Montag, 10.12.2018
 
StartseiteSport am WochenendeFußball für Frauenrechte24.04.2011

Fußball für Frauenrechte

Das Turnier Discover Football bereichert das kulturelle Programm der Frauen-WM

Discover Football - Entdecke den Fußball. Dieses Motto haben sich Spielerinnen aus Berlin auf die Fahnen geschrieben. Ende Juni, zeitgleich mit der Frauen-WM, veranstalten sie ein internationales Turnier in Kreuzberg. Sieben Teams reisen aus aller Welt an, in ihren Heimatländern verbinden sie Fußball mit Projekten für die Gleichberechtigung der Frau - oder gegen Aids und Armut.

Von Ronny Blaschke

Marlene Assmann im April 2006 in Teheran (privat)
Marlene Assmann im April 2006 in Teheran (privat)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast

Im April 2006 fahren die Fußballerinnen von Al Dersimspor in einem Bus durch Teheran. Mit dabei ist die Filmstudentin Marlene Assmann. Sie kann nicht glauben, dass sie so weit gekommen ist. Monate lang hat Assmann sich für diese Reise eingesetzt, für Visa, Sponsoren, Unterkünfte. Al Dersimspor, eine multikulturelle Auswahl aus Berlin-Kreuzberg, will das iranische Nationalteam herausfordern, im ersten offiziellen Frauen-Spiel seit 1979. Marlene Assmann und ihre Freundinnen passen sich den iranischen Regeln an. Mit Kopftüchern gehen sie ins Spiel – und schreiben Geschichte.

"Als wir aus der Kabine kamen nach dem Umziehen, waren tatsächlich Zuschauerinnen da. Irgendwie plötzlich war alles da, was wir uns so lang vorgestellt hatten, und es war dann echt total überwältigend."

"War dann auch ziemlich laut, es waren Zuschauerinnen da, also Frauen dürfen ja in Iran sonst nicht ins Stadion, und dadurch war es für die auch so eine total die Möglichkeit zu zeigen, dass sie wissen, wie man sich im Stadion verhält."

Das Spiel endet 2:2, doch das ist Nebensache. Männern wurde der Zutritt verwehrt. Auf den Tribünen singen und tanzen 1000 Zuschauerinnen, einige protestieren sogar gegen die Unterdrückung der Frau.

Die Spielerinnen von Al Dersimspor wollen ihre Gastgeberinnen kennenlernen. Unmöglich. Sittenwächterinnen verfolgen Assmann und ihre Freundinnen auf Schritt und Tritt. Kein Problem, denken sie sich, das Treffen wird nachgeholt, beim Rückspiel in Berlin, 2007. Doch kurz vor der Partie kommt die Nachricht aus Iran: das Team könne nicht aus reisen, wegen "technischer Probleme".

"Das war eine große Enttäuschung, und daraus kam dann aber auch die Idee mit dem Turnier Discover Football, weil wir dachten, es ist viel besser, wir organisieren ein Turnier als ein einzelnes Spiel. Wenn dann eine Mannschaft nicht kommt, dann gibt es immer noch alle anderen Spiele, und dann kann man immer noch gucken, wen man stattdessen einlädt. Aber es ist nicht so, es gibt eine Absage und es heißt: alles fällt ins Wasser."

Der Freundeskreis um Marlene Assmann gründet einen Verein: Fußball und Begegnung. Dieser Name verdeutlicht Assmanns Biografie. In ihrer Kindheit hatte ihre Familie nie länger als zwei Jahre in einer Stadt gelebt. Ob Jerusalem, Los Angeles oder Heidelberg, durch den Fußball hat Assmann Freunde gefunden.

Im Sommer 2010 organisieren sie ihr erstes internationales Turnier: Discover Football, Entdecke den Fußball. Ihr Ziel: Das Kennenlernen von Kulturen.

"Wir hatten ein Team aus Afrika, aus Sambia, und die haben beim Warmmachen immer getanzt. Die haben nichts gemacht, ohne gleichzeitig zu singen. Und jede Aufwärmübung sah eigentlich mehr aus wie ein Tanz als wie eine Übung. Und dann haben auch alle anderen Mannschaften gleich versucht, mit einzusteigen und sie haben auch uns beigebracht, wie ihre Übungen gehen."

Der Verein "Fußball und Begegnung" sucht nach Unterstützung, und findet sie im Auswärtigen Amt und im Deutschen Fußball-Bund. Die zweite Auflage des Turniers "Discover Football" wird Ende Juni in Kreuzberg stattfinden, zeitgleich mit der Frauen-WM im eigenen Land. Vierzig Teams aus aller Welt haben sich beworben, sieben erhielten eine Zusage. Die 29-jährige Assmann und ihre Mitstreiter haben nicht nur auf sportliches Talent geachtet.

"Was bedeutet es für sie, Fußball zu spielen: hat das gesellschaftliche Gründe? Dass zum Beispiel Frauenfußball in ganz vielen Ländern wahnsinnig viel mit Aufklärungsarbeit zu tun hat. Und Frauenfußball einfach eine Möglichkeit bietet, Frauen zu vernetzen und oft geht’s auch darum, sie durch den Sport zu mehr Selbstbewusstsein zu helfen, dass sie dann auch in anderen Bereichen des Lebens anwenden können."

In diesem Sommer werden unter anderem Teams aus Afghanistan, Indien oder Ruanda kostenfrei nach Berlin reisen dürfen. Ihre Spielerinnen verbinden den Fußball mit Projekten gegen Aids oder Kinderarmut. In Deutschland erweitern sie nun ihr Netzwerk und beseitigen in Europa Klischees über ihre Heimat. Im vergangenen Jahr wollte Marlene Assmann ihren Gästen noch professionelle Trainer an die Seite stellen. Doch diese Idee hat sie schnell verworfen.

"Und als wir die Teams gesehen haben, war sofort klar, dass das irgendwie so ein komischer, imperialistischer Gedanke ist. Das war dann gleich klar, dass es viel interessanter ist, die Teams zu durchmischen und dann trainieren zu lassen, als denen jetzt einen europäischen Trainer vorzusetzen."

Ein Sportgelände in Potsdam, idyllisch gelegen am Templiner See. Normalerweise trainiert hier der Deutsche Meister Turbine Potsdam. Doch heute trifft sich das Team von Discover Football. 100 Fußballerinnen aus Berlin und Brandenburg haben sich beworben, 13 wurden ausgewählt, um im Juni als Gastgeber in das Turnier zu gehen. Auch sie engagieren sich in ihrer Freizeit. Gegen Rassismus, Atomkraft oder für Kinder mit Behinderungen. Discover Football soll ein Kulturfestival. Mit Konzerten, Diskussionen, Ausstellungen. Der Begriff Fußball und Begegnung ist dabei durchaus wörtlich zu nehmen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk