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StartseiteSport AktuellLückenhafte Kontrolle von Bundesliga-Hygienekonzept31.08.2020

Fußball und CoronaLückenhafte Kontrolle von Bundesliga-Hygienekonzept

Die Politik lobt das Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga. Bei mindestens elf Klubs aus der 1. und 2. Liga wird die Umsetzung aber nicht von externen Stellen wie Gesundheitsämtern kontrolliert. Stattdessen soll die Liga sich selbst kontrollieren - beantwortet dazu aber keine Fragen.

Von Maximilian Rieger

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Mit Abstand und Mundschutz auf der Tribüne: Die Ersatzbank vom SC Paderborn beim Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund. (imago images / Poolfoto)
Mit Mundschutz und Flatterband: Beim SC Paderborn hat das Gesundheitsamt das Hygienekonzept kontrolliert (imago images / Poolfoto)
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Auf fast 90 Seiten ist das Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) inzwischen angewachsen. In dem Konzept legt die Liga fest, was die einzelnen Klubs beachten sollen, um den Spielbetrieb zu ermöglichen: Wie häufig sollen die Spieler und Betreuer getestet werden, wie verläuft die Anreise und wie arbeiten die TV-Produktionsfirmen - auf all das gibt das Konzept teils sehr detailliert Auskunft.

Umsetzung wird nur lückenhaft kontrolliert

Ob die Vorgaben auf dem Papier aber in der Praxis umgesetzt werden, wird bei mindestens elf Vereinen aus der 1. und 2. Bundesliga nicht kontrolliert. Das ergab eine Deutschlandfunk-Abfrage bei den zuständigen Gesundheitsämtern, bei einigen Standorten wurden zudem die örtlichen Ordnungsämter und Arbeitsschutzbehörden kontaktiert.

In der abgelaufenen Saison hat es laut Auskunft der Behörden bei 15 Clubs Kontrollen gegeben. Bei elf Vereinen gab es keine Kontrolle, bei den restlichen Standorten hat es bis zum 28. August keine Rückmeldung gegeben. (Eigene Darstellung)Die Übersicht über die Kontrollen des DFL-Hygienekonzeptes. Stand: 31. August. (Eigene Darstellung)

14 Gesundheitsämter melden, dass sie die Umsetzung des Hygienekonzeptes mindestens einmal vor Ort, also im Stadion und/oder am Trainingsgelände, überprüft haben. Da das Gesundheitsamt Rhein-Neckar sowohl für die TSG Hoffenheim als auch den SV Sandhausen zuständig ist, sind somit mindestens 15 von 36 Klubs kontrolliert worden.

Kaum Beanstandungen bei Kontrollen

An einigen Standorten haben die Behörden sogar alle jeweiligen Heimspiele der Mannschaften kontrolliert, zum Beispiel in Freiburg, Bremen und Bielefeld, wo zusätzlich auch ein Training besucht wurde.

Größere Verstöße gegen das Konzept meldet kein Gesundheitsamt. Das Wolfsburger Gesundheitsamt habe bei den mehr als zehn Kontrollen bei den Frauen und Männern lediglich Verbesserungshinweise gegeben. "Vor allem mussten beispielsweise Spieler*innen auf der Reservebank an den korrekten Maskensitz (auch Nase bedecken) erinnert werden", schreibt die Behörde.

Behörden setzen andere Prioritäten als Profifußball

An anderen Standorten wurde das Konzept zwar mit dem örtlichen Gesundheitsamt abgesprochen, die Umsetzung vor Ort allerdings nicht kontrolliert. Das Gesundheitsamt München meldet zum Beispiel, man sei mit dem FC Bayern München im stetigen Kontakt. Es habe aber keine Kontrolle gegeben. Ähnliches teilt auch das Gesundheitsamt Dortmund mit.

Das Gesundheitsamt Leverkusen schreibt, aufgrund der Vielzahl von zu kontrollierenden Örtlichkeiten könnten nicht überall Kontrollen durchgeführt werden. "Geisterspiele der DFL haben daher aufgrund der vergleichsweise geringen Personenanzahl und der durchgeführten Tests keine Priorität, so dass bislang keine Kontrollen erfolgt sind", heißt es in der Antwort.

Ersatzspieler von Eintracht Frankfurt auf der Tribüne mit Mundschutz. (Fotoagentur Sven Simon)Ob die Ersatzspieler von Frankfurt ihren Mundschutz aufbehalten, wird nicht kontrolliert. (Fotoagentur Sven Simon)

Andere Prioritäten hätten auch die zuständigen Behörden für Arbeitsschutz in NRW, teilt das Arbeitsministerium in Düsseldorf auf Anfrage mit. Man konzentriere sich bei den Kontrollen auf Bereiche mit potentiell prekären Arbeitsverhältnissen wie in der Fleischwirtschaft oder Paketdiensten. Ein gezielter Ressourceneinsatz im Profifußball sei "kaum vertretbar".

