der vielbeschworenen Vorbildrolle des Fußballs ganz zu schweigen.

Sonderrechte für den Fußball

Die UEFA braucht das Turnier zum finanziellen Überleben. So lässt sich auch verstehen, warum die Ausrichterstädte Bilbao und Dublin kurzerhand aussortiert wurden, als diese die eingeforderten Garantien nicht abgeben wollten, in jedem Fall Fans in die Stadien zu lassen.

Aber das kann sich eben nur der Fußball erlauben: Sonderrechte verlangen in der Pandemie. Da wird es schon fast zur Randnotiz, dass das Bundeskabinett allen Turnier-Akkreditierten die sonst übliche Quarantänepflicht erlassen hat, selbst wenn jemand aus einem Virusvariantengebiet einreist.

Von solchen Privilegien können Kunst- und Kulturschaffende, Musiker, Schauspieler, Kinobetreiber und so viele andere noch nicht einmal träumen, die seit Monaten darauf warten, überhaupt wieder in einigermaßen normalem Rahmen arbeiten zu dürfen.

König Fußball, sorry, da kommt die Floskel doch noch einmal, regiert eben auch 2021 noch die Welt.

Matthias Friebe (Deutschlandfunk – Aktuelles, freier Mitarbeiter)  (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe (Deutschlandradio / Bettina Fürst-Fastré )Matthias Friebe, Jahrgang 1987, Journalist, studierte Neuere und Neueste Geschichte, Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Münster und Duisburg-Essen. Volontariat bei domradio.de und Ausbildung an der Journalistenschule ifp in München. Danach arbeitete er als Moderator und Redakteur für WDR, Deutschlandfunk und domradio.de. Heute ist er Redakteur in der Sportredaktion des Deutschlandfunks.

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