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StartseiteKommentare und Themen der WocheGrenzerfahrung zwischen Euphorie und Abscheu11.07.2021

Fußball-EuropameisterschaftGrenzerfahrung zwischen Euphorie und Abscheu

Die vergangenen Wochen waren für Fußballfans ein Wechselbad der Gefühle: Neben attraktiven EM-Spielen irritierten die Bilder von jubelnden Menschenmassen inmitten einer Pandemie und die unerbittliche Haltung der UEFA, kommentiert Klaas Reese. Bei der WM in Katar würden noch mehr Grenzen überschritten.

Von Klaas Reese

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Fußballfans sitzen in einem Café und schauen ein EM-Spiel der deutschen Mannschaft (picture alliance / Daniel Kubirski )
Public Viewing in Deutschland während der Corona-Pandemie - der Fußball brachte auch so etwas wie Normalität zurück. Aber zu welchem Preis? (picture alliance / Daniel Kubirski )
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In den vergangenen Wochen musste ich immer wieder an dieses eine Lied denken. Darin besingen die Hip Hopper von "Fettes Brot" mit dem Ärzte-Trommler Bela B. und Marcus Wiebusch von Kettcar ihre Entfremdung vom Fußball und wie sie dann irgendwann doch wieder in der Kurve stehen und merken: "Fußball ist immer noch wichtig".

Nach einer quälend langweiligen Bundesliga-Saison ohne Zuschauer in den Stadien fühlte ich bei der Europameisterschaft ähnlich, denn auf einmal war da wieder etwas Lust am Fußball schauen. Nicht nur weil man sich dank gesunkener Inzidenz mal wieder mit Freunden zum Rudelgucken im Garten treffen konnte, sondern auch weil manches Spiel begeisterte.

Fettes Brot singen: "Fußball, mein alter Kumpel Fußball". Und ja - da war er wieder, mein alter Wegbegleiter.

(Deutschlandradio) (Deutschlandradio)

Maßlosigkeit und Raffgier der großen Sportverbände

Aber so ganz unbeschwerter Fußballgenuss war es dann doch nicht, denn der europäische Fußballverband UEFA reihte sich mit seiner EM in elf Ländern inmitten einer Pandemie nahtlos ein in die Kette der Verbände, die seit Jahren mit Korruption oder Geschäftemacherei Negativschlagzeilen produzieren. IOC, FIFA, UEFA – sie alle eint, dass sie mit dem Sport, mit dem Fußball, zwar eine der schönsten Nebensachen der Welt zu weltweit erfolgreichen Massenevents aufgebaut haben, sie zeigen aber auch unisono, wohin Maßlosigkeit und Raffgier führen können.

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So war auch diese EM ein Wechselbad der Gefühle, denn neben dem schönen Spiel irritierten die Bilder von jubelnden Menschen, die ein Ende der Pandemie suggerierten, und es dominierte die unerbittliche Haltung der UEFA.

Ein Verband, der die dänische Mannschaft indirekt zum Weiterspielen zwang, obwohl ihr Mannschaftskollege um sein Leben rang. Ein Verband, der Spielorten die Austragung von Spielen untersagte, weil sie keine Zuschauer im Stadion garantieren mochten. Ein Verband, der sich vermeintlich mit Marketingslogans für die Rechte aller einsetzt, dann aber Regenbogenfarben verbietet. Ein Verband, der in London inmitten steigender Inzidenzen auf Finalspiele vor zigtausenden Fans besteht.

Der Fußball als Vehikel, um mit Bildern von jubelnden Menschen Autos, Nahrung oder Sportartikel zu verkaufen. Koste es, was es wolle.

Die Liebe zum Fußball steht auf dem Spiel

Natürlich, dessen bin ich mir bewusst, bin ich das beste Beispiel dafür, dass die Masche der UEFA voll aufgeht, denn dank der Fans in den Stadien packten auch mich wieder fast vergessene Emotionen, auch wenn dieses aufgeblähte Turnier mit 24 Mannschaften längst nicht so fesselnd war wie frühere Ausgaben. Und dennoch ärgere ich mich darüber, dass ich mich wieder so fassen ließ vom "wunderschönen Fußball".

Diese EM ist also eine Grenzerfahrung zwischen Euphorie und Ernüchterung. Zwischen der Liebe zum Spiel und der Abscheu gegenüber der Gier der Funktionäre. Ein innerer Kampf um die Entscheidung, ob man da eigentlich noch mitmachen möchte, noch zuschauen will. Ließ ich mich zunächst noch fesseln, war ich deshalb ab dem Viertelfinale nur noch sporadisch dabei. Ganz aufs Fußballschauen verzichten ging aber auch nicht – eine Inkonsequenz, mit der ich unter Fußballfans sicher nicht alleine bin.

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Und am Horizont dräut das nächste Ungemach für den zweifelnden Fan, denn im November 2022 startet in Katar die Fußball-Weltmeisterschaft. Koste es was es wolle. Ein gekauftes Turnier mitten im Winter in einem homofeindlichen Staat, der ohne Rücksicht auf Verluste in der Wüste Stadien baut und den Tod von über 3.500 Bauarbeitern in Kauf nimmt.

Nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen habe ich für mich beschlossen, dass hier meine Grenze endgültig überschritten ist. Fußball ist schön, Fußball ist mir wichtig. Aber die WM in Katar werde ich nicht schauen.

Und Sie?

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