Aus Frankfurt heißt es, es sei nicht die Aufgabe des Gesundheitsamtes, Hygienekonzepte in der Praxis zu überprüfen. Die Auflage obliege dem Veranstalter, also Eintracht Frankfurt oder der DFL.

Politik fordert Selbstkontrolle von DFL

Dass die Deutsche Fußball Liga selbst für die Kontrolle zuständig ist, sieht auch die Politik so. Im Beschluss der Sportministerkonferenz aus dem April, der den Grundstein für die Geisterspiele gelegt hat, heißt es: "Die DFL hat im Sinne der Sportler und der ansonsten Beteiligten strengste hygienische und medizinische Voraussetzungen zu schaffen, durchzusetzen und gegenüber den Vereinen zu überprüfen."

Auch die Bundesgierung schreibt in einer Antwort auf eine Anfrage der Sportpolitikerin Monika Lazar (Grüne), dass zuallerst die Vereine der 1. und 2. Bundesliga für die Umsetzung in der Verantwortung stehen. Sie seien es auch, die entsprechende Sanktionen bei Verstößen anwenden und durchsetzen müssten.

Im Grunde soll sich die DFL also selbst kontrollieren. In einigen Fällen hat die Liga auch tatsächlich Strafen ausgesprochen, etwa als der Dortmunder Jadon Sancho bei einem Friseurbesuch gegen die Hygieneregeln verstoßen hat. Auch in anderen Fällen ist die DFL aktiv geworden – allerdings nur dann, wenn die Verstöße bereits öffentlich bekannt waren.

Die DFL schweigt und scheint Selbstkontrolle aufzugeben

Wie genau die DFL die Umsetzung des Hygienekonzepts überprüft, hatte der Deutschlandfunk bereits schon Mitte Mai bei der DFL angefragt. Auch nach mehreren erneuten Anfragen hat die DFL bis heute nicht auf diese und andere Fragen reagiert.

Dafür scheint die DFL die Frage nach der Selbstkontrolle in ihrem aktualisierten Hygienekonzept, das die Task Force von DFB und DFL vergangene Woche vorgestellt hat, selbst zu beantworten. Sie benennt darin vier Aktionsfelder, unter anderem auf Seite 4 den Punkt c: "logistische und organisatorische Maßnahmen zur Minimierung der Übertragungsgefahr am Trainings- und Spielort (inkl. Verhaltensregeln für alle Beteiligten) in Abhängigkeit von der Pandemieaktivität."

Auf Seite 6 findet sich dann der Satz: "Eine aktive Kontrolle der unter c) skalierten Maßnahmen durch die Task Force im Sinne von disziplinarischen Maßnahmen ist nicht vorgesehen." Das klingt nicht nach der Selbstkontrolle, die von der Politik gefordert wird.

Rheinland-Pfälzischer Sportminister fordert Kontrollen

Für Roger Lewentz, Sportminister in Rheinland-Pfalz, ist es unverständlich, dass die Behörden die Umsetzung der Konzepte nicht überprüft. "Die müssen kontrolliert werden", sagte der SPD-Politiker am Sonntag (30. August) im Deutschlandfunk.

Einige Zuschauer beobachten das Pokalfinale zwischen Paris St. Germain und AS St. Etienne im weitgehend leeren Stade de France. (imago / Aurelien Morissard) (imago / Aurelien Morissard)Lewentz (SPD) - "Die Gesundheit steht über allem"
Roger Lewentz, SPD-Innenminister von Rheinland-Pfalz, hat im Dlf betont, dass die Hygeniekonzepte bei den Bundesligisten vor Ort kontrolliert werden müssten. Ansonsten drohten Strafen von bis zu 5000 Euro.

In Rheinland-Pfalz sei in der Corona-Schutzverordnung eine Strafe von 5000 Euro für Vereinspräsidenten festgelegt, sollte ein Klub gegen die Verordnung verstoßen. Deswegen erwarte er, dass kontrolliert werde – auch anderen Standorten. "Das werde ich mit meinen Kollegen besprechen", so Lewentz. "Ich finde, jedenfalls auch für Mainz, da muss die Kreisverwaltung, das Gesundheitsamt kontrollieren, und das werden wir auf den Weg bringen."

Wie viele Tests braucht der Fußball?

