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StartseiteForschung aktuellForschungsprojekt: Spielerische Konfliktvermeidung im Irak14.08.2020

Fußball gegen VorurteileForschungsprojekt: Spielerische Konfliktvermeidung im Irak

Vorurteile bekämpft man am besten mit zwischenmenschlichen Kontakten. Diese über 60 Jahre alte Hypothese eines US-Psychologen ist Grundlage einer Studie, für die sogar eine Fußballliga gegründet wurde: Vertriebene Christen und Muslime aus dem Nordirak treten gegeneinander an, teils in gemischten Teams.

Von Tomma Schröder

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Detailaufnahme Fußballerbeine, Zweikampf (Symbolbild) (picture alliance / imageBROKER / Michael Weber)
Konfliktinterventionen durch Sport oder Theater gibt es an vielen Orten, im Nordirak wurde eine Fuballliga gegründet (picture alliance / imageBROKER / Michael Weber)
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Es sind über Hunderttausend – oft christliche – Iraker, die im Sommer 2014 durch eine brutale Offensive des IS vom einen auf den anderen Tag ihr Haus, ihrer Heimat, oft auch Verwandte verlieren. Eine traumatische Erfahrung für viele Vertriebene, sagt Salma Mousa, Politikwissenschaftlerin und Konfliktforscherin an der Stanford University.

"Und die altbekannte Frage ist: Wie lässt sich eine Gesellschaft nach einem solchen kollektivem Trauma wieder aufbauen? Wie können sich Nachbarn wieder in die Augen schauen? Und leider ist dies kein Einzelfall. Dieselben Fragen stellten wir nach den Konflikten in Ruanda, Bosnien und Sierra Leone. Wir stellen diese Fragen immer noch in Syrien, im Jemen, in Libyen und anderswo. Wir haben also das dringende Problem, wie wir nach einem Krieg den sozialen Zusammenhalt wieder herstellen können."

Können Kontakte Vorurteile abbauen?

Eine Antwort auf diese Frage könnte die soziale Kontakthypothese liefern. Sie wurde bereits vor 60 Jahren vom US-Psychologen Gordon Allport aufgestellt.

"Die Idee ist, dass ein positiver persönlicher Kontakt über Gruppengrenzen hinweg Vorurteile abbauen, Freundschaften aufbauen und insgesamt die Beziehungen zwischen Gruppen verbessern kann. Aber wir wissen nicht wirklich, ob dies nach Gewalttaten funktioniert, und es gibt viele Gründe anzunehmen, dass dies nicht der Fall ist."

Daher wollte Salma Mousa die These im Nordirak gründlich prüfen. Weil die vertriebenen irakischen Christen sich eine Fußballliga wünschten, gründete sie gemeinsam mit NGOs eine und stellte verschiedene Teams zusammen: Kontroll-Teams, die nur aus Christen bestanden. Und – nach einigen Diskussionen mit den christlichen Gemeinden – auch Teams, in denen irakische, ebenfalls vertriebene Muslime mitspielten.

Gemischtes Ergebnis

Solche Konfliktinterventionen kennt man schon lange, sie werden an vielen Orten durchgeführt – nicht nur mit Fußball-Mannschaften, auch mit andern Sportarten oder Theatergruppen. Doch Mousa begleitete das Projekt sehr aufwendig und erfasste in zwei Befragungswellen Unterschiede im Verhalten und in der Einstellung der Fußballspieler.

"Hat es funktioniert? Ja und nein. Einerseits hat das Spielen in gemischten Teams die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Menschen bei der Verleihung eines Sportpreises für einen muslimischen Spieler stimmen, dass sie sechs Monate später mit muslimischen Spielern trainieren oder sich für gemischte Teams anmelden. Kontakt verbessert also wirklich diese Art von Interaktion zwischen den Spielern. Auf der anderen Seite schien das Spielen in einer gemischten Mannschaft keinen großen Einfluss darauf zu haben, wie sich die Menschen generell gegenüber Muslimen verhalten."

Wer in einem gemischten Team spielte, war trotzdem nicht aufgeschlossener, an gemischten gesellschaftlichen Veranstaltungen teilzunehmen, als die Spieler in den rein christlichen Teams. Und auch der Grad an Zustimmung zur Aussage, dass muslimische Gruppen für das Leiden der Christen verantwortlich sind, unterschied sich nicht. Der Abbau der Vorurteile fand also gegenüber den muslimischen Bekannten statt, nicht aber gegenüber den Muslimen im Allgemeinen.

Fußball gegen Hassreden

Der Marburger Sozialpsychologe Ulrich Wagner ist von diesen Ergebnissen nicht überrascht. Und dennoch, so Wagner, sei er beeindruckt von der "extrem aufwendigen und sauber gemachten Studie":

"Trotzdem würde ich jetzt umgekehrt nicht sagen, dass es sich um Befunde handelt, die Bagatellen sind. Wenn eine Gesellschaft dabei ist, die Folgen eines Krieges, eines Bürgerkrieges, zu überwinden, können eben solche Kontakt-Erfahrungen ein ganz wesentliches, hilfreiches Mittel sein, dass solche geänderten politischen Verhältnisse dann auch in der Bevölkerung ankommen."

Das sieht Salma Mousa ähnlich. Sie hat bereits viele weitere Projekte laufen. Eines zum Beispiel im Libanon, wo Einheimische und syrische Flüchtlinge gemeinsam Fußball spielen. Denn auch wenn damit allein kein Frieden zu schaffen sei, so dürfe man die Effekte doch nicht unterschätzen, meint Mousa.

"Wenn in Zukunft erneut Gewalt ausbricht oder wenn Politiker Hassreden halten, dann könnten diese persönlichen Verbindungen tatsächlich dafür sorgen, dass diese Gemeinschaften weniger empfänglich für solche Ressentiments sind."

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