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StartseiteSport am WochenendeKosovos UEFA-Beitritt sorgt für Diskussionen05.05.2016

FußballKosovos UEFA-Beitritt sorgt für Diskussionen

Seit Dienstag ist der Fußballverband des Kosovo 55. und neustes Mitglied der UEFA. Die bei der Beitrittsabstimmung nötige Mehrheit fiel beim UEFA-Kongress in Budapest knapp aus - und die Entscheidung sorgte bei einigen Nationalverbänden für Unmut.

Von Thilo Neumann

Flagge Kosovo (picture-alliance/ dpa / Matthias Schrader)
Der Kosovo ist das 55. Mitglied der Europäischen Fußballunion UEFA (picture-alliance/ dpa / Matthias Schrader)
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13. November 2015, Pristina im Kosovo. In der Hauptstadt der kleinen Balkanrepublik bejubeln die Zuschauer ein respektables 2:2 ihrer Fußball-Nationalmannschaft gegen Albanien - bei einem inoffiziellen Länderspiel. Kosovos Fußballverband FFK ist nicht Mitglied der UEFA, bei dem Freundschaftsspiel darf weder die Landesflagge gezeigt noch die Nationalhymne gesungen werden; EM- und WM-Qualifikationsrunden - für den Kosovo nur ein Traum.

Doch das ist seit Dienstag Geschichte. Beim UEFA-Kongress in Budapest wurde der FFK in die europäische Fußballfamilie aufgenommen. Für den Kosovaren Enis Alushi vom FC St. Pauli ein großer Moment: "Aus sportlicher Sicht ist es auf jeden Fall was Einmaliges und was sehr Großes für uns, da der Fußball im Kosovo einen sehr hohen Stellenwert hat. Es ist ein kleines Land mit sehr vielen talentierten Fußballern. Dass sich das Land darauf sehr freut bzw. dass es einen sehr hohen Stellenwert hat, ist natürlich dann klar für die Nation."

Kontroverse Debatte um UEFA-Statuten

Doch die Aufnahme in die UEFA wird nicht von allen Verbänden befürwortet. Bei der Abstimmung gab es nur eine knappe Mehrheit für den Antrag: 28 Verbände entschieden sich für den Beitritt, aber auch 24 dagegen.

Bereits im Vorfeld war es zu einer kontroversen Diskussion unter den Funktionären gekommen. Denn eigentlich sollte auf dem Kongress vor der Kosovo-Frage eine Satzungsänderung beschlossen werden, die die Kriterien für UEFA-Mitgliedskandidaten neu regeln sollte.

Änderungsvorschlag erreicht keine Mehrheit

Laut Artikel 5, Absatz 1 muss ein Mitgliedsverband seinen Sitz in einem Land haben, das von den Vereinten Nationen als unabhängiger Staat anerkannt ist. Die angedachte Änderung sah nun vor, dass der Heimatstaat des Verbands nicht von der UN, sondern stattdessen von den meisten europäischen Ländern anerkannt sein muss. Doch dieser Änderungsvorschlag erreichte nicht die nötige Zweidrittelmehrheit.

War eine Aufnahme des Kosovo so überhaupt möglich? Schließlich verweigert die UN dem Staat auf Grund eines russischen Vetos im Sicherheitsrat die Anerkennung. Vertreter von Serbien und Montenegro zweifelten daher die Rechtmäßigkeit der Abstimmung an. Doch die Verbände irren, meint Marius Breucker.

"Kosovo ist Teil eines anerkannten Staates"

Der Rechtsanwalt und Experte für Sportrecht interpretiert die UEFA-Satzung so: "Artikel 5 verlangt, dass der aufzunehmende Verband seinen Sitz in einem Staat hat, der von den Vereinten Nationen anerkannt ist. Man kann nun darüber streiten, wie der völkerrechtliche Status des Kosovo ist, aber jedenfalls ist der Kosovo doch Teil eines anerkannten Staates, nämlich Serbien. Und nicht mehr und nicht weniger verlangt Artikel 5."

Der serbische Verbandschef Karadzic warnte beim Kongress, dass mit einer Aufnahme des Nicht-UN-Mitglieds Kosovo "Schleusen geöffnet" werden könnten. Doch der kosovarische Verband stellt in der UEFA keinen Einzelfall dar. Marius Breucker verweist auf die britischen Inseln: "Dort gibt es einen Fußballverband wie zum Beispiel Schottland, der zweifellos über eine eigene Mannschaft verfügt und auch Mitglied der UEFA ist, und Schottland selber ist auch nicht Mitglied der Vereinten Nationen sondern allein Großbritannien als Völkerrechtssubjekt ist  dort Mitglied. Gleiches gilt für Nordirland oder Wales."

Auch FIFA-Mitgliedschaft bald möglich

Als UEFA-Mitglied kann der FFK nun auch in den Weltverband FIFA aufgenommen werden. Darüber wird schon nächste Woche beim FIFA-Kongress in Mexiko City entschieden. Gelingt auch dieser Schritt, ist für den Kosovo bereits eine Teilnahme an der Qualifikation zur WM 2018 möglich. Die findet ausgerechnet in Russland statt - einem Staat, der die Unabhängigkeit des Kosovo bis heute nicht anerkennt.

Für St. Pauli-Spieler Enis Alushi steht aber eh der Sport im Vordergrund. Der aktuelle Fußballer des Jahres im Kosovo glaubt, dass seine Nation im internationalen Vergleich gut aufgestellt ist: "Wenn ich da an einige Nationen denke, die bei internationalen Vergleichen teilnehmen, da sind wir denen weit voraus. Also wenn ich da an Nationen wie Luxemburg, Liechtenstein, Andorra, Gibraltar und sowas denke. Diese Mannschaften wurden schon aufgenommen und ich glaube nicht, dass diese Mannschaften an unsere Qualität herankommen."

Kleines Land mit großem Talentpool

Den Kern des Teams bilden Spieler von deutschen Zweit- und Schweizer Erstligisten. Der Talentpool in dem kleinen Land, halb so groß wie Hessen, ist dennoch enorm. Internationale Stars wie Granit Xhaka aus Mönchengladbach, Lorik Cana vom FC Nantes oder Ex-Bayern-Profi Xherdan Shaqiri haben sich aber in den letzten Jahren auf Grund der Sperre ihres Heimatlandes für andere Auswahlmannschaften entschieden. Ob sie nun zurückwechseln wollen oder dürfen, ist noch unbekannt.

Gerüchten zufolge soll der europäische Dachverband dem Kosovo bereits die Teilnahme an der WM-Qualifikation in Aussicht gestellt haben. Enis Alushi sieht darin einen wichtigen Schritt - nicht nur für sein Land, sondern auch für Europa. "Für uns ist erst einmal wichtig, dass wir überhaupt anerkannt werden", sagt Alushi. "Natürlich wäre es schön, wenn wir schon im Sommer an der WM-Qualifikation teilnehmen könnten, da viele Spieler im Ausland spielen in den höchsten Ligen und von daher wäre es für den europäischen Fußball sicherlich ein Gewinn, wenn wir dabei sein dürften."

 

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