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StartseiteSport am WochenendeStumpfes Financial Fairplay29.07.2017

FußballStumpfes Financial Fairplay

Die UEFA will mit dem Financial Fairplay den Fußball gerechter machen. Vereine sollen nicht mehr ausgeben, als sie einnehmen. Doch in diesem Sommer explodieren die Gehälter und Ablösesummen. Und der Europäische Fußballverband schaut machtlos zu.

Von Heinz Peter Kreuzer

 Luis Suarez (l.), Neymar und Lionel Messi (re.) vor einem Spiel in der Champions League gegen Paris St. Germain. (picture alliance / dpa / Aurelien Morissard)
Über seinen Wechsel wird spekuliert: Neymar (Mitte) vom FC Barcelona (picture alliance / dpa / Aurelien Morissard)
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"Es ist unmöglich, diese Klauseln zu bezahlen, wenn man das Financial Fairplay erfüllen will", sagt Barcelonas Präsident Josep Maria Bartomeu. Er meint damit die Ausstiegsklausel im Vertrag seines brasilianischen Superstars Neymar.

Für 222 Millionen Euro darf der Angreifer vorzeitig aus seinem bis 2021 laufenden Kontrakt herausgekauft werden. PSG will diese Rekord-Ablösesumme zahlen und die Financial Fairplay-Regeln angeblich umgehen, indem Neymar offiziell das Geld über einen Sponsorenvertrag erhält und sich selbst kauft. Aber auch solche Umgehungen werden von der Finanzkommission der Europäischen Fußball-Union UEFA untersucht.

Einnahmen und Ausgaben müssen ausgeglichen sein

Der Verstoß gegen die Finanzregeln ist für viele Juristen offensichtlich. Nach dieser Vorschrift müssen Einnahmen und Ausgaben den "Break-Even-Punkt" erreichen, also ausgeglichen sein.

Die UEFA erlaubt sogar ein Minus von fünf Millionen Euro, sagt der Rechtsanwalt Simon Karlin, ein Experte für diese Regeln. Das bedeutet:
"Fünf Millionen habe ich mehr ausgegeben als eingenommen. Einmalig darf dann ein potentieller Investor die Differenz 30 Millionen ausgleichen. Aber selbst das dürfte bei einer Ablösesumme von 222 Millionen Euro schwierig sein, das ich gegenüberstellen kann Einnahmen in gleicher Höhe, dass ich hier zum Schluss break even bin."

Den Vereinen drohen Sanktionen

Stellt die UEFA-Finanzkammer einen Verstoß von PSG fest, drohen Strafen. Ein Ausschluss aus den europäischen Wettbewerben für ein Jahr ist die Höchststrafe.

Rechtsanwalt Karlin nennt weitere: "Es können Geldstrafen verhängt werden, es kann eine Kaderreduktion verordnet werden, und es können Investitionen in Infrastruktur verordnet werden, und das kann auch in einem Vergleich passieren."

Kalkuliert Milans Investor mit einer Sperre?

Neben Paris schreibt auch der AC Mailand Schlagzeilen wegen seiner Transferpolitik. Ein chinesischer Investor will den Verein wieder an die Spitze Europas führen. Deshalb hat Milan in diesem Sommer schon 190 Millionen Euro für neue Spieler ausgegeben und weist derzeit eine negative Transferbilanz von 166 Millionen Euro aus.

Andere Vereine - darunter der Stadtrivale Inter - fühlen sich von dieser Politik bedroht und haben die UEFA zu einer Prüfung der Milan-Finanzen aufgefordert. In Italien wird spekuliert, dass AC-Präsident Li Yonghong eine einjährige Sperre für die internationalen Wettbewerbe einkalkuliert, um eine schlagkräftige Mannschaft aufzubauen. Denn die Transfers werden trotz dieser Verstöße nicht rückgängig gemacht.

Die Juristen streiten

Wie wirkungsvoll die Financial Fairplay-Regeln letztendlich sind, muss noch geklärt werden. Nach Meinung vieler Juristen verstoßen die Vorschriften jedoch gegen europäisches Kartellrecht. Der Kartellrechtsexperte Mark E.Orth: "Natürlich können Branchenverbände, wie es ja letztendlich die UEFA ist, ihre Mitglieder dazu verpflichten, unlauteren Wettbewerb zu unterlassen. Allerdings reichen die Financial Fairplay-Regelungen weit über Lauterkeitsvorschriften hinaus, etwa bei der Erschwerung von Fremdkapitalaufnahme. Die Financial Fairplay-Regelung zielt ausdrücklich darauf ab, die Entwicklung bei den aufgeblasenen Spielergehältern abzubremsen, abzumildern, und insoweit ist es ein klares Preiskartell, was unzulässig ist." 

Doch trotz zahlreicher Klagen gibt es noch keine Klärung, weil sich der Europäische Gerichtshof und auch nationale Instanzen vor einer Entscheidung drücken. Aus formalen Gründen wird die Sachfrage der Kartellrechtswidrigkleit nicht beantwortet. 

"Diese Blase könnte platzen"

Die deutschen Vereine haben weniger Probleme mit dem Financial Fairplay-Reglement. Denn in den Profiligen existiert schon lange ein Lizenzierungsverfahren, das die Finanzen der Klubs jährlich prüft. Einer der Schöpfer dieser Finanzprüfung war Wolfgang Holzhäuser. Der ehemalige DFB-Funktionär und Bundesliga-Manager mahnt angesichts der horrenden Transfersummen und Gehälter: "Man soll sich schon einmal fragen, was denn eigentlich passiert, wenn einer oder mehrere der Investoren ausfallen würden. Dann würde sicherlich diese Blase platzen und das wäre für den gesamten Fußball äußerst schwierig."

Für Holzhäuser wird derzeit zu viel kritisiert und zu wenig gehandelt. Er sieht Ligen und Verbände in der Verantwortung. "Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass man sich ernsthaft mit der Frage befassen sollte, das gilt für die UEFA insbesondere, vielleicht auch für die Deutsche Fußball-Liga, nach amerikanischem System ein so genanntes Salary-Cap oder Draft-System einzuführen. Das ist natürlich rechtlich kompliziert und man muss dafür eine Rechtsgrundlage schaffen."

Forderungen nach Salary Cap und Tarifvertrag 

Für den Kartellrechtsexperten Orth liegt die Lösung auf der Hand: "Will man so etwas kartellrechtsfest regeln, muss man einen Tarifvertrag mit der Gegenseite vereinbaren, indem dann Salary-Caps aufgenommen werden."

Aber darüber wird derzeit bei den Entscheidungsträgern nicht nachgedacht. Auch wenn beispielsweise die deutsche Spielergewerkschaft VdV einen Tarifvertrag fordert.

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