Auch zu einer anderen Frage schweigt die DFL auf Anfrage des Deutschlandfunk, nämlich bei der Anzahl der Corona-Tests, die in der abgelaufenen Saison von den 36 Profiklubs genutzt wurden. Und auch die Vereine selber verweigern auf Anfrage Auskunft darüber, wie viele Tests sie gebraucht haben – und verweisen stattdessen auf die DFL.

Die Liga liefert aber in einer aktuellen Pressemitteilung zumindest einen Hinweis, wie viele Tests sie gebraucht hat. Sollte es an den jeweiligen Standorten mehr als fünf Neuinfektionen pro 100.000 geben, müssten die Vereine mindestens zweimal pro Woche testen. "Auf Basis der Erfahrungen aus der vergangenen Saison" geht die DFL dann von 3600 Tests pro Woche aus.

Ersatzspieler von Eintracht Frankfurt auf der Tribüne mit Mundschutz. (Fotoagentur Sven Simon) (Fotoagentur Sven Simon)Corona und Fußball-Bundesliga - Viele Tests, wenig Auskünfte
Seit der Ball wieder rollt, ist es still geworden um die Zahl der Coronatests und die Ergebnisse. Wir haben bei den Vereinen und den zuständigen Gesundheitsämtern nachgefragt.

Hochgerechnet auf die acht Wochen, in denen die abgelaufene Saison zu Ende gespielt wurde, ergibt dies 28.800 Tests. Eine Zahl, die etwas über dem Höchstwert von 25.000 liegt, den DFB-Arzt Tim Meyer im April zunächst prognostiziert hatte.

Widersprüchliche Angaben der Vereine

Auf exakt diese 28.800 Tests kommt man auch, wenn man einzige konkrete Zahl hochrechnet, die ein Verein auf Nachfrage benennt: Die TSG Hoffenheim mit "etwa 800" Tests.

Eintracht Frankfurt schreibt allerdings auf Nachfrage, dass es 30 Testreihen gegeben habe mit durchschnittlich 40 Personen im Testpool. Dies würde 1200 Tests allein für die Frankfurter in der abgelaufenen Saison bedeuten – und hochgerechnet rund 43.000 Tests für alle Klubs und mehr als 5000 Tests pro Woche.

Erik Durm (l.) und Andre Silva im Training von Eintracht Frankfurt am 3. April 2020 (www.imago-images.de) (www.imago-images.de)Corona-Tests in der Bundesliga - Keine Extrabehandlung?
Mitten in der Hochphase der Coronakrise im März wurde die ganze Mannschaft von Eintracht Frankfurt inklusive Betreuerstab und Trainerteam auf COVID-19 getestet. Zu einer Zeit, als Tests in Deutschland noch Mangelware waren. Das sorgte für Unmut. 

Borussia Mönchengladbach gibt sogar an, dass pro Testlauf bei rund 50 Personen Abstriche gemacht worden seien. Wenn der Testpool auch bei anderen Vereinen so groß war, würde das die Zahl der Tests weiter erhöhen.

Die Frage nach den Testkapazitäten

Relevant ist die Anzahl der Tests deswegen, weil die DFL immer wieder betont hat, dass die Liga bei möglichen Engpässen an Tests die Versorgung der Bevölkerung nicht beeinträchtigen wolle. "Es wäre absolut ungehörig, wenn wir auch nur einer Mitarbeiterin oder einem Mitarbeiter aus irgendeiner Klinik auch nur irgendeinen Test wegnehmen würden", meinte DFL-Chef Christian Seifert zum Beispiel im April.

Bei aktuellen Testkapazitäten von mehr als 1,4 Millionen Tests pro Woche scheinen die wenigen tausend Tests der Bundesliga nicht groß ins Gewicht zu fallen. Durch die starke Zunahme an Tests in Deutschland, unter anderem aufgrund der Tests für Reiserückkehrer, kommen einige Labore aber an ihre Belastungsgrenze.

DFB nennt Zahlen für 3. Liga

Denn in einem Situationsbericht meldet das Robert Koch-Institut vergangene Woche, dass 70 der 164 befragten Labore einen Rückstau an abzuarbeitenden Proben hätten. Fast 28.000 Proben warteten demnach noch darauf, ausgewertet zu werden. Zudem nannten 50 Labore Lieferschwierigkeiten für Reagenzien.

Sollte der Bedarf also noch weiter steigen, könnte die DFL doch in die Position kommen, ihr Versprechen einlösen zu müssen. Für eine klare Einschätzung bräuchte es allerdings dann transparente Zahlen. Wie das geht, zeigt der DFB: Der nennt auf Nachfrage, dass für die 3. Liga in der abgelaufenen Saison insgesamt zirka 13.500 Tests verbraucht worden seien.

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